Mark Solms, Oliver Turnball: Das Gehirn und die innere Welt
Ich bin mit etwas gemischten Gefühlen an die Lektüre des Buches gegangen, weil ich mir immer noch keine abschließende Meinung über den wissenschaftlichen Wert der Psychoanalyse gebildet habe. Aber zweifellos gehört Sigmund Freud zu den genialsten Geistern des 20. Jahrunderts. Der Neurowissenschaftler und Psychoanalytiker Mark Solms und der Neuropsychologe Oliver Turnbull haben ein Buch geschrieben, in dem sie einen Brückenschlag zwischen den aktuellen Erkenntnissen der Neurowissenschaften und der Psychoanalyse versuchen. In den einleitenden Abschnitten des Buches werden die heute bekannten anatomischen und physiologischen Details in einer Klarheit und Ausführlichkeit präsentiert, die ich so bis jetzt noch nirgends gelesen habe. Stark verkürzt: Im Hirnstamm laufen die Informationen aus dem Körper zusammen, in anderen Teilen des Gehirns findet die Verarbeitung der äußeren Sinneseindrücke statt. An die sensorischen Areale schließen sich assoziative Teile an, diese wiederum projizieren in motorische Areale, mit denen der Körper seine Aktivitäten steuert. Es gibt eine Reihe von Basisemotionen, die grundlegende Bedürfnisse des Körpers ausdrücken, und für diese Basisemotionen sind eine Reihe von neurophysiologischen Strukturen im Gehirn gefunden worden. Die Axone der Neuronen im Hirnstamm (die den inneren Zustand des Körpers repräsentieren) projizieren in andere Teile des Gehirns (des Kortex), d.h. ihre Axone befinden sich dort und setzen an diesen Stellen Neurotransmitter frei, die wiederum die Arbeitsweise der dort befindlichen Neuronen modulieren. Zu den verschiedenen Basisemotionen {Such-System (=Neugierde, Interesse, Erwartung), Befriedigungssystem (Gratifikation), Wut-System (Ärger, Frustration, Aggression), Furcht-System (Angst, Furcht, Flucht), Panik-System (Verlassenheit, soziale Bindung, Zuwendung)} gehören eine ganze Reihe spezifischer Neurotransmitter, die dann die Arbeit des übrigen Gehirns beeinflussen. Ein bisschen im Vorgriff auf die Vorstellungen zum Bewusstsein ein Zitat aus dem Buch zur Rolle der Emotionen für das Bewusstsein:
Emotion ähnelt einer Sinnesmodalität – einer nach innen gerichteten sensorischen Modalität, die als solche nicht über den Zustand der Objektwelt, sondern über den augenblicklichen Zustand des körperlichen Selbst informiert. Sie erweitert unsere bewusste Existenz um einen sechsten Sinn (eine sechtse Modalität der "Qualia"). Emotion ist jener Aspekt des Bewusstseins, der übrig bliebe, wenn man alle aus der äußeren Welt stammenden Inhalte entfernt. Das heißt, wenn Ihnen alle (aus aktuellen und früheren Wahrnehmungen hergeleiteten) sensorischen Eindrücke fehlten, wären sie gleichwohl immer noch bewusst. Sie wären sich weiterhin ihres inneren Zustands gewahr – Ihres Kernselbst.Natürlich kommt kein Autor eines sich an einen breiteren Leserkreis richtenden Buches um eine Darstellung seines Standpunktes zum Leib-Seele-Problem herum. So also auch in diesem Buch dazu ein längerer Abschnitt:
Wir (M.S., O.T.) sind der Meinung, dass die Beschaffenheit der Beziehung zwischen Gehirn und Geist (Körper und Seele) wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden kann. Aussagen wie: " Körper und Seele sind eins" (die monistische Position) oder "Die Seele existiert in Wirklichkeit nicht" (die materialistische Position) sind unserer Ansicht nach wissenschaftlich nicht überprüfbar.Aber für mich waren die Abschnitte im Buch die interessantesten, in denen die physiologischen Erkenntnisse in eine Theorie des Bewusstseins umgesetzt werden:
...
