Prokrastination

Meistens bleiben mir Fremdwörter oder Neologismen nicht lange im Gedächtnis, die meisten sind sowieso exhaustive superfluid. So ist es mir jedenfalls Ende letzter Woche mit den Schöpfungen "craniosacrale Orthopathie" und "Kinesiologie" gegangen, deren Lautung zwar noch ein paar Tage nachklang, aber deren Bedeutung sofort von meinem praktisch veranlagten Hypothalamus als unnütz aussortiert wurde. Die Geschmäcker sind verschieden, einem Kollegen von mir blieb zum Beispiel Podoorthesiologie noch länger im Ohr wurmend zurück. Ein bisschen anders sieht es aber mit dem Wort "Prokrastination" aus, dass etwas euphemistisch das vielen bekannte Aufschiebeverhalten verbrämt und durchaus eine ernstzunehmende und pandemische Erkrankung der intrinsischen Motivation darstellt. Umgangssprachlich kann man aber auch einfach von "Verpeilung" und "Konjunktivitis" sprechen, wenn man diesem schönen Text Glauben schenken mag:
Antiverpeil Howto für Nerds

Verpeilen und Konjunktivitis sind enge Freunde. "Müsste man mal." "Sollte ich heute machen." "Ich muss endlich xy erledigen." "Ich habe verschlafen." "Ich habs vergessen." Wenn solche Sätze bestimmend für dein Leben sind, könnte es sein, dass du willkommen im engeren Kreis der Verpeiler bist. Auf der einen Seite entbehrt es nicht einem gewissen Humor, jemanden während der Diplomarbeit geradezu manisch die Wohnung putzen zu sehen - auf der anderen Seite bedeutet Verpeiler zu sein, immer unzufrieden mit sich zu sein und von anderen als unzuverlässig eingestuft zu werden. Es bedeutet, mit zunehmendem Alter immer mehr zu kapieren, welche Chance man nicht wahrgenommen hat - nicht, weil man nicht wollte, sondern weil man es schlicht nicht gebacken bekommen hat. Es bedeutet, zu spannenden Projekten nicht mehr eingeladen zu werden, weil man als Verpeiler gilt. Manche verpeilen auch das Leben mit ihrer Freundin oder haben mehrere Tausend Währungseinheiten Steuerschulden, weil sie die 5,6 Stunden des Steuerpapiere sortierens nicht hinbekommen. Es gibt kleines Verpeilen wie sich auf den letzten Drücker an der Uni zurückzumelden, aber auch grosses Verpeilen, wie das Abi nicht zu schaffen oder so oft durch das Diplom zu fallen, bis man nicht mehr darf.
...
Du kannst dem nachgeben - aber dann arbeitest du nicht gegen das Verpeilen an. Du wirst leider konsequent und mit viel Kraft und viel dich selbst dahin überreden wieder und wieder dich an den Schreibtisch oder an den Putzlappen, Steuerpapiere usw. überwinden müssen. Es wird einfach nach 2,3 Tage sehr schwer, weil deine alten Gewohnheiten, die psychologische Vertrauheit des Verpeilens voll zuschlagen. Es fühlt sich KACKE an am Anfang. Antiverpeilen ist anfangs eine Qual. Das ist total ungeil und schwierig. Du bist unruhig, unkonzentriert und genervt. Es macht einfach keine Spass. Es wird erst im Laufe der Zeit besser, einfacher und dann auch bequemer produktiv zu sein.
Der Text ist 6 Jahre alt, es würde mich interessieren, wie die Autorin zu diesem Thema gekommen ist, wie sie sich selbst verhält, ob sie so denkt wie sie schreibt, und wie dieser Link auf die Wikipedia-Seite zur Prokrastination gekommen ist.

Und wie bezeichnet man einen Verpeiler, wenn man ihn nicht als Verpeiler bezeichnet: Prokrastineur, Prokrastinateur, Prokrastinator, Prokrastinierer, Prokrast oder ganz anders? Und jetzt verpisse ich mich aus dem Netz, sonst verpeile ich mich hier noch.

