Bernd Vowinkel: Maschinen mit Bewusstsein
Zu Beginn des Buches war ich etwas ärgerlich. Das werde ich immer, wenn Schätzungen der Rechenkapazität aus der Zahl der Nervenzellen, der Anzahl der zwischen ihnen bestehenden synaptischen Verbindungen und der Geschwindigkeit der Reizleitung in unserem Gehirn dazu verwendet werden, um den Zeitpunkt zu bestimmen, wann die Leistung von Maschinen diejenige unseres Gehirns übersteigen wird. (Einen solchen unangebrachten formalen Vergleich findet man übrigens sogar in der Wikipedia im Artikel Gehirn.) Diese Vergleiche führen in die Irre, weil sie wesentliche Unterschiede zwischen den beiden Systemgruppen ignorieren. Gehirne sind analog arbeitende Systeme, die dort ablaufenden Prozesse führen zu ständigen Änderungen der Strukturen, chemische (hormonelle) Prozesse spielen eine große Rolle, die Funktionen des Körpers dürfen nicht vernachlässigt werden, usw. Wir wissen nicht, welche Menge an digitalen Informationen und was man sonst noch alles benötigt, um solche Prozesse in Rechnern zu emulieren (=vollständig zu simulieren). Ich habe trotzdem weiter gelesen, weil mir die folgenden Absätze Hoffnungen auf ein spannendes Buch gemacht haben:
Dass unser Bewusstsein keinen überflüssigen Luxus darstellt, lässt sich auch daraus ableiten, dass bewusste Prozesse in unserem Gehirn langsamer ablaufen als unbewusste und vor allem mehr Energie verbrauchen. Gerade was den Energieverbrauch anbelangt, hat aber die Evolution durchweg optimale Lösungen gefunden. Es wäre höchst merkwürdig, wenn das hier anders wäre, wenn also unser Körper Energie und Zeit für etwas zur Verfügung stellte, was letztlich überflüssig wäre.Vohwinkel ist ein Vertreter der starken KI. So wie ich das bis jetzt verstanden habe, muss man dazu drei Thesen zustimmen:
...
Wir können somit unsere eigene Zukunft in unserem Gehirn simulieren. Bei der Untersuchung verschiedener Situationen können wir herausfinden, durch welche Handlungen wir uns in der Zukunft Vorteile verschaffen können. ... Bei diesen Simulationen müssen wir uns selbst als Person einbringen, das heißt, wir selbst sind Teil der Simulation. Das geht aber nur dann, wenn wir uns unserer selbst bewusst sind, also über ein eigenes Bewusstsein verfügen.
- Das Gehirn kann vollständig auf der Ebene der Informationsverarbeitung beschrieben werden. Wenn das so ist, spielt das Substrat, auf dem die informationsverarbeitenden Prozesse stattfinden, keine Rolle.
- Die notwendige Komplexität derartiger Prozesse kann auch durch Maschinen erreicht werden.
- Es ist für uns (Menschen) wünschenswert oder unvermeidlich, solche Maschinen zu bauen.
Dabei ist „Information“ im weitesten Sinne gemeint, d.h. es zählen auch Begriffe wie Bedeutung, Ideen, Eigenschaften und Funktionen dazu. Begriffe wie Gefühl, Kognition, Intention und schließlich das Bewusstsein sind dann der Informationsverarbeitung zuzuordnen. ... Information im engeren technischen Sinn, wie sie in der von Shannon begründeten Informationstheorie behandelt wird, umfasst dagegen Signale unabhängig von ihrer Bedeutung. Information bedarf zur Speicherung und Verarbeitung der Existenz der physischen Welt, sie ist aber nicht an eine bestimmte Materie oder Energie gebunden.Interessant sind die Abschnitte, die sich mit dem Turing-Test, Gödel und den damit verbundenen Problemen beschäftigen. In Kurzfassung: Es gibt algorithmische Probleme, die nicht in endlicher Zeit gelöst werden können. Es gibt Beweise, die sich nicht innerhalb eines bestimmten Axiomensystems führen lassen. Vertraut man heutigen informationsverarbeitenden Maschinen diese Probleme an, werden sie sich totlaufen. Aber diese Probleme wurden von Menschen erkannt und auch ihre Nichtlösbarkeit bewiesen. Wenn wir also uns selbst als eine Art von Maschinen betrachten, dann besitzen wir gegenüber den von uns geschaffenen Maschinen offenbar zusätzliche Qualitäten. Diese Aussage führt dann (zusammen mit dem nichtreduktionistischen Physikalismus) zu einem interessanten Exkurs in den Emergentismus:
In der Philosophie unterscheidet man verschiedene Stufen der Emergenz. Grundlegend bei allen Stufen ist die Aussage, dass eine emergente Eigenschaft dann vorliegt, wenn kein Bestandteil des untersuchten Systems diese Eigenschaft hat. Die Eigenschaft ergibt sich also erst nach dem Zusammenfügen der Elemente zu einem System. Man spricht daher von einer systemischen Eigenschaft. Eine weitere Aussage ist die der synchronen Determiniertheit. Sie besagt, dass die systemischen Eigenschaften eines Systems determiniert sind durch die Eigenschaften und die Anordnung seiner Bestandteile. Soweit diese beiden Bedingungen erfüllt sind, spricht man von schwachem Emergentismus. Dieser ist noch mit den reduktionistischen Positionen vereinbar.Bewusstsein fällt nach Vowinkels Meinung unter die höchste Kategorie. Wichtig ist, dass man zur Herstellung von Maschinen mit Bewusstsein nicht wissen muss, wie Bewusstsein funktioniert, die Evolution macht es uns ja vor. Wir wissen nicht, wie Bewusstsein funktioniert, aber trotzdem „produzieren“ wir fortwährend neue Wesen, die über Bewusstsein verfügen: Kinder.
