Susan Blackmore: Die Macht der Meme

Von Memen hatte ich schon öfter gehört. Also von der These, Gedanken und Ideen würden in menschlichen Gehirnen und der Gesellschaft ähnlich wie Gene in allen Lebewesen von Generation zu Generation übertragen werden, sich dabei verändern, ausbreiten oder aussterben. Ich hielt es für eine reine Analogie, die, aufgrund der doch beträchtlichen Unterschiede zur biologischen Evolution, nur begrenzten Nutzen hat. Susan Blackmores Buch hat meine Vorbehalte zu einem großen Teil beseitigt.

Die Idee der Meme stammt von Richard Dawkins und wurde von ihm erstmalig 1976 in "Das egoistische Gen" geäußert.
Er vermutet, dass sich "alles Leben", wo auch immer es auftritt, überall im Universum "durch den unterschiedlichen Überlebenserfolg sich replizierender Einheiten entwickelt" (1976). Das ist die Grundlage der These vom universellen Darwinismus, der Anwendung darwinistischen Denkens weit über die Grenzen biologischer Evolution hinaus.

Schließlich stellt Dawkins eine auf der Hand liegende, doch provokative Frage. Gibt es auf unserem Planeten noch irgendwelche anderen Replikatoren? Die Antwort, so behauptet er, lautet "ja". Direkt vor unserer Nase gibt es einen weiteren Replikator, wenn auch noch unbeholfen in seiner Ursuppe der menschlichen Kultur treibt – eine Imitationseinheit.
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Als Beispiel führt er "Melodien, Gedanken, Schlagwörter, Kleidermoden, die Art, Töpfe zu machen oder Bögen zu bauen" an. Er verweist auf wissenschaftliche Ideen, die sich durchsetzen und sich rund um die Welt verbreiten, indem sie von Gehirn zu Gehirn springen. Er bezeichnet Religionen als Memgruppen mit hohem Überlebenswert, die ganze Gesellschaften mit einem Glauben an Gott oder ein Leben nach dem Tod infizieren. ... Meme werden im menschlichen Gehirn (oder in Büchern oder Erfindungen) gespeichert und via Imitation weitergegeben.
Die Grundidee ist, den Gedanken der biologischen Evolution zu dem einer systemtheoretischen Evolution zu erweitern, über die die Wikipedia schreibt:
Evolution (v. lat.: evolvere = abwickeln, entwickeln; PPP evolutum) ist in der Systemtheorie ein Prozess, bei dem durch Reproduktion oder Replikation von einem System Kopien hergestellt werden, die sich voneinander und von ihrem Ursprungssystem durch Variation unterscheiden und bei dem nur ein Teil dieser Kopien auf Grund von Selektion für einen weiteren Kopiervorgang zugelassen werden.
Bei der Betrachtung evolutionärer Vorgänge gibt es ein weit verbreitetes Missverständnis, dass sich bereits in dem Titel "Das egoistische Gen" ausdrückt. Dieser Titel unterstellt den Genen eine Intentionalität, also zielbewusstes Handeln, das sie natürlich nicht besitzen. Es ist mit den Genen nur so, dass sie ihren Trägern, also uns, den Replikationsmaschinen, eine bessere oder schlechtere Anpassung an die Umwelt bieten, und die besser angepassten der Replikationsmaschinen überleben dann, ganz so, als ob die Gene einen Kampf gegeneinander ausfechten würden. Mit den Memen ist das genauso. Es ist die evolutionäre Betrachtungsweise, die sie als selbständig handelnde Entitäten erscheinen lässt. Man sollte deshalb niemals vergessen, dass es sich nur um eine Modellvorstellung zur Beschreibung ganz bestimmter Aspekte der Wirklichkeit handelt.

Und dafür haben die Meme einiges zu bieten, sie bieten eine gute Erklärung für Tatsachen, die anders ziemlich rätselhaft bleiben. Von diesen Dingen beschreibt Susan Blackmore in ihrem Buch unter anderem:
  • Warum Menschen ein so großes Gehirn besitzen und wofür Sprache gut ist.
  • Wieso Menschen altruistisch handeln.
  • Warum Religionen als große Memplexe betrachtet werden können.
  • Warum unser Selbst als Selbstplex beschrieben werden kann und wie man dessen Zwängen entfliehen kann.
Zur Größe des Gehirns und zur Entwicklung der Sprache: Unser Gehirn ist ungewöhnlich groß auch im Vergleich zu uns nahe verwandten Spezies. Wenn wir unterstellen, dass es einen Selektionsdruck dafür gegeben hat, welcher sollte das sein? Erfolgreiche Jäger oder Sammler im Tierreich kommen mit erheblich kleineren Hirnen aus, und heute ist das Gehirn derart groß, dass es sogar das Überleben der Gene in Frage stellt. Viele Frauen würden ohne moderne Medizin bei der Geburt sterben. Die Memetik gibt darauf die Antwort, dass hier die Interessen der Meme die treibende Kraft sind, in ein überdimensioniertes Gehirn passen einfach mehr Gedanken hinein. Und Susan Blackmore stellt die Frage: Haben Sie jemals aufgehört zu denken und haben Sie nicht ständig den Wunsch, ihre interessantesten Gedanken anderen mitzuteilen? (Dieses ununterbrochene Geschwätz hat genetisch keinen Sinn, nur memetisch ist es zu verstehen.)