Kategorie: Guter Deutsch
Talakallea Thymon - 2. Juli, 10:37

Eines "bekommt" die Autorin gewiß nicht "gebacken" (in ihrer eigenen Ausdrucksweise), und zwar, grammatisch korrekt, orthographisch fehlerfrei und stilistisch angenehm zu schreiben.

"Es entbehrt nicht einem gewissen Humor". Richtig wäre eines gewissen Humors (wenn man schon entbehren gebraucht, dann wenigstens mit dem richtigen Kasus).

"die 5,6 Stunden des Steuerpapiere sortierens". Orthographisch richtig (wenn auch nicht stilistisch unauffällig) wäre die 5, 6 Stunden Steuerpapieresortieren. Besser ist allerdings, man verschraubt sich nicht, sondern schreibt schlicht: die 5--6 Stunden, die es braucht, um die Steuerpapiere zu sortieren oder für das Sortieren der Steuerpapiere.

"Du wirst leider konsequent und mit viel Kraft und viel dich selbst dahin überreden wieder und wieder dich an den Schreibtisch oder an den Putzlappen, Steuerpapiere usw. überwinden müssen". Ist das ein Satz? Ist "viel dich selbst überreden" als substantivierter Verbalausdruck aufzufassen, also "mit viel dich selbst dahin Überreden"? Dann stellt sich die Frage, ob man "sich an den Schreibtisch, etc. überwinden kann". Ich überwinde mich an den Putzlappen -- kann man das sagen? Wenn nicht: Wie ist dann das "viel dich selbst" aufzufassen, und wie schließt sich daran das "überwinden" an? "dich selbst dahin überreden etc überwinden müssen"?

Mein Rat an die Autorin: Vor dem sich an die Diplomarbeit überwinden erstmal eine Deutsche Grammatik zur Hand nehmen.

Köppnick - 2. Juli, 20:51

Naja, ihr Artikel hieß ja nicht "Ratschläge für die Überwindung der Prokrastination, geschrieben von Prof. Soundso", sondern "Antiverpeil Howto für Nerds". Und dafür ist der Text in sich stimmig und authentisch. Bestimmt ist sie im persönlichen Umgang sehr angenehm und direkt, auch weil sie ihre Schwächen genau analysiert und für sich einen Weg zu ihrer Überwindung gefunden hat, den sie mit anderen teilen will. Es ist gut möglich, dass ihre Schreibe bei der Zielgruppe der "Nerds" besser ankommt als korrektes Deutsch, das in seiner Perfektion sowieso nur von einem verschwindend kleinen Bruchteil der Deutschen goutiert wird. Der größere Teil liest die Zeitung mit den großen Buchstaben oder überhaupt nichts außer Flyern mit den aktuellen Sonderangeboten im Supermarkt.

Die meisten meiner Kollegen sind größere oder kleinere Orthografie- und Grammatikmuffel, trotzdem sind sie alle exzellente Fachleute und liebenswerte Menschen. Und ein Student, den ich gerade betreue, ist ein medizinisch anerkannter Legastheniker, der erste "echte", mit dem ich es zu tun habe. Was dieser für Texte schreibt, das ist einfach unglaublich. Bei manchen seiner Sätze kann man den Sinn nicht einmal nach lautem Vorlesen erraten. Aber seine Software ist ganz ausgezeichnet.
Gregor Keuschnig - 3. Juli, 08:55

Der Artikel ist in einem bestimmten Jargon geschrieben. Dadurch büsst er für mich zwar eine gewisse Seriosität ein, müsste aber auf dieser Ebene "abgeholt" werden. Und da wirkt er auf mich ein bisschen zwanghaft lustig, aber nach einigen Bier ist das vielleicht auch okay. Ich kann sowas kaum lesen, weil man so etwas oft genug hört (unfreiwillig in S-/U-Bahnen, Zügen, auf Bahnsteigen, in Restaurants).

