Die Feminisierung des Journalismus trifft auf dessen Niedergang
Die Feminisierung des Journalismus trifft auf dessen Niedergang, so lautet die These des Artikels Rapunzel-Diät statt Macht-Kontrolle von Rudolf Stumberger in der Telepolis. Der Autor ist selbst Journalist und arbeitet als Dozent an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. In dem Artikel kommentiert er eine Umfrage, die unter Leitung des Journalistikprofessors Michael Haller aus Leipzig durchgeführt wurde. Diese Umfrage unter Journalisten ergab u.a., dass
- sich der Anteil der weiblichen Journalisten ständig erhöht und
- sich die Themen, mit denen sich Journalisten befassen, ebenfalls ändern.
Die Befragten Journalisten sind sich weitgehend einig, dass Themen aus dem Bereich der Unterhaltung und des Infotainments, aber insbesondere auch Lebenshilfe- und Ratgeberthemen in Zukunft deutlich zunehmen werden. Wird es aber nur noch Infotainment geben? Sicherlich nicht.Unstrittig ist, dass gerade Berufseinsteiger miserabel bezahlt werden oder gar als Volontäre für lau arbeiten müssen. Inwiefern das mit dem zunehmenden Frauenanteil unter den Journalisten zusammenhängt oder mit den Themen, über die sie schreiben, weiß ich nicht. Aber Rudolf Stumberger hat dafür eine Erklärung (die meiner Meinung nach nicht durch die Ergebnisse der zitierten Studie gedeckt ist):
Bildungsthemen, sowie Kritik und Kontrolle werden in der Berichterstattung nicht abnehmen, sondern weitgehend konstant bleiben werden. Auch in Zukunft wird der Leser nicht auf den klassischen Leitartikel verzichten müssen. Die grundsätzliche Frage, ob es noch eine Nachfrage nach klassischem Journalismus geben wird, scheint in der Tendenz beantwortet.
Gleichwohl sehen die Journalisten ihr eigenes Handwerk nicht gefährdet. Vielmehr untermauert die Studie, dass die Anpassungsleistungen der Journalisten größer werden. Zum einen müssen sie ein thematisch-inhaltlich vielfältigeres Angebot liefern, zum anderen einer ausgeweiteten Formatvielfalt im Rahmen des technisch Möglichen Rechnung tragen. Dazu gehört auch, dass sich die Tageszeitungen vermehrt nach den Erwartungen der Leser richten müssen.
Berufe haben ebenso wie soziale Klassen oder andere soziale Formationen eine "Laufbahn". Sie unterliegen dem sozialen und technischen Wandel. Manche Berufe wie zum Beispiel derzeit der IT-Ingenieur sind im Aufstieg begriffen, sie werden nachgefragt und sind überdurchschnittlich bezahlt. Andere Berufe sind im Niedergang begriffen, zum Beispiel der des Elektroingenieurs, der sich bisher vor allem mit analoger Kommunikationstechnik beschäftigte - Siemens hat hier gerade eine Entlassungswelle angekündigt. Andere Berufe wie etwa der des Schriftsetzers sind technisch überholt und sterben schließlich aus.Das ist starker Tobak. Mich würde interessieren, ob dieser These tatsächlich ernstzunehmende Sozialwissenschaftler zustimmen, oder ob es sich hier um die Privatmeinung eines verbitterten männlichen Journalisten handelt.
Mit diesen Auf- und Abwärtsbewegungen von Berufen verbunden ist die Zusammensetzung der Berufsausübenden nach Geschlecht und die Sozialwissenschaft fasst dies unter dem Begriff der "Verweiblichung" von Berufen. Dies meint, dass bei Berufen, die im Niedergang begriffen sind, die Männer bei der Berufswahl auf attraktivere Positionen ausweichen und Frauen nun in die freigewordenen Positionen des gesellschaftlich absteigenden Berufszweiges nachrücken. Die Entwicklung vom Sekretär zur Sekretärin spiegelt dies etwa wider.