Das ist bereits ein Teil der ähnlich originellen Antwort für die Entwicklung der Sprache. Ihre Funktion für die frühen Menschen bleibt anders auch für viele Anthropologen rätselhaft. Die gängigen Antworten, die Urmenschen konnten sich so über Jagdstrategien oder den Bau von Werkzeugen verständigen, sind nämlich kaum überzeugend. Es gibt erfolgreichere Jäger als uns, und am Beginn der Spracheintwicklung war es einfacher, einem anderen den Bau eines Werkzeuges zu zeigen, als ihm davon zu erzählen. Von dieser Warte aus gab es also keinen Selektionsdruck für die Entwicklung einer immer komplexeren Sprache. Aus der Sicht der Meme aber schon: Sprache wird zur Übermittlung und Weitergabe von beliebigen Gedanken benötigt, nur so können sie den Tod ihres derzeitigen "Wirtes" überleben.

Auch altruistisches Verhalten bleibt aus genetisch-evolutionärer Sicht unverständlich. Zwar findet man reziproken Altruismus auch bei Tieren, aber wir helfen auch anderen Menschen, von denen wir sicher wissen, dass wir ihnen niemals mehr begegnen werden oder die uns niemals werden helfen können. Die memetische Sichtweise aber erklärt, dass altruistische Menschen i.a. erfolgreiche Menschen sind, Menschen, deren Meinung zählt, denen man zuhört und denen man nacheifert. Egoistische Menschen haben hingegen aufgrund ihres Verhaltens einen kleineren Freundes- und Bekannntenkreis. Das bedeutet, dass alle Gedanken und Ideen altruistischer Menschen eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeiten als die egoistischer Menschen haben. Die (menschliche, memetische) Evolution bevorzugt deshalb automatisch Altruismus gegenüber Egoismus.

Religionen können als große Memplexe betrachtet werden, d.h. als Konglomerate verschiedener Meme, die in einem inneren Zusammenhang stehen und sich gegenseitig bestärken. (Ähnliches gibt es in der Zusammenarbeit vieler Gene ja auch.) Auch hier ist es wieder so, dass es Widersprüche zwischen den Interessen der Gene und der Meme einer Replikationsmaschine (eines Menschen) geben kann, denn einige religiöse Überzeugungen und Praktiken sind ausgesprochen gesundheitsschädlich. Interessant hier der Gedanke, dass für das Überleben der Wahrheitsgehalt eines Memes oder Memplexes überhaupt keine Rolle spielt, es zählt nur der Replikationserfolg. Der kann auch für abstruse Ideen recht hoch sein, wenn es andere Gründe als die objekte Wahrheit für sein Geglaubtwerden gibt, z.B. Verringerung der Angst vor dem Tod, o.ä.
Jemandem, der nicht mit christlichen Memen infiziert ist, müssen diese Vorstellungen äußerst bizarr erscheinen. Wie kann ein unsichtbarer Gott allmächtig wie auch allwissend sein? Warum sollen wir eine 2000 Jahre alte Geschichte glauben, derzufolge eine Jungfrau ein Kind geboren hat? Was kann es nur bedeuten zu sagen, dass sich der Wein in das Blut Christi verwandelt? Wie kann jemand für unsere Sünden gestorben sein, wenn wir damals noch nicht einmal geboren waren? Wie kann jemand von den Toten auferstehen, und wo ist er jetzt? Wie kann ein Gebet, das man im stillen Kämmerlein spricht, etwas bewirken?
Die größten Schwierigkeiten hatte ich in ihrem Kapitel über den "Selbstplex". So bezeichnet sie eine Gruppe von Memen, die sich um die Idee eines Selbst eines Menschen gruppieren. Genauso, wie sie auch in Gespräche über Bewusstsein der Idee eines freien Willens ablehnend gegenüber steht, genauso kritisch sieht sie hier das Konzept des Selbst insgesamt. Worin das eigentliche Problem besteht, kann man sich anhand der folgenden Frage und der Grafik klar machen: Wo befindet sich das Selbst im Körper und wie stellt man es sich vor?


(Das Original der Grafik findet man bei http://www.jolyon.co.uk . Es gehört zu einer Gruppe von Illustrationen zu einem anderen Buch von Susan Blackmore.)

