Wozz: Wege zu einem humanen, selbstbestimmten Sterben

Im Spiegel hatte ich davon gelesen, dass die Stiftung Wozz ihr Buch "Wege zu einem humanen, selbstbestimmten Sterben" jetzt auch auf deutsch veröffentlicht hat. Ein kurzer Blick zu Amazon, dort war das Buch nicht zu bestellen. Aber über Google gelangt man zur Homepage der Stiftung. Und über diese Seite kann man sich das Buch schicken lassen. Am 10.7. hatte ich das Geld überwiesen, vorgestern traf das Buch ein.

Die Themen Suizid und Sterbehilfe beschäftigen mich seit knapp zwei Jahren. Mein Vater hatte einen schweren Unfall, nach zwei Operationen fiel er ins Koma, wurde in den folgenden anderthalb Jahren weitere zwei Mal operiert, ehe er letztendlich im Frühjahr diesen Jahres starb. Es gab eine Patientenverfügung, die er aber unglücklicherweise nur auf seinem Computer gespeichert hatte und nicht ausgedruckt und unterschrieben, und die von den Ärzten zunächst nicht anerkannt wurde. So wurde er mindestens einmal (wahrscheinlich häufiger) reanimiert. Genaueres war nicht zu erfahren, denn während seines Aufenthalts im Krankenhaus hatten wir Kontakt zu etwa 10 Ärzten, von denen jeder eine etwas andere Version erzählte und über den Krankheitsverlauf einen anderen Kenntnisstand hatte. Man hätte sich die kompletten Krankenakten geben lassen müssen und durcharbeiten. Meine Mutter und meine Schwester hätten die medizinischen Papiere wahrscheinlich nicht verstanden, und ich hatte keine Kraft sie zu lesen.

Im November letzten Jahres war ich zu einem Diskussionsabend mit Nicola Bardola, später habe ich dann seinen Roman Schlemm gelesen. Der Fall meines Vaters passt nicht ganz auf die üblichen Szenarien, in denen über Sterbehilfe diskutiert wird. Als er noch bei Bewusstsein war, hat er auf einen positiven Ausgang der Operation gehofft, später konnte er keine Entscheidungen mehr über sich treffen. Aber er hätte ganz sicher nicht reanimiert werden wollen mit der Aussicht auf ein jahrelanges Vegetieren im Koma.

Man kommt nicht umhin, sich mit dem eigenen Lebensende auseinander zusetzen, denn der Prozentsatz der Menschen, die über Nacht friedlich in ihrem Bett einschlafen, dürfte klein sein. Die meisten von uns werden über einen kürzeren oder längeren Zeitraum vor ihrem Tod leiden müssen. Wenn von einem sein ganzes Leben lang verlangt wird, Entscheidungen über sich zu treffen und zu verantworten, dann ist nicht einzusehen, warum gerade in diesem Fall die Hoheit an andere abgegeben werden soll, an die Kirche, an Ärzte oder Juristen. Das Buch der Wozz-Stiftung füllt deshalb eine große Lücke in der deutschsprachigen Literatur, in dem es wichtige Informationen bereitstellt.

In der Einleitung wird benannt, an wen sich das Buch richtet:
  • Körperlich ernsthaft kranke Menschen, die entschieden den Tod herbeiwünschen.
  • Alte Menschen, die nach sorgfältiger Abwägung mit Angehörigen zu dem Schluss kommen, ihr Leben sei vollendet.
  • Patienten mit einer ernsthaften psychischen Krankheit, die vergeblich behandelt wurden.
  • Angehörige oder Freunde eines Menschen, der sein Leben beenden will.
  • Ärzte, die in ihrer Praxis mit Menschen der oben genannten Gruppen zusammenkommen.
  • Pfleger, die in der Ausübung ihres Berufes mit Menschen, die sterben möchten, zusammenkommen.
Ebenfalls in der Einleitung findet man auch die Forderungen, die die Autoren an ein würdiges, selbstbestimmtes Sterben stellen. Hierzu zählen:
  • Das Sterben muss schmerzlos sein.
  • Die Methoden der Lebensbeendung müssen effektiv sein.
  • Das Sterben soll nicht in Einsamkeit stattfinden.
  • Der Sterbeprozess muss selbstständig durchgeführt werden.
Das zweite Kriterium "effektiv" bedeutet, dass der Betreffende über genügend Informationen verfügen sollte – also das, was den Hauptteil des Buches ausmacht. Das dritte Kriterium "nicht in Einsamkeit" bedeutet Verschiedenes. Zum Beispiel, dass begleitende Angehörige oder Freunde durch die Methode nicht selbst in Gefahr geraten dürfen.