Eine stärkere Variante ist der synchrone Emergentismus, der nur noch mit nichtreduktionistischen Thesen vereinbar ist. Bei dieser Variante kommt hinzu, dass die systemischen Eigenschaften irreduzibel sind. Sie sind damit auch prinzipiell nicht vorhersagbar. Irreduzibilität bedeutet dabei vereinfacht ausgedrückt, dass sich die Eigenschaften prinzipiell nicht aus dem Verhalten der Systembestandteile ergeben. Weiterhin gilt, dass sie sich prinzipiell auch nicht aus den Eigenschaften anderer Konstellationen der gleichen Systemkomponenten ergeben.
Bei der etwas schwächeren Variante, dem diachronen Emergentismus, kommt zum schwachen Emergentismus statt der Irreduzibilität die Neuartigkeit hinzu. Diese Neuartigkeit tritt vor allem in der Evolution auf: Aus vorhandenen Bausteinen bilden sich komplexe Strukturen mit neuen Eigenschaften und neuen Verhaltensweisen aus. Folgt die Bildung der Strukturen den Gesetzen des deterministischen Chaos, so sind die neuen Strukturen mit ihren Eigenschaften unvorhersehbar. Diese wieder etwas stärkerer Form des Emergentismus bezeichnet man dann als diachronen Emergentismus. Bei der stärksten Form des Emergentismus, dem starken diachronen Emergentismus, kommen zum schwachen Emergentismus sowohl die Irreduzibilität als auch die Neuartigkeit hinzu.
Bis hierhin stimme ich mit Vowinkel überein. Auch darin, dass der Unterschied zwischen „natürlicher“ und „künstlicher“ Intelligenz anthropozentrisch und eigentlich überflüssig ist. Worin sollte der Unterschied bestehen? Im verschiedenen Substrat, das für die Informationsverarbeitung wahrscheinlich nebensächlich ist? Was, wenn Maschinen sich einst selbst reproduzieren können, über Bewusstsein und ein Selbstkonzept verfügen? Ist das dann künstlich oder natürlich? Sind organisch und natürlich synonym?
Worin ich anderer Meinung bin als er, ist, ob wir uns einen schnellen Fortschritt in dieser Richtung wünschen und ihn vorantreiben sollten. Er schreibt zum Beispiel in den letzten Kapiteln über seine Visionen einer hyperintelligenten Superzivilisation. Menschen im biologischen Sinn wird es dort keine mehr geben. Warum sollten wir heute Lebenden die Entwicklung aktiv in dieser Richtung weiter treiben – vielleicht unter Einsatz von Ressourcen, die wir auch anderweitig zur Verbesserung unseres jetzigen Lebens nutzen könnten? Maschinen, die rein rechnerisch dieselben oder größere Verarbeitungskapazitäten haben als unser Gehirn, benötigen sicherlich kein Bewusstsein, wenn sie – für uns! – einen besseren Wetterbericht liefern sollen. Fü völlig anders geartete Gegenargumente siehe auch bei Thomas Metzinger und dessen Befürchtung, die ersten selbst-bewussten Maschinen würden unter ihrer notwendigerweise(?) unvollkommenen Situation leiden.
Und abschließend habe ich noch einen logischen Einwand: Wenn wir akzeptieren, dass unser Bewusstsein auf rein naturwissenschaftlicher Basis erklärt werden kann und nicht gegen Naturgesetze verstößt, dann sind intelligente und bewusste Maschinen nicht unmöglich. Aber daraus folgt nicht, dass sie möglich sind. D.h. ob es außer der von der Natur gefundenen biologischen Lösung der entsprechenden Aufgabe noch weitere, nicht biologische Lösungsmöglichkeiten gibt. Und ob diese, wenn sie möglich, auch wünschenswert sind – siehe oben.
Mir hat das Buch sehr gefallen, vielleicht auch, weil der Autor aufgrund seines Werdegangs, Studium der Nachrichtentechnik, Physik und Astronomie, einen ähnlichen Zugang zum Problem des Bewusstseins hat wie ich, also einmal nicht aus der Perspektive eines Philosophen oder der eines Kognitionswissenschaftlers, und weil das Buch sehr gut lesbar und verständlich geschrieben ist.
Kategorien: Gehirn & Geist, Bücher
Sonntag, 13.April 2008