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Dieser Funktionswandel des Journalismus kann als eine der Ursachen für den Niedergang der "bedrohten Profession" wie es in der Studie heißt, angesehen werden. Noch mal zur Verdeutlichung: Der Niedergang eines Berufes hat nichts damit zu tun, dass Frauen womöglich schlechter recherchieren oder schreiben als Männer, sondern der Frauenanteil ist ein Indikator für eine gewandelte gesellschaftliche Beurteilung.
Dieser Wandel wiederum lässt sich an massiven aktuellen Tendenzen der Deprofessionalisierung und Deklassierung des Journalismus fest machen: Verlage verlassen die Tarifgebundenheit, ganze Redaktionsteile werden ausgegliedert und zu externe Dienstleister verlagert, Redakteure in Tochtergesellschaften ohne Tarifbindung verschoben. "Billig und gut", so ein Chefredakteur einer süddeutschen Lokalzeitung, solle der Journalist künftig sein und das was er herstellt, ist längst zum "Content" degradiert.
Samstag, 28.Juni 2008





Interessant wäre es verschiedene Handwerksberufe, oder Berufe die körperlich besonders fordernd sind, und in denen traditionell sehr wenige Frauen arbeiten unter die Lupe zu nehmen. Zeigt sich dort ebenfalls ein deutlicher Anstieg im Niedergang, dann wäre das ein deutlicher Hinweis auf die Richtigkeit der These.
1. Der vorhandene oder fehlende Zusammenhang zwischen "Bedeutung" und "Bezahlung". Frauen werden noch immer für vergleichbare Tätigkeiten schlechter als Männer bezahlt. Wenn man das drin lässt in den Betrachtungen, dann erzeugt man eine sich selbst erfüllende Behauptung. Also aus der unstrittigen Tatsache, dass Frauen (noch) schlechter bezahlt werden als Männer erzeugt man mit der Behauptung, "die Bedeutung einer Tätigkeit hängt mit der Höhe des Entgeldes zusammen" den vermeintlichen Zusammenhang zwischen der Frauenquote und dem Bedeutungsverlust.
Wenn wir aber einen positiven Zusammenhang zwischen der Anzahl der Beschäftigten und der Bedeutung eines Berufes herstellen, dann drehen sich die Verhältnisse herum. Beispiel: Pflegeberufe. Deren Bedeutung nimmt zu, weil die Anzahl der zu Pflegenden steigt. Die Bezahlung der Pflegekräfte ist aber schlecht, weil die Änderung der Geldumverteilung in der Gesellschaft langsamer erfolgt als sich die Gesellschaft selbst (demografisch) ändert. Die Mehrheit der Pflegekräfte ist weiblich, nicht nur wegen der unstrittigen Affinität von Frauen zu sozialen Tätigkeiten, sondern auch, weil immer noch traditionell mehr Frauen eine gebrochene Erwerbsbiografie haben und man in Pflegeberufen auch mit einer niedrigeren Qualifikation arbeiten kann und der zeitweilige Berufsein- und ausstieg leichter fällt.
2. Der Wandel der Berufe selbst, die noch so heißen wie früher, aber deren Inhalte sich verschoben haben. Ein Beispiel ist der Lehrer. Früher Rohrstock und Frontalunterricht. Heute gibt es ganz sicher mehr Lehrer als früher und es sind in der Mehrheit Frauen. Es ist ganz sicher falsch zu behaupten, Erziehen und Lehren hätten im Vergleich zu früher an Bedeutung verloren. Aber es ist anders organisiert als früher.
Der Autor hat eine ganz bestimmte Sicht vom Journalistenberuf, der sich vielleicht am Watergate-Skandal o.ä. orientiert. Ich vermag nicht einzusehen, warum für die Leser (oder Hörer UND für die Gesellschaft als Ganzes) Lifestyle und Lebensberatung eine geringere Bedeutung haben sollen als die Aufdeckung politischer Skandale. Beides ist wichtig. Letztlich ist es doch ein Merkmal unserer Marktwirtschaft, dass die Konsumenten darüber entscheiden dürfen, wofür sie ihr Geld ausgeben wollen.
