Alice Schwarzer und Thea Dorn vs. Eva Herman

Alice Schwarzer: Die Antwort - Das Buch war ein Fehlkauf. Ich hatte ein Buch haben wollen, in dem konkret auf Eva Hermans "Eva-Prinzip" geantwortet wird. Alice Schwarzers Buch ist zwar zeitlich danach geschrieben worden, aber sie geht nur an wenigen Stellen auf Eva Herman ein:
Und auch die späte Mutter vom Dienst, Eva Herman, 48, verbat sich in höchsten Tönen mehr Krippenplätze (die sie ja auch nicht nötig hatte).
Meiner Erinnerung nach hat Eva Herman das nicht geschrieben (in ihrem Buch "Das Eva-Prinzip", andere kenne ich nicht), es ist also eine Lüge (euphemistisch kann man auch "Polemik" dazu sagen). Ich habe das Buch von Alice Schwarzer nicht bis zu Ende gelesen, will aber trotzdem hier ein paar Anmerkungen machen, die sich mir aufgedrängt haben. Alice Schwarzer polarisiert, nicht nur Männer, auch Frauen. Ein Zitat:
Wenn mich eines nervt, und zwar schon lange, lange vor der Frauenbewegung, dann ist es die Art, wie diese Weibchen über Männer reden. Als seien sie Marionetten, bei denen eine echte Frau nur an der richtigen Strippe ziehen muss. Ist es den Männern solcher Frauen eigentlich klar, dass ihr Preis dieser Spott der Sklavinnenseelen hinter dem Rücken des Herrn ist?
...
Es kostet natürlich Zeit und Nerven, sich mit einem Mann wirklich auseinanderzusetzen. Und schlaue Männer haben längst vielfältige Techniken entwickelt, den Frauen irgendwo, irgendwie recht zu geben – und ihnen dann doch wieder durch die Machen zu schlüpfen. Es ist mit ihnen wie mit dem Hasen und dem Igel: Die Männer sind immer schon da – während die Frauen noch rennen.
Zu Beginn des Buchs beschäftigt sich Alice Schwarzer mit dem kleinen Unterschied. Es ist ja ein sehr spannendes Thema, welche Unterschiede zwischen Männern und Frauen auf genetische und welche auf Erziehungsursachen zurückzuführen sind. Sie erwähnt hier eine ganze Reihe von Studien mit jeweils unterschiedlichen Ergebnissen. Allgemeiner Tenor von Alice: Die Studien, die Unterschiede feststellen konnten, weisen methodische Mängel auf oder arbeiten mit einer zu geringen Zahl von Probanden. Ich hätte ja eine andere Erklärung bevorzugt: Unter bestimmten Versuchsbedingungen findet man Gemeinsamkeiten, weil es Gemeinsamkeiten gibt, unter anderen Bedingungen Unterschiede, weil es Unterschiede gibt.

Das für mich verblüffendste Experiment (das sich nicht im Buch findet) wurde mit Affen durchgeführt: Man hat kleinen Affen Autos und Puppen zum Spielen angeboten. Die Affenjungen haben sich die Autos genommen, die Affenmädchen die Puppen. Das Ergebnis verblüfft insofern, als Autos und Puppen in der Welt der Affen keine Bedeutung haben und eine feministische Umerziehung der Affen sicherlich auch wenig erfolgversprechend ist. Vielleicht sollte man ganz einfach bestimmte naturwissenschaftliche Experimente verbieten, wenn die Gefahr falscher Ergebnisse besteht? Die Erklärung der Primatenforscher war dahingehend, dass Autos mehr eckig und Puppen mehr rund sind. Ähnliche Ergebnisse findet man – kulturübergreifend – auch beim Menschen: Die geschlechtsspezifisch unterschiedliche Bevorzugung von Formen und Farben. Zusammen mit dem offensichtlich unterschiedlichen Aussehen von Männern und Frauen ein hinreichender Grund, von teilweise unterschiedlichem Verhalten auszugehen.

Das Problem, das ich für Alice Schwarzer sehe, ist: Wenn man für Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen wegen nicht vorhandenen biologischen Unterschieden zwischen Männern und Frauen eintritt, dann bricht diese Argumentation mit dem Auffinden tatsächlicher Unterschiede zusammen. Dabei ist eine solche biologistische Argumentation vollkommen überflüssig. Aus biologischer Sicht ist nämlich nicht zu begründen, warum man Angehörige der eigenen Spezies nicht unterdrücken soll: Man treibe 20 Millionen Urmenschen (oder mangels Verfügbarkeit 20 Millionen Affen) auf eine Fläche von der Größe Tokios zusammen. Nach wenigen Tagen sind bis auf wenige tausend alle tot. 20 Millionen Menschen kommen in Tokio aber sehr gut miteinander aus.

Die gesamte Geschichte unserer Spezies ist offenbar dadurch geprägt, dass die innerartliche Aggressivität immer stärker abgenommen und zusammen mit der Vergrößerung der Produktivität und der Entwicklung der Gesellschaft die formale und tatsächliche Gleichberechtigung ihrer Mitglieder immer mehr zugenommen hat. Bei den alten Griechen wurden die Entscheidungen von wenigen freien griechischen Männern getroffen, Frauen, Kinder, Ausländer und Sklaven hatten keine Rechte. Zuerst verschwand die Sklaverei (jedenfalls als bestimmender Wirtschaftsfaktor), die Gleichberechtigung der Frauen, gleiche Rechte für Ausländer, Homosexuelle, etc. ist heute gewissermaßen ein Teil dieses noch andauernden Prozesses.

Wenn es auch wenig sinnvoll ist, biologistisch zu argumentieren, evolutionär argumentieren kann man schon, weil evolutionäre Mechanismen nicht auf biologische Gesellschaften begrenzt sind. Die neuen Gesellschaftsformen haben sich durchgesetzt, weil ihre Mitglieder erfolgreicher waren als die der alten – in nachfolgenden Generationen haben sie sich auf Kosten der anderen ausgebreitet. Gleichberechtigung der Geschlechter setzt sich nicht durch, weil es eine Frauenbewegung gibt, sondern weil die Gesellschaft dadurch doppelt so viele aktive und intelligente Mitstreiter aquirieren und - im Gegensatz zu früheren Zeiten, in denen eher Körperkraft benötigt wurde - auch einsetzen kann. Die Frauenbewegung ist so nur der subjektive Ausdruck eines objektiven evolutionären Prozesses.