@Köppnick
Sowas zu kritisieren hat noch nichts mit einer Forderung nach perfektem Deutsch zu tun (wo steht eigentlich, dass die Mehrheit perfektes Deutsch [was es gar nicht gibt] nicht goutiert). Im übrigen finde ich es immer verblüffend, wie man immer zu dem Schluss kommt, dass die Mehrheit in Deutschland die "Bild"-Zeitung lese. Diese hat eine Auflage von rd. 3,5 Mio. Exemplaren (Stand 2006). Als Reichweite liest man rd. 11,5 Mio. Das wäre selbst bei grosszügigster Auslegung keine Mehrheit.
Köppnick - 6. Juli, 12:04

Im übrigen finde ich es immer verblüffend, wie man immer zu dem Schluss kommt, dass die Mehrheit in Deutschland die "Bild"-Zeitung lese. Diese hat eine Auflage von rd. 3,5 Mio. Exemplaren (Stand 2006). Als Reichweite liest man rd. 11,5 Mio. Das wäre selbst bei grosszügigster Auslegung keine Mehrheit.
Ich habe eine Erklärung gefunden, warum sich (bei mir) immer wieder dieser Eindruck ergibt. Das Gros der Zeitungen kommt über ein Abonnement ins Haus. Die Bildzeitung muss man am Kiosk kaufen. Wenn ich Sonnabend früh zum Bäcker gehe und mit drei Leuten in dem sehr kleinen Laden stehe (der Rest der Schlange steht VOR der Tür), dann kauft IMMER einer der drei eine Bild. Und wenn man vor der Bäckersfrau steht, dann hat man an der Seite den Zeitungsständer im Blick. Dort stehen drei Zeitungen zur Auswahl, "Freies Wort", "Thüringer Allgemeine" und eben "Bild". Die Schlagzeile der "Bild" ist gegenüber dem Kleingedruckten der anderen beiden riesig, man kann gar nicht anders, als mit den Augen daran hängen zu bleiben.

Richard von Weizsäcker hat in einem Interview mal gesagt, dass er als Bundespräsident am Morgen immer zuerst die Bildzeitung gelesen hat - um zu wissen, was das deutsche Volk an diesem Tag gerade denkt - bzw. nach Meinung der Bildredakteure und -besitzer zu denken hat.
Talakallea Thymon - 2. Juli, 23:15

stimmt schon. bin wohl mit dem falschen fuß aufgestanden.

nur: legasthenie ist eine echte erkrankung, das hat mit nachlässigkeit oder faulheit nichts zu tun.

Köppnick - 3. Juli, 08:11

Das Pendant zur Legasthenie, Dyskalkulie, ist eine genauso faszinierende Geschichte. Das spricht dafür, dass es bei aller Verteiltheit im Gehirn eng begrenzte Bereiche gibt, die Schalterfunktionalität für höhere Hirnfunktionen haben. Ich hatte mit einem meiner Kollegen eine interessante Diskussion darüber, ob Legasthenie nicht ein Hinderungsgrund für ein Ingenieurstudium ist. Meiner Meinung nach nicht, schlecht rechnen zu können oder über kein räumliches Vorstellungsvermögen zu verfügen, wäre eher von Nachteil.

Und zur Faulheit: In dem von mir verlinkten Artikel fand ich es interessant, dass die Autorin explizit zwischen "Verpeiltheit" und "Faulheit" unterschieden hat. Verpeiltheit als Wollen und nicht Können (aus Willensschwäche), Faulheit als bewusste Entscheidung.

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Kommentare hier ...

Der Artikel über den Atheismus in der...
Köppnick - 19. August, 19:26
Es ist schon ein großer Unterschied...
Talakallea Thymon - 19. August, 13:09
Also der Satz, dass es irrelevant ist, dass...
steppenhund - 18. August, 14:37
Noch eine Ergänzung
Gregor Keuschnig - 18. August, 14:00
@beide
steppenhund - 18. August, 13:52
Mittelfristig ist Russland keine Grossmacht...
Gregor Keuschnig - 18. August, 10:13
Naja,
Gregor Keuschnig - 18. August, 09:21
Nachtrag
Köppnick - 17. August, 12:26
@Peter Viehrig
Köppnick - 16. August, 08:46
Ein paar Einsprüche
Peter Viehrig - 16. August, 07:41