Für politisch Interessierte mag das ein völlig unverständlicher und vielleicht sogar als falsch zu geißelnder Standpunkt sein, aber die Mehrheit denkt wohl immer und in jeder Gesellschaft nicht viel weiter als an das Wohl der eigenen Familie und der nächsten Bekannten. Und ich halte diesen Standpunkt für in Ordnung, auch wenn es mir in meinem eigenen Leben nicht genügt.
Eine persönliche Antwort.
Der Wille ist hier entscheidend, denn es gibt immer wieder Lebensabschnitte die wenig Zeit für Dinge wie Politik u.a. lassen, und jeder legt seine Prioritäten selbst fest (Der Familienausflug ist schon mal wichtiger als der Wirtschaftsteil der Zeitung). Manche Berufe sind einnehmender als andere, oder werden einfach exzessiver betrieben, weil sie zugleich Leidenschaft sind. Man muss und kann auch nicht über jedes politische Problem nachdenken. Aber grundsätzliches Interesse ist schon wichtig, wenngleich Zwang selbstverständlich fehl am Platz ist, und Du sicher Recht hast, wenn Du feststellst, dass den meisten ihr Leben wichtig ist, und nicht das der anderen (und in einem gewissen Sinne ist das auch wichtig und richtig). Andererseits, einmal scharf formuliert: Verliert jemand, der bewusst jegliches politisches Interesse, jede Teilnahme an der Gesellschaft von sich weist, nicht sein Recht auf demokratische Mitgestaltung?
Das ist - um auch ein bisschen persönlich zu werden - die Frage, die mich seit geraumer Zeit umtreibt.
Pointierter formuliert: Gibt es nicht nur ein Recht auf Partizipation innerhalb der demokratischen Strukturen, sondern letztlich auch so etwas wie eine Pflicht? Falls ja, dann müsste man definieren, worin diese Pflicht besteht (vermutlich nicht - wie in einigen Ländern - in einer profanen Wahlpflicht).
Eine bewusst apolitische Gesellschaft ist letztlich eine Gesellschaft, die diktatorischen Regierungsentwürfen Vorschub leistet. Es exisiert eine Art Abkommen zwischen den politischen Eliten und den Bürgern: Ihr lasst uns in Ruhe - und wir geben Euch in einem bestimmtem Rahmen grösstmögliche Freiheiten (diese Konditionen werden aber auch bestimmt). Das ist beispielsweise im Moment das Prinzip, nachdem China funktioniert. Dabei kommt der ökonomische Boom natürlich den politischen Machthabern entgegen.
Beim näheren Hinsehen sind solche apolitischen Gesellschaften natürlich doch politisch - eben in ihrem Delegationsmodus, der so lange funktioniert, so lange für die meisten ein Mehrwert herauskommt.
Demokratische Gesellschaften dürfen so nicht funktionieren, da sie damit ihre Basis aushöhlen: Das Problem der Demokratien besteht derzeit darin, dass den Bürgern alleine durch demokratische Institutionen und Funktionen ("freie Wahlen!") eine ökonomische Verbesserung in Aussicht gestellt wurde, die in einer Art Paradies zu münden schien ("blühende Landschaften"). Inzwischen wird Demokratie mit einer Art Meinungsdiktatur verwechselt, in der sich politische Programme nach Ergebnissen von Meinungsumfragen zu orientieren haben. Es müsste den Leuten mal gesagt werden, dass das nicht primär das Ziel von Politik ist, ja nicht sein kann.