Evolution ist aber blind gegenüber fast allem, es zählt einzig und allein, wieviel in die nächste Generation übertragen werden kann. Gleichberechtigung und Selbstverwirklichung sind hingegen keine evolutionären Kriterien. Ein Beispiel: Wenn das Tragen eines Kopftuches und eine höhere Kinderzahl positiv korreliert sind, dann bedeutet das, dass bei einem normalen Weiterlaufen dieses Prozesses in wenigen Generationen die Nichtkopftuchträger ausgestorben sein werden, völlig unabhängig vom Grad der Gleichberechtigung oder Selbstverwirklichung ihrer Vorfahren. Eine Auswahl möglicher Strategien:
  1. Man ignoriert das Problem und verwirklicht sich selbst. Dann sterben diejenigen Gene aus, deren Träger sich selbstverwirklicht haben. (Dazu muss man noch wissen, dass sich die Natur einen famosen Trick ausgedacht hat: Emotional belohnt sie auf Dauer evolutionär erfolgreiches Verhalten. Das erklärt, warum sich viele Kopftuchträger durchaus wohl und nicht unterdrückt fühlen.)
  2. Man verbietet das Tragen von Kopftüchern. Da das Kopftuch nur ein sichtbarer Ausdruck einer ansonsten unsichtbaren Evolutionsstrategie ist, wird das Problem nicht gelöst. Weiter mit Fall 1.
  3. Man verringert die Kinderzahl der Kopftuchträger. Diese Strategie war lange erfolgreich und wurde Kolonialismus genannt, u.a. durch eine erhöhte Kindersterblichkeit in den betreffenden Ländern. Diese Strategie scheint heute nicht mehr so opportun zu sein, u.a. weil sich ethisch schlecht begründen lässt, warum die Frauen des eigenen Landes gleichberechtigt, die Menschen anderer Länder aber weiter unterdrückt werden sollen.
  4. Man vernichtet (verbal) denjenigen, der auf das Problem aufmerksam macht. Weiter mit Fall 1.
  5. Man erhöht die eigene Kinderzahl. Problematisch wird das dann, wenn man Selbstverwirklichung und Kinderzahl als sich gegenseitig ausschließend sieht.
Zugegeben ist diese Liste etwas polemisch und unfair, aber wie eingangs schon gesagt – Alice Schwarzer polarisiert. Ich wollte eigentlich nur deutlich machen, dass Strategien, die den Interessen der heute lebenden Generation den Vorrang einräumen gegenüber den nachfolgenden, gegenüber anderen, scheinbar reaktionäreren, zum Scheitern verurteilt sind. Dann leistet man sich selbst (seinen eigenen Genen) einen Bärendienst.

Und weil es gerade so schön ist, Gregor Keuschnig hat mich auf einen Blogeintrag von Thea Dorn aufmerksam gemacht: Das Eva-Braun-Prinzip
Unlängst führte ich in meinem Freundeskreis ein kleines Experiment durch. Ich fragte: "Woher stammt folgendes Zitat?": "Viele Frauen wollen Kinder und eine harmonische Familie. Selbst Frauen, die im Beruf aufgehen, verspüren den Wunsch nach Kindern. Von ihrem Opfer und der Bereitschaft, eine Schwangerschaft und auch die Einschnitte danach auf sich zu nehmen, hängt das Überleben des deutschen Volkes ab." 50 Prozent meiner Freunde tippten auf das "Eva-Prinzip" von Eva Herman und ihrer Co-Autorin Christine Eichel. Knapp 50 Prozent tippten auf Frank Schirrmachers Frühjahrsbestseller "Minimum - Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft". Und die wenigen unter meinen Freunden, die Die Zeit wirklich gründlich lesen, tippten auf ein bislang unveröffentlichtes Manuskript von Ulrich Greiner, der im April in besagter Wochenzeitung die Opferbereitschaft der Frau als Mutter besungen hatte. Alles falsch. Die zitierten Sätze finden sich auf der Homepage der NPD. Und zwar auf der Berliner "Heimseite" unter dem Titel "Frauen, die sich trauen ".
Die Logik ist Folgende: Weil Bekannte von Thea Dorn ein paar Zitate nicht voneinander unterscheiden können und einige Zitate von Nazis oder anderen lebenden Unsympathen stammen, ist Frau Herman ein Nazi, vollkommen unabhängig vom Inhalt, Sinn oder Wahrheitsgehalt ihrer Aussage. Ein einfacheres Beispiel:

Adolf Hitler: "Guten Tag."
Pischti Hufnagel: "Guten Tag."
Pischti Hufnagel ist ein Nazi.

Kategorie: Frauen
Gregor Keuschnig - 15. August, 14:18

Ich glaube, es ist relevant, dass Dorns Aufsatz "Das Eva-braun-Prinzip" heisst - also "braun" als Farbe und kleingeschrieben. Ansonsten könnte man vielleicht mutmassen, dass Dorn Herman mit Hitlers Frau gleichsetzt. Aber das krude Wortspiel beruht wohl darauf, dass dies assoziiert wird, aber dann doch (scheinbar) anders gemeint ist.

So ist es m. E. noch eine zusätzliche Verhöhnung, vom "Eva-Braun-Prinzip" zu sprechen.

Köppnick - 15. August, 14:31

Akustisch kann man es nicht voneinander unterscheiden, und jeder, der es hört, wird dieselbe Assoziation haben (ich hatte den Unterschied glatt übersehen). Frau Dorn hat es sicher auch so geschrieben, weil sie sich der juristischen Konsequenzen der anderen Schreibweise bewusst war.

Möchtest du, dass ich es in meinem Text noch ändere?
Gregor Keuschnig - 15. August, 15:35

Ich habe gerade festgestellt, dass ich es bei Niggemeier selber lange falsch geschrieben habe (ohne irgendwelche Folgen). Insofern glaube ich nicht, dass Du es aus juristischen Gründen ändern solltest.

Es gab eine Sendung (ZDF-"nachtstudio") vom 29.11.2006, in der Dorn und Herman verbal aufeinandergetroffen sind. Ich habe die Sendung nicht gesehen, auch weil ich dachte, das kann ich irgendwann nach reichlich Alkoholgenuss nachholen. Dir hätte ich zugetraut, das zu überstehen. Leider ist die Sendung in der ZDF-Mediathek wohl aus rechtlichen Gründen (neue Bedingungen eines Rundfunkstaatsvertrages) nicht mehr online; stattdessen gibt's elf Täfelchen mit Zitaten.
Köppnick - 15. August, 16:44

Interessanter Link. Eigentlich äußern beide Frauen Richtiges, es ist nur die Frage, wie man diesen Widerspruch löst (und wo er sich überhaupt befindet). Bei nochmaligem Nachdenken stoße ich (wie häufiger) auf die unterschiedliche Interpretation von "Arbeit". Die Feministinnen fokussieren ihre Anstrengungen auf die gleichberechtigte Teilnahme an Erwerbsarbeit. Nach diesem Konzept sind Frauen gleichberechtigt, wenn sie gleich viel erwerbsarbeiten und gleich viel verdienen wie Männer. Eva Herman sieht die Arbeit in der Familie und mit Kindern als gleichwertig an und plädiert aufgrund von Unterschieden zwischen den Geschlechtern für eine asymmetrische Arbeitsteilung. Paradoxerweise wird Hermans Konzept zum moderneren, wenn es eine Wirtschaftsform nach dem Kapitalismus geben sollte. In dieser würde der heutige Arbeitszwang durch die innere Motivation jedes Einzelnen etwas zu tun aufgehoben.
Paul (Gast) - 15. August, 20:40

War es die Verlockung eines gelungenen(?) Wortspiels oder eher der Wunsch, einem bereits besiegten Gegner den Todesstoß zu geben? Wie dem auch sei, in meinen Augen hat sich Thea Dorn mit dieser Anspielung selbst disqualifiziert.
"It takes 20 years to build a reputation and five minutes to ruin it." Warren E. Buffett
Gregor Keuschnig - 15. August, 20:58

@Paul

Dorn war - so weit ich weiss - eine Pionierin, was das feuilletonistische Kartätschen von Herman angeht. Sich selbst disqualifiziert hat sie sich auch nicht, da sie den allgemeinen Mainstream bedient hat und sich mit Schwarzer & Co. gemein machte. Sie moderiert eine Fernsehsendung mit dem Titel "Literatur im Foyer". In der "Zeit" schreibt sie über Charlotte Roche, die mit ihrem Buch "Feuchtgebiete" von der offiziellen "Linie" abgewichen ist und bezeichnet sie als Provokateurin. Was für ein Witz!

Ich weiss nicht, wie das in der DDR war, aber ich glaube, sie wäre eine gefürchtete Funktionärin gewesen.

