Denker, im Schatten sitzend

"Götter, Helden, Denker" war der Name eines Heftes, das dem antiken Griechenland gewidmet ist, und das Köppnick mit in den Zoo genommen hatte. In einem der Artikel "Denker auf dem Markt", in dem über den Prozess gegen Sokrates berichtet wurde, fand Köppnick:
Würden wir heute anders reagieren? Wie sähe ein Prozess gegen Sokrates heute aus? Würde es überhaupt einen Prozess geben? Unser eigenes Verhältnis zu Sokrates erinnert an die Haltung, mit der man im Museum ein Dinosaurierskelett anstaunt: einerseits beeindruckt davon, dass so etwas Gewaltiges einmal gelebt hat, aber andererseits voller Erleichterung, dass es eben nicht mehr unter uns weilt.
Köppnick hatte begonnen, den Beitrag zu lesen, weil er wegen der Hitze müde geworden war und im Schatten sitzend einen Eiskaffe trinken wollte. Dieser Abschnitt gefiel ihm, auch das Folgende fand er interessant:
Weisheit bleibt für die Schüler des Sokrates etwas zu Suchendes, das nicht einfach bereitliegt. In Platons Dialog "Lysis" bemerkt Sokrates, dass alle, die schon weise sind, keine Weisheitsfreunde seien – und das heißt: Sie sind keine Philosophen. Wirklich nach der Weisheit suchen, abseits aller Meinungen der Masse, das tun laut Platon nur ganz wenige.

In der "Politeia" erfährt man, wer dazugehört: alle, die die Raserei der breiten Masse zur Genüge erkannt haben. Platon hat hier vor Augen, was die Athener seinem Freund und Lehrer Sokrates, dem "gerechtesten Menschen jener Zeit", mit ihrem Todesurteil angetan haben. Pauschal erklärt er nun, dass niemand eine vernünftige Tat in der Politik zustande bringe, und plädiert für den Rückzug aus der maroden Gesellschaft.
Manchmal vergisst man bei großen historischen Personen, dass es Menschen waren, die ein ganzes Leben gelebt haben, sich dabei verändert und weiterentwickelt haben, und sich ihre Einfälle aus ihren Erlebnissen erklären, sinnierte Köppnick. Über Platon hieß es dann etwas später:
Platons Schüler Aristoteles berichtet von einem prägenden Erlebnis seines Lehrers: Als junger Mann habe ihn eine radikale Deutung der Philosophie Heraklits, nach der alles sinnlich Wahrnehmbare ständiger Veränderung unterworfen sei, in tiefe Unruhe versetzt. "Alles fließt", so hat man später Heraklits Denken zusammengefasst. Der Baum, der im Frühling grüne und im Herbst braune Blätter hat – ist es eigentlich derselbe? In gewissem Sinne ja, antwortete Platon, denn die Idee des Baumes bleibt dieselbe. Erst damit hat man in seinen Augen stabile Anhaltspunkte für das Erkennen und Sprechen gewonnen.

Das war vor 2500 Jahren.
Bestimmte Vorstellungen kehren immer wieder oder bleiben erhalten, wobei unter Umständen ihre Benennungen dem Zeitgeist entsprechend wechseln, dachte Köppnick. Das heutige Konzept der Information ist Platons Ideen wesengleich. Lebende Bäume sind Prototypen des idealen Baums, dessen Information auf geheimnisvolle Weise überall enthalten sein muss, in den realen Bäumen natürlich, aber auch in Bildern, im geschriebenen oder gelesenen oder im gedachten Wort Baum ebenfalls.

Köppnick saß immer noch im Schatten mit seinem Eiskaffee in der Hand. Auf der Lehne des leeren Stuhls ihm gegenüber hockte ein Spatz, der ihn wahrscheinlich schon länger beobachtete. Köppnick schaute ihn an, der Vogel blinzelte zurück und machte keine Anstalten wegzufliegen, obwohl er an dem Glas mit dem Eiskaffe ja deutlich sehen konnte, dass hier keine Krumen für ihn abfallen würden. Vielleicht mochte er ja Philosophen oder hatte wenigstens noch keine schlechten Erfahrungen mit ihnen gemacht.

Erst als sich an den Nachbartisch ein junges Pärchen setzte, flog er davon. Das Kind des Pärchens quengelte, weil es die Schokolade nicht bekam, die es unbedingt haben wollte. Köppnick fand, dass der Spatz die einzig richtige Entscheidung getroffen hatte, stand ebenfalls auf und setzte seinen Rundgang fort.

