Der freie Wille zum Ersten, zum Zweiten, ...

Je mehr ich über den freien Willen lese und darüber nachdenke, desto weniger verstehe ich die Probleme, vor denen die Neurowissenschaft zu stehen meint. Im Spiegel wird die x-te Studie zitiert: Studie nährt Zweifel an freiem Willen. der Neuigkeitswert besteht darin, dass entsprechende unbewusste Denkprozesse im Gehirn jetzt nicht mehr 500 Millisekunden, wie seinerzeit von Benjamin Libet, sondern ganze 7 Sekunden vor dem Zeitpunkt gemessen wurden, die die Versuchspersonen selbst als den Zeitpunkt ihrer Entscheidung angegeben haben:
Lange bevor wir glauben, eine bewusste Entscheidung zu fällen, sind bereits an der Entscheidung beteiligte Hirnregionen aktiv, haben sie herausgefunden. Die Forscher waren sogar in der Lage, vorauszusagen, welche Entscheidung ein Proband treffen würde - mehrere Sekunden vor dem Zeitpunkt, zu dem er sich selbst darüber bewusst war.
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Im Durchschnitt berichteten die Studienteilnehmer, dass sie die Entscheidung, welche Hand sie benutzen, innerhalb einer Sekunde vor dem Drücken gefällt hätten. Durch Messungen der Aktivität im frontopolaren Cortex, einer Region im vorderen Hirnbereich, konnten die Wissenschaftler aber schon sieben Sekunden vor dieser bewussten Entscheidung vorhersagen, welche Hand die Testperson einsetzen würde.
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"Die Frage nach der Willensfreiheit ist nicht endgültig beantwortet", erklärte Haynes. Bei den Stoffwechselvorgängen handle es sich um eine unbewusste Planung einer bewussten Entscheidung. Unklar sei, ob sich der Mensch nach der Planung noch umentscheiden kann. "Ich halte einen Eingriff des freien Willens für unplausibel", sagte Haynes.
Ich halte letzteres wiederum für unplausibel. Was kann man denn als gesichertes Wissen annehmen? Vorgänge im Gehirn, die uns bewusst werden, erfordern eine höhere Hirnaktivität als unbewusste. Da die Hirnaktivitäten aber erst "hochgefahren" werden müssen, müssen bewussten Vorgängen immer unbewusste vorangehen. Eine ganz andere Frage ist, auf welchen Zeitpunkt man selbst eine bewusste Entscheidung datiert. Hier ist es wichtig, dass dieser Zeitpunkt mit dem gesamten Selbst- und Umweltmodell in Übereinstimmung gebracht wird. Bei einem Boxer zum Beispiel sollte der Zeitpunkt, den er selbst für den Beginn einer Aktion angibt, etwas, aber nicht viel vor dem Zeitpunkt liegen, den sein Gegner angibt, wenn er gefragt wird, wann er den Schlag hat kommen sehen.

Oder am Beispiel des Knopfdrückens im Spiegelartikel: Es wäre für das Selbstmodell des Probanden einfach sinnlos, den Zeitpunkt einer Entscheidung 7 Sekunden vor dem eigentlichen Drücken zu datieren. Das hätte in der Evolution nichts genützt. Zum Problem wird die Tatsache des freien Willens erst, wenn man Bewusstsein als etwas völlig anderes als die sonstigen physiologischen Vorgänge im Hirn betrachtet – das ist aber eine eher dualistische Betrachtungsweise. Ansonsten hat das Bewusstwerden einiger weniger der sehr vielen unbewussten Vorgänge und Entscheidungen im Gehirn nur eine wesentliche Funktion – einen möglichen späteren bewussten Zugang zu den Erinnerungen – um in der Zukunft besser qualifizierte und komplexe und deshalb notwendigerweise bewusste Entscheidungen treffen zu können.

Man kann die Messungen in den Experimenten auch auf eine andere Weise konterkarieren: Was, wenn sich in den Experimenten ein Proband bereits am Morgen vor der Teilnahme eine bestimmte Strategie des Drückens zurecht gelegt hätte? An der Aufzeichnung seiner Hirnströme hätte das vermutlich nichts geändert, und den Zeitpunkt des Beginns des Drückens hätte er genauso wie bei einer spontanen Entscheidung angeben können – als den Zeitpunkt, den sein Bewusstsein für den Start des Drückvorgangs datiert hätte.

