Kampf der Superhirne

"Kampf der Superhirne" hieß eine gestern im Fernsehen ausgestrahlte BBC-Dokumentation. Bei BBC Germany heißt es dazu:
Wer ist intelligenter? Der Quantenphysiker oder das Börsengenie, die Künstlerin oder der Elitesoldat, die Schachweltmeisterin, die Schriftstellerin oder gar das Musikwunderkind? In diesem Film treten sieben Superhirne gegeneinander an, um die Frage zu beantworten: Was genau ist überhaupt Intelligenz? Und lässt sie sich objektiv messen?
Die Idee ist interessant. Man versucht, auf ganz verschiedenen Gebieten erfolgreiche Menschen gegeneinander antreten zu lassen und den Besten zu ermitteln. "Schriftstellerin", wie in der Einleitung und in den übrigen Begleittexten bei BBC Germany genannt, ist nicht ganz exakt, tatsächlich wurde die siebte Teilnehmerin in der Sendung durchgängig als "Theaterregisseurin" bezeichnet.

Weiter heißt es in der Ankündigung der BBC:
Der klassische Intelligenztest ist nur eine Möglichkeit, die geistigen Fähigkeiten zu testen. So müssen die Kandidaten sich ganz verschiedenen Herausforderungen stellen, von denen sie manche - wie der Korken in der Flasche - zur Verzweiflung treiben werden. Auch die Ergebnisse sind oft verblüffend, denn offenbar ist Intelligenz mehr als nur bloßes Wissen. Knifflige Probleme zu lösen erfordert oft Kreativität und Erfindungsreichtum...
Ungenauigkeiten. Tatsächlich haben "Wissen" und "Intelligenz" nur wenig miteinander zu tun. Hier verwischt die Psychologie Unterschiede, indem sie "Wissen" als "kristalline" Intelligenz bezeichnet, im Gegensatz zu den Fähigkeiten, die von klassischen Intelligenztests gemessen werden, und als "fluide" Intelligenz bezeichnet werden. Es ist häufig so, dass Menschen, die in IQ-Tests gut abschneiden, zugleich überdurchschnittlich viel wissen und kreativ sind. Ein Muss ist das aber nicht. Aus diesem Grund bemüht man sich bei der Konstruktion derartiger Tests, die Wissenskomponenten zu minimieren. Macht man das nicht, dann schneiden Menschen, die unter ungünstigen Verhältnissen leben und dort weniger Wissen erwerben konnten, schlechter ab.

In der Sendung mussten die Teilnehmer zuerst einen eigens für sie entworfenen Intelligenztest absolvieren. Zweitbester wurde "das Börsengenie", der seinen eigenen IQ in der Sendung mit 162 angab und Vorsitzender eines High-IQ-Vereins ist. Sieger aber wurde der Quantenphysiker. Meiner Meinung nach erfüllte der Test die Forderung nach Wissensunabhängigkeit in keiner Weise. Zum Beispiel sollte der Begriff "Etymologie" erklärt werden. (Das ist schon ein bisschen selbstreferentiell, die Bedeutung ausgerechnet dieses Worts zu erklären.) Oder es sollte der Abstand zweier Städte geschätzt werden. Dazu muss man aber schon etwas von diesen Städten gehört haben und in etwa wissen, wo sie liegen. An beiden scheiterte die Malerin, die bereits mit 12 die Schule verlassen und nach eigenen Worten noch nie in ihrem Leben irgendeine Prüfung abgelegt hat. Aber sie ist eine erfolgreiche und begehrte Künstlerin.

Der Quantenphysiker bezeichnete seinen Sieg im klassischen IQ-Test als "unfair, weil er genau die Fähigkeiten prüfe, die er in seiner täglichen Arbeit braucht, Mathematik, räumliches Vorstellungsvermögen", etc. Das wiederum sehe ich anders. Es ist nämlich so, dass gerade die Theoretische Physik Hochintelligente anzieht, weil nur diese die dafür nötige Begabung mitbringen. Was also ist Ursache und was Wirkung?

