Oliver Sacks: Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte
Beim Lesen hatte ich öfter ein déjà-vu, wahrscheinlich habe ich einige der Geschichten schon anderswo gelesen oder von ihnen gehört. Der Neurologe Oliver Sacks hat das Buch 1987 veröffentlicht. Die Titelgeschichte handelt von einem Mann, der im Zuge einer fortschreitenden Erkrankung in seinem Gehirn (wahrscheinlich ein Tumor, aber das bleibt im Buch offen) unter anderem die Fähigkeit verloren hat, Gesichter zu erkennen, in vielen anderen Lebensbereichen aber vollkommen normal geblieben ist:
Ich zeigte ihm das Titelbild der Zeitschrift, eine endlose Reihe von Sanddünen in der Sahara. "Was sehen Sie hier?", fragte ich. "Ich sehe einen Fluss", sagte er. "Und am Ufer ist ein kleines Gasthaus mit einer Terrasse. Auf der Terrasse sitzen Leute und essen. Hier und da stehen bunte Sonnenschirme." Er sah – wenn man das "sehen" nennen kann – an der Zeitschrift vorbei in die Luft und plauderte ungezwungen über nichtexistente Dinge, als hätte ihn das Fehlen von Gegenständen auf dem Bild ihn gezwungen, sich den Fluss, die Terrasse und die bunten Sonnenschirme vorzustellen.Jede der Geschichten im Buch ist einzigartig, jede stellt einen oder mehrere Menschen vor, die sich von den "Normalen" unterscheiden. Aber was ist normal und was abweichend? Im Klappentext schreibt Doris Lessing:
Ich muss entsetzt dreingeblickt haben, aber er schien davon überzeugt zu sein, dass er seine Sache gut gemacht hatte. Ein Lächeln spielte um seinen Mund. Außerdem hatte er anscheinend den Eindruck, die Untersuchung sei abgeschlossen, denn er sah sich nach seinem Hut um. Er streckte die Hand aus und griff nach dem Kopf seiner Frau, den er hochzuheben und aufzusetzen versuchte. Offenbar hatte er seine Frau mit einem Hut verwechselt! Seine Frau sah aus, als sei sie derlei gewohnt. ... In gewissen Bereichen schien Dr. P. völlig normal, in anderen jedoch absolut und auf unerklärliche Weise gestört zu sein. Wie konnte er einerseits seine Frau mit einem Hut verwechseln und andererseits immer noch als Professor an einer Hochschule für Musik unterrichten?
Es macht uns bewusst, dass wir auf Messers Schneide leben. Die Realität ist verrückter als jede Fiktion. Eine winzige Hirnverletzung, ein kleiner Tumult in der zerebralen Chemie – und wir geraten in eine andere Welt. Hat sie weniger Existenzberechtigung, ist sie weniger wirklich als der Boden, auf dem wir mit beiden Beinen fest zu stehen meinen?In einem der im Buch geschilderten wird Oliver Sacks zu einem Patienten gerufen, der am Morgen erwacht ist, im Bett ein fremdes Bein gefunden hat, und beim Versuch, dieses aus dem Bett zu werfen, selbst aus dem Bett gefallen ist – weil das fremde Bein mit seinem Körper verwachsen zu sein scheint:
Er sah meinem Gesicht an, dass ich es vollkommen ernst meinte. Blankes Entsetzen trat in seine Augen. "Das soll mein Bein sein? Meinen Sie nicht, dass man sein eigenes Bein kennen sollte?"Oliver Sacks beschreibt auch verschiedene Fälle von Gedächtnisverlust im Buch sowie einige, bei denen Erinnerungen wachgerufen werden, die viele Jahrzehnte nicht, vielleicht niemals, bewusst zugänglich waren – das nährt die Spekulation darüber, ob nicht alles, was wir jemals erlebt haben, im Gehirn aufbewahrt wird.