Die meisten Menschen werden sich das Selbst als sich im Gehirn befindend und durch die Augen heraus schauend vorstellen. Aber das Bild zeigt das Kernproblem: Der kleine Homunkulus, der den Körper steuert, hat selbst wieder zwei Augen, einen Körper, etc. Wenn er das Selbst ist, wer steuert dann wiederum seinen Körper? Susan Blackmores Antwort ist einfach und konsequent: Das Selbst ist selbst eine Illusion, ein Memplex, der seinem "Wirt" durchaus Schaden zufügen kann, denn dieser Memplex handelt nicht zum Wohl des Menschen, sondern hat nur seinen eigenen Replikationserfolg im Sinn.
Es gibt kein "Ich", dass diese Meinungen vertritt. Es gibt einen Körper, der sagt "Ich glaube daran, nett zu anderen Menschen zu sein" und einen Körper, der nett zu anderen Menschen ist. Es gibt ein Gehirn, dass Wissen über Astrologie und die Neigung speichern kann, darüber zu sprechen, aber es gibt nicht zusätzlich dazu ein Selbst, dass diese Überzeugung besitzt. Es gibt ein biologisches Wesen, das jeden Tag Joghurt isst, aber es gibt da drinnen kein zusätzliches Selbst, das für sein Leben gern Joghurt isst.
Zum Abschluss zwei Gedanken, die mir beim Lesen des Buchs gekommen sind:
  • Gene sind sehr materielle Dinge, weil wir ihre physischen Grundlagen kennen. Meme sind eher informelle Dinge. Wir wissen nicht, an welchen Orten sie im Gehirn gespeichert und verarbeitet werden. Nur wenn sie außerhalb des Körpers sind, in Büchern, Filmen, Gegenständen manifestiert, können wir ihren Ort genauer lokalisieren. Das Gemeinsame beider Replikatoren ist aber die ihnen inhärente Information. Es handelt sich also um die evolutionäre und immer komplexer werdende Weitergabe von Informationen von der Vergangenheit in die Zukunft.
  • Gene und Meme sind die zwei uns heute bekannten Replikatoren, also zwei Ausprägungen eines evolutionären Prinzips. Gibt es weitere Replikatoren? Was passiert, wenn wir Roboter geschaffen haben, die a) sich selbst replizieren können und b) über von ihnen weitergegebbare Gedanken (=Meme) verfügen? Die Meme könnten zur Erkenntnis gelangen (ohne dabei selbst intentional oder bewusst zu sein), dass die Existenz von Genen für ihre eigene Existenz dann nicht mehr notwendig ist, weil die neuen Replikationsmaschinen für sie effektiver sind (mehr Speicher, schneller, weniger anfällig).
Kategorien: Gehirn & Geist, Bücher
Reh Volution - 24. September, 19:15

Replikationsmaschinen ?
Warum prägt man so einen Begriff eigentlich für den Menschen?
Für mich ist diese Theorie nur der logische Schritt einer wissenschaftlichen Ausrichtung, die Ihre eigene Schuld nicht länger erträgt und nach Absolution lechzt -
Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die Zeilen von
P. Celan :

"Dunkles Aug im September

Steinhaube Zeit. Und üppiger quellen
die Locken des Schmerzes ums Antlitz der Erde,
den trunkenen Apfel, gebräunt von dem Hauch
eines sündigen Spruches: schön und abhold dem Spiel,
das sie treiben im argen
Widerschein ihrer Zukunft.

Zum zweiten Mal blüht die Kastanie:
ein Zeichen der ärmlich entbrannten
Hoffnung auf Orions baldige Rückkunft: der blinden
Freunde des Himmels sternklare Inbrunst
ruft ihn herauf.

Unverhüllt an den Toren des Traumes
streitet ein einsames Aug.
Was täglich geschieht,
genügt ihm zu wissen:
am östlichen Fenster
erscheint ihm die schmale Wandergestalt des Gefühls.

Ins Naß ihres Auges tauchst du das Schwert."

Köppnick - 25. September, 18:59

Warum ein solcher Begriff?

Auf molekularer Ebene sind wir Replikationsmaschinen. Die DNA ist ein Riesenmolekül, dass den Kode für Proteine enthält. Gleichzeitig ist die chemische Fabrik, die aus den Proteinen der Zelle besteht, in der Lage, die DNA zu duplizieren, die Zelle zu teilen und so eine neue Zelle zu erzeugen. So sieht es dort nun mal aus. Auf einer anderen Betrachtungsbene beobachten wir zeitgleich das Wachsen eines kleinen Menschen zu einem großen - oder auch die Entstehung eines Tumors. Man kann Vorgänge auf beiden Ebene beschreiben. Die Sichtweisen ergänzen, aber ersetzen sich nicht. Auf zellulärer Ebene gibt es keine Gedichte, aber diese Ebene ist notwendig für sie. Dass wir in gewisser Weise Maschinen sind, nimmt uns unsere Würde nicht - wenn wir für den richtigen Anlass die richtige Beschreibung wählen.

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Kommentare hier ...

Bitte mehr davon? Aus...
Bitte mehr davon? Aus meiner Sicht auf keinen Fall,...
Köppnick - 25. Dezember, 16:53
bitte mehr davon
Nimmersatt (Gast) - 25. Dezember, 15:33
lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
Fachwörter und deren...
Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
passend zu diesen erkenntnissen:
mit 3 freust du dich, wenn du keine windeln brauchst. mit...
la-mamma - 30. November, 19:43
Ich möchte Ihnen...
Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
Ich bilde mir ein, dass...
Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02