Wie ticken die Linken?

Ich hatte meinen Besuch in den Zug gesetzt, beim Rückweg zum Auto war mein Blick auf der Titelseite der "Zeit" hängengeblieben: "Wie ticken die Linken?" Fast die halbe Seite war da mit mit einer Art Sticky Note bedruckt, die neugierig auf eine mehrseitige und fundierte Analyse auf den Innenseiten machte. Buchstaben in einer Größe, wie man sie sonst nur von einer anderen bekannten deutschen Zeitung kennt. 3,40 Euro war mir das wert. Zu Hause dann eine große Enttäuschung. Auf den zwei dem Thema gewidmeten Innenseiten im oberen Teil eine riesige Karikatur, darunter zwei Artikel, die nichts wesentlich Neues enthalten. Eigentlich war nach den ersten anderthalb Abschnitten des ersten Artikels schon alles gesagt:
"Es war einer seiner ersten Jobs als Schauspieler, er sollte in einem Studio des Bayrischen Rundfunks ein paar Sätze auf Band sprechen. Alles dauerte höchstens zwei Stunden, er bekam ein paar hundert Mark dafür. Danach verließ Bierbichler das Rundfunkgebäude, ging die Straße hinunter und kam an einer Baustelle vorbei, auf der ein paar Männer hart arbeiteten. Bierbichler sagte, er musste in diesem Moment daran denken, dass er für seine paar Worte mehr Geld bekomme als diese Arbeiter für mehrere Tage Knochenjob. Und dann war es da, dieses Gefühl: Das ist ungerecht, das gehört sich nicht, da stimmt was nicht.Vom Rest dieses ersten Artikels ist mir nur in Erinnerung geblieben, dass ein Regisseur über einen Friedhof spaziert und darüber sinniert, warum er noch immer Brecht-Stücke inszeniert. Im zweiten Artikel, wesentlich kürzer als der erste, werden die Ergebnisse soziologischer Untersuchungen präsentiert, die aber dem eingangs Geschriebenen nichts Neues hinzufügen, auch hier wieder nur aus dem ersten Abschnitt:
...
Das soll links sein? Kann ein Konservativer, ein Rechter, nicht genau so fühlen? Erhöhen wir ein bisschen die Temperatur und sagen, nein, ein Konservativer fühlt anders. Natürlich ist er ebenso zu Mitgefühl fähig, auch zur Hilfsbereitschaft. Aber dies wird gern mit dem Zusatz verbunden, man helfe vor allem Leuten, die unverschuldet in Not geraten sind, die es wirklich benötigen. Die Linken sind es, die sich grundsätzlich über dramatische Gehaltsunterschiede aufregen, die Rechten finden das im Prinzip im Ordnung und sogar wünschenswert."
Zwei Sorten von Linken gibt es: Gewinner, die ihr Glück mit anderen teilen wollen, und Verlierer, die für sich selbst ein größeres Stück vom Kuchen beanspruchen.Genau an dieser Stelle hätte die ernsthafte Analyse beginnen können. Weil zum Beispiel hier der tiefere Grund dafür liegt, dass die Linke schon immer in zwei grundsätzlich verschiedene Lager zerfallen ist.
Auf der einen Seite das kommunistische Lager. Hier wird versucht, die Gesellschaft so umzustürzen, dass die heutigen Verlierer zu den Herrschenden werden. Dieser Ansatz ist schon mehrfach gründlich schief gegangen, und der Grund dafür ist auch einfach auszumachen: Wer arm ist, ist nicht moralisch besser, sondern nur ungebildet aufgrund schlechterer Chancen, und vermutlich aufgrund seines härteren Lebens auch weniger zimperlich in der Wahl seiner Methoden. Und für die Führung einer neuen Gesellschaft im Vergleich zu den herrschenden Eliten nicht gut genug vorbereitet.
Auf der anderen Seite die Sozialdemokraten. Diese versuchen, die sozialen Unterschiede für die Benachteiligten innerhalb der bestehenden Gesellschaft erträglich zu halten. Weil sie die Systemfrage nicht stellen, sind sie für das rechte Lager koalitionsfähig. Allein regierungsfähig sind sie selten, weil die führenden Sozialdemokraten, je näher sie der Macht kommen, immer mehr dem intellektuellen Teil der Linken angehören, sie den bürgerlichen Eliten immer ähnlicher werden, sie andererseits aber das schlechte Gewissen gegenüber den Benachteiligten nie verlässt. Solcherlei Selbstzweifel sind aber psychologisch für Herrschende äußerst hinderlich.
Anders als in den beiden "Zeit"-Artikeln halte ich die Grünen nicht wirklich für "links". Das schlechte Gewissen gegenüber der Umwelt muss nicht zwangsläufig mit einem schlechten Gewissen gegenüber der Unterschicht korrelieren. Die Aufgeschlossenheit gegenüber ökologischen Themen und die Bereitschaft zur Mülltrennung sind bei den Arbeitern nämlich nicht sonderlich groß. Deshalb sind schwarz-grüne Koalitionen für mich keine echte Überraschung, Bildungs- und Besitzbürgertum haben durchaus einige gemeinsame Interessen.
