Susan Blackmore: Gespräche über Bewusstsein
Ich habe schon einige Bücher zu Themen wie Bewusstsein, Willensfreiheit, philosophische Zombies gelesen, die meisten verfasst von Wissenschaftlern, die auf diesem Gebiet arbeiten (Christof Koch, John R. Searle, Gerald Edelman, Benjamin Libet). Beim Lesen von Susan Blackmores Buch ist mir bewusst geworden, warum ich dabei so wenig Klarheit gewonnen habe. Der Text auf dem hinteren Einband bringt das Phänomen auf den Punkt:
Susan Blackmore „Glauben Sie, einen freien Willen zu haben?“Das heißt, wenn N Menschen auf dem Gebiet der Erforschung des Bewusstseins arbeiten, dann gibt es mindestens N+1 Theorien gleichzeitig, weil jeder der Beteiligten eine andere Meinung vertritt und mindestens einer zum aktuellen Zeitpunkt gerade eine neue Theorie entwickelt, die mit seiner zuvor vertretenen inkompatibel ist.
Patricia Churchland „Sicher nicht, wenn Sie damit meinen, dass meine Entscheidungen nicht verursacht sind.“
John Searle „Tja, in diesem Punkt habe ich gar keine Wahl!“
Roger Penrose „Ich weiß es nicht.“
Daniel Dennet „Ja.“
Das Buch enthält eine Reihe von Interviews mit weltbekannten Wissenschaftlern in der Bewusstseinsforschung. Ursprünglich war eine Radioreihe geplant mit Susan Blackmore als Moderatorin. Die Idee mit dem Buch reifte später. Durch die erst nachträglich schriftlich fixierten Audiomitschnitte kann man den Denkprozess der Befragten quasi mit-lesen, die Hauptgedanken sind einfacher formuliert als wenn die Befragten selbst jeweils ein Buch mit ihrer eigenen Theorie geschrieben hätten. Wegen der Unterschiedlichkeit der Auffassungen ist das Ordnungsprinzip im Buch zwar skurril aber letztlich konsequent: Die Interviews sind alphabetisch in der Reihenfolge der Namen der Interviewten angeordnet. Der Aufbau jedes Interviews ist ähnlich.
Am Anfang der Gespräche standen keine Geschichten über die Vergangenheit oder individuelle Theorien. Vielmehr begann ich jede Unterhaltung mit derselben Frage: Wo liegt das Problem? Ich wollte herausfinden, was es mit dem Bewusstsein auf sich hat, dass Menschen es als etwas Besonderes behandeln beziehungsweise als ein Problem, dass sich von anderen wissenschaftlichen oder philosophischen Problemen unterscheidet.Eine weitere wichtige Frage, die Susan Blackmore ihren Interviewpartnern gestellt hat, ist die nach den Zombies.
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Die meisten jedoch stürzten sich auf irgendeine Version des Leib-Seele-Problems beziehungsweise das, was Dave [=David Chalmers] „the hard problem“ nennt. Dieses „schwierige Problem“ besteht, kurz gefasst, darin, zu erklären, wie physikalische Prozesse im Gehirn subjektive Erfahrungen hervorrufen können. Schließlich scheinen die Gegenstände der physikalischen Welt und unsere subjektiven Erfahrungen dieser Gegenstände zwei völlig verschiedene Dinge zu sein: Wie kann das eine das andere hervorrufen?
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In einem Punkt ist man sich weitgehend einig, nämlich dass der klassische Dualismus hier nicht funktioniert. Leib und Seele, Körper und Geist, Gehirn und Bewusstsein können nicht zwei verschiedene Substanzen sein. „Es gibt“, wie Dan Dennet es ausdrückt, „keine Geheimsubstanz; der Dualismus ist aussichtslos“. Andererseits tauchen Dualitäten trotz aller Bemühungen, sie zu vermieden, ständig und überall in allen möglichen Varianten auf.
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Wenn man Begriffe wie „hervorrufen“ oder „generieren“ verwendet, dann impliziert man möglicherweise schon, dass Bewusstsein ein Erzeugnis der Hirnaktivität und somit von dieser getrennt ist; daher habe ich bei den Aussagen von Susan Greenfield (das Gehirn generiert Bewusstsein) und Richard Gregory (es generiert Empfindungen) nachgehakt.
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Ganz ähnliche Probleme können in Diskussionen über den Unterschied zwischen bewussten und unbewussten Gehirnprozessen lauern. So weist etwa Bernie Baars in seiner Antwort auf meine Eingangsfrage auf das Problem des Unterschieds zwischen bewusstem und unbewusstem Wissen hin; Roger [Penrose] vergleicht Dinge, die bewusst sind, mit solchen, die es nicht sind; Ned [Block] vergleicht phänomenale Informationen mit solchen, die es nicht sind; und Christof [Koch] vergleicht Neuronen, die Bewusstsein hervorrufen, mit solchen, die dies nicht tun.
