Edward St Aubyn: Schöne Verhältnisse
Wenn man nicht savantisch ist oder seine Brötchen mit dem Verfassen von Rezensionen verdient, kann man nur ungefähr 3000 Bücher in seinem Leben lesen. Um seine Zeit beim Vorhandensein von Millionen von Büchern nicht an die Falschen zu verschwenden, ist man auf Tipps anderer angewiesen. Bei populärwissenschaftlichen Werken ist das leicht, hier sind die neuesten Werke wegen dem raschen Fortschreiten vieler Fächer meist die besten. In der Belletristik ist das nicht so, es gibt eine viel größere Auswahl und es lohnen sich auch ältere Bücher. "Schöne Verhältnisse" hat mir ein Bekannter ausgeliehen, den Autor des Buchs, Edward St Aubyn, kannte ich bis dato nicht.Das Buch sollte man nicht lesen, wenn man sich gerade in schlechter Stimmung befindet, denn es zieht einen wirklich herunter. Sprachlich ist das Buch brillant, eine Übersetzung aus dem Englischen. Auch in diesem Fall frage ich mich, wie viele Anteile daran der Autor und wie viele der Übersetzer hat. Die im Buch geschilderten Menschen leben ein völlig sinnloses Leben. Eine gute Zusammenfassung liefert Amazon (und auch ein paar Sätze zur Übersetzung):
Eine ungeheuerliche Geschichte, ebenso komisch wie erbarmungslos - ganz große Literatur. Ein strahlender Septembermorgen in einer Villa in Südfrankreich: Der Hausherr ertränkt mit Hilfe des Gartenschlauchs ganze Ameisenvölker, seine alkohol-süchtige Frau versucht unbemerkt an ihren ersten Brandy zu gelangen, während der fünfjährige Sohn auf dem Brunnenrand mit seinem Leben spielt - willkommen im Leben der Familie Melrose. Paare, Passanten geben sich bei ihnen die Klinke in die Hand, man ist amüsant, gebildet, witzig, stinkreich und unbeschreiblich herzlos. Der böse Zauberer im Zentrum dieses bunten Treibens ist der Aristokrat David, »eine sensationell giftige Kreatur« (Village Voice). Doch in all dem geistreichen Zynismus zeichnet sich eine Tragödie ab. Edward St Aubyn erzählt mit betörender Leichtigkeit und verblüffender psychologischer Scharfsicht über eine Hölle, der er selbst nur knapp entkommen ist. Sein Roman ist nichts Geringeres als ein Wunder: ein biografisches wie ein literarisches. 2006 war Edward St Aubyn für den renommierten Booker Prize nominiert. Edward St Aubyn wurde 1960 als Sprössling einer Familie des englischen Hochadels geboren und wuchs in England und Südfrankreich auf. Er studierte in Oxford. Seit 1992 hat er sechs Romane veröffentlicht. Edward St Aubyn ist Vater zweier Kinder und lebt in Notting Hill, London. Der Übersetzer Ingo Herzke, geboren 1966, lebt und arbeitet seit 1998 als Literaturübersetzer in Hamburg und hat unter anderem A. L. Kennedy, Paula Fox, Alan Bennett und Rick Moody ins Deutsche übertragen. 2001 erhielt er den Hamburger Förderpreis für Literaturübersetzung.Es sind drei Pärchen, die sich gegen Ende des Buches zu einem Besuch treffen. Das sympathischste dieser Pärchen besteht aus einem Philosophen und seiner Frau. Die beiden anderen Paare sind Angehörige der britischen Oberschicht, der Philosoph versucht sich durch scharfsinnige Bemerkungen in ihren Kreisen zu behaupten. Weil es das sympathischste Pärchen ist, ist das folgende Gespräch auch einer der "menschlichsten" Dialoge im Buch:
Zunächst würde er sich rasieren und die Reste des Schaums in ein sauberes Handtuch wischen. Dann würde er sein Haar so flach er konnte an den Schädel kleistern, zum Fuß der Treppe kommen und "Liebling" rufen. Nach kurzer Pause würde er den Ruf wiederholen, diesmal mit dem Unterton "Jetzt sei nicht albern". Wenn sie dann immer noch nicht erschien, würde er "Frühstück" rufen.Als ich das Buch gelesen habe, wusste ich noch nicht, dass es der erste Teil einer Trilogie ist. Die beiden folgenden Bücher heißen: "Schlechte Neuigkeiten" und "Nette Aussichten". deshalb habe ich erst im Nachhinein erfahren, dass der Hauptheld Patrick ist, im ersten Teil ein Junge von 5 Jahren. Aber eine Schlüsselszene des ersten Buches habe ich mir angestrichen:
Anne hatte ihn erst gestern deshalb geneckt und gesagt: "Ach Liebling, das wäre doch nicht nötig gewesen."
