Der Baader-Meinhof-Komplex
Ich habe lange gezögert, mir den Film anzusehen, weil ich mich vor der im zuvor gesehenen Kinotrailer gezeigten Gewalt gefürchtet habe, später auf DVD kann man das besser unter Kontrolle behalten. Den Ausschlag trotzdem ins Kino zu gehen, gab eine Talkshow, in der unter anderem als Gäste eingeladen waren: Hans-Jochen Vogel, Stefan Aust, Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu und der Sohn von Andreas von Mirbach, der bei der Besetzung der westdeutschen Botschaft in Stockholm 1975 erschossen wurde. Hans-Jochen Vogel war in dieser Talkshow sehr ärgerlich über die Darstellung von Hans Martin Schleyer im Film, den er persönlich gekannt hat, und der am Ende des Films ebenfalls ermordet wird. Auch Herr von Mirbach kritisierte den Film und die Darstellung seines Vaters im Film stark. Martina Gedeck, die im Film die Ulrike Meinhof spielt, Moritz Bleibtreu, im Film Andreas Baader, und Stefan Aust, dessen gleichnamiges Buch die Vorlage bildete, hielten dagegen.
Soweit ich mich noch an das Buch erinnere, das ich kurz nach der Wende gelesen haben muss, hält sich der Film ziemlich stark an die dort gegebene Interpretation. Nur an einigen Stellen wird er ersichtlich fiktional, zum Beispiel wenn Bruno Ganz, der den Horst Herold spielt, mehrfach zu verstehen gibt, dass man den Terrorismus nicht nur durch das physische Ausschalten der Terroristen beseitigen kann. Oder in der Szene gegen Ende des Films, in der Moritz Bleibtreu – Andreas Baader – dem Abgesandten des Staates zu verstehen gibt, dass durch die 1. Generation der RAF die Eskalation der Gewalt nicht mehr aufzuhalten ist, weil alle Vertreter entweder getötet oder verhaftet worden sind, man die Akteure der 2. und 3. Generation gar nicht mehr kennt, und der Staat durch sein unnachgiebiges Verhalten eine beträchtliche Mitschuld trägt.
Mit der Gewalt, vor der ich mich gefürchtet hatte, hatte ich letztendlich weniger Probleme als gedacht. Nur am Anfang war es schwierig – hier ging die Gewalt überwiegend vom Staat aus – als während einer Demonstration gegen den Schah iranische Studenten mit Holzlatten auf Protestierende einprügeln, die Polizei tatenlos zusieht und dann auch noch Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wird. Der Charakter der Zeit wird einem dann auch sehr deutlich gemacht indem originale Filmschnipsel historischer Ereignisse von 1968 kurz eingespielt werden: Vietnamkrieg, Martin Luther King ermordet, Robert Kennedy ermordet, Prager Frühling, Straßenschlachten überall in Europa zwischen Studenten und Vertretern des Staates.
Die Besetzung der Rollen mit den Schauspielern fand ich außerordentlich gelungen: Martina Gedeck (Ulrike Meinhof) verkörpert eher den intellektuellen Typ, während Moritz Bleibtreu vom Typ her gut zu dem geistig unbedarften Andreas Baader passt. Von Gudrun Ensslin, im Film durch Johanna Wokalek verkörpert, wusste ich vorher eher wenig, jetzt kann ich ihre Rolle in der Gruppe besser einschätzen. Auch über die Entwicklung und Bedeutung von Brigitte Mohnhaupt , gespielt von Nadja Uhl, weiß ich jetzt mehr. Und Bruno Ganz als Horst Herold ist ein Beleg, dass der Staat keinesfalls als das Böse schlechthin dargestellt wurde, sondern durchaus eigenes Handeln reflektierend. Dass das nicht auf allen Ebenen so war, belegen auch die (vermutlich ziemlich authentisch dargestellten) Ereignisse um die in Kauf genommenen Todesfälle von Siegfried Hausner und Holger Meins sowie das Zusammenschlagen und -treten von Gefangenen durch Polizisten bei Vernehmungen.
Die eingangs erwähnte Kritik von Hans-Jochen Vogel und Herrn von Missbach geht meiner Meinung nach vollkommen am Thema vorbei, weil zum Beispiel Hans Martin Schleyer eben nicht als handelnde Person im Film auftritt, sondern gewissermaßen nur den Handlungshintergrund für die RAF-Mitglieder darstellt. Vermutlich sind alle Handlungsdetails im Film, soweit heute bekannt, korrekt: Die Ermordung aller seiner Begleiter bei seiner Entführung, sein Eingesperrtsein in einem Schrank, die Videobotschaft, sein Transport in einer Kiste und schließlich seine Ermordung im Wald. Hier werden die Täter nicht gezeigt – weil auch heute noch nicht klar ist, wer von den Terroristen es wirklich gewesen ist.
Der Film ist konsequent aus Sicht der Terroristen gedreht. Man erfährt etwas über ihren familiären Hintergrund, ihre Charaktereigenschaften, über ihre Motive, über ihre Zweifel und über das immer mehr zunehmende Abgleiten in letztendlich aussichtslose Gewalt. Man ist am Ende betroffen, nicht nur über das – bekannte – Ende, sondern auch über das Unvermögen des Staates mit seinen unvergleichbar mächtigeren Werkzeugen einen für alle Beteiligten besseren Ausweg zu finden. Der Film soll als deutscher Beitrag für den Oscar für den besten ausländischen Film antreten. Ob er dort Chancen hat, wird vor allem davon abhängen, wie die Juroren die Szenen mit Bruno Ganz und Moritz Bleibtreu beurteilen, in denen diese mehr oder weniger deutlich zu verstehen geben, dass man Terrorismus nicht mit Gewalt besiegen kann. Mindestens einer der Konflikte, die ursächlich für die Entstehung der RAF waren, existiert heute noch: Der Krieg zwischen Israel und Palästina. Und in Afghanistan, im Irak und im Verhältnis gegenüber Kuba oder den süd- und lateinamerikanischen Staaten hat man nicht den Eindruck, dass die USA seither viel gelernt haben.
