Lauren Slater: Von Menschen und Ratten
Ein zunächst ziemlich merkwürdiger Titel für ein Buch über psychologische Experimente, der sich durch die Auswahl der zehn im Buch vorgestellten Experimente mit Menschen als Probanden und eben auch mit Ratten erklärt. Einige davon sind ziemlich bekannt, z.B. das Milgram-Experiment, andere weniger, z.B. das von Bruce Alexander mit Ratten durchgeführte zur süchtig machenden Wirkung von Opiaten. Zu drei von den zehn Experimenten, die im Buch vorgestellt werden: Das Milgram-Experiment schildert sie aus der Sicht eines Probanden. Auf eine Anzeige hin melden sich Personen, um in einem Versuch über das Lernverhalten teilzunehmen. Scheinbar bilden jeweils zwei von ihnen eine Gruppe, einer als "Lernender", der zweite als dessen "Ausbilder". Der Ausbilder hat die Aufgabe, dem anderen Wörter vorzusprechen, die sich dieser merken und in der richtigen Reihenfolge aufsagen soll. Als "Motivation" gibt es Stromstöße: 15, 30, ..., 330 Volt. Was die Versuchspersonen nicht wissen, ist, dass der Lernende ein Schauspieler ist, dessen Schmerzensschreie nur gespielt sind.
In Wirklichkeit handelte es sich also um keinen Test des Lernverhaltens, sondern des Gehorsamkeitsverhaltens des Ausbilders, der vom Testleiter immer darin bestärkt wurde, mit den Elektroschocks fortzufahren. Schockierend für die Öffentlichkeit war das Ergebnis, dass nur 1/3 der Teilnehmer die Fortsetzung verweigert haben, 2/3 aller Teilnehmer setzten die Testreihe bis zu 330 Volt und dem vermeintlichen Herzanfall des Lernenden fort. Später wurde das Experiment auch heftig wegen seiner Unethik kritisiert, heute ist ein solches Experiment undenkbar, keine Ethikkommission würde dafür die Genehmigung erteilen.
Lauren Slater widmet Milgram und dessem Experiment über 40 Seiten. Sie hat unter anderem zwei ehemalige Teilnehmer der Experimente aufgespürt. Einer von beiden hat vorzeitig abgebrochen, der zweite bis zum Ende "durchgehalten". Die Versuche fanden 1962 statt, wie ist nun das Leben der Probanden seither, also etwa bis zum Jahr 2000 verlaufen, wie korreliert es mit ihrem damaligen Verhalten? Der Erste, der "Verweigerer", im Interview:
Er schaut nach oben an die Decke, zögert, dann sagt er: "Ich hatte Angst um mein Herz." "Um Ihr Herz?", gebe ich zurück. "Ich hatte Angst, dass das Experiment so viel Stress in mir auslöst, dass ich vielleicht einen Herzanfall bekomme, und außerdem wollte ich nicht, dass dem Typen etwas passiert." Ich nickte. Es ist unmöglich, darüber hinwegzusehen, dass "dieser Typ" an zweiter Stelle kam, nach Joshuas Herz.Der zweite ehemalige Teilnehmer hingegen berichtet:
"Ich versteckte mich nicht mehr", sagte er, "und das kostete mich eine Menge Kraft und gab mir auch eine Menge Kraft, und ich erkannte, wie tief autoritätsgläubig ich war. Von da an beobachtete ich mich selbst und lernte, Erwartungen zu durchkreuzen. Ich verwandelte mich aus einem allseits beliebten Sunny Boy mit dem klaren Ziel einer Medizinerkarriere zu einem schwulen Aktivisten, der in städtischen Problemschulen Kinder unterrichtet. Und ich verdanke es Milgram, er hat dies in mir ausgelöst.Ich selbst kenne das Experiment seit langer Zeit, und die Prozentzahlen haben mich damals sehr betroffen gemacht. In Slaters Buch habe ich zum ersten Mal Interpretationsmöglichkeiten gefunden, die das Ergebnis weniger deprimierend machen. Wie valide sind die Versuchsergebnisse, wenn sich schon das Leben der Teilnehmer geradezu im Widerspruch zu ihrem Verhalten während des Experiments gestaltet hat? Und in welchem Maße ist das Versuchszenario auf die eigentliche Frage Migrams anwendbar, das Verhalten von Menschen im Dritten Reich und in Diktaturen? Auf jeden Fall ist es zumindest bei mir so (und bei Susan Slater, wie sie schreibt, auch), dass die Kenntnis dieses Experiments (und sicher auch des Zimbardo-Experiments, das nicht im Buch vorkommt), zu einer Veränderung des eigenen Verhaltens geführt hat und führen würde, wenn man jemals in eine vergleichbare Situation kommen sollte.