@Köppnick
Interessanter Gedanke, dass alles am Begriff der Arbeit hängt.
Paul (Gast) - 15. August, 21:16

Ich schrieb bewußt, sie hätte sich in meinen Augen selbst disqualifiziert. Für eine solche Aussage ist die Berücksichtigung des Mainstreams (und implizit des Opportunismus von TD) nicht relevant. Ansonsten: ja, sie hätte wohl eine tüchtige Funktionärin abgegeben.
Köppnick - 15. August, 22:27

@Gregor: Arbeit

Eigentlich ist das ein zentraler Gedanke von Marx, der ja meist, und nicht nur mit diesem Gedanken, falsch wiedergegeben wird. Marx geht davon aus, dass jeder Mensch ein Bedürfnis hat, etwas Sinnvolles zu tun, also zu arbeiten. (Das steckt in unseren Genen drin, denn alle Menschen bisher haben gearbeitet, Tiere "arbeiten" in diesem Sinne auch.) Im Kapitalismus werden die Tätigkeiten nun nach ihrem Verhältnis zum Kapital unterschieden. Es gibt Arbeiten, die zu Produkten und Dienstleistungen führen und die sich gut kaufen und verkaufen lassen, weil sie zu einer Verzinsung des Kapitals führen. Und es gibt eine Vielzahl von Arbeiten, mit denen man das nicht kann, die Arbeit im Haushalt, Erziehung der Kinder, Ehrenämter, etc. Daran haben Unternehmer kein Interesse, für sie sind das nur Kosten.

Die Trennlinie zwischen diesen beiden Tätigkeitsklassen verlief früher parallel zur Trennlinie zwischen den Geschlechtern, weil Männer mehr Körperkraft haben und Frauen die Kinder gebären und aufziehen und sich bevorzugt um sonstige familiäre Dinge kümmern. Da nach der Kapitallogik bezahlte Tätigkeiten einen höheren Wert haben als unbezahlte, äußert sich der Kampf um Gleichberechtigung als der Kampf um den Eintritt der Frauen in die Erwerbsarbeit. Wenn man so will, sind die Feministinnen ironischerweise damit die treuesten Anhänger des Kapitalismus. Sie verlängern durch ihren massenhaften Eintritt in die Arbeitswelt dessen weitere Existenz. (Und Frau Herman ist nun der Meinung, dass der Preis von der nachfolgenden Generation bezahlt wird, durch zahlenmäßig weniger und charakterlich verkorkste Kinder. Die ökonomische Logik dahinter sieht sie sicher nicht. Aber sie betreibt praktische Kapitalismuskritik.)

Wenn man dieser Logik aber nicht folgt und z.B. der Erziehung von Kindern und häuslicher Arbeit ebenfalls einen hohen Wert zumisst, weil sie ja für den Erhalt der menschlichen Spezies absolut unverzichtbar sind, dann verschwindet die von den Frauen so empfundene Ungleichheit und Ungerechtigkeit sofort. Es ist schon sehr paradox, dass sich in diesem Punkt das konservative und das postkapitalistische Modell decken.

Eine zentrale Frage ist jetzt, wie man den Druck dieser Kapitallogik innerhalb der sogenannten Martkwirtschaft mindern kann und damit etwas in Richtung einer echten Gleichberechtigung tut, nicht nur zwischen Männern und Frauen, sondern generell zwischen allen Menschen. Für mich ist deshalb die Idee des Grundeinkommens so attraktiv, weil sie in der praktischen Konsequenz bisher bezahlte Tätigkeiten abwertet und bisher unbezahlte aufwertet. Es hat zum Beispiel für die Gruppe der "Hausfrauen" denselben Effekt wie das früher diskutierte "Hausfrauengehalt" – es führt zu einer Aufwertung dieses Berufs, weil unsere ganze Gesellschaft so funktioniert, dass alle (viele unbewusst) glauben, ein Mensch mit höherem Einkommen würde mehr leisten.
Peter Viehrig - 16. August, 07:40

Ein paar Einsprüche

@Köppnick

Ich hatte lange befürchtet, daß wir einmal aneinandergeraten, und deshalb hatte ich es bisher vermieden, auf Ihrem Blog zu kommentieren. Aber Ihre in Ihrem letzten Kommentar geäußerten (aber auch die sich zwangsläufig aus dem vorstehenden ergebenden) Thesen und Ansichten, können nicht unwidersprochen bleiben.

1) Tiere, Arbeit und Marx

"Marx geht davon aus, dass jeder Mensch ein Bedürfnis hat, etwas Sinnvolles zu tun, also zu arbeiten. (Das steckt in unseren Genen drin, denn alle Menschen bisher haben gearbeitet, Tiere "arbeiten" in diesem Sinne auch.)"

Marx für die These herzunehmen, daß Tiere in diesem Sinne auch arbeiteten, ist ziemlich gewagt, um nicht zu sagen, das ist genau falsch:

Marx schreibt:"Aber das Dasein von Rock, Leinwand, jedem nicht von Natur vorhandnen Element des stofflichen Reichtums, mußte immer vermittelt sein durch eine spezielle, zweckmäßig produktive Tätigkeit, die besondre Naturstoffe besondren menschlichen Bedürfnissen assimiliert. Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln. ... Alle Arbeit ist einerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn und in dieser Eigenschaft gleicher menschlicher oder abstrakt menschlicher Arbeit bildet sie den Warenwert. Alle Arbeit ist andrerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft in besondrer zweckbestimmter Form, und in dieser Eigenschaft konkreter nützlicher Arbeit produziert sie Gebrauchswerte."(Das Kapital, 1.Bd., 1.Kap. "Die Ware")

Später schreibt er noch: "Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit. Wir haben es hier nicht mit den ersten tierartig instinktmäßigen Formen der Arbeit zu tun. Dem Zustand, worin der Arbeiter als Verkäufer seiner eignen Arbeitskraft auf dem Warenmarkt auftritt, ist in urzeitlichen Hintergrund der Zustand entrückt, worin die menschliche Arbeit ihre erste instinktartige Form noch nicht abgestreift hatte. Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört.
Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht daß er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen unterordnen muß. Und diese Unterordnung ist kein vereinzelter Akt. Außer der Anstrengung der Organe, die arbeiten, ist der zweckmäßige Wille, der sich als Aufmerksamkeit äußert, für die ganze Dauer der Arbeit erheischt, und um so mehr, je weniger sie durch den eignen Inhalt und die Art und Weise ihrer Ausführung den Arbeiter mit sich fortreißt, je weniger er sie daher als Spiel seiner eignen körperlichen und geistigen Kräfte genießt."
(Das Kapital, 1.Bd., 5.Kap., "Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß")

Es sollte deutlich geworden sein, daß Tiere in diesem Sinne also nicht arbeiten, schon gar nicht für Marx. Und lassen Sie uns auf eventuelle Spitzfindigkeiten, wie drahtumformende Krähen und stöckchenmachende Schimpansen es vereinzelt als Grenzfall sein möchten, verzichten. Marx hatte diese gewiß nicht im Sinne.

2) Arbeit und Kapital

"Im Kapitalismus werden die Tätigkeiten nun nach ihrem Verhältnis zum Kapital unterschieden. Es gibt Arbeiten, die zu Produkten und Dienstleistungen führen und die sich gut kaufen und verkaufen lassen, weil sie zu einer Verzinsung des Kapitals führen. Und es gibt eine Vielzahl von Arbeiten, mit denen man das nicht kann, die Arbeit im Haushalt, Erziehung der Kinder, Ehrenämter, etc. Daran haben Unternehmer kein Interesse, für sie sind das nur Kosten."