Selbst wenn man experimentell nachweisen könnte, dass eine bestimmte Untergruppe neuronaler Prozesse auf eine hochspezifische, unverwechselbare Weise mit bewusstem Erleben verbunden ist, bleibt es dennoch (zum Beispiel in einem dualistischen Bezugsrahmen) möglich, diese Verbindung nicht als kausale, sondern als korrelative zu interpretieren.
...
Wissenschaftler beschäftigen sich mit vielerlei Dingen, die man nicht direkt wahrnehmen kann. Denken wir zum Beispiel an die "Quarks" der modernen Physik oder auch an die "Schwerkraft". Niemand zweifelt an die Existenz dieser beiden Dinge, obwohl wir lediglich ihre wahrnehmbaren Auswirkungen beobachten können. Was das Leib-Seele-Problem zu einer Ausnahme macht, ist die soeben erwähnte Tatsache: Sobald es um den geistigen Apparat des Menschen geht, ist der Beobachter zugleich das Beobachtungsinstrument. Wenn wir akzeptieren, dass das Leib-Seele-Problem letztlich auf ein Problem der Beobachtungsperspektive hinausläuft und der Unterschied zwischen ihrem Selbst und ihrem Körper (zwischen Geist und Materie) infolgedessen lediglich ein Wahrnehmungsartefakt ist, löst sich das "schwierige Problem" in Luft auf. Übrig bleibt nur das "einfache" Problem – nämlich die Frage, welche Hirnprozesse mit welchen subjektiven Prozessen korrelieren.
Das Gehirn ist ein Organ, aber es ist nicht isoliert, sondern auf vielerlei Weise mit den anderen Organen unseres Körpers verbunden. ... Das Gehirn hält, kurz gesagt, Kontakt zu zwei "Welten": zur Welt in unserem Innern, dem inneren Milieu des Körpers; und zur Welt außerhalb unserer selbst, der äußeren Umwelt. Auf einer basalen Ebene formuliert, besteht die wichtigste Aufgabe des Gehirns darin, zwischen dieser Aufteilung zu vermitteln – zwischen den lebenserhaltenden (vegetativen) Funktionen des inneren Körpermilieus und der in ständiger Veränderung begriffenen Welt, die uns umgibt und die Quelle all dessen, was unser Körper braucht, bildet, aber unseren Bedürfnissen gleichgültig gegenübersteht.Vor dem Hintergrund der zuvor erfolgten ausführlichen Darstellung der Anatomie, Physiologie und Psychologie ist das Buch hervorragend. In einer Amazon-Rezension heißt es:
...
Der Hirnstamm besitzt etwa die Größe des menschlichen Daumens, und die erwähnten Kerne sind etwa so groß wie Streichholzköpfe. Es ist beeindruckend, dass Verletzungen einer so winzigen Hirnregion zu einer vollständigen Auslöschung des Bewusstseins führen und ein tiefes Koma verursachen. ... Wir können also mit Fug und Recht sagen, dass diese winzigen Nuklei das Bewusstsein beherbergen. Unter diesem Blickwinkel wird das Bewusstsein nicht durch spezifische kortikale Zonen erzeugt, sondern vielmehr dadurch, dass diese tief im Innern des Gehirns gelegenen Strukturen spezifische kortikale Zonen aktivieren.
...
Während der "Inhalt" des Bewusstseins mit den posterioren kortikalen Kanälen zusammenhängt, die die Außenwelt monitorieren, ist der "Zustand" des Bewusstseins das Produkt des aufsteigenden Aktivierungssystems des Hirnstamms, welches das innere Körpermilieu monitoriert. Das heißt: Die Inhalte des Bewusstseins repräsentieren Veränderungen in den kortikalen Zonen, die sich aus den äußeren Wahrnehmungsmodalitäten herleiten, während der Bewusstseinszustand Veränderungen der Situation unseres Körperinneren repräsentiert.
