Eva Herman: Das Eva-Prinzip
Eva Hermans Thesen zur Emanzipationsbewegung und über eine "neue Weiblichkeit" haben heftige Reaktion in der Öffentlichkeit ausgelöst. Ich erinnere mich noch an die Talkshow, bei der Johannes B. Kerner sie zum Verlassen seiner Sendung aufgefordert hat. Damals hatte ich mir vorgenommen, ihr Buch im Original zu lesen, um mir selbst einen Eindruck zu verschaffen, denn bei einigen Medienleuten habe ich das Gefühl, dass sie ihr Urteil nicht aus dem gebildet haben, was Eva Herman selbst, sondern was andere über sie gesagt und geschrieben haben. Auf jeden Fall muss ihr ihr Anliegen ernst sein, denn sie hat heftige Emotionen und Widerstand einkalkuliert:
Die heftigen Emotionen machen deutlich: Wir sind noch längst nicht am Ende der Diskussion über den Feminismus angelangt. Wir fangen gerade erst an. Das, wofür er angetreten war, die Freiheit der Frau, ihr Anspruch auf ein erfülltes, selbstbestimmtes Leben, ist nicht eingelöst worden. Schlimmer noch: Wir stehen heute oft vor den Trümmern unserer Existenz, persönlich, gesellschaftlich und finanziell. Ehe und Familie sind bedroht, das Unbehagen und die Verunsicherung wachsen.Mein Eindruck auf den ersten Seiten war, dass einer der Hauptvorwürfe, die gedankliche Nähe zu NS-Gedankengut ("Mutterkreuz") falsch ist. Zudem kann man hier auch rein logisch argumentieren: Die Wahrheit oder Falschheit eines Arguments hängt nicht davon ab, wer es äußert. Das gilt für die Nazis, für Eva Herman und für jeden anderen. Was also sind ihre Kernthesen und welche Schlussfolgerungen zieht sie daraus? Über die Frauen schreibt sie:
Wir verdrängen gern, dass wir biologisch gesehen eine andere Rolle als Männer haben. Durch unsere von der Natur angelegte Unterschiedlichkeit der Geschlechter funktionieren wir anders, fühlen anders, lieben anderes und reagieren anders als Männer. Was aber tun wir, weil wir ja so emanzipiert und fortschrittlich sind? Wir orientieren uns stattdessen an der männlichen Rolle. Unsere emotionalen, "weichen" Eigenschaften, die unsere Gesellschaft so dringend für einen gesunden, harmonischen Ausgleich benötigt, drängen wir in den Hintergrund. Wir rüsten uns hoch mit männlichen Verhaltensformen, werden streitsüchtig, aggressiv, unerbittlich im Überlebenskampf.Und an anderer Stelle über die Männer:
Nie in der Menschheitsgeschichte haben die Männer freiwillig Hausarbeiten verrichtet oder Kinder aufgezogen, aufgrund ihrer Veranlagungen sind sie dafür nicht vorgesehen. Werden Männer trotzdem in die Pflicht genommen, bedeutet das meist eine Verunsicherung ihrer Identität, die psychische Probleme aufwerfen kann.Aua. Unstrittig ist, dass die Geschlechter körperlich unterschiedlich sind und sich daraus unterschiedliche Verhaltensweisen ergeben. das ist eine Binse, die nicht mal auf das Geschlecht beschränkt ist, auch große und kleine, kluge und dumme, dicke und dünne, kräftige und schwache, schwarze und weiße Menschen verhalten sich unterschiedlich, weil sie unterschiedlich sind. Die Arbeitsteilung in der menschlichen Gesellschaft organisiert sich (zumindest theoretisch) von selbst so, dass sich jeder zu den Tätigkeiten hingezogen fühlt bzw. von den anderen dazu gedrängt wird, zu denen er am besten geeignet ist. Das erklärt ohne weiteren Biologismus, wie bestimmte Tätigkeiten in historischen Gesellschaften zwischen den Geschlechtern aufgeteilt worden sind. Aber Körperkraft ist heute weniger gefragt, sondern Intelligenz. Frauen und Männer sind gleich intelligent, zusammen mit der rechtlichen Gleichstellung der Frau führt das auch zwischen verschiedenen Gesellschaften zu einem Selektionsdruck in Richtung auf eine Änderung des Rollenverhaltens beider Geschlechter. Da die von Eva Herman beklagte Verunsicherung nicht Ursache sondern Wirkung dieses Prozesses ist, kann die Rückkehr zum althergebrachten Rollenverhalten keine Lösung sein – weil die Ursachen fortbestehen – und weil sich der Charakter von "Arbeit" in der Gesellschaft gerade ändert. Besonders aufschlussreich ist folgendes Zitat:
Der Grundstein zu einer Theorie, dass Berufstätigkeit zur Selbstentfaltung unverzichtbar sei, eine Theorie, durch die Millionen Frauen auf einen Irrweg geführt wurden, legte übrigens keine Feministin. Es war ein Mann. Und zwar nicht irgendeiner, es war – Karl Marx. "Der Mensch verwirklicht sich nur mit all seinen Fähigkeiten, wenn er arbeitet", befand er. Damit verknüpfte er Erwerbsarbeit mit Selbstverwirklichung und lieferte ein Denkmodell, das uns bis heute in eine Fessel zwingt.Das Einzige, was an diesem Abschnitt stimmt, ist das Zitat von Marx. Aber in diesem steht eben nicht "Erwerbsarbeit", sondern "Arbeit". Arbeit ist jedwede Tätigkeit, die für den Betreffenden und Andere nützlich ist, einen Sinn hat, völlig unabhängig davon, ob sie bezahlt wird oder nicht. Im Gegenteil, zum Begriff der "Erwerbsarbeit" passt eher der Marxsche Begriff der "Entfremdung von der Arbeit", d.h. die Verrichtung einer Tätigkeit gegen Bezahlung, ohne oder mit wenig Interesse an dem Geleisteten. Das ist ein Wesensmerkmal lohnabhängiger Tätigkeiten im Kapitalismus und hat wenig mit dem Sinn seiner Worte zu tun.
Eva Herman beklagt den durch die Doppelrolle als Arbeitende und Mutter ausgelösten Stress bei den Frauen. Frauen bekommen dadurch jetzt häufiger einen Herzinfarkt (so wie Männer) und bei ihnen wurden erhöhte Testosteronwerte gemessen (auch so wie bei Männern) – weil sie sich in einer männlich dominierten Arbeitswelt gegen Männer durchsetzen müssten. Das ist schon sehr erhellend, Herzinfarkte und ein vorzeitiger Tod von Männern sind also in Ordnung, weil es ja ihrer klassischen Rolle als Kämpfer und Ernährer der Familie entspricht.
Ein wichtiges und bisher hier noch nicht diskutiertes Kriterium ist das Wohl der Kinder. Eva Herman zitiert aus einem Leserbrief an sie, in der eine jetzt glückliche Mutter sich an ihre eigene Kindheit in der DDR und die Kinderkrippe dort erinnert:
Es scheint mitten in der Nacht zu sein. Draußen ist es noch dunkel. Aber ich stehe bereits angezogen mit meinem grünen Lodenmäntelchen im Treppenflur unseres Wohnhauses. Meine Mutter nimm mich an der Hand, und wir gehen los. Kalt pfeift der Wind zwischen den Neubaublöcken hindurch. Wir gehen über einen freien Platz. Da weht der kalte Wind bis tief in mich hinein, und Verzeiflung würgt im Hals. Dort ist das Haus, in dem ich schon einmal war und wohin ich jetzt wieder gebracht werde. Aber warum? Da sind wir auch schon in der Eingangstür. Ein Summer ertönt. Die Tür geht auf und gibt den Blick frei auf eine weiße Schürze. Ich klammere mich an meiner Mutti fest und schreie ... bestehe nur noch aus panischer Angst. Ein fester Griff umfängt mich. De Tür geht zu. Die Mutti ist fort! Warum? Warum gibt sie mich hier ab und geht fort? Ohne mich?Einzelfallschilderungen, und seien sie noch so herzergreifend, ersetzen nicht soziologische und anthropologische Forschungen zur Natur des Menschen und darüber, was für Kinder das Beste ist. Aus diesen Untersuchungen habe zumindest ich herausgelesen, dass nicht ob der ob nicht eine Krippe oder ein Kindergarten besucht wurde den Ausschlag für das Kindeswohl gibt, sondern die Qualität der Betreuung dort oder zu Hause bei "Mutti". Und für Migrantenkinder und Kinder aus sozial schwächeren Familien ist es sogar besser, wenn sie frühzeitig andere Anregungen durch professionelle Erzieher und andere Kinder erhalten.