Ihre Ansichten kranken, woran die meisten Marxisten kranken, es ist dem Marxismus sozusagen immanent (um eines der häufig vorzufindenden Schlagwörter zu gebrauchen): Im steten Bemühen einer Analyse einer Gesellschaft, reduzieren diese die Bürger einer Gesellschaft auf Mitglieder derselben, diese dann wieder zu Funktionsträgern oder funktionalen Gliedern (vorzugsweise und besonders exzessiv betreiben sie dies beim Kapitalismus). Anschließend vergißt man den Schritt zurück zur Gesamtsicht und verkennt dabei, daß deren Systematik zwar hilfsweise zur Beschreibung einer gesellschaftlichen Mechanik funktionieren mag (als Modell, als Veranschaulichung), letztlich aber einer Gesellschaft nicht gerecht wird, nicht gerecht werden kann, weil sie eine menschliche Gesellschaft ist und bleibt. Gerade in einer demokratisch organisierten kapitalistischen Gesellschaft wird dies beim Abgleich mit der Theorie deutlich. Der Arbeiter (freie Person, die über ihre Arbeitskraft als Ware verfügt und frei von Produktionsmitteln ist = doppelt frei) ist nicht nur Arbeiter, sondern Bürger. Der Unternehmer (Eigner der Produktionsmittel und Aneigner des damit durch den Arbeiter geschaffenen Mehrwertes = Kapitalist, buhuu!) ist eben nicht nur Unternehmer, sondern ebenfalls Bürger. Beide treten notwendigerweise nicht nur in ihrer Rolle als Funktionsglieder einer Gesellschaft in Erscheinung, ihre Wirkung geht darüber hinaus: Weil sie Menschen sind, und weil sie in der demokratisch organisierten kapitalistischen Gesellschaft freier (auch menschlich freier) sind, als sie es in jedem anderen Gesellchaftssystem nach der Urgesellschaft (einschließlich des Sozialismus) je waren.

In jeder Gesellschaft (-sordnung) werden ganz notwendigerweise die Tätigkeiten, die ein Mensch verrichtet, unterschieden. Zunächst nach ihrer unmittelbaren gesellschaftlichen Relevanz, und nicht nach ihrem Verhältnis zum Kapital. Gelten die Tätigkeiten, die ich ausführe, mir und den meinen? Dann haben sie erstmal nur eine geringe gesellschaftliche Relevanz. Dazu zählen praktisch alle Formen von Arbeiten im und für den eigenen Hausstand, einschließlich der Erziehung der eigenen Kinder. Daß sich daraus (also infolge!) wiederum eine gesellschaftliche Relevanz ergibt, steht dem nicht entgegen, dies ist eine zwangsläufige Begleiterscheinung, wenn ich als menschliches Wesen auf eine Existenz als Eremit verzichte und Teil einer menschlichen Gesellschaft gleich welchen Systems werde. Die Arbeit ist nicht auf die Gesellschaft gerichtet, sie dient zuerst mir und den meinen. Die Gesellschaft schuldet mir zunächst einmal garnichts! Kein Hausfrauengehalt, kein Grundeinkommen!

Im Kapitalismus nun, der sogenannten und tatsächlich seienden Marktwirtschaft, wird eine auf die Gesellschaft gerichtete Tätigkeit (Arbeit) zur Ware. Sie wird handelbar und auch gehandelt, weil sie für andere Gebrauchswerte schafft, sie erfährt durch ihren Gebrauchswert und ihren Handel ihren Tauschwert (= Äquivalentwert). Erst jetzt tritt mittels des Geldes als Transmitter für den Tauschwert das Geld und somit im Kapitalismus auch das Kapital in Erscheinung. Durch den Gebrauchswert meiner Arbeit schaffe ich den Tauschwert, da ich aber aus Vereinfachungs- und Handhabbarkeitsgründen auf den direkten Warentausch verzichte, akzeptiere ich im Tausch das Geld, statt mir ein Zwanzigstel eines Mopeds, einen Laib Brot, fünf Eier usw. aushändigen zu lassen.

Nun gibt es aber Menschen, die keine Gebrauchswerte schaffen können, weil sie zu alt, zu jung, zu krank, zu schwach sind. Oder weil es bereits genug der Gebrauchswerte gibt, die diese mir und anderen zum Tausch anbieten könnten. Weder ich als Arbeiter noch der Unternehmer als Kapitalist haben folglich ein Interesse am Tausch. Jetzt kommt die Gesellschaft ins Spiel: Will diese nämlich diesen Menschen dennoch Teile der geschaffenen Gebrauchswerte zukommen lassen, so bedeutet "das nur Kosten", und zwar für die Gesellschaft als Ganzes, da sie dafür kein oder nur ein unzureichendes Äquivalent erhält. Daß die Gesellschaft immer wieder zu dem Ergebnis kommt, diesen Menschen trotzdem Gebrauchswerte zukommen zu lassen, beweisen die zahlreichen staatlichen, aber auch die vielen privat organisierten Transfersysteme. Bei letzteren tritt auffallend häufig der Unternehmer als Bürger in Erscheinung, der damit regelmäßig beweist, daß das für ihn durchaus nicht "nur Kosten" sind.

"Da nach der Kapitallogik bezahlte Tätigkeiten einen höheren Wert haben als unbezahlte..."

Dieser Quark (Entschuldigung) ist nun hoffentlich hinreichend geradegerückt. Zur Sicherheit nochmal zusammenfassend: Arbeit schafft Gebrauchswerte, werden diese der Gesellschaft angeboten, erfahren sie einen gesellschaftlichen Wert, daraus folgt der Tausch- oder Äquivalentwert und somit Geldwert. Tätigkeit wird bezahlt, weil sie einen gesellschaftlichen (Gebrauchs-)Wert schafft. Unbezahlte Tätigkeit ist unbezahlt, weil sie keinen gesellschaftlichen Wert in diesem Sinne enthält, weil das gesellschaftliche Äquivalent fehlt, aus welchen Gründen auch immer, es werden durch diese Tätigkeit keine gesellschaftlichen Gebrauchswerte geschaffen!

"Wenn man so will, sind die Feministinnen ironischerweise damit die treuesten Anhänger des Kapitalismus. Sie verlängern durch ihren massenhaften Eintritt in die Arbeitswelt dessen weitere Existenz."

Stell' Dir vor, es ist Kapitalismus und keiner macht mit!

Jede Gesellschaftsordnung hörte auf zu existieren, wenn keine Menschen mehr in die Arbeitswelt einträten. Wären doch die Leibeigenen im Mittelalter einfach nicht in die Arbeitswelt eingetreten, schon wäre es vorbei gewesen mit dem Feudalismus! Das wäre ganz fix gegangen! Gleichzeitig wären natürlich die betreffenden Menschen ausgestorben, die paar übriggebliebenen wären in der Urgesellschaft gelandet. Wären die dann auch ausgetreten, dann hangelten die spärlichen Reste der gewesenen Menschheit wieder von Baum zu Baum...

