Arne Hoffmann: Der Fall Eva Herman
Das dritte Buch, dass ich mir in diesem Zusammenhang gekauft hatte, und dessen Autor die damaligen Geschehnisse, beginnend von Eva Hermans Cicero-Interview, dann ihrem ersten Buch (über dieses Thema, tatsächlich war es wohl ihr sechstes) und der Sendung mit Johannes B. Kerner, analysiert hat. Der Autor ist selbst eine interessante Person, aktiv in der Männerbewegung, er hat u.a. das Buch Männerbeben geschrieben und ist auf der Webseite Capitalista aktiv. Auf der Recherche für sein Buch muss er sich durch tausende von Quellen gewühlt haben – ganz offenbar im Gegensatz zur Mehrheit der Journalisten, die damals über das Thema berichtet haben. Aus dem Klappentext des Buchs:
Mehrfach wurde Eva Herman zur beliebtesten Moderatorin Deutschlands gewählt. Nachdem sie aber im Frühjahr 2006 die Erfolge der feministischen Bewegung infrage stellte, lancierte "Emma"-Chefin Alice Schwarzer eine Kampagne, um Herman aus der "Tagesschau" zu entfernen. Anderthalb Jahre später, nach einem inquisitorischen TV-Tribunal bei Johannes B. Kerner, titelte die Bildzeitung "Ist Eva Herman braun oder nur doof?", auf den Seiten des "Focus" heißt es, "dass man an ihre Bücher sofort mit dem Feuerzeug dran möchte" und der "Neuen Zürcher Zeitung" zufolge ist Eva Herman mittlerweile die "meistgehasste Frau Deutschlands". Wie kam es zu dieser rasanten Hexenjagd? Und was darf man im Deutschland 2007 eigentlich noch sagen, ohne sich in Gefahr zu begeben?"Das Buch hält sich weitgehend an die chronologische Ordnung, wobei die Kulminationspunkte sicherlich die Ereignisse nach der Pressekonferenz anlässlich der Vorstellung von Eva Hermans nächstem Buch "Das Prinzip Arche Noah" am 5.9.2007 und die Johannes B. Kerner Show vom 9.10.2007 sind.
Was sie auf dieser Pressekonferenz gesagt hat und was daraus gemacht wurde, kann man auch auf ihrer Homepage nachlesen, sodass ich mir das Abtippen ersparen kann: Das umstrittene Zitat und das was ich wirklich sagte. Im Buch erfährt man dann Weiteres: Dass etwa 30 Journalisten anwesend waren und von denen eine Einzige das Zitat dann sinnentstellend verwendet hat, die anderen haben es bereits damals anders verstanden, dass Eva Herman danach die Herausgabe der vorhandenen Aufzeichnungen zunächst verweigert wurde und dass das Gros der Journalisten auch dann noch bei der sinnentstellenden Interpretation geblieben ist, als die Richtigstellung vorlag.
Das zentrale Kapitel des Buchs ist der besagten Fernsehshow gewidmet. Ich kann mich noch erinnern, dass ich sie nicht komplett gesehen habe, nur den Ausschnitt, in dem sie von Kerner hinausgeschickt worden ist, und dass sie irgendwas von den Autobahnen im Dritten Reich erzählt haben soll und sich nicht für "ihre umstrittenen Äußerungen zu den familiären Werten im Dritten Reich" entschuldigen wollte. Im Buch findet man die Sendung fast wortwörtlich wieder, zusammen mit erklärenden Kommentaren von Arne Hoffmann. Wenn man jetzt beachtet, dass sie die familiären Werte im Dritten Reich gar nicht gelobt, sondern deren Pervertierung durch die Nazis kritisiert hatte und genau an dem Tag der Aufzeichnung der Sendung durch den NDR gegen diesen eine Klage wegen ihrer Kündigung eingereicht hatte und sich ihre Autobahn-Äußerung im Zusammenhang der Sendung und im genauen Wortlaut ansieht, dann erkennt man, dass ihr auch hier das genaue Gegenteil unterstellt worden ist, was sie tatsächlich gesagt hat.
Im nächsten Kapitel werden die Reaktionen in den folgenden Tagen analysiert. Hier hat sich Hoffmann nicht nur durch sehr viele "offizielle" deutschsprachige Medien gewühlt, sondern er hat offenbar auch tausende von Blogeinträgen gelesen. Seinen Eindruck bringt er an anderer Stelle so zum Ausdruck: "Es gibt einen Unterschied zwischen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung." Und am besten gibt den Ablauf der Sendung nach Hoffmanns Meinung der folgende Blogeintrag wieder:
Ausgerechnet im radikal linken "Politblog" findet sich ein Artikel, der in seiner Brillanz die Zeitungskommentare vieler bezahlter Journalisten weit hinter sich lässt. Unter der Überschrift "Nazikeule auf der Autobahn" unternimmt eine unter dem Pseudonym "Pony Hütchen" auftretende Journalistin das, was einem nach der Lektüre sämtlicher bisheriger Pressekommentare schon fast logisch unmöglich erscheint: Sie schildert den Ablauf von Kerners Talkshow minutiös, ohne dabei auch nur ansatzweise ins allseits beliebte Herman-Bashing zu geraten.Ich habe den letzten Abschnitt mit zitiert, weil er mir Arne Hoffmanns Anliegen am besten verdeutlicht. Es geht ihm nicht darum, ob Hermans Ansichten richtig oder falsch sind. Sondern um die Einhaltung von Artikel 5 GG: "Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.", den er an einer oder sogar mehreren Stellen seines Buchs zitiert. Denn seine eigene Meinung zur Rolle der Frau in der Gesellschaft stimmt weder mit der der Feministinnen, von Eva Herman und auch nicht mit der der Schreiberin des soeben zitierten Blogeintrags überein.