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"Hören Sie", sagte ich, "ich glaube, es geht Ihnen nicht gut. Das beste ist, Sie legen sich wieder ins Bett. Aber eine letzte Frage möchte ich Ihnen noch stellen: Wenn dies, dieses Ding, nicht Ihr linkes Bein ist" (er hatte es in seiner Erzählung als Fälschung bezeichnet und sich darüber gewundert, dass sich jemand solche Mühe gegeben habe, ein Faksimile herzustellen), wo ist dann Ihr echtes linkes Bein?"
Wieder wurde er blass – so blass, dass ich dachte, er würde in Ohnmacht fallen. "Ich weiß es nicht", sagte er. "Ich habe keine Ahnung. Es ist verschwunden. Es hat sich in Luft aufgelöst. Ich kann es nirgends finden..."
Wenn wir etwas über jemanden erfahren wollen, fragen wir: "Wie lautet seine Geschichte, seine wirkliche, innerste Geschichte?" Denn jeder von uns ist eine Biografie, eine Geschichte. Jeder Mensch ist eine einzigartige Erzählung, die fortwährend und unbewusst durch ihn und in ihm entsteht – durch seine Wahrnehmungen, seine Gefühle, seine Gedanken, seine Handlungen und nicht zuletzt durch das, was er sagt, durch seine in Worte gefasste Geschichte.Eine Geschichte im Buch hat mich an Patrick Süßkinds "Das Parfüm" (erschienen 1985) erinnert. Darin berichtet Sacks von einem Kollegen, der als Student unter Drogeneinfluss eine mehrere Tage bis Wochen gesteigerte sensorische Sensibilität erfuhr:
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Um wir selbst zu sein, müssen wir uns selbst haben; wir müssen unsere Lebensgeschichte besitzen oder sie, wenn nötig, wieder in Besitz nehmen. Wir müssen uns er-innern – an unsere innere Geschichte, an uns selbst. Der Mensch braucht eine solche fortlaufende innere Geschichte, um sich seine Identität, sein Selbst zu bewahren.
Am tiefgreifendsten jedoch veränderte die Verstärkung des Geruchsempfindens seine Welt. ... "Ich ging in die Klinik, schnupperte wie ein Hund und erkannte alle zwanzig Patienten, die dort waren, bevor ich sie sehen konnte. Jeder von ihnen hatte seine eigene olfaktorische Physiognomie, ein Duft-Gesicht, das weit plastischer und einprägsamer, weit assoziationsreicher war als sein wirkliches Gesicht." Er konnte ihre Gefühle – Angst, Zufriedenheit und sexuelle Erregung – wie ein Hund riechen.In einer der letzten Geschichten berichtet Oliver Sacks von einem autistischen Zwillingspaar, die geistig retardiert sind, aber mit einem besonderen Zahlensinn, einer Vorliebe für Primzahlen und der Fähigkeit zum Kalenderrechnen ausgestattet sind. Diese intensive Beschäftigung mit Zahlen ist insofern verblüffend, weil die Zwillinge nicht rechnen können, insbesondere nicht multiplizieren und dividieren. Als einmal ein Haufen Streichhölzer zu Boden fällt, sagen beide sofort: "111" und kurze Zeit der eine: "37", der andere "37" und daraufhin wieder der erste "37". Sie können 111 nicht gezählt haben, sondern sie haben diese Zahl gesehen, so wie wir Normalsterbliche es bei 3 oder 4 Dingen können, die wir ebenfalls nicht zählen müssen. 37 ist eine Primzahl, und 3 mal 37 ergibt 111.
Diesmal saßen sie zusammen in einer Ecke, mit einem rätselhaften, heimlichen Lächeln, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. Sie schienen ein seltsames Vergnügen, einen seltsamen Seelenfrieden gefunden zu haben und zu genießen. Ich näherte mich ihnen vorsichtig, um sie nicht zu stören. Es hatte den Anschein, als seien sie in eine einzigartige, rein numerische Unterhaltung vertieft. John nannte eine Zahl, eine sechsstellige Zahl. Michael griff die Zahl auf, nickte, lächelte und schien sie sich gewissermaßen auf der Zunge zergehen zu lassen. Dann nannte er seinerseits eine sechstellige Zahl, und nun war es John, der sie entgegennahm und auskostetet. Von weitem sahen sie aus wie zwei Connaisseurs bei einer Weinprobe, die sich an einem seltenen Geschmack, an erlesenen Genüssen ergötzen.Später fand Sacks heraus, dass sich die beiden Brüder Primzahlen vorsagten, die sie irgendwie ermittelten – ohne rechnen zu können. Am nächsten Tag kehrte er mit einem Buch mit Primzahlen zu den Zwillingen zurück.
