Die sieben größten Rätsel der Hirnforschung
Manche Wissenschaftsartikel können einen richtig ärgerlich machen. Der Artikel Die sieben größten Rätsel der Hirnforschung ist so ein Fall. Das Beste ist noch die auf derselben Seite geschaltete Werbung für das Geo-Kompakt-Heft Die Geburt des Geistes.
Ein Beispiel dafür, was mich an dem Spiegelartikel geärgert hat:
Ein weiteres Ärgernis dann der Abschnitt über unterschiedliches Denken bei Männern und Frauen. Wie soll man denn das verstehen:
Kategorie: Gehirn & Geist
Ein Beispiel dafür, was mich an dem Spiegelartikel geärgert hat:
Die Forscher wissen nur, dass jeder Gedanke mit einem eigenen Muster der Gehirnaktivität einhergeht: mit einem jeweils spezifischen Gedankenabdruck. Und seit einiger Zeit ist es möglich, solche Aktivitätsmuster sichtbar zu machen, die für bestimmte geistige Zustände – und damit bestimmte Gedanken – charakteristisch sind. "Wenn Sie lernen, diese Muster zu erkennen", so der Berliner Neurowissenschaftler John-Dylan Haynes, "können Sie feststellen, welche Gedanken jemand gerade hat."70% hört sich nach einer beeindruckenden Quote an und macht richtig Angst vor einer neuen Art eines Lügendetektors. Aber schaut man sich den Text etwas genauer an, dann erkennt man die Crux in dem Nebensatz "mit zuvor eingespeicherten Mustern". Das bedeutet, um einen Gedanken erkennen zu können, muss er zuerst mehrfach gedacht und gespeichert werden – und zwar mit derselben Person, die getestet werden soll, denn ein paar Seiten später liest man:
Haynes hat Dutzende Versuchspersonen getestet: Nur im Kopf sollten sie entscheiden, ob sie zwei Zahlen lieber addieren oder subtrahieren wollten. Der Forscher verfolgte die Gehirnaktivität der Probanden mit einem Kernspintomografen und verglich deren Gedankenabdrücke mit zuvor eingespeicherten Mustern. Mit einer Erfolgsquote von mehr als 70 Prozent konnte Haynes so die Absichten seiner Versuchspersonen entschlüsseln – ein aufsehenerregendes Ergebnis. Denn zuvor sei es noch nie gelungen, so Haynes, allein aus der neuronalen Aktivität abzulesen, welche von zwei möglichen Entscheidungen ein Proband getroffen hat.
So entdeckten sie, dass Rechnen viel mit Sprache zu tun hat: Erwachsene arbeiten beim Addieren und bei Einmaleins-Aufgaben mit auswendig gelernten Lösungen, die sie aus dem Gedächtnis abrufen. Im Gehirn werden dabei sprachverarbeitende Regionen aktiviert. Dies geschieht in verschiedenen Kulturkreisen vermutlich unterschiedlich. Hirnforscher aus den USA und China stellten Versuchspersonen aus den jeweiligen Sprachräumen einfache Rechenaufgaben. Die Wissenschaftler entdeckten, dass bei den Probanden mit der Muttersprache Englisch andere Bereiche im Gehirn aktiv waren als bei denen, die mit Chinesisch aufgewachsen sind.Das bedeutet, dass ein ähnlicher Gedanke bei verschiedenen Personen ein ganz anderes neuronales Muster haben kann. Und wirklich denselben Gedanken kann nicht einmal dieselbe Person zweimal denken – weil jegliche Aktivität im Gehirn die Verbindungen zwischen Neuronen verändert – einer der vielen Gründe dafür, warum sich Erinnerungen im Laufe der Zeit verändern.