Ich werfe den Feministinnen vieles vor, vor allem solchen Schreckschrauben a la Schwarzer. Aber gerade nicht, daß sie sich für einen verstärkten Eintritt der Frauen in die Erwerbsarbeit einsetzen. Und für einen Marxisten sollte eigentlich systemlogisch sein, daß ein massenhafter Eintritt von Frauen in das Erwerbsleben den Kapitalismus schneller seinem finalen Ende zuführen sollte. Also das genaue Gegenteil des von Ihnen behaupteten. Ich entsinne mich noch an Zeiten, da behauptete mein Lehrer für "Staatsbürgerkunde", daß das massenhafte Ausgliedern von Frauen aus dem Erwerbsarbeitsprozeß den Niedergang des Kapitalismus nur verzögern, aber niemals verhindern könne. Irgendwann würde die Arbeitslosigkeit infolge der zunehmenden Rationalisierung auch die Männer immer mehr erfassen und nicht mehr durch Hausfrauen verdeckt und dadurch wegdelegiert werden können. Nun ist es also andersherum. Na gut. Hauptsache er ist so pervertiert, daß seine Fähigkeit zu Selbsterhaltung schon selbst Audruck seines Niedergangs ist, sein muß, immer sein wird. Wissenschaftlich bewiesen!

Und in der täglichen Wirklichkeit widerlegt. Täglich neu.


Jetzt habe ich zu Herman/Dorn/Schwarzer noch nichts gesagt. Aber um ehrlich zu sein: Mich verlassen gerade meine Kräfte. Ich brauche eine Pause, ein Cigarillo, einen Kaffee und noch eine Mütze Schlaf.

Köppnick - 16. August, 08:39

@Peter Viehrig

Danke für diesen Kommentar. Sie brauchen nicht zu befürchten, mit mir aneinander zu geraten. Es ist ja nun nicht so, dass ich nicht an neuen Erkenntnissen oder Sichtweisen interessiert bin. Mit ihren längeren Ausführungen über den Bürger haben Sie Recht, man darf es sich nicht zu einfach machen bei einer Analyse. Nur eins: Ich würde mich nicht als Marxisten bezeichnen, jedenfalls nicht als einen solchen aus dem Stabüunterricht.
Köppnick - 16. August, 16:07

Ich musste erst eine ganze Weile nachdenken, bis mir eine Reihe von Dingen eingefallen sind, in denen ich nicht mit Ihnen übereinstimme. Aber zunächst mal ist unbestritten, dass der heutige Kapitalismus besser funktioniert als alle vorherigen Gesellschaftsformen. Dann stimme ich auch zu, dass diese Wirtschaftsform besser funktioniert als die gerade untergegangene. Ich habe auch nirgends anderes geschrieben. Und ebenfalls Zustimmung zu der These, dass die Freiheiten des Einzelnen heute größer sind als jemals zuvor (dazu weiter unten aber mehr).

Arbeiter, Unternehmer und Bürger (mir gefällt Mensch als Wort besser): Es war ja auch von Kapitallogik und nicht von Kapitalistenlogik die Rede. Es ist doch besser, wenn eine gesellschaftliche Rolle kritisiert wird und nicht lebende Personen. Darum heißt es ja auch "Akkumulation des Kapitals", weil es ein objektiver Prozess ist, der unabhängig vom Willen des Einzelnen abläuft. Aber eigentlich trifft mich die Kritik nicht: Ich weiß keine bessere Wirtschaftsform und will den Betreffenden schon gar nicht physisch ans Leder. Und ich habe auch nicht den einzelnen Unternehmer wegen charakterlicher Fehlleistungen o.ä. angegriffen!

Freiheit und Ungerechtigkeit: Natürlich ist die durchschnittliche Freiheit eines Menschen heute größer, und man kann sogar ein Maß dafür angeben: Die Menge der Dinge, der er tun oder lassen kann. Beispiel: Früher konnten sich nur wenige eine Kutsche leisten, heute viele ein Auto. Diese Art der Freiheit (andere brauchen wir nicht zu betrachten, weil sie vom Menschsein in der jeweils vorhandenen Gesellschaft bestimmt und damit für alle gleich gewachsen ist) hängt vom Besitz ab. Wer mehr besitzt, hat größere Freiheiten. Beispiel: Wenn ich Geld für zwei Autos habe, kann ich zwei, ein oder gar keins kaufen. Wenn ich Geld für nur eins habe, ist die Zahl meiner Möglichkeiten kleiner. Mit diesem Mehr an Geld (an Freiheit) ist zugleich ein Mehr an Macht verbunden. Wenn ich eine Firma besitze, kann ich Tausenden kündigen, wenn ich keins habe, kann ich nur (mir) selbst kündigen. Und die heutige Gesellschaft kann auch zugleich im Mittel freier und im Mittel ungerechter als frühere Ordnungen sein, wenn man als Maß der Ungerechtigkeit die Differenz zwischen der größten und der kleinsten "Freiheit" verwendet.

Arbeitsteilung, Marktwirtschaft, Kapitalismus: Marktwirtschaft ist älter als Kapitalismus, fast so alt wie die Arbeitsteilung. Wenn ich nicht mehr alles selbst produziere, muss ich von dem, was ich produziere, mehr herstellen und später gegen etwas von mir Benötigtes tauschen. Kapitalismus als Marktwirtschaft zu bezeichnen, ist irreführend und euphemistisch, weil es die tatsächlichen Verhältnisse verschleiert.

Aber jetzt zum Eigentlichen, für das diese lange Einleitung benötigt wurde: Es heißt, Marktwirtschaft funktioniert über Angebot und Nachfrage und wird durch die Bedürfnisse der Menschen gesteuert. Tatsächlich ist es aber so, dass nicht alle gleichberechtigt agieren können, sondern die mit mehr Geld (d.h. mit mehr Freiheit und mehr Macht) haben mehr Einfluss. Wer legt also die gesellschaftliche Relevanz einer Tätigkeit fest, wenn nicht die, die etwas kaufen könn(t)en? Wenn die "Reichen" (ich weiß, eine problematische Vereinfachung) der Meinung sind, die Zustände in den städtischen Pflegeheimen tangieren sie nur peripher, dann werden die Pflegekräfte auch in Zukunft schlecht bezahlt – oder die Pflege wird gleich ins Private gedrängt, ist ja keine gesellschaftliche Aufgabe.

Das Problem, das ich damit verbundenen sehe, ist die fehlende demokratische Legitimation dieser Form von Macht. Sie haben selbst geschrieben, dass der Kapitalzuwachs (=Freiheit, =Macht) auf der Arbeit anderer Menschen beruht – über die dann später damit noch weitreichendere private Entscheidungen getroffen werden können.
Die Gesellschaft schuldet mir zunächst einmal garnichts! Kein Hausfrauengehalt, kein Grundeinkommen!
Das habe ich nicht verstanden. Bis jetzt bin ich davon ausgegangen, dass es ein Recht auf Leben gibt (so begründet jedenfalls Götz Werner seinen Ansatz). Aus diesem Recht des Einzelnen ergibt sich zweitens die Pflicht der Gesellschaft und drittens daraus wiederum die Pflicht des Einzelnen, mit seinen Kräften zur Erfüllung dieses Zieles beizutragen. Alles was der Einzelne an Kräften dann noch übrig hat, steht in seiner Freiheit, verwendet zu werden wie er möchte. Konkret wird das mit dem Steuersystem in jedem Staat der Welt so realisiert. Das Grundeinkommen und die ebenfalls vorgeschlagene radikale Vereinfachung des Steuersystems bescheren uns ja nicht das Paradies auf Erden (auch wenn es vielleicht viele Steuerfachleute überflüssig machen könnte), sondern es fasst verschiedenste Förder- bzw. Steuertöpfe zu einigen wenigen zusammen.
Stell' Dir vor, es ist Kapitalismus und keiner macht mit!...
Das und der ganze folgende Absatz sind nur lächerlich machende Polemik, die das zuvor von Ihnen Geschriebene wieder negieren: Dass die Gesellschaft aus einzelnen Menschen besteht, die mit ihrem Willen manchmal durchaus etwas zu ändern in der Lage sind - aber meistens dem Willen vieler anderer und darunter einigen wenigen Mächtigen ausgeliefert sind.