Später in der Sendung wurde der Physiker genauer vorgestellt. Er erzählte, dass unter seinen 17 Tanten, Onkeln und Großeltern 16 Universitätsprofessoren gewesen sind. Zu den Vorfahren zählt auch Bertrand Russell, ein, wie der Physiker erzählt, "Ausgestoßener, ein Trottel, der beleidigt werden darf, weil er in seiner Autobiografie abfällige Bemerkungen über die Familie meiner Großmutter gemacht hat". Im Film wird der Physiker beim Musizieren mit seinen Kindern gezeigt. Er spielt Klavier, er und die Kinder singen dazu. Diese Familie ist auch ein gutes Beispiel für die Unbeantwortbarkeit der Frage nach den Anteilen von Vererbung und Erziehung für hohe Intelligenz, offenbar ist beides wichtig.

Dann wurden den Teilnehmern eine neue Aufgabe gestellt. Ein Korken sollte aus einer Flasche geholt werden, wobei verschiedene Hilfsmittel zur Verfügung standen, wie Wasser, ein aus Draht gebogener Kleiderbügel, Bindfaden, ein Korkenzieher, Zucker, usw. Die Lösung hätte darin bestanden, ein Tuch in die Öffnung zu schieben, den Korken darauf zu legen und damit herauszuziehen. Die Reibung hätte den Korken mitgerissen. Keiner der Teilnehmer kam auf diese Lösung. (Ich hätte sie als zweites probiert, zuerst eine Schlinge aus Bindfaden, dann das Tuch. Nicht weil ich einen IQ höher 162 habe, sondern weil ich als Ingenieur gut mental mit Gegenständen jonglieren kann.)

flasche


In der Sendung kam Howard Gardner zu Wort, der die Theorie der multiplen Intelligenzen aufgestellt hat. Die weiteren Experimente waren offenbar davon inspiriert. Die Teilnehmer sollten unter Zeitbegrenzung ein Bild malen, wie es ihnen beim Thema "Kreativität" einfällt. Später wurde ihnen eine Brille aufgesetzt, die die wahrgenommenen Bilder auf den Kopf stellt. Damit fiel es ihnen außerordentlich schwer, Wein in ein Glas zu füllen und einen Ball in einen Basketballkorb zu werfen. In einem weiteren Versuch hatten sie die Aufgabe, die Emotionen in Gesichtern zu klassifizieren oder die Stimmung von Bildern (z.B. von Steinen an einem Strand) zu benennen.

Sieger des Gesamtwettkampfs in dieser Sendung wurde der Quantenphysiker, gefolgt von der Theaterregisseurin, die im klassischen IQ-Test nicht besonders gut abgeschnitten hatte. Dritter wurde der IQ-Champion ("das Börsengenie"). Ich frage mich, wenn schon die Punktzahlen bei einem IQ-Test so kritisch gesehen werden, wie kann man dann eine Gesamtpunktzahl bilden aus einem IQ-Test, einer Punktzahl aus dem Malen eines Bildes, dem Werfen eines Balls und dem Herausfischen eines Korkens?

Ein Großteil der Irritation rund um den Begriff "Intelligenz" scheint mir auf die Ungenauigkeit bei der Verwendung einiger Wörter zurückzuführen zu sein. Meiner Meinung nach wird vieles klarer, wenn man genau zwischen den Wörtern "Intelligenz", "Begabung" und "Leistung" unterscheidet. Hier tragen die Psychologen schon seit rund hundert Jahren zu Missverständnissen bei, indem sie Menschen, die bei Intelligenztest hervorragend abgeschnitten haben, also hoch"intelligent" sind, als hoch"begabt" bezeichnen. In die Sendung wurden hingegen sieben in ihren jeweiligen Arbeitsgebieten sehr erfolgreiche Menschen eingeladen, also sogenannte Hoch"leister".