Ein vielleicht noch besseres Beispiel liefert unsere Farbempfindung. Nahezu jeder physikalisch Gebildete weiß, dass es "da draußen" keine Farben gibt. Es gibt nur Lichtquanten verschiedener Wellenlängen, die in unserem Gehirn neuronal - und unbewusst - verarbeitet werden und von unserem Bewusstsein als Qualia erlebt werden. Mit dem freien Willen ist es absolut gleich. Entscheidungen werden auf der Grundlage neuronaler Prozesse getroffen. Die getroffenen Entscheidungen hängen zum einen von der vorliegenden Situation und zum anderen von unseren personalen Präferenzen ab. Einige wenige Entscheidungen werden uns bewusst. Wir erleben den Entscheidungsprozess nur, wenn er aufwendiger als die normalen Entscheidungen unseres Körpers ist (zum Beispiel, wann der nächste Herzschlag zu starten ist) und zwar als die Quale (nicht die Qualen!) des freien Willens. Und für frei halten wir die Entscheidung dann, wenn uns bewusst ist, dass auf uns kein Zwang ausgeübt wird und wir zwischen mehreren Möglichkeiten wählen können. Die Kalkulationen dafür können durchaus unbewusst ablaufen, das ist aber für die Qualität der getroffenen Entscheidung vollkommen irrelevant.

Wenn wir nicht an der Existenz der Farbe Rot zweifeln, nur weil sie ausschließlich in unserem Kopf existiert, dann gibt es auch keinen Grund, an der Existenz eines freien Willens zu zweifeln. Er ist genauso an die Erste-Person-Perspektive wie beliebige andere Qualia gekoppelt.

Kategorie: Gehirn & Geist
Reh Volution - 15. April, 22:56

Habe auch gerade ein Buch zur Farbwahrnehmung gelesen. Darin formuliert Küppers zur Farbempfindung:
"Im Auge gibt es drei Sehzellentypen, denen drei Empfindungskräfte zugeordnet sind.
Diese Empfindungskräfte sind die Urfarben Violettblau, Grün und Orangerot...
Die Zapfen in der Netzhaut des Auges sehen keine Farben. Sie sind Quantensammler. Die drei Empfindungskräfte des Sehorgans sind die drei Urfarben. Aus ihnen wird für jede Farbempfindung ein dreiteiliger Kode gebildet."
(Das Grundgesetz der Farbenlehre,Harald Küppers)

Köppnick - 16. April, 11:59

Ja. Da fällt mir doch (natürlich rein zufällig) ein Text ein, der vor fast fünf Jahren entstanden ist: Der Goldsensor oder das Geheimnis des vierten Zäpfchens. Es gibt nämlich Menschen, die nicht nur 3, sondern sogar 4 Farbempfindungen haben. Die meisten (nachtaktiven) Säugetiere haben nur zwei.
MMarheinecke - 16. April, 11:36

Ist es wirklich ein Problem der Neurowissenschaftler?

Je mehr ich über Neurowissenschaften lese, desto weniger habe ich den Eindruck, dass sich die Frage nach dem "Bewußtsein" wirklich zwingend aus der Forschungsarbeit der Neurowissenschaften ergibt.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Neurowissenschaftler die Frage nach dem Bewußtsein nicht nur nicht sonderlich interessiert, sondern dass sie diese Frage, die von außen an sie herangetragen wird, allmählich nicht mehr hören mögen.
Ende des 19. Jahrhunderts soll der Physiker Ernst Mach jedem, der mit ihm über "Atome" sprechen wollte, geantwortet haben: "Haben S´ eins g´sehn?" - Nicht, weil er die Existenz von Atomen ausschließen wollte, sondern, weil mit den den Physikern seiner Zeit zur Verfügung stehenden Methoden die Existenz der damals noch hypothetischen Atome nicht verifizierbar war.
Zugegeben, Mach war ein extremes Beispiel eines logischen Positivisten. Aber die meisten (Natur-)Wissenschaftler, vor allem Experimentalwissenschaftler, sind "methodische Positiviten" - aus ähnlichen Gründen, aus denen sie "methodische Atheisten" sind.
Die Frage nach eine "Seele" stellt sich in der neurowissenschaftlichen Arbeit überhaupt nicht. Und die nach dem Bewußtsein - dem nach dem inneren Modell der Welt - auch nur in speziellen Zusammenhängen - und meistens auch erst dann, wenn von außen, etwa von einem Psychologen, eine gezielte Frage gestellt wurde.

