Frank Tipler: Die Physik der Unsterblichkeit
Ich kannte die Omegapunkttheorie Tiplers schon lange vom Hörensagen, hatte sein Buch bisher aber noch nicht gelesen. Seine Theorie in Kurzform (meine Kritikpunkte anhand der Nummerierungen im Text, siehe weiter unten):Genauso wie das Universum in der Vergangenheit durch einen Bing Bang entstanden ist, wird es in einer fernen Zukunft in einem Big Crunch wieder zusammenstürzen (1). Leben und insbesonders Intelligenz kann diesen Vorgang physikalisch nicht überstehen. Aber Tipler schlägt vor, den Schrumpfungsprozess aktiv zu steuern und dabei den Unterschied zwischen der objektiven physikalischen und der subjektiv erlebten Zeit zu nutzen. Das Universum soll nicht in allen Raumrichtung gleich implodieren, sondern in den verschiedenen Raumrichtungen unterschiedlich schnell. Das schafft Temperaturunterschiede zwischen den Richtungen, die als Energiequelle genutzt werden können. (In dieser fernen Zukunft sind alle Sterne ausgebrannt.)
Natürlich existiert zu dieser Zeit kein biologisches Leben mehr, so wie wir es heute kennen. Leben bzw. Intelligenz interpretiert er deshalb im Sinne Moravecs, der Transhumanisten bzw. der starken KI als „Informationsverarbeitung“. Die Wesen, die in dieser Zeit existieren werden, sind vollkommen anders als wir aufgebaut. Beim Prozess des Zusammenstürzens wird im Sinne des Newtonschen Graviationsgesetzes bei r->0 unendlich viel potenzielle Energie in kinetische Energie umgesetzt, die sich in den unterschiedlichen Impulsen der dann noch existierenden Teilchen äußert (2).
Für die Kodierung eines Bits wird gemäß der Heisenbergschen Unschärferelation ein gewisses Segment Masse*Impuls benötigt. Nach Tiplers Meinung geht beim Zusammenstürzen die Menge der kodierbaren Bits gegen unendlich, weil die Summe der Impulse gegen unendlich geht. Der Prozess des Zusammenstürzens ist physikalisch in endlicher Zeit zu Ende, das oder die Wesen (Tiplers „Omegapunkt“ oder „Gott“) wird den Zeitraum aber als unendlich lange erleben, weil sich Lebenszeit nicht in absoluter physikalischer Zeit bemisst, sondern in den im Leben verarbeiteten Informationen.
Der Omegapunkt kann alle Menschen, die jemals gelebt haben, emulieren, weil Menschen sich auch nur aus Informationen zusammensetzen und der Träger dieser Informationen beliebig ist. Sind die dabei verarbeiteten Informationen identisch mit denjenigen zur Lebenszeit dieser Menschen, dann sind es diese Menschen selbst (Identitätstheorie). Das bezeichnet er als die „Wiederauferstehung“. Tatsächlich kann der Omegapunkt nicht nur alle Menschen wiederauferstehen lassen, die jemals gelebt haben, er kann auch diejenigen ins Leben rufen, die in unserem Universum hätten leben können und sogar die, die in einem beliebigen anderen Universum existiert haben oder hätten können (3). (Er ist Anhänger der Multiversentheorie.)
Soweit Tiplers Theorie. Ich habe das Buch nur etwa bis zur Hälfte gelesen, in dem Kapitel, in dem er sich dem Problem des Sexes nach der Wiederauferstehung widmet, habe ich meine Lektüre beendet. Bereits vorher war ich sehr irritiert, weil er viele seiner Überlegungen mit Zitaten und Vergleichen aus der Bibel gewürzt hat. Zur Erinnerung: Tipler ist Physiker, die Wikipedia schreibt über ihn: Seit 1987 ist er Professor der mathematischen Physik an der Tulane University in New Orleans mit den Spezialgebieten Kosmologie, Allgemeine Relativitätstheorie, Elementarteilchenphysik und Komplexitätstheorie.
Das Anliegen seiner Omegapunkttheorie definiert er selbst so:
In vorliegendem Buch will ich die Omegapunkt-Theorie beschreiben, eine beweisbare physikalische Theorie, die besagt, dass ein allgegenwärtiger, allwissender, allmächtiger Gott eines Tages in der fernen Zukunft jeden einzelnen von uns zu einem ewigen Leben an einem Ort auferwecken wird, der in allen wesentlichen Grundzügen dem jüdisch-christlichen Himmel entspricht.Meine Haupteinwände gegen Tiplers Theorie
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Ich werde die physikalischen Mechanismen der universellen Auferstehung beschreiben und zeigen, auf welche Weise genau die Auferstehung eines jeden, der gelebt hat, lebt und leben wird, erlaubt. Ich werde darlegen, auf welche Weise im einzelnen diese Macht der Wiedererweckung, welche die moderne Physik zulässt, in ferner Zukunft wirklich gegeben sein und warum sie in der Tat zum Tragen kommen wird. Dem Leser, der einen geliebten Menschen verloren oder Angst vor dem Sterben hat, verheißt die moderne Physik: „Sei getrost, du und sie, ihr werdet wieder leben.“ (4)
(1) Big Crunch: Zwar gibt es mit der Gravitation eine anziehende Kraft, die sogar stärker ist, als mit der für uns sichtbaren baryonischen Masse erklärbar ist (deshalb wurde die dunkle Materie „erfunden“), aber derzeit beschleunigt sich die Ausdehnung des Universums sogar (dafür wurde die negative(!) dunkle Energie „erfunden“). -> In unseren empirischen Beobachtungen können wir zwar nur 5% der Materie sehen, aber aus den Messdaten erkennen, dass das Universum im Gegensatz zu Tiplers Annahme in der Zukunft eher immer stärker auseinander driften wird, als jemals wieder zusammen zu stürzen. Den für Tiplers Theorie essenziellen Big Crunch wird es nicht geben.