Letztlich sind die Unterschiede ja sowieso nur quanti- und nicht qualitativ, denn auch ein zum Beispiel nicht zur Wahl Gehender trifft ja eine politische Entscheidung. Das hatten wir heute schon mal in einem anderen Zusammenhang: Genauso wie es nicht möglich ist, nicht zu kommunizieren, genauso wenig ist es möglich, nicht zu handeln. Denn Nicht handeln hat genauso Konsequenzen wie Handeln, die manchmal mehr, manchmal weniger gravierend sein können. Letztendlich bedarf eine funktionierende demokratische Gesellschaft nur eines Mindestmaßes an politischer Aktivität, wobei man unterschiedlicher Meinung darüber sein kann, wie groß dieses Mindestmaß sein muss und wie es sich äußern soll.
Ein Beispiel. Wenn heutzutage die Wahlbeteiligung ständig sinkt, dann denken viele sofort und warnen davor, dass damit die Demokratie in Gefahr gerät. Wenn man das so sieht, dann setzt man aber implizit voraus, dass die Zustände früher, bei einer höheren Wahlbeteiligung, besser gewesen sind und man deshalb am besten zu diesen alten Zuständen zurückkehren sollte. Aber es gibt ja Ursachen für die verringerte Wahlbeteiligung, und die müssen nicht in einer Verschlechterung von irgend etwas (was ja bereits eine Bewertung ist) bestehen, sondern ganz einfach eine Veränderung innerhalb der Gesellschaft anzeigen. Es könnte zum Beispiel ein Indikator dafür sein, dass das bestehende System zur "Aufrechterhaltung der Demokratie" nicht mehr zur Struktur der Gesellschaft passt und nach dem Gefühl der Menschen die anstehenden Aufgaben nicht lösen kann. Zum Beispiel dass der Zuspruch zu den Parteien abnimmt, aber andere Organisationen dafür einen höheren Zuspruch haben: Attac, Greenpeace, lokale Bürgerbewegungen und -initiativen.
@Gregor
Das Beispiel China (und auch Russland) zeigt, das autoritäre Staaten (ökonomisch) erfolgreich sein können, und, mehr noch, möglicherweise viele Bürger damit zufrieden sind. Man kann ein angenehmes Leben führen, ohne Zweifel, aber wird auf der anderen Seite entmündigt, einem Teil seiner Verantwortlichkeit und Freiheit beraubt. Nicht die allerbesten Aussichten.
Das Problem mit unpopulären Entscheidungen ist, dass man damit leicht den Ast absägt auf dem man gerade sitzt, sprich der regierenden Partei möglicherweise die Macht entgleitet, oder man bei der nächsten Wahl bestraft wird (zum Teil werden durch diesen Mechanismus gebrochene Wahlversprechen geradezu herausgefordert). Wie entkommt man dem Teufelskreis? Auf das kurze Gedächtnis der Wähler vertrauen? Unpopuläre Entscheidungen fällen, in der Hoffnung, dass sie unausweichlich sind, und die anderen Parteien ebenso handeln würden?
Eine interessante Frage: Wie weit ist der Staat für die Wohlfahrt seiner Bürger verantwortlich?
@Köppnick
Das "Gefährliche" an diesen anderen Organisationen - Gregor hat in dieser Besprechung dankenswerter Weise darauf hingewiesen - ist, dass sie nicht demokratisch legitimiert sind, also nichts weiter als Interessensvertretungen sind, und letztlich wie Konzerne behandelt und verstanden werden sollten. Es könnte fatal sein, wenn Bürger und Regierungen ihre Entscheidungsgewalt abgeben, und sei es nur, dass die Vielfalt des Bestehenden in eine Monotonie mündet, eben weil diese Institutionen ihre Interessen weltweit durchsetzen. Also: Parteien sind demokratisch legitimiert, andere Organisationen nicht. Da musst Du schon einen besseren Vorschlag machen. Ich will aber nicht abstreiten, dass sinkende Wahlbeteiligung ein Indikator für gesellschaftliche Änderungen sein kann.