Diese Unterscheidungen hinterließen bei mir ein ungutes Gefühl, und so versuchte ich in den Gesprächen, den Grund dafür herauszufinden. Eine natürliche Betrachtungsweise scheint mir etwa folgende zu sein: Wir wissen, dass das meiste, was im Gehirn abläuft, unbewusst ist; ich bin mir beispielsweise nicht bewusst, wie mein visueller Kortex Ecken und Ränder erkennt oder aus dem zweidimensionalen Input dreidimensionale Formen konstruiert; was mir bewusst ist, ist allein der Baum, den ich draußen vor meinem Fenster sehe; ich bin mir auch nicht bewusst, wie mein Gehirn grammatische Sätze bildet, bewusst sind mir nur meine Ideen, die ich auszudrücken versuche, und die Worte, die aus meinem Mund kommen, Es muss also im Gehirn eine grundlegende Unterscheidung zwischen bewussten und unbewussten Vorgängen geben.
Die Zombies der Philosophen sind keine verwesenden Halbleichen aus Haiti, die in Trance durch die Gegend wanken; es handelt sich vielmehr um ein Gedankenexperiment, mit dessen Hilfe man sich mehr Klarheit über das Bewusstsein zu schaffen versucht. Stellen wir uns zum Beispiel den Zombie Sue Blackmore vor. Zombie-Sue sieht genauso aus wie ich, benimmt sich genauso wie ich, redet so wie ich über ihre privaten Erfahrungen und diskutiert wie ich über das Bewusstsein. Für einen Außenstehenden ist sie durch nichts von der echten Sue zu unterschieden. Der Unterschied besteht allein darin, dass sie über kein Innenleben und kein bewusstes Erleben verfügt; sie ist nur eine Maschine, die Wörter und Verhaltensweisen produziert, während es in ihrem Innern völlig dunkel ist.Eine weitere Frage an ihre Gesprächspartner, die sie selbst als „spaßeshalber“ bezeichnet hat, war in jedem Interview, ob diese an ein Leben nach dem Tode glauben. Die befragten Wissenschaftler haben daraufhin ernsthaft nachgedacht, weil diese Frage im Zusammenhang mit der Bewusstseinsforschung ja keineswegs abwegig ist. Und es gibt Theorien, die abseits von Religion so etwas als möglich erachten; das Bewusstseinsfeld, die Microtubuli, Transhumanismus und starke KI geben jeweils unterschiedliche Antworten.
Die Frage nach der Willensfreiheit war die mit den größten Divergenzen. Sie selbst hat sich von dem Gedanken der Willensfreiheit verabschiedet. Aber in sich logisch konsistent und überzeugend ist ihre Argumentation dazu nicht.
Für mich steht schon seit langem fest, dass die Willensfreiheit eine Illusion sein muss, und so habe ich mich im Laufe der Jahre darin geübt, nicht an sie zu glauben. Es wird einem schließlich mit viel Übung klar, dass alle Aktivitäten des Körpers Folgen früherer Ereignisse sind, die auf ein kompelxes system einwirken; das gefühl, freie bewusste Entscheidungen zu treffen, schmilzt dann einfach dahin. Ich hatte erwartet, dass auch andere diese ziemlich verwirrende Verändeurng durchgemacht hatten, aber dem war nicht so. Jeder hatte etwas über die Willensfreiheit zu sagen, und manch einer hatte sich darüber den Kopf zermartert.Alle Zitate bisher stammen aus der Einleitung, von den ersten 21 Seiten. Allein für diese großartige Zusammenfassung der verschiedenen Theorien und Probleme, ihrer Zusammenhänge, Widersprüche und Wechselwirkungen hätte sich der Kauf des Buches schon gelohnt. Aber auf die Einleitung folgen über 300 Seiten mit den Interviews von 21 Wissenschaftlern. - Man kann das Buch auch als ein Nachschlagewerk benutzen, wer von ihnen welche Theorien vertritt und welche Einwände es gegen sie gibt - diese stehen dann in den Interviews der Fachkollegen.