Kategorie: Köppnicks Welt
steppenhund - 28. Juli, 09:41

Wie war das später noch einmal mit dem "Ding an sich".
Was mich interessiert, ist der Unterschied zwischen den Ideen, die der Schatten von realen Dingen sind und die Ideen, welche als Phantasie gelten. (vielleicht utopische Phantasien)
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Ich schließe banal daraus, dass alles, was gedacht werden kann, auch (einmal) eine reelle Entsprechung haben kann. Bei Zeitreisen fällt es mir aber schwer, an dieser These fest zu halten, obwohl es so viele Beispiele gibt, wo Unglaubliches wahr geworden ist.
Wie kann der Mensch zwischen Möglichkeit und Unmöglichkeit unterscheiden?

Köppnick - 28. Juli, 12:03

Ich habe früher auch gedacht, dass alles was man sich vorstellen kann, auch existiert bzw. wenigstens existieren kann. Dem ist aber wohl nicht so. Vor einem Experiment kann man verschiedene Hypothesen über den Ausgang aufstellen. Das Ergebnis des Experiments hängt aber nur von den Naturgesetzen ab. Wenn wir den Wirkungsrahmen der Physik als kausal abgeschlossen betrachten, kann nichts existieren, was gegen die physikalischen Gesetze verstößt. Wir können uns aber unterschiedliche Ergebnisse denken, eben die Hypothesen.

Die Hypothesenbildung ist möglich (Denken ist im Rahmen der Naturgesetze offenbar möglich) und notwendig, um genau diese Grenze zwischen dem Möglichen und Unmöglichen genauer zu bestimmen. Bei allen anderen Gebieten mit Ausnahme der Physik halte ich es für wahrscheinlich, dass die Grenze verschoben werden kann, aber die Grundlage all dessen ist die Möglichkeit innerhalb der physikalischen Gesetze.
Köppnick - 28. Juli, 12:37

Nachtrag zu Zeitreisen: Verschiedene physikalische Theorien schließen die Möglichkeit von Zeitreisen nicht aus. Das heißt aber nicht, dass Zeitreisen möglich sind, solange es den experimentellen Nachweis nicht gibt. Wenn wir davon ausgehen, dass die physikalische Bandbreite unserer Existenz kleiner ist als die von uns experimentell nachweisbare und diese wiederum kleiner als die in Theorien postulierte, bleiben alle Möglichkeiten bzgl. ihrer Existenz offen.

Vielleicht ist die Trennlinie zwischen "möglich" und "unmöglich" sowieso falsch gezogen und es müsste ihrer zwei geben mit einem Zwischengebiet zwischen "nachgewiesen möglich = existent" und "nachweisbar unmöglich". Das ist dann das Tummelgebiet sowohl von Wissenschaftlern als auch Esoterikern und Spinnern.
steppenhund - 28. Juli, 14:35

Der letzte Absatz ist sehr schön;)

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Kommentare hier ...

Bitte mehr davon? Aus...
Bitte mehr davon? Aus meiner Sicht auf keinen Fall,...
Köppnick - 25. Dezember, 16:53
bitte mehr davon
Nimmersatt (Gast) - 25. Dezember, 15:33
lach.... ich bin im stern...
lach.... ich bin im stern *
rosmarin - 3. Dezember, 18:48
Oje, das mit der Halswirbelsäule...
Oje, das mit der Halswirbelsäule ist an mir vorbeigegangen. Das...
steppenhund - 2. Dezember, 11:07
Denk an meine Halswirbelsäule...
Denk an meine Halswirbelsäule und meinen schmerzenden...
Köppnick - 30. November, 22:22
Nanu, gar ken Kommentar?...
Nanu, gar ken Kommentar? :)))
steppenhund - 30. November, 20:45
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Die Autorin präferiert eine sehr restringierte...
Count Lecrin - 30. November, 19:53
passend zu diesen erkenntnissen:
mit 3 freust du dich, wenn du keine windeln brauchst. mit...
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Count Lecrin - 30. November, 19:34
Mail geschickt.)
Mail geschickt.)
steppenhund - 28. November, 16:28
Nein, wir haben uns noch...
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Köppnick - 28. November, 15:46
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steppenhund - 28. November, 15:02