Als Zusammenfassung vielleicht ein Bonmot: Der Optimist freut sich: "Wir leben in der besten aller Welten." Der Pessismist denkt traurig: "Wahrscheinlich hat er recht."
Peter Viehrig - 20. August, 10:24

Erwiderung

Vielen Dank für die umfangreiche Antwort. Und um mir den Einstieg in eine Erwiderung zu erleichtern, werde ich diese in rückwärtiger Richtung "abarbeiten".
Zunächst also:

"Als Zusammenfassung vielleicht ein Bonmot: Der Optimist freut sich: 'Wir leben in der besten aller Welten.' Der Pessismist denkt traurig: 'Wahrscheinlich hat er recht.'"

Lassen Sie mich Ihrem Bonmot noch den Realisten hinzufügen: "Es ist noch viel zu tun, und erfahrungsgemäß kommt der Optimist dabei besser voran."

I.

"'Stell' Dir vor, es ist Kapitalismus und keiner macht mit!...'

Das und der ganze folgende Absatz sind nur lächerlich machende Polemik..."


Das ist zugegebenermaßen Polemik, aber keineswegs "nur". Denn:

"...die das zuvor von Ihnen Geschriebene wieder negieren: Dass die Gesellschaft aus einzelnen Menschen besteht, die mit ihrem Willen manchmal durchaus etwas zu ändern in der Lage sind - aber meistens dem Willen vieler anderer und darunter einigen wenigen Mächtigen ausgeliefert sind."

Mitnichten negiere ich mit ihr das zuvor von mir geschriebene. Vielmehr wollte ich damit überspitzt folgendes deutlich machen: Wenn ich gerne arbeite, bin ich noch kein Änhänger eines Systems, einer Gesellschaftsordnung usw. (Einmal ganz davon abgesehen, daß mir nicht aufgeht, was daran "ironischerweise" sein soll, eine AnhängerIN des Kapitalismus zu sein, als ob die Befürwortung einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung etwas geschlechtsspezifisches sei und mit dem Eintreten für vermeintlich unterdrückte Frauenrechte kollidieren müsse.)
Ich habe in der DDR gearbeitet. Teilweise habe ich sogar gerne gearbeitet! Aus dieser Konstellation abzuleiten, daß ich ein Anhänger des Sozialismus gewesen sei (Sollten Sie das ernsthaft glauben, so protestiere ich ganz entschieden!), und nun, weil ich noch immer gerne arbeite, auf eine Anhängerschaft zum Kapitalismus zu schließen, ist schlicht absurd. Dies gölte auch, wenn ich mich darüber hinaus für eine verstärkte Erwerbstätigkeit einer bestimmten Personengruppe (wie dies in diesem Fall die Feministinnen bei Frauen tun) einsetzte.
Des weiteren wollte ich aufzeigen, wohin Ihre Logik führt, wenn man ihr bis zum Ende folgt. Das scheint mir mißlungen zu sein. Deshalb noch einmal in anderen Worten, ohne Polemik:

Will ich eine Gesellschaft verändern, muß ich ein Teil von ihr sein. Bin ich das nicht, ziehe ich mich mit einer Gruppe aus ihr zurück, warum auch immer, so verändere ich gewiß meine persönlichen Gegebenheiten und die der betreffenden Gruppe, keineswegs aber die Gesellschaft selbst. Übrigens hat die Welt genug der Beispiele gesehen, in denen derart abgekapselte Gruppen sich in feudalen oder sogar vorfeudalen (bis hin zur Sklaverei) Verhältnissen wiederfanden. Die Umgestaltung der Gesellschaft gelänge erst, wenn die Gruppe eine bedeutsame Größenordnung erreichte. Die Folge daraus wäre aber noch nicht ein gesellschaftlicher Fortschritt, sondern zunächst das Gegenteil. Dies wollte ich mit meinem Beispiel der Leibeigenen deutlich machen. Um es auf unsere Zeit zu übertragen: Stiegen alle Erwerbstätigen aus ihrer Erwerbsarbeit aus, so würde der Kapitalismus tatsächlich sofort zusammenbrechen. Es würde daraus aber kein gesellschaftlicher Fortschritt erwachsen. Wie auch? Binnen weniger Tage würden große Teile der Bevölkerung an Hunger und Durst leiden, verelenden und schließlich sehr bald zugrunde gehen. Ein geringer Prozentsatz würde überleben und sehr wahrscheinlich die Geschichte der Menschheit in ihren wesentlichen Grundzügen wiederholen. Abhängig von der Stringenz des Ausstiegs der Erwerbstätigen aus dem Kapitalismus, oder vielmehr, abhängig vom Zeitpunkt, wann sich die Erkenntnis von der Unsinnigkeit dieses "Versuchs" in der überlebenden Bevölkerung durchsetzte, würde der Rückschritt mehrere Jahrzehnte bis mehrere Jahrtausende Menschheitsentwicklung betragen.

Ihre These also:

"Wenn man so will, sind die Feministinnen ironischerweise damit die treuesten Anhänger des Kapitalismus. Sie verlängern durch ihren massenhaften Eintritt in die Arbeitswelt dessen weitere Existenz."

und das, was sie impliziert, ist einerseits absurd, andererseits frauen- und kurioserweise (und für mich als Mann wichtiger) auch männerfeindlich. Und dort, wo sie stimmt, führte sie zu keinesfalls wünschbaren Ergebnissen, wenn man ihr folgte.
  • Jeder Mensch, der arbeitet, stützt notwendigerweise zunächst einmal die Gesellschaftsordnung, in welcher er arbeitet. Es ist aber falsch, aus der Tatsache, daß er gerne arbeitet, eine Anhängerschaft zu dieser zu postulieren. Daraus folgt, daß keiner, der eine Teilhabe möglichst vieler am Erwerbsleben anstrebt, ein Anhänger der jeweiligen Gesellschaftsordung sein muß.
  • Feministin und gleichzeitig Anhängerin des Kapitalismus zu sein, ist kein logischer Widerspruch. Anderes zu behaupten oder zu erwarten, ist, je nach Blickwinkel, frauenfeindlich oder männerfeindlich oder beides zugleich.
  • Der Umkehrschluß aus Ihrer These, nämlich eine Gesellschaftsordnung durch einen massenhaften Ausstieg aus der Erwerbsarbeit destabilisieren zu können, ist zwar richtig, führte aber bei seiner Umsetzung zu gesellschaftlicher Agonie, nicht zu gesellschaftlichem Fortschritt.
II.

"'Die Gesellschaft schuldet mir zunächst einmal garnichts! Kein Hausfrauengehalt, kein Grundeinkommen!'

Das habe ich nicht verstanden. Bis jetzt bin ich davon ausgegangen, dass es ein Recht auf Leben gibt (so begründet jedenfalls Götz Werner seinen Ansatz). Aus diesem Recht des Einzelnen ergibt sich zweitens die Pflicht der Gesellschaft und drittens daraus wiederum die Pflicht des Einzelnen, mit seinen Kräften zur Erfüllung dieses Zieles beizutragen."