Gestern Abend bei Anne Will wurde über die Demokratiemüdigkeit in Deutschland gestritten. Ausnahmsweise fand ich mal alle Teilnehmer gleich gut (oder schlecht oder lustig oder traurig) und nicht wie sonst die Linken argumentativ überlegen. Aber den ganzen Abend gingen mir die folgenden Gedanken nicht aus dem Kopf: Die Politiker beklagen, dass die Menschen nicht mehr zur Wahl gehen. Steigt aber die Wahlbeteiligung wie in Ostsachsen und bekommt dort die NPD 30%, dann ist es den etablierten Parteien auch nicht recht. Also die Politiker möchten: Die Menschen sollen möglichst zahlreich zur Wahl gehen und diejenigen Parteien wählen, mit deren Politik sie nicht einverstanden sind, weil sie das Gefühl haben, dass sich die Ungerechtigkeiten vergrößern. Und wenn sie nicht richtig wählen, "muss Demokratie mit ihnen geübt werden". Das hat Monika Maron gesagt oder Jörg Schönbohm.
@Köppnick
Was der Bürger bei einer Wahl tut, ist, dass er die Politik (also das was er in die Hände von Berufspolitikern gelegt hat) bewertet und mit entscheidet ob die Regierung erneut sein Vertrauen erhalten soll (also ob sie gute Arbeit geleistet hat). Wenn ich eine Sache bewerte sollte ich zumindest über ein grobes Bild verfügen, oder? Ich glaube, nicht, dass die Sache damit getan ist, dass man sagt, der Politiker erfüllt seine Aufgabe in seiner Nische, und alle anderen in den ihrigen.
Das was Du über die Anne Will Diskussion schreibst, würde das nicht eher für meinen Standpunkt sprechen?
Ein erschreckendes Beispiel ist die Volksabstimmung in Irland. Vermutlich wäre eine Abstimmung in jedem anderen Land Europas genauso ausgegangen. Aber was machen die Politiker? Sie überlegen, wie sie so weitermachen können, wie sie es wollen, nicht wie der sogenannte Souverän. Das verstärkt die Zentrifugalkräfte zwischen Politikern und Bevölkerungen noch weiter.
Das was Du weiter unten ansprichst, scheint mir entscheidender: Den unterschiedlichen Staatsmodellen, liegen unterschiedliche Menschbilder bzw. philosophische Prämissen zu Grunde; das ist eine lohnenswerterer Punkt anzusetzen, als erneut Grundeinkommen u.ä. durchzukauen, und dann eine Symptomdiskussion zu führen, anstatt die grundlegenden Annahmen genauer zu betrachten.
Ich versuche einen Anfang: Wenn wir den Menschen, als ein Produkt der Evolution ansehen, dann ist er bedingt durch diese Evolution, aber auch durch seine Kultur und Sozialisierung, ein Individuum das meist in einer Gemeinschaft/Gesellschaft lebt. Nun ist entscheidend welchen Aspekt man betont. Ich möchte folgenden Schwerpunkt setzen: Wenn wir davon ausgehen, dass es nur dieses eine Leben gibt, nur diese eine Möglichkeit, dann billige ich jedem zu, seinen eigenen Entwurf zu leben, und werde dem anderen nur dann Vorschriften machen, wenn er den Entwurf des anderen stört. Es muss möglich sein, seine Überzeugungen, seine Prämissen, seine Vorstellungen zu leben, solange sie nicht mit denen anderer kollidieren (anders formuliert: unsere Freiheit hat seine Grenze, wo sie die Freiheit des anderen einschränkt). Das ist nun gar nicht gegen eine, wie auch immer geartete, Gesellschaft gerichtet - wenn wir uns entscheiden in einer Gesellschaft zu leben, warum nicht? Nur muss es der, der das nicht will?