Was in den Artikeln auch fehlt, ist der Hinweis, dass die Partei, die einen sozialdemokratischen Ansatz am besten vertritt, nicht unbedingt "Sozialdemokratische Partei" heißen muss. Man hätte nämlich anhand von Ostdeutschland sehr schön zeigen können, warum die Linkspartei dort so stark und stabil ist. Beide linken Milieus sind hier nämlich stärker als im Westen ausgeprägt. Objektiv ist die Unterschicht hier zahlenmäßig größer, weil es mehr Arbeitslose gibt und die Arbeitenden niedrigere Löhne als im Westen erhalten. Die (West-)Unternehmer haben das Tohuwabohu des Umbruchs dafür genutzt, lästige Bastionen an Arbeitnehmerrechten zu schleifen. Und subjektiv haben viele Arbeiter noch die DDR-Argumentation im Ohr, dass ihr miserabler Zustand nicht naturgegeben ist, sondern das Resultat kapitalistischer Verhältnisse.
Und auch die Zahl der Intellektuellen, die mit der Linkspartei sympathisieren, ist größer. Die Akademiker, die über Mitte 40 sind und demzufolge noch in der DDR studiert haben, sind zu einem größeren Prozentsatz Arbeiterkinder als ihre Alters- und Bildungsgenossen im Westen. Und auch die Akademikerkinder unter ihnen haben den egalitären Ansatz im Bildungssystem der DDR noch in Erinnerung. (Dass es auch diese Bevorzugung von Arbeiterkindern in der DDR war, die zur Verringerung des intellektuellen Potenzials und damit letztendlich zum eigenen Untergang geführt hat, sei hier einmal dahingestellt.) Interessanterweise verschwindet dieses Ost-Lebensgefühl mit der nachfolgenden Generation noch nicht. Es gibt sehr viele junge Leute, die sich hier für die Linkspartei engagieren oder mit ihr sympathisieren.
Beide Unterstützergruppen erkennen also genauer als im Westen, dass der Anspruch, dass jeder Lebenschancen proportional zu seinen eigenen Leistungen hat, von der gegenwärtigen Gesellschaft nicht eingelöst wird. Zerrissen wird die SPD nicht, weil ihr Führungspersonal besonders unfähig ist, sondern weil es ihnen nicht gelingt, der Unterschicht zu kommunizieren, warum eine Verschlechterung ihrer Lebenssituation und ihren Lebenschancen zu ihrem Besten sein soll. Eine Analyse in dieser Art hätte ich mir von dem Zeitartikel gewünscht.
Kategorie: Politik
Samstag, 19.Juli 2008





Hier findet man die beiden Artikel:
Links oben, links unten
Deine Links funktionieren nicht,
Die rote Seele
Links oben, links unten
Zum Hauptartikel: Ich hätte auch lieber eine Analyse gehabt, glaube aber, dass das nicht intendiert war, sondern dass eher die personale Ebene erfasst werden sollte (dadurch wird's halt ein bisschen "schwammig"). Sonst aber ein sehr spannendes Thema (Unterschiede zwischen links und rechts bzw. deren Gültigkeit).
Im politischen Tagesgeschäft gibt es keine tiefgründigen Analysen. Zum Beispiel ist eine von den Konservativen häufig geäußerte Meinung, die Vorschläge der Linken wären nicht finanzierbar, schlicht falsch. Selbstverständlich ist genug Geld da, das ist nicht der Punkt. Die Fragen sind vielmehr, volkstümlich gesprochen: "Wenn ich in diesem Jahr einen Reichen melke, bleibt er dann auch im nächsten Jahr noch geldgierig genug, um erneut gemolken zu werden, oder bricht das System durch das Melken zusammen? Oder ist derjenige, dem ich das Geld gebe, im nächsten Jahr leistungsfähig genug, um keinen oder weniger Transfer zu benötigen?" Hier denken vielleicht sogar beide politischen Lager zu kurz bzw. äußern ihre impliziten Glaubensannahmen nicht.
Eine ordentliche Analyse wäre aber bitter nötig, denn einige der Grundlagen der sogenannten Marktwirtschaft verlieren zunehmend ihre Gültigkeit, zum Beispiel der zentrale Glaubenssatz von Angebot und Nachfrage. Steigende Preise aufgrund steigender Nachfrage sollen nach diesem Schema ja eine steigende (weil rentabler werdende) Produktion (steigendes Angebot) nach sich ziehen. Was Rohstoffe, Klima und Nahrungsmittel betrifft, gelten diese Glaubenssätze aber nicht mehr. Es ist ja nicht nur das Erdöl, was ständig knapper wird, das betrifft auch viele andere Rohstoffe, von denen es tatsächlich und objektiv immer weniger gibt.
Die einzelnen Stoffe können auch nicht mehr so wie früher gegeneinander substituiert werden, wie die Diskussion um die Biokraftstoffe zeigt. Energie und Lebensmittel stehen im Zusammenhang, für die anderen Rohstoffe gilt das ebenso. Wenn jetzt also kapitalistische Prinzipien erkennbar nicht mehr funktionieren, muss man die Alternativen um so gründlicher analysieren und darf sich nicht in intellektuellem Blah verlieren.