Ein anderes Experiment wurde in den frühen 70er Jahren von David Rosenhan durchgeführt. Er bat Bekannte, eine psychiatrische Praxis aufzusuchen und dort ihr "Problem" zu schildern. Sie sollten angeben, dass regelmäßig eine Stimme "Plopp" zu ihnen sagen würde, sie aber sonst keine weiteren Symptome haben. Nach der Einweisung in eine psychiatrische Klinik sollten sie sich ganz normal verhalten und dem Personal gegenüber angeben, die Stimme sei verschwunden, sie fühlten sich als geheilt und würden gern nach Hause entlassen werden. Es dauerte zwischen 22 und 52 Tagen, bis sie tatsächlich wieder entlassen wurden. Rosenhan diente selbst als Proband, sehr schön folgendes Zitat:
Seltsamerweise schienen die anderen Patienten zu wissen, dass Rosenhan normal war, obwohl die Ärzte ihn für geisteskrank hielten. Ein paar der anderen Mitstreiter, die über das ganze Land verteilt unter ähnlichen Haftbedingungen lebten, machten ebenfalls die erstaunliche Erfahrung, dass Geisteskranke den Gesunden besser erkennen können als die, welche Geisteskranke behandeln. Im Aufenthaltsraum kam ein junger Mann zu Rosenhan und sagte: "Sie sind nicht verrückt. Sie sind Journalist oder Professor." Und ein anderer: "Sie überprüfen das Krankenhaus."David Rosenhan wollte mit dem Experiment zeigen, wie ungenau psychiatrische Diagnosen sind, und wie, wenn eine Person einmal klassifiziert worden war, sämtliche Beobachtungen in Richtung der ursprünglichen Diagnose interpretiert werden würden. Natürlich wurde das Experiment von Psychiatern massiv kritisiert, u.a. deshalb, weil eine Person, die üblicherweise eine solche Praxis aufsucht, ja tatsächlich krank ist und das nicht nur spielt. Lauren Slater hat das Experiment um das Jahr 2000 herum mit sich selbst als Probandin wiederholt. Und vielleicht hat sich nach der Aufregung um das Experiment 30 Jahre zuvor in der Psychiatrie tatsächlich etwas geändert. Jedenfalls war sie in keinem einzigen Fall in Gefahr, stationär eingewiesen zu werden. Sie wurde freundlich und mitfühlend behandelt, bekam mehr oder weniger starke Antidepressiva verschrieben und durfte wieder nach Hause gehen.
Auch das dritte Experiment, das ich hier vorstellen möchte, hat Lauren Slater an sich selbst probiert. Sie hat über mehrere Wochen ein Opiat zu sich genommen um zu überprüfen, ob sie davon süchtig wird. Ausgangspunkt war hier ein Experiment, dass in den 90er Jahren von Bruce Alexander durchgeführt wurde. Dieser hatte zwei Gruppen von Ratten jeweils zwei verschiedene Trinkgefäße zur Verfügung gestellt. In einem befand sich reines Wasser, im zweiten war das Wasser mit Opium versetzt, das, um es den Ratten zusätzlich attraktiv zu machen, mit Zucker angereichert wurde. Die zwei Rattengruppen wurden unterschiedlich gehalten. Die erste Gruppe in üblichen Nagerkäfigen, für die zweite Gruppe bauten Alexander und seine Mitarbeiter ein "Rattenparadies":
Statt eines kleinen engen Käfigs konstruierten Alexander und seine Forscherkollegen eine etwa zwanzig Quadatmeter große Wohnkolonie für ihre weißen Laborratten. In diesem Raum, den sie genau richtig temperierten, verstreuten sie köstliche Kiefernspäne und eine Unmenge bunter Bälle und Laufräder und Blechbüchsen. Da es sich um eine koedukative Kolonie handeln sollte, sorgten sie dafür, dass reichlich Platz für Paarungen, spezielle Bereiche für Geburten, Platz zum Umherwandern für die unternehmungslustigen Männchen und warme Nester für die säugenden Weibchen zur Verfügung standen.Nach dieser Einleitung ahnt man schon das Ergebnis: Die Ratten im Rattenparadies wurden im Gegensatz zu den Käfigratten nicht süchtig, sie zogen klares Wasser dem opiumhaltigen Getränk vor – laut Alexander instinktiv, weil Opiate einem normalen Sozialleben abträglich sind. Selbst nachdem sie zwangsweise süchtig gemacht worden waren, in dem sie wochenlang nichts anderes zu trinken bekamen, entwöhnten sie sich selbst allmählich wieder, als es klares Wasser zu trinken gab.
Alexanders Fachartikel wurde von Science und anderen renommierten Wissenschaftszeitschriften abgelehnt. Als seine Ergebnisse allmählich publik wurden, gab es eine heftige Diskussion darüber. Bekannt ist einerseits, dass es in Kulturen, in denen Drogen frei zugänglich sind, es einen stabilen Prozentsatz von Drogenkonsumenten gab oder gibt (um die 1%), klar ist aber andererseits auch, dass es Fälle gibt, in denen in guten sozialen Verhältnissen lebende Menschen abhängig wurden. Lauren Slaters Vermutung: Vielleicht sind die heutigen Lebensverhältnisse für uns Menschen noch weiter von paradiesischen Verhältnissen entfernt, als es für die Ratten in Alexanders Rattenparadies war, weiter als es selbst Menschen, die in guten Verhältnissen leben, ahnen.
So wie dieses Experiment Fragen aufwirft, die weit über das Gebiet der experimentellen Psychologie hinausgehen, so ist es eigentlich mit allen im Buch vorgestellten. Die Autorin hat in den meisten Fällen ehemalige Teilnehmer oder Durchführende besucht, unter anderem war sie bei Eric Kandel. In einem sehr angenehmen Stil geschrieben ist das Buch außerdem. Meiner Meinung nach wurde ihr Buch deshalb 2005 von der Zeitschrift "Bild der Wissenschaft" zu Recht zum "Wissenschaftsbuch des Jahres" gewählt.
Kategorien: Ethik, Gehirn & Geist, Bücher
Donnerstag, 21.August 2008
Trackback URL:
http://kwakuananse.twoday.net/stories/5138549/modTrackback