Hier möchte ich einen ersten Widerspruch anmelden: Ich glaube, dass das Menschbild der Liberalen, das bessere (ethisch anspruchsvollere) ist. Die Sozialisten - vielleicht eher die Realisten - sind diejenigen die durch Regelmentierung, das Leben aller steuern und lenken wollen, mit durchaus ehrenwerten Zielen, aber dem Beigeschmack der Entmündigung. Der Liberale vertraut darauf, dass der Bürger in Freiheit, Kraft seiner Vernunft und seines Urteilvermögens, die für ihn und für alle anderen (ethisch) richtigen Entscheidungen trifft. Der Sozialist hat dieses Vertrauen nicht, er meint das Paradies auf Erden für die Menschen organisieren zu müssen - im Zweifelsfall gegen ihren Willen [Ganz in diesem Geiste eine Aussage unserer Gesundheitsministerin (auch wenn sie keiner Sozialdemokratischen Partei angehört): Heute wurde im Nationalrat ein Rauchergesetz verabschiedet, "Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky (ÖVP) meinte, das Gesetz sei ein weiterer Aspekt, um die Menschen vom Rauchen wegzubekommen. ", lese ich. Diese Aussage ist (da nicht wörtlich zitiert wurde, bleibt ein Unsicherheitsfaktor) ein Skandal. Warum bitte sollte ein erwachsener Mensch, der den Genuss über seine Gesundheit stellt, und dabei seine Mitmenschen nicht gefährdet (belästigt), nicht rauchen dürfen? Das ist eine Entmündigung sondergleichen. Hier sieht man aber auch, dass sich der Staat im eigenen Netz fängt: Weil er die Gesundheitsversorgung der Bürger organisiert, beginnt er ihnen (vor allem aus finanziellen Gründen) vorzuschreiben wie sie zu leben haben.]
Natürlich, wenn jeder leben könnte wie er will, kann das zu hemmungslosem Egoismus führen. Kann. Das ist der Pferdefuß des Liberalismus.
Nochmal kurz zur Politik: Stell Dir vor wir diskutieren gerade über das menschliche Selbstbewusstsein, und ein Diskutant tritt hinzu und behauptet abstruse Dinge, und glänzt vor allem durch Unwissen. Was wird man von ihm fordern? Genau: Er sollte sich zumindest grundlegend über das Thema informieren, sonst ist ein Diskussionsbeitrag von seiner Seite kaum fruchtbar (Ich glaube, wenn ich mich recht erinnere, hast Du anderen Orts einmal gefordert, dass eine Mindestanforderung ein Wikipediaartikel zum Thema wäre.). Warum sollte für die Bewertung von Politik etwas anderes gelten, zumal die praktischen Auswirkungen doch wesentlich sein können? Dafür muss Politik nichts besonderes sein, sondern für sie nur das gelten was für alle anderen Sachthemen auch gilt.
- Die Ziele, die jemand verfolgt.
- Die Handlungen, die er zum Erreichen dieser Ziele tätigt.
- Die Motive, die ihn zum Handeln drängen.
Was wirfst du der Gesundheitsministerin vor? Ihre Ziele, ihre Handlungen oder ihre Motive oder eine Melange von allem? Wenn für einen Liberalen eine Einschränkung der Freiheitsrechte dort geboten ist, wo die Freiheitsrechte anderer in Mitleidenschaft gezogen werden, dann kommen bzgl. des Rauchens Einschränkungen zum Beispiel in Frage, wenn:- die Gesundheit anderer gefährdet wird (Rauchen in Gaststätten und an öffentlichen Orten),
- die Gesundheit MInderjähriger gefährdet wird oder
- die Solidargemeinschaft mehr Geld für die Folgen des Rauchens ausgeben muss, als sie von den Rauchern an Steuern einnimmt.