In einigen Berufen bedarf es für eine hohe Leistung tatsächlich einer hohen Intelligenz. Quantenphysik und Mathematik sind hier Beispiele. Aber für hervorragende Ergebnisse auf anderen Gebieten ist das nicht notwendig. Gute Bilder zu malen, gute Musik zu machen oder gut Fußball zu spielen erfordert keine hohe Intelligenz, sondern ganz andere Begabungen. Wenn man hohe Intelligenz als eine von vielen möglichen Begabungen eines Menschen betrachtet, ist in der ganzen Diskussion das Problem der Messung und des Vergleichs verschwunden. Viele andere Begabungen als Intelligenz lassen sich nur schwer quantifizieren, und am Ende zählt sowieso nicht die Begabung, sondern die erbrachte Leistung, die meist gut messbar ist.

Aber es ist nicht zu leugnen, dass auch bei diesem Wettkampf in der Sendung, der aus sehr unterschiedlichen Aufgaben bestand, die beiden Teilnehmer mit dem höchsten IQ die Plätze 1 und 3 belegt haben. So zweifelhaft die Methoden zur Bestimmung des IQ auch gesehen werden, die Korrelation zu anderen interessanten Größen ist eben doch statistisch signifikant. Parallel zu dem Wettkampf wurde z.B. von der Wiederholung eines Tests nach 70 Jahren berichtet. 1932 fand in Schottland ein IQ-Test mit damals 11jährigen Schülern statt. Als vor kurzem die Testergebnisse wiedergefunden wurden, fasste man den Entschluss, denselben Test mit den noch lebenden Teilnehmern zu wiederholen. Eindeutiges Ergebnis: Die Intelligenteren sind gesünder und haben eine höhere Lebenserwartung. Aber man darf auch nicht vergessen, dass das alles immer nur im statistischen Mittel gilt. Jeder Mensch muss selbst das Beste aus seinem Leben machen.

Kategorie: Gehirn & Geist, Filme
anna (Gast) - 5. September, 06:35

Korken

Bei dem Korken hätte ich gedacht, dass das Tuch dafür da sei, die Flasche zu umwickeln und dann zu zerschlagen. Das Ei des Kolumbus eben....

Gregor Keuschnig - 5. September, 08:23

Oder der gordische Knoten...
ww (Gast) - 5. September, 09:30

Inter-legere

[b] Einleuchtend: [/b]

hohes logisch-mathematisches Denkvermögen,
Einfühlung in kognitive und emotive Prozesse
und
beruflicher Erfolg
sind hochgradig korreliert.

Jedenfalls in den tradionell prestige-trächtigen Berufen:
Arzt, Jurist, Politíker ....

Das ist keine Zirkelanalyse. Und IQ-Tests (Hawik, Meili, Guilford, Mooney und neuere) sind somit durchaus gute Prognose-Instrumente.

[b] Eine bestimmte Art von Diskussionen [/b]

scheint mir übrigens - egal wie strittig die Intelligenz-Definition ist - als luststimulierend & intelligenzfördernd:

Nensch-Dikurse waren da ungewöhnlich ergiebig.

Seit einiger Zeit (habe zwei Bücher von Stephen Law) macht mir sein Blog sehr viel Spaß. Teaser:

http://stephenlaw.blogspot.com/search/label/Dawkins

http://stephenlaw.blogspot.com/2007/03/whats-wrong-with-gay-sex.html

Köppnick - 6. September, 15:52

hohes logisch-mathematisches Denkvermögen, Einfühlung in kognitive und emotive Prozesse und beruflicher Erfolg sind hochgradig korreliert. Jedenfalls in den tradionell prestige-trächtigen Berufen: Arzt, Jurist, Politíker ...
Hihi, die Korrelation zu den letztgenannten Berufen hat in den vergangenen Jahren (seit dem Siegeszug der Computer) deutlich abgenommen. Die IT-Industrie saugt überproportional Hochbegabte auf. Da die Verteilung in der Gesellschaft sich aber nicht ändert, sinkt zwangsläufig das Intelligenzniveau in allen anderen Berufen im Vergleich zur Vorcomputerzeit.

