Köppnick auf dem Weg zur Arbeit

Am Abend hatte Köppnick einen Brief geschrieben, den er gleich am nächsten Morgen zum Briefkasten schaffen wollte. Da er auf seinem normalen Arbeitsweg an keinem Briefkasten vorbeikommen würde, entschloss er sich, einen kleinen Umweg durch die Fußgängerzone zu nehmen. Nach dem Einwerfen des Briefs überlegte er kurz den optimalen Weg und bog in eine Seitenstraße ab. An der nächsten Kreuzung fiel Köppnick auf, dass sein bis dahin gewählter Weg nicht der kürzeste sein würde, deshalb bog er nochmals ab. Seine Entdeckung motivierte ihn jetzt, auf der Suche nach der kürzesten Verbindung weitere Erfolge zu suchen. Optimistisch wechselte er die Straßenseite, mitten auf der Straße überfiel ihn aber die Erkenntnis, dass der Weg auf der alten Seite kürzer sein müsste. Sich über seinen Fehler ärgernd, ging er zurück. Dafür schaltete die folgende Ampel bei seinem Kommen sofort auf Grün, etwas, das ihm normalerweise nie passierte.

Nach Überqueren der Hauptstraße sah er sich um und ging im Geist die möglichen Wegalternativen durch. Der übliche schien der kürzeste zu sein. Ihm kam ein Auto entgegen, von dem er zuerst Form und Farbe, dann den Typ und dann das Schild erkennen konnte. Im Auto saß ein guter Bekannter von ihm, Köppnick winkte, der Freund winkte zurück. Normalerweise erkannte Köppnick auf der Straße ja niemanden, weil ein ganz anderes Programm im Kopf lief. Heute aber war er durch den geänderten Arbeitsweg schon am Morgen außergewöhnlich wach.

Beim Gehen überlegte Köppnick weiter. Die endgültige Identifizierung des Autos des Bekannten hatte er anhand des Autokennzeichens vorgenommen. Das Nummernschild seines eigenen Fahrzeugs fiel ihm jedoch nicht ein. Wozu auch? Er konnte es ohne Kennzeichen finden, weil sich das Auto beim Einsteigen an derselben Stelle befand, an der er Tage zuvor ausgestiegen war, und weil dort sein Autoschlüssel stets passte. Er muss es nicht suchen, da er wusste, wo es war. Aber über den Typ und die Farbe konnte er natürlich jederzeit Auskunft geben, sogar mit geschlossenen Augen.

Wieso hieß das Nummernschild eigentlich Nummernschild, wo doch meistens genauso viele Buchstaben wie Zahlen verwendet wurden? Und wieso Nummernschild und nicht Ziffernschild? Es befanden sich zwar meist mehrere Ziffern, aber selten mehrere Nummern darauf. Auch die zweite Bezeichnung, Autokennzeichen, war nicht viel besser, weil ein Auto sehr viele Kennzeichen wie Farbe, Größe, Typ, Kratzer oder Häkeldeckchen hatte.

In der Firma angekommen, musste Köppnick schnell wieder aus seinen Gedanken auftauchen. Die Kollegen befanden sich im Allgemeinen am Morgen, wenn er sie begrüßen wollte, nicht mehr an denselben Orten wie am Abend, wenn man sich von ihnen verabschiedete. Auch dadurch unterschieden sie sich deutlich von seinem Auto. Das ist schon interessant, was ich so alles herausgefunden habe auf meinem Arbeitsweg, fand Köppnick, und nahm sich vor, diese wichtigen neuen Gedanken am Abend sorgfältig niederzuschreiben.

Kategorie: Köppnicks Welt
steppenhund - 28. April, 19:24

Sehr schön ...
Vor allem die grüne Ampel!

rosenherz - 29. April, 15:26

Zu deinen Betrachtungen, die Kollegen befanden sich morgens an einem anderen Ort, kommt mir das Betreten meiner Küche am Morgen in den Sinn. Da steht oder liegt alles so am Platz, wie ich die Küche am Abend zuvor verlassen habe. Ich erkenne das benutzte Teller, die schmutzigen Gläser oder den angefangene Brief wieder.

Neue Wege zu erkunden, das ist schon was feines, wenn wir uns darauf einlassen mögen. Ich habe heute Morgen in meinem Heimatort erstmals einen Weg begangen. Obwohl ich hier schon seit 24 Jahren wohne, setzte ich bisher noch kein Bein auf diese Strecke.
Dass ich den Weg heute genommen habe, entwickelte sich aus einem Zufall, wie ich es nennen will. Sohnemann wollte zur Bushaltestelle im Ort gebracht werden.

Das wollte ich gleich mit einem Einkauf im kleinen Öko-Laden verbinden, doch der hatte um 6:30 noch nicht offen. Also entschloss ich mich einfach, zu warten. Sowas verbinde ich am liebsten mit einem Buch, oder einem Morgenspaziergang. Plötzlich kam mir der Weg auf den Berg mit der Ruine in den Sinn; ich könnte ihn zum ersten Mal erkunden und begehen.

Es war wunderschön für mich: Die mächtige Ruhe eines frisch ergrünten Mischwaldes, ein ansteigender Weg, der oben angelangt einen prächtigen Blick übers Tal freigibt, zwitschernde Buchfinken, blühenden Veilchen und weithinreichender Duft von wildem Bärlauch. Als ich vom berg zurückkam, hatte der kleine Laden geöffnet. Und meine Sinne hatten sich auch geöffnet - der grünenden und blühenden Natur gegenüber.

In diesem Sinne, danke für den gedanklichen Spaziergang, mit dem du die Leser oder Leserinnen beim Aufgeben deines Briefes mitgenommen hast.

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Kommentare hier ...

In einem Binärbaum ist die Suchdauer...
Köppnick - 13. Mai, 12:19
Ein wesentlicher Vorteil ist da noch gar...
steppenhund - 12. Mai, 21:17
Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29