Wir sind tatsächlich noch nicht am Ende der Diskussion über den Feminismus angekommen. Das liegt daran, dass die Veränderungen in der Gesellschaft schneller voranschreiten, als ihnen Einzelne intellektuell und in ihrer Lebensplanung folgen können. Das ist kein geschlechtsspezifisches Phänomen, sondern betrifft alle Menschen. Und wenn man gleiche Rechte für alle Menschen als eine nicht verhandelbare Voraussetzung betrachtet, dann sollten sich alle daran erinnern, dass Gleichberechtigung nicht bedeutet, dass man das Gleiche tun muss, sondern nur, dass man es tun kann. Und eine tatsächliche Gleichstellung ist noch nicht erreicht.
Ist es nicht auch im Interesse der Männer, wenn die von Eva Herman so gerühmten sozialen Fähigkeiten der Frauen auch für die Männer die "raue Arbeitswelt" erträglicher gestalten? Für mich ist das sowieso eher eine theoretische Frage, denn ich habe keinen einzigen Bekannten oder Kollegen, bei denen nicht beide Eltern voll arbeiten und sich die Hausarbeit und die Kindererziehung teilen. Man wurstelt sich halt so durch, aber ich habe noch an keiner Stelle das Gefühl gehabt, dass die Kinder darunter leiden würden.
Kategorien: Frauen, Bücher
Montag, 11.August 2008
In den 70er Jahren gab es in Westdeutschland Ester Vilar, die mit ähnlichen Argumentationen vom "dressierten Mann" sprach und sich explizit gegen den von Alice Schwarzer vertretenen Feminismus wandte. Ich habe Vilar nie gelesen, fand sie aber unterhaltsamer (und wohl auch intelligenter) als Herman. Einen kleinen Ausschnitt von der Diskussion Vilar ./. Schwarzer gibt es hier.
Und bei weiterem Nachdenken ist mir dann auch noch eingefallen, dass auch die DDR keine hundertprozentige Gleichberechtigung gehabt haben kann: Für verheiratete Frauen gab es einen monatlichen "Haushaltstag", also einen Tag bezahlte Freistellung von der Arbeit. Nichtverheiratete und Männer kriegten den Tag nicht. Das hört sich nicht nach einer gleichmäßigen Aufteilung der Hausarbeit an. Dann gab es den sogenannten "Frauentag" am 8. März, mit einer Frauentagsfeier mit Blümchen und langweiligen Reden usw. Der Männertag hingegen war wie heute: Ab in den Wald und... Und diese seltsame Asymmetrie mit der Rente ab 60/65 gab es in der DDR auch. Dafür gibt es nun wirklich überhaupt keine logische Begründung, wo doch Frauen auch noch eine höhere Lebenserwartung haben. Aber eins unterschied die DDR dann doch von der ehemaligen BRD: Von "Hausfrauen" habe ich nichts geahnt. für mich war es absolut selbstverständlich, dass jeder Mensch einen Beruf erlernt und mit kurzen Pausen (Kinderbetreuung im ersten Lebensjahr) bis zur Rente ausübt. Warum es da einen Unterschied zwischen Männern und Frauen geben sollte, hätte ich damals nicht verstanden.
Kleine Präzisierung: Haushaltstag
Frau Herman wäre in der DDR auch Nachrichtensprecherin gewesen - und geblieben. Das Geld, was sie durch dieses Buch verdient hat, kann sie nur hier verdienen - und nur, weil sie vorher Nachrichtensprecherin war. Wenn eine unbekannte Studentin so etwas geschrieben hätte, hätte niemand davon Notiz genommen. Das ist es, was ich so zum Kotzen finde.