Daran kann ich mich nicht erinnern, es erscheint mir etwas zu hoch als Anforderung.Ein sehr schönes Argument für den Liberalismus hat Popper geliefert (der sich als Liberalen bezeichnet hat). Er hat ja - ich weiß jetzt trage ich Eulen nach Athen - die Position vertreten, dass man immer nur sehr wenig wissen kann, und dieses Wissen stets Vermutungswissen ist, und wir die Kritik der anderen dringend brauchen, um unsere falschen Hypothesen auszusortieren (denn wir können nur unsere Fehler bemerken, aber nie wissen ob wir richtig liegen). Dafür benötigen wir ein Klima, das einen freien, von Argumenten getragenen Diskurs zulässt, und ein solches Klima ist ohne Liberalismus nicht denkbar. Im Grunde ihr Ziel. Ein Bürger muss selbst entscheiden ob er rauchen will, oder nicht (Gesundheit vs. Genuß habe ich oben schon angesprochen, das ist, wenn man selbst betroffen ist, die eigene Entscheidung, und die niemandes anderen). Wenn andere betroffen sind, hat die Gesundheit Vorrang vor dem Genuß. An Orten, an denen man nicht zwangsläufig sein muss, wie z.B. Gaststätten im Unterschied zu öffentlichen Gebäuden, sind verschiedene Regelungen denkbar. Man wird mit einem Gesetz, diejenigen, die tatsächlich süchtig sind nicht vom Rauchen abhalten, und die, die nicht süchtig sind (Genußraucher) bestraft man. Was soll das Ganze also? Ich halte das für eine Einmischung von Seiten des Staates in persönliche Angelegenheiten (stell dir vor, hier will Dir eine Ministerin vorschreiben, ob Du Dir in Deinen vier Wänden eine Zigarette anzünden darfst!). Und um die Mehrkosten für das Gesundheitssystem hereinzubekommen, kann man andere Regelungen treffen (dann kosten die Glimmstengel eben mehr),.
Es kann auch sein, dass mir meine Erinnerung einen Streich spielt, ich merke immer wieder, dass Erinnerungen sich verändern, und man diese Veränderung dann mit der Erinnerung verwechselt. Wie auch immer, es ist nicht so wichtig.
@isv_rp
Zum Rauchen: Ich bin selbst Nichtraucher, und war das auch schon immer. Ich verteidige also einen Standpunkt der in einem gewissen Sinne nicht der meine ist. Und ich kenne die tränenden Augen, die stinkende Kleidung, die versagende Stimme.
Aber nicht jeder Raucher ist ein Kranker, ich kenne einige die hin und wieder rauchen, also Genussraucher sind. Der Punkt den ich ansprechen wollte, ist auch nicht der, der Gaststätten betrifft, hier lassen sich sicher Regeln finden mit denen alle leben können. Aber ich empfinde es als eine Anmaßung, wenn eine Ministerin meint, ein Gesetz sei ein Schritt "die Menschen vom Rauchen wegzubringen". Das steht ihr nicht zu. Punkt. Warum soll ich in meiner Wohnung, wo ich niemanden belästige, oder es mein Gegenüber nicht stört, nicht rauchen dürfen?
Die Zuordnung, welche Drogen legal und welche illegal sind, ist weitgehend willkürlich. Generell gilt: Legale Drogen (Alkohol und Nikotin) sind billig und richten statistisch großen Schaden an, illegale sind teuer und in Bezug auf die Gesamtpopulation relativ schadarm. Die legalen Drogen versucht der Staat mit marktwirtschaftlichen Mitteln zu deckeln (höherer Preis), die illegalen mit polizeilichen. Beide Wege haben ihre Vor- und Nachteile. Aber ganz offenbar ist gesellschaftlicher Konsens, dass man den Konsum nicht einfach so laufen lassen kann, egal welche Begründung (z.B. Freiheit) man dafür findet. ich halte den Weg, saftige Preise zu verlangen und den Konsum über gesetzliche Auflagen zu erschweren, für sinnvoller als eine vollständige Kriminalisierung ala Heroin & Co.
Das mangelnde Vertrauen habe ich nicht nur auf die Politik bezogen, aber Du hast mit Deiner Anmerkung trotzdem nicht unrecht, und letztlich ist etwas wie "mangelndes Vertrauen" als Argument eher schwachbrüstig.