Prokrastination
Meistens bleiben mir Fremdwörter oder Neologismen nicht lange im Gedächtnis, die meisten sind sowieso exhaustive superfluid. So ist es mir jedenfalls Ende letzter Woche mit den Schöpfungen "craniosacrale Orthopathie" und "Kinesiologie" gegangen, deren Lautung zwar noch ein paar Tage nachklang, aber deren Bedeutung sofort von meinem praktisch veranlagten Hypothalamus als unnütz aussortiert wurde. Die Geschmäcker sind verschieden, einem Kollegen von mir blieb zum Beispiel Podoorthesiologie noch länger im Ohr wurmend zurück. Ein bisschen anders sieht es aber mit dem Wort "Prokrastination" aus, dass etwas euphemistisch das vielen bekannte Aufschiebeverhalten verbrämt und durchaus eine ernstzunehmende und pandemische Erkrankung der intrinsischen Motivation darstellt. Umgangssprachlich kann man aber auch einfach von "Verpeilung" und "Konjunktivitis" sprechen, wenn man diesem schönen Text Glauben schenken mag:
Und wie bezeichnet man einen Verpeiler, wenn man ihn nicht als Verpeiler bezeichnet: Prokrastineur, Prokrastinateur, Prokrastinator, Prokrastinierer, Prokrast oder ganz anders? Und jetzt verpisse ich mich aus dem Netz, sonst verpeile ich mich hier noch.
Kategorie: Guter Deutsch
Antiverpeil Howto für NerdsDer Text ist 6 Jahre alt, es würde mich interessieren, wie die Autorin zu diesem Thema gekommen ist, wie sie sich selbst verhält, ob sie so denkt wie sie schreibt, und wie dieser Link auf die Wikipedia-Seite zur Prokrastination gekommen ist.
Verpeilen und Konjunktivitis sind enge Freunde. "Müsste man mal." "Sollte ich heute machen." "Ich muss endlich xy erledigen." "Ich habe verschlafen." "Ich habs vergessen." Wenn solche Sätze bestimmend für dein Leben sind, könnte es sein, dass du willkommen im engeren Kreis der Verpeiler bist. Auf der einen Seite entbehrt es nicht einem gewissen Humor, jemanden während der Diplomarbeit geradezu manisch die Wohnung putzen zu sehen - auf der anderen Seite bedeutet Verpeiler zu sein, immer unzufrieden mit sich zu sein und von anderen als unzuverlässig eingestuft zu werden. Es bedeutet, mit zunehmendem Alter immer mehr zu kapieren, welche Chance man nicht wahrgenommen hat - nicht, weil man nicht wollte, sondern weil man es schlicht nicht gebacken bekommen hat. Es bedeutet, zu spannenden Projekten nicht mehr eingeladen zu werden, weil man als Verpeiler gilt. Manche verpeilen auch das Leben mit ihrer Freundin oder haben mehrere Tausend Währungseinheiten Steuerschulden, weil sie die 5,6 Stunden des Steuerpapiere sortierens nicht hinbekommen. Es gibt kleines Verpeilen wie sich auf den letzten Drücker an der Uni zurückzumelden, aber auch grosses Verpeilen, wie das Abi nicht zu schaffen oder so oft durch das Diplom zu fallen, bis man nicht mehr darf.
...
Du kannst dem nachgeben - aber dann arbeitest du nicht gegen das Verpeilen an. Du wirst leider konsequent und mit viel Kraft und viel dich selbst dahin überreden wieder und wieder dich an den Schreibtisch oder an den Putzlappen, Steuerpapiere usw. überwinden müssen. Es wird einfach nach 2,3 Tage sehr schwer, weil deine alten Gewohnheiten, die psychologische Vertrauheit des Verpeilens voll zuschlagen. Es fühlt sich KACKE an am Anfang. Antiverpeilen ist anfangs eine Qual. Das ist total ungeil und schwierig. Du bist unruhig, unkonzentriert und genervt. Es macht einfach keine Spass. Es wird erst im Laufe der Zeit besser, einfacher und dann auch bequemer produktiv zu sein.
Und wie bezeichnet man einen Verpeiler, wenn man ihn nicht als Verpeiler bezeichnet: Prokrastineur, Prokrastinateur, Prokrastinator, Prokrastinierer, Prokrast oder ganz anders? Und jetzt verpisse ich mich aus dem Netz, sonst verpeile ich mich hier noch.
Kategorie: Guter Deutsch
Dienstag, 01.Juli 2008





"Es entbehrt nicht einem gewissen Humor". Richtig wäre eines gewissen Humors (wenn man schon entbehren gebraucht, dann wenigstens mit dem richtigen Kasus).
"die 5,6 Stunden des Steuerpapiere sortierens". Orthographisch richtig (wenn auch nicht stilistisch unauffällig) wäre die 5, 6 Stunden Steuerpapieresortieren. Besser ist allerdings, man verschraubt sich nicht, sondern schreibt schlicht: die 5--6 Stunden, die es braucht, um die Steuerpapiere zu sortieren oder für das Sortieren der Steuerpapiere.
"Du wirst leider konsequent und mit viel Kraft und viel dich selbst dahin überreden wieder und wieder dich an den Schreibtisch oder an den Putzlappen, Steuerpapiere usw. überwinden müssen". Ist das ein Satz? Ist "viel dich selbst überreden" als substantivierter Verbalausdruck aufzufassen, also "mit viel dich selbst dahin Überreden"? Dann stellt sich die Frage, ob man "sich an den Schreibtisch, etc. überwinden kann". Ich überwinde mich an den Putzlappen -- kann man das sagen? Wenn nicht: Wie ist dann das "viel dich selbst" aufzufassen, und wie schließt sich daran das "überwinden" an? "dich selbst dahin überreden etc überwinden müssen"?
Mein Rat an die Autorin: Vor dem sich an die Diplomarbeit überwinden erstmal eine Deutsche Grammatik zur Hand nehmen.
Die meisten meiner Kollegen sind größere oder kleinere Orthografie- und Grammatikmuffel, trotzdem sind sie alle exzellente Fachleute und liebenswerte Menschen. Und ein Student, den ich gerade betreue, ist ein medizinisch anerkannter Legastheniker, der erste "echte", mit dem ich es zu tun habe. Was dieser für Texte schreibt, das ist einfach unglaublich. Bei manchen seiner Sätze kann man den Sinn nicht einmal nach lautem Vorlesen erraten. Aber seine Software ist ganz ausgezeichnet.
@Köppnick
Sowas zu kritisieren hat noch nichts mit einer Forderung nach perfektem Deutsch zu tun (wo steht eigentlich, dass die Mehrheit perfektes Deutsch [was es gar nicht gibt] nicht goutiert). Im übrigen finde ich es immer verblüffend, wie man immer zu dem Schluss kommt, dass die Mehrheit in Deutschland die "Bild"-Zeitung lese. Diese hat eine Auflage von rd. 3,5 Mio. Exemplaren (Stand 2006). Als Reichweite liest man rd. 11,5 Mio. Das wäre selbst bei grosszügigster Auslegung keine Mehrheit.
Richard von Weizsäcker hat in einem Interview mal gesagt, dass er als Bundespräsident am Morgen immer zuerst die Bildzeitung gelesen hat - um zu wissen, was das deutsche Volk an diesem Tag gerade denkt - bzw. nach Meinung der Bildredakteure und -besitzer zu denken hat.