Götz Werner ist mir nicht bekannt. Das mag ein Versäumnis meinerseits sein. Aber, ganz abgesehen davon, Sie unterstellen Voraussetzungen, die nicht automatisch gegeben sind. Außerdem stelle ich das Recht auf Leben in keiner Weise in Frage. Ich widerspreche aber Ihrem postulierten Automatismus:

Recht auf Leben = Recht auf Grundeinkommen

(Und bevor Sie mich unaussprechlicher sozialer Kälte zeihen, ich bin kein grundsätzlicher Gegner der diversen Transfersysteme in Deutschland.) Mein Ansatz war ein abstrakter, nämlich Ihr ungenauer Wertbegriff in Ihrer Aussage "Im Kapitalismus werden die Tätigkeiten nun nach ihrem Verhältnis zum Kapital unterschieden. Es gibt Arbeiten, die zu Produkten und Dienstleistungen führen und die sich gut kaufen und verkaufen lassen, weil sie zu einer Verzinsung des Kapitals führen. Und es gibt eine Vielzahl von Arbeiten, mit denen man das nicht kann, die Arbeit im Haushalt, Erziehung der Kinder, Ehrenämter, etc.", die ist schlicht falsch, weil sie eine falsche Reihenfolge unterstellt. Zuerst kommt der Wert (systemunabhängig und unabhängig von Moralbegriffen), später "sattelt" das Kapital darauf auf, nicht umgekehrt. Um das zu verdeutlichen, habe ich zunächst den sehr gut brauchbaren Wertbegriff von Marx vereinfacht hergeleitet. Und daraus wiederum folgt (eher beiläufig, als Nebenerkenntnis gewissermaßen): Die Tatsache allein, daß ich mir den Hintern abwische, mich dusche, gelegentlich die Fenster meiner Wohnung reinige usw., ergibt kein Anrecht meinerseits auf eine Alimentierung durch die Gesellschaft. Nichtmal ein moralisches. Dies widerspricht auch nicht dem Recht auf Leben.
Und ich bin tatsächlich gegen eine Alimentierung, die einzig darauf beruhte, daß jemand seine eigenen Bedürfnisse und die der seinen befriedigt. Überspitzt formuliert: Warum sollte ein thailändischer Bauer die ach so unterdrückte deutsche Hausfrau unentgeltlich mit Reis versorgen? Weil sie dann die Zeit findet, nach einem stundenlangen Schminkritual, das ihr dieser sie knechtende Tyrann von Ehemann für seinen maximalen Lustgewinn aufzwingt, bei dem sie sorgfältig alle Lachfalten vermeiden mußte, und nach der täglichen Großdesinfektion ihres Hausstandes, um endlich ihre Badkacheln mit Blümchenmustern zu verzieren? Versorgen samt der schier endlosen Batterien an Duftwässerchen, an Färb-, Schmink- und Reinigungsutensilien bis hin zum Auto-Antennen-Pflegetüchlein (Sowas gibt 's wirklich!) für ihren Dritt-Golf?
Ok, nicht der thailändische Bauer. Aber ich, gell? Und mein Chef natürlich, dieser parasitäre Blutsauger! Einzig aufgrund der Tatsache, daß sie lebt, daß es sie gibt? Vergessen Sie 's! Ich versorge sie nicht, weil ich solche Lebensweisen nicht noch züchten will. Und mein Chef versorgt schon eine daheim, die ihm vermutlich auch reicht.
Ich begrüße es also ausdrücklich, wenn Feministinnen dafür eintreten, daß Frauen sich ihr BOTOX selbst erarbeiten, und dafür, daß sie am besten gleich ganz darauf verzichten.

III.

"Es heißt, Marktwirtschaft funktioniert über Angebot und Nachfrage und wird durch die Bedürfnisse der Menschen gesteuert. Tatsächlich ist es aber so, dass nicht alle gleichberechtigt agieren können, sondern die mit mehr Geld (d.h. mit mehr Freiheit und mehr Macht) haben mehr Einfluss. Wer legt also die gesellschaftliche Relevanz einer Tätigkeit fest, wenn nicht die, die etwas kaufen könn(t)en? Wenn die "Reichen" (ich weiß, eine problematische Vereinfachung) der Meinung sind, die Zustände in den städtischen Pflegeheimen tangieren sie nur peripher, dann werden die Pflegekräfte auch in Zukunft schlecht bezahlt – oder die Pflege wird gleich ins Private gedrängt, ist ja keine gesellschaftliche Aufgabe."

Ich muß erneut auf den fehlerhaften Wertbegriff verweisen. Über die gesellschaftliche Relevanz der Pflege entscheidet zuerst der Gepflegte! Vielleicht wird es deutlicher, wenn ich es auf ein konkretes Beispiel herunterbreche: Noch vor zweihundert Jahren unterschied sich eine Dorfgemeinschaft in Deutschland nur unwesentlich von noch heute bestehenden Dorfgemeinschaften in Afrika. Klimatische Gegebenheiten meine ich damit nicht, sondern strukturelle. Wurde der Bauer alt, ließen seine Kräfte soweit nach, daß er seinen Hof nicht mehr bestellen konnte, so trat er den wesentlichen Teil davon bereits vor seinem Tode an seinen Erbfolger ab, zog sich auf das Altenteil zurück, das aus einem kleinen Rest seines ursprünglichen Hofes bestand. Für diese Vorzeitigkeit versorgte und pflegte ihn im Gegenzug der Erbfolger bis zum Erbfall, also Tode. Die Pflege war privat und basierte auf einem privaten Generationenvertrag, der seinerseits auf geschaffenen Gebrauchswerten (Bauerngehöft, Acker, Saatgut, Vieh- und Baumbestand etc.) aufbaute.

Entgegen Ihrer Behauptung ist die Entwicklung bezüglich der Pflege genau umgekehrt, sie wurde und wird immer mehr vergesellschaftet. Dies wird durch aufwendige Transfersysteme erreicht, für die sich die Gesellschaft entschieden hat. Es ist unstrittig, daß die Zustände in den öffentlichen Pflegeanstalten sehr zu wünschen übrig lassen, häufig sogar katastrophal sind. Aber zuallererst ist die Pflege tatsächlich keine gesellschaftliche Aufgabe.
Gesellschaftliche Relevanz der Pflege wird dadurch bestimmt, daß der Gepflegte seinerseits Gebrauchswerte schafft oder in diesem Falle geschaffen hat. Fehlen diese Gebrauchswerte, so fehlt auch die gesellschaftliche Relevanz seiner Pflege. Erst eine gemeinschaftlich oder gesellschaftlich organisierte Umverteilung hebt diese Privat- und Wertbindung auf. Der Bauer vom Nachbarhof hat eigentlich keinen Grund und auch keine Verpflichtung, den hiesigen Alten zu versorgen und dafür seine Scholle zu verlassen. Tut er es dennoch, dann deshalb, weil er zusammen mit den anderen Bauern der Dorfgemeinschaft entschieden hat, es anders zu organisieren. Er durchbricht damit die Wertbindung und ersetzt sie durch eine moralische. Diese muß aber ihrerseits wieder wertgebunden organisiert werden, sonst bricht sie zusammen.

Daß nicht alle gleichberechtigt agieren können, würde ich nur insoweit bestreiten, daß der rechtliche Status als Marktteilnehmer bei allen genau gleich ist. Jedenfalls in einer demokratisch verfaßten kapitalistischen Gesellschaft. Die Möglichkeiten werden nur durch die Menge der Gebrauchswerte begrenzt, die ich anbiete und anbieten kann.

IV.

"Und die heutige Gesellschaft kann auch zugleich im Mittel freier und im Mittel ungerechter als frühere Ordnungen sein, wenn man als Maß der Ungerechtigkeit die Differenz zwischen der größten und der kleinsten "Freiheit" verwendet."