"Was?"
"Frühstück zu machen."
"Habe ich auch nicht."
"Ach so, ich dachte, wenn du 'Frühstück' rufst, meinst du, dass es fertig ist."
"Nein, ich meinte, dass ich aufs Frühstück warte."
"Komm her", sagte sein Vater. Patrick trat näher an ihn heran.Vor langer Zeit habe ich gelernt, dass die Frage an den Autor nach den autobiografischen Bezügen seines Werkes unangebracht ist. Aber in diesem Fall bin ich mir sicher, dass man sich solche Szenen nicht ausdenken kann, etwas Ähnliches im Verwandten- und Bekanntenkreis erlebt haben muss, um es aufschreiben zu können. Man wünscht dem kleinen Jungen, diesem Elternhaus bald entfliehen zu können. Dafür besteht Hoffnung, denn an anderer Stelle im Buch tauschen sich die Erwachsenen über die besten Erziehungsmethoden aus. Kindermädchen, dann Eaton und danach Oxford, darüber ist man sich in der Oberschicht weitgehend einig.
"Soll ich dich an den Ohren hochheben?"
"Nein", rief Patrick. Das war eine Art Spiel zwischen ihnen beiden. Patricks Vater packte seine Ohren zwischen Daumen und Zeigefinger. Patrick hielt sich an den Handgelenken seines Vaters fest, und der tat so, als würde er ihn an den Ohren hochheben, aber in Wirklichkeit trug Patrick sein Gewicht mit den Armen. Sein Vater stand auf und hob ihn bis auf Augenhöhe hoch.
"Lass meine Handgelenke los", sagte er.
"Nein", rief Patrick.
"Lass los, dann lasse ich dich gleichzeitig fallen", lockte sein Vater ihn.
Patrick lies los, doch sein Vater hielt seine Ohren weiterhin fest. Einen Augenblick hing sein ganzes Körpergewicht an den Ohren. Schnell packte er wieder seines Vaters Handgelenke.
"Aua", sagte er, "du hast doch gesagt, du würdest mich fallen lassen. Bitte lass meine Ohren los."
Sein Vater ließ ihn weiter in der Luft baumeln. "Heute hast du etwas sehr Wertvolles gelernt", sagte er. "Denke immer für dich selbst. Überlasse wichtige Entscheidungen nie anderen Menschen."
"Bitte lass los", sagte Patrick. "Bitte." Er spürte, dass er weinen würde, drängte seine Verzweiflung aber zurück. Seine Arme waren erschöpft, aber wenn er sie entspannte, glaubte er, seine Ohren würden abgerissen, so wie die Silberfolie von einem Sahnebecher, einfach vom Kopf gerupft.
"Du hast es gesagt", schrie er, "du hast es gesagt."
Sein Vater ließ ihn fallen. "Jaul nicht", sagte er gelangweilt. "Das ist äußerst unattraktiv."
Was ich nicht detektieren konnte, ist die Bedeutung des Einbands. Blinker zum Angeln spielen im Buch keine Rolle.
Kategorie: Bücher
Dienstag, 27.Mai 2008