Ebenso wie die Assoziationszonen des posterioren Kortex äußere Wahrnehmungsinformation nicht nur empfangen und analysieren, sondern sie darüber hinaus auch speichern, enthalten diese tiefer liegenden, nach innen gerichteten Netzwerke repräsentionale "Karten" unserer viszeralen Funktionen. Und ebenso wie die Inhalte des Bewusstseins nicht allein konkrete Veränderungen in der äußeren Welt widerspiegeln, sondern auch Gedankenaktivität (innerlich erzeugte Bilder), sind Schwankungen des Bewusstseinszustands nicht nur Reaktionen auf tatsächliche viszerale Vorgänge (zum Beispiel auf ein Absinken der Kerntemperatur des Körpers oder auf einen Anstieg des Blutzuckerspiegels), sondern auch auf die Veränderungen in den Netzwerken, die diese Funktionen repräsentieren, gleichgültig, welche Quelle diese Veränderungen haben.
...
[Es] ist außerdem auch zu bedenken, dass diese Strukturen nicht nur Informationen wahrnehmen, die sich aus der äußeren bzw. der inneren Welt herleitet, sondern sie auf diese Information auch einwirken und dadurch ihre Quellen modifizieren.
Der Hintergrund"zustand" des Bewusstseins bedeutet oder repräsentiert also etwas. Er repräsentiert "Sie" – die elementarste "Verkörperung" ihrer "selbst". Mehr noch, er repräsentiert Ihren augenblicklichen Zustand: "Das bin ich, ich bin dieser Körper, und ich fühle mich im Moment so uns so". Der Hintergrundzustand des Bewusstseins ist also alles andere als qualitätslos, sondern im Gegenteil voller Bedeutung und Gefühl – ja, er bildet die Grundlage der persönlichen Bedeutung und des persönlichen Fühlens. Dieser Aspekt des Bewusstseins "repräsentiert" Sie nicht nur, sondern informiert Sie auch darüber, wie es Ihnen geht.
...
Die körperliche Selbstmonitorierung ist jedoch nur die elementarste Funktion des Bewusstseins. All unsere lebenswichtigen Bedürfnisse können nur in der äußeren Welt befriedigt werden. Der innere Bewusstseinszustand (der uns vor allem sagt, welche Bedürfnisse wir im Augenblick haben) muss deshalb mit dem augenblicklichen Zustand der Welt, die uns umgibt, in Verbindung gebracht werden. ... Es ist nützlich, wenn man beispielsweise sagen kann: "Ich fühle mich so und so (hungrig), und deshalb möchte ich das, was dort liegt, essen", oder: "ich fühle mich so und so (verärgert), weil das Ding da drüben mich gebissen hat." Auf diese Weise wird Bewusstsein – das heißt Wert – an Objekte gebunden, die wir infolgedessen als "gut" oder "schlecht" wahrnehmen. Das Bewusstsein ist nicht nur, was Sie fühlen, sondern auch, was Sie in Bezug auf etwas fühlen.
Einziges und angesichts der Komplexität wohl nicht zu verhinderndes Manko: Der interessierte Laie sollte entweder über einschlägige Vorkenntnisse oder über ein photographisches Gedächtnis verfügen, andernfalls ist es kaum möglich, den Erklärungen der Autoren zu folgen.Das sehe ich nicht ganz so. Natürlich ist das Buch keine Gute-Nacht-Lektüre für jemanden, der noch nie etwas über das Leib-Seele-Problem und über Neurowissenschaften gelesen hat. Aber man kann seine Leseauflösung beliebig nach oben oder unten skalieren und muss nicht jedes anatomische Detail im Lexikon nachschlagen. Ich habe mir für die etwas über 300 Seiten eine reichliche Woche Zeit genommen. Und über den Wert der Psychoanalyse bin ich mir immer noch nicht im Klaren.
Kategorien: Gehirn & Geist, Bücher
Dienstag, 17.Juni 2008





Trackback URL:
http://kwakuananse.twoday.net/stories/5000794/modTrackback