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Zur Position Hermans: "In einer kurzen Stellungnahme wandte sich Herman mit überzeugender Entschlossenheit gegen nationalsozialistisches Gedankengut. Tenor ihrer Aussage: Der Faschismus hätte zu einer totalen Pervertierung des Wertes der Familie und der Rolle der Mutter beigetragen. In der Folge wandte sich die 68er Bewegung in ihrer Abrechnung mit Hitlerdeutschland von den Werten 'Familie und Mutter' gänzlich ab und setzte die individuelle Selbstverwirklichung an seine Stelle. Zweimal sei so in der deutschen Geschichte die traditionelle Rolle der Frau und Familie zerstört worden. Nun war eigentlich alles gesagt und die Sendung hätte normal im Rahmen seichter Unterhaltung weiter gehen können. Nicht jedoch für Johannes B. Kerner. Er wollte wissen, ob sie sich von ihrer damals gemachten Aussage distanziere, das gesagte zurücknehme. Wie aber sollte sie etwas zurücknehmen, was sie nie gesagt hatte?
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Zu Kerners Verhalten und Hermans Reaktion: "Stakkatoartig hämmerte er den Studiogästen und dem Fernsehpublikum ein, Herman hätte den Nazi-Vergleich gezogen. Sie solle das zurücknehmen, sich entschuldigen. Eva Herman bleibt ruhig, freundlich und erklärt dediziert ihre Positionen. Sie sieht das Recht der Kinder im Vordergrund, sie verlangt staatliche Unterstützung für Familien und Alleinerziehende. Das Geld, das man in Krippenplätze steckt, sollte den Müttern zur Verfügung gestellt werden. Sie fragt nach Grundsätzlichem, nach den sozialen Lebensbedingungen heutiger Familien, den Gründen der hohen Scheidungsraten. (...) Das Gespräch wird ruhiger, obwohl Senta Berger und Margarethe Schreinemakers sie zu einer ewiggestrigen Reaktionärin stempeln und immer deutlicher auf Distanz zu ihr 'braunem Sumpf' gehen.
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Zur weiteren Entwicklung des Geschehens: Alle sind sich einig: Herman will nur deshalb Frau und Familie schützen und sozial besser ausstatten, weil Familien im Nationalsozialismus gefördert wurden. (...) Senta Berger lobt die Errungenschaften der Moderne und hat dabei eine privilegierte Schicht im Auge. Die Mimik in der Runde reicht vom Abscheu bis zum Wunsch nach Distanz. Nur Eva Herman bleibt gelassen und argumentiert weiter sachlich und erstaunlich sachkundig über Feminisierung in der Erziehung, schulische Probleme von vaterlosen Jungen. (...) Man merkt, sie steckt in ihrem Thema und es ist keine Modemasche. Herman ist überzeugend und glaubwürdig."
Und schließlich hängt Pony Hütchen, was so gut wie keiner der bisherigen Kommentatoren macht, an den Ablauf dieser Sendung eine tief gehende Gesellschaftskritik (in diesem Fall aus linker Sicht) an: "Die Ursachen, und da sitzt die unerwünschte Sprengkraft des Hermanschen Ansatzes, liegen in der Arbeitswelt der neoliberalen Wirtschaft. Was, wenn die Menschen feststellen, dass in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Handwerker – zwar bescheiden, aber dennoch ausreichend – eine Familie ernähren konnte. Senta Berger fällt Herman ins Wort, es sei alles so teuer geworden, Benzin, Miete, da müssen die Frauen eben mitarbeiten. In Kerners Kopf geht die rote Lampe an. Wieder könnten sich Zuschauer fragen, ob denn das Verhältnis der Gehälter zu den Preisen der Konsumgüter in einem richtigen Verhältnis steht. Könnte es nicht sein, dass nicht das Leben zu teuer, sondern die Einkommen zu niedrig sind?"
Ein absolut lesenswertes Buch. Es macht mich auch deshalb so betroffen, weil ich seinerzeit selbst analog reagiert habe: Familiäre Werte im Dritten Reich.
Kategorien: Politik, Frauen, Bücher
Samstag, 16.August 2008
Nachtrag
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