Ein weiteres Ärgernis dann der Abschnitt über unterschiedliches Denken bei Männern und Frauen. Wie soll man denn das verstehen:
Viele Wissenschaftler sind davon überzeugt, dass gesellschaftliche Einflüsse sowie Erziehung eine so große Rolle für das Denken spielen, dass der biologische Faktor fast bedeutungslos ist. Studien zeigen, dass Männer bei einigen Aufgaben nur dann überlegen sind, wenn ihnen bewusst ist, dass sie eine typische männliche Leistung erbringen sollen.Der erste Satz ist sicher richtig, aber was ist die Aussage des zweiten: Motivationale Aspekte spielen beim Denken eine große Rolle. Wenn jemand überzeugt ist, dass er gut ist, dann ist er tatsächlich besser als wenn er von seinem Versagen ausgeht. Wenn es, wovon in dem Artikel nicht die Rede ist, keine Aufgaben gibt, bei denen Frauen besser sind, wenn sie glauben, dass es "typisch weibliche" Aufgaben sind, dann wäre die Aussage des Satzes: Männer können sich besser selbst motivieren als Frauen – und das wäre dann tatsächlich ein messbarer Geschlechtsunterschied, vollkommen unabhängig von seiner Ursache, genetisch oder durch Erziehung. Wenn es diese "Frauen"aufgaben aber gibt, dann lautet die Erkenntnis genderunabhängig, dass sich Menschen selbst motivieren und so ihre geistige Leistungsfähigkeit steigern können.
Kategorie: Gehirn & Geist
Montag, 28.Juli 2008
-
Ich will hier einmal gar nicht wiedersprechen. Eine wissenschaftliche Erkenntnis, dass bei Chinesen andere Muster vorhanden sind als bei einem Amerikaner ist zwar nett, wissenschaftlich nachgewiesen zu sehen, aber nichts, was wirklich neu ist.
Meine private Hypothese lautet ja so, dass wir die Chinesen wissenschaftlich nie überholt hätten, wenn sie sich von der Bildersprache zum Alphabet durchgerungen hätten.
-
Ein etwas gehobeneres chinesisches Wort bedeutet, dass ich 2 mal 4 Pictogramme interpretieren muss, die Vierergruppe (kann auch eine Dreiergruppe sein) in einen bestimmten Begriff verschmelzen muss und dann die zwei Begriffe wiederum sinngemäß umdeuten muss.
-
Die angesprochenen Pictogramme manifestieren sich in genau 214 Radikale, die man vielleicht als Alphabet bezeichnen könnte. Allerdings fällt hier die Abstraktion, weil es um Darstellungen von "Bogen" (von Pfeil und Bogen), Sonne, etc. geht, also um sehr natürliche Anschauungsobjekte.
-
Ich behaupte einmal, dass der Weg vom Auge zum Begriff beim Chinesen wesentlich weiter ist als in einer Buchstabensprache. No na net, dass da andere Gehirnregionen oder Muster angesprochen werden.
-
Was aber die Mann/Frau-Unterscheidung angeht, habe ich gerade dieses Wochenende eine interessante Unterhaltung mit jemandem gehabt, der meint, dass Frauen im Alter von 18 Jahren besser wissen, was sie wollen, als Männer. Von meinen privaten Beobachtungen bei Studenten und Studentinnen (im abgegrenzten Bereich der Informatik) kann ich das (leider) bestätigen.
Da hat sich auch etwas in den letzten vierzig Jahren fundamental verändert.
P.S. Die Sprachuntersuchungen hinsichtlich Englisch und Chinesisch kommen mir so vor, als würde man die Ausmessungen einmal bei einem Schachspieler und einmal bei einem Gospieler machen.
Ich würde mich trauen zu wetten, dass unterschiedliche Gehirnregionen angesprochen werden. Ja, da würde ich eine Kiste Champagner einsetzen:)
Ich glaube nicht, dass es gelingt, den wechselseitigen Einfluss von Sprache, Schrift, Kultur, Ökonomie, Politik und den von puren Zufällen so auseinander zu klamüsern, dass man den Anteil der Schrift bestimmen kann. Es gab Hochkulturen ohne jede Schriftsprache (nur Knotenschnüre). Jetzt sieht es ja z.B. im Schach so aus, dass die Chinesen den Frauenbereich dominieren, im Männerbereich brauchen sie vielleicht noch ein oder zwei Jahrzehnte. Das kann man auch nicht mit Doping erklären, es liegt nur daran, dass die Chinesen das wollen und zentralististisch auch organisieren können.