Im Buch werden darauf folgend drei verschiedene Methoden(gruppen) vorgestellt:
  • Der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit.
  • Die Einnahme eines Medikamentencocktails.
  • Die ärztliche Tötung auf Verlangen.
Ich möchte hier nicht auf Details der einzelnen Methoden eingehen. Nur so viel: Bei richtiger Ausführung erfüllen alle beschriebenen Methoden die oben genannten Kriterien. Im Buch werden sie einschließlich einiger Fallbeispiele ausführlich beschrieben. Der freiwillige Verzicht auf Nahrung ("Verdursten") ist trotz gegenteiligen Anscheins eine humane und schmerzfreie Methode, die allerdings eines Sterbebegleiters bedarf. Die Medikamente für die zweite Methode sind in Europa verfügbar, in Deutschland schwerer als anderenorts beschaffbar, weil rezeptpflichtig.

Im letzten Abschnitt des Buchs wird auf die rechtliche Situation in verschiedenen Ländern Europas eingegangen, für Deutschland gibt es ein gesondertes Kapitel eines deutschen Medizinrechtlers. Für mich neu, dass eine Beihilfe zur Selbsttötung nach deutschem Strafrecht nicht strafbar sein kann, weil die Selbsttötung selbst kein Straftatbestand ist. Probleme können nur Ärzte wegen dem deutschen Standesrecht, nicht wegen dem Strafrecht bekommen. Das erklärt, warum verschiedene Organisationen mit emeritierten Ärzten arbeiten.

Mein Gefühl nach dem Lesen ist dasselbe wie nach der eingangs erwähnten Diskussion mit Nicola Bardola: Allein die Kenntnis von Methoden, auf eine schmerzlose und würdige Art sein Leben zu beenden, treibt die Zahl der Suizide nicht in die Höhe. Das ist auch eine Erfahrung der Organisation Exit in der Schweiz – nur eine kleine Zahl der Mitglieder nimmt deren Hilfe in Anspruch, der überwiegende Teil stirbt auf natürliche Weise. Aber es wird einem ein großer Teil der Angst vor dem (unvermeidlichen) Sterben genommen, dass man in der Zukunft einmal unnötig schwer leiden muss und der Entscheidungsgewalt anderer Menschen ausgeliefert ist, die ihren Entscheidungen ganz andere Kriterien als die eigenen zugrunde legen. Man erhält sich so auch in diesem letzten Lebensabschnitt seine persönliche Freiheit.

Kategorien: Ethik, Bücher
Count Lecrin - 30. November, 19:34

Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen, da Sie dieses Thema so sachlich und so objektiv wie nur möglich behandeln können, obwohl Sie davon selbst betroffen worden sind. Das zeigt doch, dass Sie nicht mit geschlossenen Augen leben.

Ihre Beiträge "Diskussion zu Sterbehilfe, Facharzt fürs Töten?" und "Nicola Bardola: Schlemm" habe ich auch schon gelesen (Leider hat die "Unfähigkeit" meines Browseres verhindert, letzteren kommentieren zu können). Lobenswert ist, dass Sie über das Klischee der Sterbehilfe als (Selbst-)Mord eines lebend wollenden Menschen hinwegsehen konnten.

Es mag zwar nicht besonders philantropisch und auch nicht wirklich pietätsvoll klingen, aber ich denke, dass mehr Menschen Erfahrungen mit Komapatientenschaften in ihren eigenen, sozialen Umfeld haben müssen, damit endlich einmal umgedacht wird.

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Kommentare hier ...

Bitte mehr davon? Aus...
Bitte mehr davon? Aus meiner Sicht auf keinen Fall,...
Köppnick - 25. Dezember, 16:53
bitte mehr davon
Nimmersatt (Gast) - 25. Dezember, 15:33
lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
Fachwörter und deren...
Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
passend zu diesen erkenntnissen:
mit 3 freust du dich, wenn du keine windeln brauchst. mit...
la-mamma - 30. November, 19:43
Ich möchte Ihnen...
Ich möchte Ihnen gehörig Respekt zollen,...
Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
Nein, wir haben uns noch nicht bemailt. Meine Adresse...
Köppnick - 28. November, 15:46
Ich bilde mir ein, dass...
Ich bilde mir ein, dass wir schon Email-Kontakt hatten....
steppenhund - 28. November, 15:02