(2) Unendliche Informationsmenge beim Big Crunch (=unendliche Bitanzahl): Voraussetzung für Tiplers Annahme ist, dass das Gravitationsgesetz auch für kleine Abstände von Teilchen, d.h. für r->0 seine Gültigkeit behält. Das kann meiner Meinung nach nicht stimmen: Die Unschärferelation macht ein Abstandsmaß, wenn es in die Größenordnung der Plancklänge geht, sinnlos. Es ist auch informationstheoretisch nicht einzusehen, warum das Universum im Moment seines Verschwindens auf einmal mehr Informationen beinhalten bzw. verarbeiten sollte (und zwar unendlich mal mehr), als es während seiner gesamten vorherigen Existenz je besessen hat.
(3) Intentionen des „Omegapunktes“: Die Intelligenz des Omegapunktes (bzw. die Möglichkeiten der Informationsverarbeitung) soll unendlich mal höher als unsere sein, deshalb soll es nach Tipler uns „emulieren“. Warum? Ein Analogiebeispiel: Vor einer Milliarde Jahre lebten ein paar Amöben auf der Erde, die Angst vor dem Sterben hatten. Deshalb beschlossen sie, ein ihnen gegenüber unendlich mal fortgeschritteneres Wesen zu erschaffen – den Menschen. (Natürlich waren es damals nicht die Entschlüsse der Amöben, sondern die Gesetze der Evolution.) Mal ganz abgesehen von der Frage, ob sich die Amöben vor einer Milliarde Jahren zutreffende Vorstellungen über den Menschen gemacht haben – welchen Grund haben wir heute lebenden Menschen, jede einzelne Amöbe, die vor einer Milliarde Jahre gelebt hat, wieder ins Leben zu holen? Wir beschäftigen uns stattdessen mit unseren eigenen Problemen – genauso werden das auch das oder die Wesen in einer unendlich fernen Zukunft tun. (Falls wir uns genauso wie damals die Amöben erdreisten, die Intentionen von Wesen vorherzusagen, deren Wirken wir nicht einmal ansatzweise begreifen können.)
(4) Angst vor dem Tod: Ob Tipler das nun bewusst ist oder nicht, seine Eschatologie wird von der Angst aller Menschen vor dem eigenen Tod getrieben. Gerade ein Relativitätstheoretiker sollte diese Angst rational verarbeiten können. Mein Vorschlag dazu: In der Relativitätstheorie ist die Zeit eine Koordinate wie die drei Raumkoordinaten auch. Ich kenne keinen Menschen, der Angst davor hat, zum Beispiel nicht in der Andromeda-Galaxie zu existieren, die sich etwa 2,5 Millionen Lichtjahre von uns entfernt befindet. Es wird auch kaum einen Menschen geben, der Angst davor hat, dass es ihn vor 2,5 Millionen Jahren nicht gegeben hat. Aber davor, in 2,5 Millionen Jahren nicht mehr zu existieren, fürchtet er sich. Ist das logisch?
Fazit: Tiplers Wunsch ist es, „die Theologie zu einem Teilgebiet der Physik zu machen“. Ich halte es hingegen für großen Unfug, Erkenntnisse der empirischen Naturwissenschaften zu metaphysischen Letztbegründungen heranziehen zu wollen. Es gibt nach wie vor drei voneinander getrennte Bereiche der Wirklichkeit: Den physischen, den metaphysischen und den sozialen. Die Methoden und Ziele bleiben unterschiedlich.
Kategorien: Physik, Bücher
Sonntag, 17.Februar 2008





Natürlich kann man sich Angst, oder Wunschvorstellungen vergegenwärtigen, d.h. bewusst machen, aber das bedeutet noch nicht dass man von ihnen unabhängig wird. Und dein pragmatischer Ansatz ("Ich kenne keinen Menschen, der Angst davor hat, zum Beispiel nicht in der Andromeda-Galaxie zu existieren, die sich etwa 2,5 Millionen Lichtjahre von uns entfernt befindet. Es wird auch kaum einen Menschen geben, der Angst davor hat, dass es ihn vor 2,5 Millionen Jahren nicht gegeben hat. Aber davor, in 2,5 Millionen Jahren nicht mehr zu existieren, fürchtet er sich. Ist das logisch?") in Ehren, aber wenn man sich vergegenwärtigt, dass alles Streben, alles wofür man Blut und Tränen gab, zu Staub zerfällt, am Ende vergebens war, und in Vergessenheit versinkt, genau so als ob man nie existiert hätte, dann kann ich die Angst davor schon verstehen. Und es ist ja nicht so, dass diese Angst immer anwesend ist, sie kann kommen und gehen, überwältigen und vergehen, intensiver sein, oder nur streifen, d.h. nicht jeder Moment ist der selbe, und eine Gegenargumentation mag Kraft besitzen, aber einen Moment später wertlos sein.
Klar,
Ja, das ist wichtig.