Ich behaupte einmal, dass der Weg vom Auge zum Begriff beim Chinesen wesentlich weiter ist als in einer Buchstabensprache. No na net, dass da andere Gehirnregionen oder Muster angesprochen werden.
Da bin ich mir nicht sicher. Was wir bei der "Zerlegung" einsparen, verlieren wir wieder bei der Synthese der Primitive in Objekte, die den Begriffen entsprechen. Interessant fand ich in einem Artikel, dass Asiaten generell besser sind im Erfassen von Details in einem Bild. Die plausible Hypothese dazu: Sie können aufgrund ihrer zusammengesetzten Schriftsprache komplexere Strukturen wahrnehmen als wir.
Die Sprachuntersuchungen hinsichtlich Englisch und Chinesisch kommen mir so vor, als würde man die Ausmessungen einmal bei einem Schachspieler und einmal bei einem Gospieler machen. Ich würde mich trauen zu wetten, dass unterschiedliche Gehirnregionen angesprochen werden. Ja, da würde ich eine Kiste Champagner einsetzen:)
Unterschiedlich aussehende Spielsteine und unterschiedliche Regeln müssen ja zu unterschiedlichen neuronalen Mustern führen. Spannend wäre eher die Frage, was als gemeinsamer Kern verbleibt. Ich hatte ja schon mal geschrieben, dass sich die Gehirnaktivitäten von fortgeschrittenen Schachamateuren (Elo 2100) von denen der Meister (Elo 2300+) unterscheiden. Erstere "rechnen", letztere "erinnern sich". Es gibt einen Spieleansatz Zillions of games, bei dem eine Alpha-Beta-Engine mit einer Programmiersprache kombiniert ist, um beliebige Brettspiele zu programmieren, auf Interpreterebene. Natürlich hat dieses Programm gegen Meister keine Chance, aber wenn man von einem Spiel nur die Regeln kennt, wird man platt gemacht.
Also zumindest Sprache, Schrift und Kultur sind nicht voneinander unabhängig. Ich würde schon denken, dass auch Höhlenzeichnungen ihre Sprache haben.
Politik und Ökonomie ist da etwas schwer zuzuordnen.
Ich habe ja gesagt, dass es nur meine Hypothese ist. Mit manchen Hypothesen habe ich schon recht behalten, obwohl man mich vor 20 Jahren ausgelacht hat;)
Ich hatte ja schon mal geschrieben, dass sich die Gehirnaktivitäten von fortgeschrittenen Schachamateuren (Elo 2100) von denen der Meister (Elo 2300+) unterscheiden.
An den Schachbeitrag kann ich mich noch gut erinnern.
Möglicherweise ist beim Go auch mehr "Erinnern" enthalten, denn um Muster zu erkennen, muss man sie ja erst einmal gesehen haben.
Für mich selbst war Schach nicht mehr interessant, als ich nur mehr lernen und Partien studieren hätte müssen.
Ich hatte damals knapp unter 2100 Elo, (mit 19) das war aber zu einer Zeit, als auch der Weltmeister nicht mehr als 2400 hatte. (Es war ungefähr Meisterkandidatstärke) Wenn ich versuche, mich zu erinnern, war Schach nicht so sehr ein "Erinnern" oder "Denken" es war ein Sehen. Ich war damals kombinatorisch stark und positionell eher schwach. Dann las ich irgendwann einmal, dass Kombinationen nur aus einer Unausgeglichenheit der Stellung kommen können. Man muss dort stärker sein, wo der feindliche König aufgestellt ist. Das half mir in der Spielanlage.
Aber heute, wo ich nicht mehr spiele, machen mir Schachprobleme großen Spass, weil es da letztlich auch um begrenzte Kombinationen geht. Da fühl ich mich wohl und das macht Spass.
Mit dem verbleibenden Kern hast Du natürlich vollkommen recht: der wäre wirklich interessant.