Mein Buch mit den Tabellen und Primzahlen hatte ich mitgebracht. Wieder fand ich sie in ihrer Zahlenandacht vereint, aber diesmal setzte ich mich, ohne ein Wort zu sagen, zu ihnen. Zuerst waren sie überrascht, aber als ich sie nicht unterbrach, nahmen sie ihr "Spiel" mit sechsstelligen Primzahlen wieder auf. Nach einigen Minuten beschloss ich, ebenfalls mitzuspielen und nannte eine achtstellige Primzahl. Beide wandten sich mir zu und schwiegen plötzlich, Auf ihren Gesichtern lag ein Zug von intensiver Konzentration und vielleicht auch Erstaunen. Es entstand eine lange Pause – die längste, die ich sie je hatte machen sehen, sie muss eine halbe Minute oder länger gedauert haben -, und dann begannen sie plötzlich beide gleichzeitig zu lächeln.Ähnlich faszinierend und voller Respekt vor seinen Patienten hat Oliver Sachs alle Menschen in seinem Buch porträtiert und vielen sicherlich damit ein bleibendes Denkmal gesetzt. 2007 hat er – mit 74 Jahren – eine Berufung an die Columbia University angenommen, wo er nicht nur Medizin, sondern auch Musiktheorie unterrichtet. Ein bemerkenswerter Mensch, genauso, ähnlich oder anders wie seine Portraits.
Nach einer rätselhaften gedanklichen Prüfung hatten sie mit einemmal meine eigene achtstellige Zahl als Primzahl erkannt, und das bereitete ihnen offenbar eine große Freude: einmal, weil ich sie mit einem verlockenden neuen Spielzeug bekannt gemacht hatte, einer Primzahl, der sie noch nie zuvor begegnet waren, und zum zweiten, weil es ganz offensichtlich war, dass ich erkannt hatte, was sie taten, dass es mir gefiel, dass ich es bewunderte und mich daran beteiligen konnte.
Sie rückten ein Stück auseinander, um mir, dem neuen Zahlenspielkameraden, dem dritten in ihrer Welt, Platz zu machen. Dann dachte John, der immer die Führung übernahm, eine lange Zeit nach – mindestens fünf Minuten lang, während der ich mich nicht zu rühren wagte und kaum atmete – und nannte eine neunstellige Zahl; nach einer ebenfalls langen Pause antwortete sein Zwillingsbruder Michael mit einer ähnlichen Zahl. Als nun die Reihe wieder an mir war, warf ich einen heimlichen Blick in mein Buch und steuerte meinen eigenen, ziemlich unehrlichen Beitrag bei: eine zehnstellige Primzahl, die ich in den Tabellen gefunden hatte.
Wieder und noch länger herrschte verwundertes Schweigen. Nach eingehender Kontemplation nannte John schließlich eine zwölfstellige Zahl. Ich konnte sie weder überprüfen noch mit einer eigenen Zahl antworten, denn mein Buch – das meines Wissens einmalig in seiner Art war – hörte bei zehnstelligen Primzahlen auf. Aber Michael war der Herausforderung gewachsen, wenn er auch fünf Minuten dafür brauchte – und eine Stunde später tauschten die Zwillinge zwanzigstellige Primzahlen aus. Das jedenfalls nahm ich an, denn ich besaß keine Möglichkeit, diese Zahlen zu überprüfen. Das war damals, im Jahre 1966, auch gar nicht so einfach, sofern man nicht über einen hochentwickelten Computer verfügte.
Kategorien: Gehirn & Geist, Bücher
Dienstag, 30.September 2008
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