Kategorie: Filme
Soweit ich mich noch an das Buch erinnere, das ich kurz nach der Wende gelesen haben muss, hält sich der Film ziemlich stark an die dort gegebene Interpretation. Nur an einigen Stellen wird er ersichtlich fiktional, zum Beispiel wenn Bruno Ganz, der den Horst Herold spielt, mehrfach zu verstehen gibt, dass man den Terrorismus nicht nur durch das physische Ausschalten der Terroristen beseitigen kann. Oder in der Szene gegen Ende des Films, in der Moritz Bleibtreu – Andreas Baader – dem Abgesandten des Staates zu verstehen gibt, dass durch die 1. Generation der RAF die Eskalation der Gewalt nicht mehr aufzuhalten ist, weil alle Vertreter entweder getötet oder verhaftet worden sind, man die Akteure der 2. und 3. Generation gar nicht mehr kennt, und der Staat durch sein unnachgiebiges Verhalten eine beträchtliche Mitschuld trägt.
Mit der Gewalt, vor der ich mich gefürchtet hatte, hatte ich letztendlich weniger Probleme als gedacht. Nur am Anfang war es schwierig – hier ging die Gewalt überwiegend vom Staat aus – als während einer Demonstration gegen den Schah iranische Studenten mit Holzlatten auf Protestierende einprügeln, die Polizei tatenlos zusieht und dann auch noch Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wird. Der Charakter der Zeit wird einem dann auch sehr deutlich gemacht indem originale Filmschnipsel historischer Ereignisse von 1968 kurz eingespielt werden: Vietnamkrieg, Martin Luther King ermordet, Robert Kennedy ermordet, Prager Frühling, Straßenschlachten überall in Europa zwischen Studenten und Vertretern des Staates.
Die Besetzung der Rollen mit den Schauspielern fand ich außerordentlich gelungen: Martina Gedeck (Ulrike Meinhof) verkörpert eher den intellektuellen Typ, während Moritz Bleibtreu vom Typ her gut zu dem geistig unbedarften Andreas Baader passt. Von Gudrun Ensslin, im Film durch Johanna Wokalek verkörpert, wusste ich vorher eher wenig, jetzt kann ich ihre Rolle in der Gruppe besser einschätzen. Auch über die Entwicklung und Bedeutung von Brigitte Mohnhaupt , gespielt von Nadja Uhl, weiß ich jetzt mehr. Und Bruno Ganz als Horst Herold ist ein Beleg, dass der Staat keinesfalls als das Böse schlechthin dargestellt wurde, sondern durchaus eigenes Handeln reflektierend. Dass das nicht auf allen Ebenen so war, belegen auch die (vermutlich ziemlich authentisch dargestellten) Ereignisse um die in Kauf genommenen Todesfälle von Siegfried Hausner und Holger Meins sowie das Zusammenschlagen und -treten von Gefangenen durch Polizisten bei Vernehmungen.
Die eingangs erwähnte Kritik von Hans-Jochen Vogel und Herrn von Missbach geht meiner Meinung nach vollkommen am Thema vorbei, weil zum Beispiel Hans Martin Schleyer eben nicht als handelnde Person im Film auftritt, sondern gewissermaßen nur den Handlungshintergrund für die RAF-Mitglieder darstellt. Vermutlich sind alle Handlungsdetails im Film, soweit heute bekannt, korrekt: Die Ermordung aller seiner Begleiter bei seiner Entführung, sein Eingesperrtsein in einem Schrank, die Videobotschaft, sein Transport in einer Kiste und schließlich seine Ermordung im Wald. Hier werden die Täter nicht gezeigt – weil auch heute noch nicht klar ist, wer von den Terroristen es wirklich gewesen ist.
Der Film ist konsequent aus Sicht der Terroristen gedreht. Man erfährt etwas über ihren familiären Hintergrund, ihre Charaktereigenschaften, über ihre Motive, über ihre Zweifel und über das immer mehr zunehmende Abgleiten in letztendlich aussichtslose Gewalt. Man ist am Ende betroffen, nicht nur über das – bekannte – Ende, sondern auch über das Unvermögen des Staates mit seinen unvergleichbar mächtigeren Werkzeugen einen für alle Beteiligten besseren Ausweg zu finden. Der Film soll als deutscher Beitrag für den Oscar für den besten ausländischen Film antreten. Ob er dort Chancen hat, wird vor allem davon abhängen, wie die Juroren die Szenen mit Bruno Ganz und Moritz Bleibtreu beurteilen, in denen diese mehr oder weniger deutlich zu verstehen geben, dass man Terrorismus nicht mit Gewalt besiegen kann. Mindestens einer der Konflikte, die ursächlich für die Entstehung der RAF waren, existiert heute noch: Der Krieg zwischen Israel und Palästina. Und in Afghanistan, im Irak und im Verhältnis gegenüber Kuba oder den süd- und lateinamerikanischen Staaten hat man nicht den Eindruck, dass die USA seither viel gelernt haben.
Kategorie: Filme
Sonntag, 12.Oktober 2008
Trackback URL:
http://kwakuananse.twoday.net/stories/5250901/modTrackback