Außerdem ist die Frage, wann etwas "bewusst" ist, m. E. nicht ganz richtig gestellt. Es gibt bekanntlich unterschiedliche Arten von "Bewußtsein", und es wäre m. E. falsch, etwa das "Bauchgefühl" grundsätzlich als "unbewußt" einzuordnen - oder die von Dir angeschnitte "Überlegung, die man im Hinterkopf hat" - einen fertig durchdachten Handlungsplan, der nur "abgerufen" werden muss. Ich stelle mir etwa, im Sinne eines "mentalen Trainings", immer wieder möglichst bildhaft vor, wie ich in einer bestimmten Situation handeln würde - und wenn ich in diese Situation gerate, reagiere ich einfach, ohne erst überlegen zu müssen. Im Sinne der Versuchsanordnung hättte ich also völlig "unbewußt" gehandelt. Eine weitere, mit solchen Versuchen vorerst nicht zu beantwortenten Frage ist die nach der Intuition.

Bewusstsein ist - so verstehe ich es - mehr als die verstandesmäßige Modellierung unserer Umwelt. Als Hirnforscher würde ich aber diese extrem reduzierte Definition verwenden, damit ich überhaupt sinnvoll experimentieren kann.
Die Beispiele "Traumbewußtsein" und (erlebte) "Bewußtseinserweiterung" (durch Meditation, Drogen, Trance ect.) würde ich z. B. bewußt (!) ausklammern.

Köppnick - 17. April, 18:51

Es wird in den Neurowissenschaften ähnlich sein wie in der Physik. Im Alltag löst man eher seine kleine Probleme. Zum Beispiel wird das Zusammenspiel zwischen einem sensorischen und einem motorischen Neuron untersucht, um die chemischen und elektrischen Abläufe beim "Lernen" aufzuklären. Aber keiner der Experimentatoren wird nicht ab und an über die große Frage seines Fachgebiets nachdenken und seine eigene Meinung dazu haben.

Deiner Definition von Bewusstsein im letzten Abschnitt fehlt der Bezug zu Vorgängen im Gehirn. Insofern ist eine solche Definition für einen Hirnforscher nicht brauchbar. Ich vermute, der größte Teil von ihnen denkt wie folgt: "Lasst uns die neuronalen Korrelate des Bewusstseins untersuchen. Wir stecken Probanden in Scanner, lassen sie Aufgaben lösen, messen ihre Gehirnaktivität und befragen sie hinterher zu ihren Gedanken. Dadurch erfahren wir, welche Hirnregionen mit welchen Gedanken korrelieren. Die Beantwortung der Frage, ob Bewusstsein emergent und epiphänomenal ist, kann mit heutigem Wissensstand nicht beantwortet werden. Wir brauchen mehr Zeit und mehr Daten."
rosmarin - 29. April, 08:00

die line der argumentation gefällt mir. muss ich mir merken (hat bald neurowissenschaftler vor sich).
danke.

Köppnick - 29. April, 12:00

Dann lies mal zuvor Susan Blackmoore: Gespräche über Bewusstsein. Das Buch vermittelt einen guten Überblick darüber, welche Auffassungen es gibt, wer sie vertritt und welche Frontlinien es gibt.

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Kommentare hier ...

In einem Binärbaum ist die Suchdauer...
Köppnick - 13. Mai, 12:19
Ein wesentlicher Vorteil ist da noch gar...
steppenhund - 12. Mai, 21:17
Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29