Ich habe den Interviews eine Menge Anregungen entnommen. Nach dem Lesen des Buchs glaube ich nicht mehr an eine tatsächliche Möglichkeit der Existenz der „philosophischen“ Zombies. Wenn man baugleiche Wesen zu uns erschafft, dann besitzen diese notwendigerweise auch ein unserem vergleichbares Bewusstsein. Eigentlich ist das bereits eine Folgerung aus meiner Lieblingstheorie, dem Emergenzialismus: Hinreichend komplexe Systeme müssen Eigenschaften entwickeln, die man aus der Untersuchung der Einzelteile nicht vorhersagen kann. Daran ist nichts Mysteriöses, sondern ein auch in der Physik gut bekanntes Phänomen. Das erklärt zwanglos auch die Willensfreiheit – man findet sie nicht auf der Beschreibungsebene der Neuronen, aber jede bewusste Person verfügt über sie. Sie muss wie Bewusstsein nicht von außen eingepflanzt werden und sie verschwindet genau wie das Bewusstsein beim Tode des Individuums wieder, weil dabei die notwendige Komplexität des Systems zerstört wird. Und der Emergenzialismus eignet sich auch als theoretische Grundlage von Transhumanismus und starker KI: Genügend komplexe Systeme sind notwendig und hinreichend für die Entwicklung oder Speicherung von Bewusstsein.
Und eine weitere interessante Erkenntnis aus dem Buch ist auch, dass die Grenze, bei der wir im Tierreich bewusstes Empfinden (Qualia, Selbstkonzept) annehmen müssen, sich immer weiter nach unten verschiebt, je besser wir wissen, auf welches Verhalten wir bei Tieren achten müssen, wenn wir Anzeichen für bewusstes Handeln suchen – was letztlich immer größere ethische Probleme bei unserem Umgang mit der Natur hervorruft.
Kategorien: Gehirn & Geist, Bücher
Dienstag, 11.März 2008





Scheint ein lohnender Buchtipp zu sein
An die philosophischen Zombies, in welcher Gestlt auch immer, habe ich nie geglaubt. Ich bin der Ansicht, dass eine starke, "menschliche" künstliche Intelligenz (so es sie je geben wird - ich teile Weizenbaums Skepsis in dieser Hinsicht), also ein "denkender" Computer im Stile des legendären HAL 9000 aus "Odyssee im Weltraum", zwangsläufg so etwas wie ein Bewußtsein, eine "Innenwelt" haben wird - und Wesen mit einem Bewußtsein könnten Verhaltensweisen an den Tag legen, die in der Tat so wenig "computerhaft" sind, wie HALs mörderische Neurosen. Dabei ist es sogar egal, dass eine starke KI auf elektronische Bauteilen statt auf Neuronen beruht - "Baugleichheit" ist nicht erforderlich, nur "Funktionsgleichheit".
Dein Emergenzialismus leuchtet mir ein, obwohl ich (auch) dem Panpsychismus zuneige. Wobei ich eine schrittweise Entwicklung des Bewußtseins und der "Beseeltheit" sehe. Haben meine Mitmenschen ein Bewußtsein? Ja. Hat ein Schimpanse ein Bewußtsein? Sehr wahrscheinlich ja, auch wenn es sich deutlich von dem eines "Durchschnittsmenschen" unterscheidet. Hat eine Katze ein Bewußtsein? Da hegte ich lange Zeit den Verdacht, dass es nur eine Projektion von Katzenfreunden ist, etwa in dem Sinne, dass es eine Projektion ist, anzuhmen, eine Katze könne "jedes Wort" verstehen. Aber meine Katze hat mich eines Besseren belehrt. ;) (Und nebenbei habe ich gelernt, dass Katzen zwar nicht "jedes Wort" verstehen, aber sehr wohl bestimmte Verhaltensweisen ihres Menschen deuten können. Was ziemlich deutlich auf ein "Selbstkonzept" hindeutet.)
Ich gehe sogar so weit, selbst Pflanzen zwar kein Bewußtsein, aber so etwas wie ein "Seelenleben" zuzubilligen.
Und auch "unbelebten" Dingen billige ich zumindest so etwas wie einen "Charakter" zu. (Manche würde jetzt schon laut: "Animist!" ausrufen. Wenn sie unbedingt ein Etikett brauchen - bitte!)
Bei Computern bin ich - Weizenbaum und ELISA und ihren Nachfolgerinnen sei dank - skeptisch. Allerdings ist mir noch kein Computersystem untergekommen, dass den Turing-Test auch nur annähernd so gut bestehen könnte, wie z. B. ein intelligenter Haushund.
Es ist aber überraschend einfach, Gefühle zu simulieren. (Was ja auch der Alltagserfahrung entspicht.)
Eine der im Buch diskutierten, weil von einigen vertretene, These ist, dass Bewusstsein eine Eigenschaft des Universums selbst ist, so wie Materie oder neuerdings Information. Vielleicht gibt es mit letzterer ja eine wissenschaftlich fassbare Überschneidung? Eine unbestreitbare Aussage: "Mit uns denkt ein Teil des Universums über sich selbst nach."
Wenn wir keinen göttlichen Lebensfunken voraussetzen, dann ist nicht einzusehen, warum Maschinen (also nicht durch eine natürlich-biologische Evolution entstandene Agglomerationen) kein Bewusstsein entwickeln können sollen. Das sie das heute noch nicht getan haben, ist aber unzweifelhaft.