Ich halte Eva Herman für ehrlich: Sie glaubt an das, was sie sagt, und sie hat einen für sich objektiv schwierigeren Pfad gewählt. Sie hätte nach außen ein leichteres Leben ohne dieses Buch haben können. So ein Verhalten nötigt mir eigentlich bei jedem Menschen Respekt ab - wenn er sich gegen den Zeitgeist aus der Deckung wagt. Das ist der Grund, warum ich Leute verurteile, die sie pauschal in die braune Ecke stellen. Es hat was von Godwins Law.
"Man macht so viel Aufhebens um den Tod von diesem Karl Vojtyla nur weil er der Papst war."
Es fragt sich nur, ob diese Aussage die schlechte Angewohnheit des Konsumenten, Wahrheitsgehalt nach dem Bekanntheitsgrad zu beurteilen, ernsthaft anprangert, oder eher die eigene Bedeutungslosigkeit unterstreicht...
@Paul
@Gregor
Esther Vilar
" Ich habe Vilar nie gelesen..." Das sollten Sie ändern. Keine andere Frau vermochte es jemals, mich geistig derart aufzuwühlen. Es spielte sicher eine Rolle, daß meine erste Lektüre von Vilar in die Spätphase meiner Pubertät fiel. Dennoch haut mich ihre stringente Logik noch immer von den Socken. Ich lese sie immer wieder. Man wird ihr übrigens nicht gerecht, wenn man sie auf die Auseinandersetzung mit den Feministinnen reduziert, von denen sie wahrscheinlich 80 Prozent nichteinmal verstanden, Schwarzer eingeschlossen.
Zur Vertiefung eines ersten Eindrucks noch das hier:
@Peter Viehrig
Kleiner Nachtrag: Ich bin Jahrgang 1970, in Leipzig geboren und aufgewachsen. Meine Pubertät fällt also mitten in die 1980er. Durch einen Zufall kam mir 1987 "Der dressierte Mann" von Vilar in die Hände. Mein Vater, nach langen und heftigen Debatten, unter anderem mit mir, immer noch SED-Mitglied, aber nicht mehr streng linientreu, außerdem fast schon ein Bibliophile, hatte dieses Buch in einer gemeinsamen Taschenbuchausgabe mit "Das polygame Geschlecht" von einem seiner bibliophilen Westkontakte quasi als Bonus vermacht bekommen. Irgendwann lag es auf einem seiner zahllosen Bücherstapel obenauf, und ich schaute zufällig hinein.
Man kann ja philosophisch immer sagen, daß man ein anderer Mensch wäre, wenn man ein Buch nicht gelesen hätte. Aber dieses Buch ist das einzige, bei dem mir das wirklich glasklar bewußt ist. Das heißt nicht, daß ich Vilar immer zustimme, heißt aber doch, daß mich kein anderes Buch jemals so radikal als Mann in Frage gestellt hat wie dieses. Und das, obwohl vieles von dem, was Vilar beschreibt, mir erst später nach der Wende begegnete.
Interessant ist auch noch das hier.
Es gibt eine zentrale Frage, bei der sich viele Kritiker treffen, und auch meine Bekannten (~innen) gucken dann immer nachdenklich: Warum suchen sich Frauen auch heute noch immer die Berufe heraus, bei denen sie selbst bei gleichem Lohn für gleiche Arbeit zu wenig verdienen, um als Alleinverdiener 3-4 Personen ernähren zu können, warum streben Frauen nicht mit aller Macht in die Naturwissenschaften, die Physik und vor allem ins Ingenieurwesen? Stattdessen: Germanistik, Journalistik, Medienwissenschaften, Kunst, Sprachen. Wenn sie sich dann mit einem Partner zusammentun, der mehr verdient, ist die Rollenverteilung festgelegt, selbst bei bestem Willen beider. Und das mit dem "aufwärts" heiraten wollen der Frauen ist eine soziologisch zu fest verankerte Tatsache, um es wegreden zu können.