Ganz entschiedener Einspruch! Auch wenn ich Ihre Definition von Freiheit zugrunde lege, ist diese These falsch.

Der Kauf und Verkauf von Menschenleben (Sklaverei und Leibeigenschaft) ist zumindest mit legalen Mitteln nicht möglich und gesellschaftlich auch zutiefst geächtet. Die heutige Gesellschaft ist also unfreier und gerechter, wenn ich Ihre Definition von Freiheit und Ungerechtigkeit anlege.

"Arbeiter, Unternehmer und Bürger (mir gefällt Mensch als Wort besser): Es war ja auch von Kapitallogik und nicht von Kapitalistenlogik die Rede."

Arbeiter und Unternehmer sind Begriffe, mit denen ich eine funktionale Rolle eines Menschen in einer Gesellschaft kennzeichne.
Mensch ist ein sehr umfassender Begriff, hingegen bringt der Begriff Bürger den Status als Rechtssubjekt in einer Gesellschaft zum Ausdruck, ein Sklave kann faktisch nur Rechtsobjekt in einer Gesellschaft sein. Menschen aber sind beide.

Schließlich:

" Nur eins: Ich würde mich nicht als Marxisten bezeichnen, jedenfalls nicht als einen solchen aus dem Stabüunterricht."

Kränken wollte ich Sie nicht, aber eine deutliche Kopfwäsche verabreichen schon. Also zur Klarstellung: Für so verstaubt, daß Sie zum Stabüunterricht tauglich wären, halte ich Sie auch nicht. Sollte dies so angekommen sein, so bitte ich Sie dafür um Entschuldigung.

Köppnick - 20. August, 12:00

Danke für den sehr ausführlichen Kommentar. Einige Ihrer Kritiken sind berechtigt oder regen mich wenigstens zum Nachdenken an. Nachdem wir uns unsere gegenseitigen Standpunkte so ausführlich klar gemacht haben, glaube ich eigentlich nicht, dass wir uns in unserem praktischen Handeln (also dem was geht und was nicht geht in unserer Gesellschaft) wesentlich unterscheiden.

Vielleicht nur noch ein paar Worte zum Grundeinkommen. Über Götz Werners Buch habe ich hier etwas geschrieben. Ich denke, es lohnt sich für Sie außerordentlich es zu lesen. Götz Werner ist Milliardär und ist oder war der Besitzer der Drogeriekette "DM". Das operative Geschäft hat er aber jetzt bestimmt schon an seinen oder seine Nachfolger abgegeben und tingelt durch Deutschland, um für die Idee des Grundeinkommens zu werben. Es ist nicht so, dass ich keine Zweifel an der praktischen Realisierung habe, aber die beiden theoretischen Grundprinzipien (für das Grundeinkommen auf der einen Seite und das Steuersystem auf der anderen) halte ich für gut bzw. interessant. Befürworter und Gegner finden sich in allen politischen Lagern, bei Der Linken natürlich, bei den Grünen ist ein entsprechender Grundsatzantrag letztens mit knapper Mehrheit gescheitert, aber auch in der CDU plädiert der MP von Thüringen, Herr Althaus, dafür. Das ist aber ein Indiz dafür, dass das gleiche oder ein ähnliches Konzept theoretisch unterschiedlich begründet und praktisch umgesetzt werden kann oder könnte.
Köppnick - 20. August, 17:21

Ich muss noch was loswerden, weil mich "Kopfwäsche" doch irritiert hat. Es lässt mich vermuten, es ginge ihnen um "richtig" oder "falsch" und nicht um die Suche nach guten Argumenten.

In unserem Land gibt es eine Vielzahl verschiedener Parteien, die zum Teil völlig gegensätzliche Vorschläge haben. Allen aber stehen dieselben Informationen zur Verfügung. Ich unterstelle mal, in allen Parteien gibt es gleich intelligente Leute, d.h. mögliche Denkfehler sind bei allen gleichverteilt. Dann ist die einzig sinnvolle Schlussfolgerung, dass die Bewertung der gleichen Fakten mit gleich guter Logik auf unterschiedlichen Welt- und Menschenbildern beruht, die nicht aus den aktuellen Fakten abgeleitet werden können.

Wenn wir also die Aussagen eines anderen kritisieren, dann können wir nur seine logischen Fehler wirklich als "falsch" bezeichnen. Alles andere ist nicht "wahr" oder "falsch" in seinem Weltbild, sondern nur inakzeptabel in unserem eigenen. Eine fundamentale Kritik ist erst erlaubt, wenn die Schlussfolgerungen aus seinem Weltbild zu einer Gesellschaft führen, die für die überwiegende Zahl aller Menschen signifikant schlechter als die jetzige ist – obwohl auch dabei Vorsicht geboten ist, weil die Bewertung, was und ob es schlecht ist, zwangsläufig unter dem Blickwinkel der eigenen Weltanschauung erfolgt.

Zum Pflegebeispiel, dieses Mal ganz konkret. Zu Beginn des letzten Jahres haben wir für meinen Vater ein Pflegeheim gesucht. Ein Kriterium war die räumliche Nähe zum Wohnort meiner Mutter, die nicht gut zu Fuß ist und keine Fahrerlaubnis besitzt. Aber das KO-Kriterium war der Preis des Heimplatzes. Einige sehr gute Pflegeheime in unmittelbarer Nähe kamen nicht in Frage, weil wir sie nicht bezahlen konnten. Nehmen wir den Abschnitt
Über die gesellschaftliche Relevanz der Pflege entscheidet zuerst der Gepflegte!
-snip, alles logisch-
Daß nicht alle gleichberechtigt agieren können, würde ich nur insoweit bestreiten, daß der rechtliche Status als Marktteilnehmer bei allen genau gleich ist. Jedenfalls in einer demokratisch verfaßten kapitalistischen Gesellschaft. Die Möglichkeiten werden nur durch die Menge der Gebrauchswerte begrenzt, die ich anbiete und anbieten kann.
Nein! Es entschieden in diesem Fall nicht die Bedürfnisse des zu Pflegenden oder seiner Angehörigen, sondern deren Bonität. Der rechtliche Status ist irrelevant, da bei allen gleich. Ihren letzten Satz akzeptiere ich überhaupt nicht, vielleicht missverstehe ich ihn auch. Wessen Möglichkeiten werden da begrenzt? Nach meinem Weltbild ist das ungerecht, weil nach meinem Verständnis in der Bundesrepublik genügend Geld vorhanden ist, das man Vermögenderen nehmen kann, ohne deren Lebensqualität zu verschlechtern, die Lebensqualität vieler anderer aber damit verbessert wird.

An diesem Fall kann man sehr gut die Bedeutung von Weltbildern klar machen. Auf der einen Seite ist die Pflegesituation heute sehr viel besser als in der DDR. Auf der anderen Seite hätte das Vermögen des zu Pflegenden für ein DDR-Pflegeheim keine Rolle gespielt. Es sind also zwei vollkommen unterschiedliche Interpretationen desselben Sachverhalts möglich, es gibt kein "Wahr" und kein "Falsch" und ich akzeptiere auch keine "Kopfwäsche".

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Bitte mehr davon? Aus...
Bitte mehr davon? Aus meiner Sicht auf keinen Fall,...
Köppnick - 25. Dezember, 16:53
bitte mehr davon
Nimmersatt (Gast) - 25. Dezember, 15:33
lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
Fachwörter und deren...
Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
passend zu diesen erkenntnissen:
mit 3 freust du dich, wenn du keine windeln brauchst. mit...
la-mamma - 30. November, 19:43
Ich möchte Ihnen...
Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
Ich bilde mir ein, dass...
Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02