Im Prinzip hast du natürlich Recht. Aber wie gut die Fähigkeiten genutzt werden können, hängt zu einem hohen Maß vom sozialen Umfeld ab. Gerade Hochbegabte aus den unteren sozialen Schichten haben größere Probleme in der Schule: Sie sind unterfordert, aber man traut ihnen wegen ihrem Elternhaus wenig zu.

Detlev Rost führt oder hat zwei Studien dazu durchgeführt. Eine zu Hochbegabung, eine zweite zu Hochleistung. Die von dir angesprochene Korrelation existiert zwar, aber der durchschnittliche IQ der Hochleister lag nur bei 115, während der Median bei den Hochbegabten (>130) bei 136 liegt. Ich habe auch von einer Untersuchung der Professoren eines englischen Elite-Colleges gelesen, der Durchschnitt der Professoren lag hier bei 125. Da haben ca. 5 Millionen Deutsche einen besseren Wert. IQ ist bei weitem nicht alles, gerade in Deutschland ist die soziale Selektion enorm (abnorm) hoch.
steppenhund - 6. September, 16:36

Ein sehr interessanter Text.
Lustig fand ich deinen Ansatz mit 1. Bindfaden, 2. Tuch. Das deutet für mich darauf hin, dass es bei der Fragestellung eher um eine Wissensabfrage geht. Auf den Bindfaden wäre ich auch als erstes gekommen. Das aber nur, weil ich unterschiedlichste Erlebnisse in Erinnerung habe, wo die gleiche Methodik eingesetzt werden konnte.
Vorsitzender eines High-IQ-Vereins zu sein, bedeutet für mich etwas wie ein Oxymoron. Ich bin aus der Mensa ausgetreten, als es Streitereien um die damalige Präsidentschaft gab. Vereinsmeierei würde für mich automatisch einen Punkteabzug bedeuten:)
Aber nochmals danke für den lesenswerten Beitrag.

Köppnick - 7. September, 10:26

Solche Streitereien gibt es in Deutschland auch. Das hat nichts mit Intelligenz zu tun, sondern mit der umstrittenen Verteilung von Geld und Macht innerhalb eines Vereins. Der Unterschied zu einem sehr großen Karnickelzüchterverein ist bloß, dass der durchschnittliche Karnickelzüchter bei Mensa gar nicht verstehen würde, dass sich die Beteiligten gerade streiten, weil man Gewalt sehr subtil, verbal und kaum bemerkbar ausüben kann.

Eine reine Wissensabfrage ist die Flaschenaufgabe nicht, eher ein systematischer Ausschluss von nicht funktionierenden Ideen und die Suche nach weiteren. Auch dabei dürften Leute, die schnell und vor allem visuell denken können, im Vorteil sein. Aber natürlich dürfte es außerordentlich schwer fallen, Tests mit solchen Aufgaben zu konstruieren, weil jede Aufgabe nach der ersten Verwendung "verbraucht" ist. Man vergisst eine solche Aufgabe niemals wieder und sie spricht sich herum. Bei der mentalen Rotation von Würfeln oder ähnlichen Aufgaben ist das anders. Man kann nach gewisser Zeit genau dieselbe Aufgabe verwenden, ohne dass es einen messbaren Trainingseffekt geben wird.

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lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
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Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
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Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
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Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
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Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
Ich bilde mir ein, dass...
Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02
Mit dem Schreibfehler...
Mit dem Schreibfehler hast Du vollkommen recht. Vor...
steppenhund - 28. November, 14:56
Ich nehme an, dass in...
Ich nehme an, dass in deinen beiden Listen die ersten...
Köppnick - 23. November, 10:57