Realitätscheck

In der Nacht hatte Köppnick schlecht geschlafen, weil er den Beginn des Klartraums nicht verpassen wollte. Bis zum Zubettgehen hatte er in dem Klartraumbuch gelesen und sich sorgfältig auf den Beginn seines sogenannten Arbeitstages vorbereitet.

Der Klartraum, auch luzider Traum, ist ein Traum, in dem sich der Träumer darüber im Klaren ist, dass er träumt. Wenn Bewusstheit über den Traumzustand besteht, ist die Möglichkeit der Traumsteuerung vorhanden. Dies ist wohl eines der faszinierendsten Erlebnisse, die ein Mensch jenseits von Konventionen, unabhängig von den physikalischen Beschränkungen und Einflüssen anderer Menschen haben kann. Es wird in vielen Kulturen der Welt schon über Jahrhunderte hinweg praktiziert, dient beispielsweise im buddhistischen Traumyoga als Erfahrung der wahren Natur des Geistes und im Schamanismus dem Schamanen zum Erkenntnisgewinn.

Diese Einleitung hatte Köppnick neugierig gemacht, zumal er sich nicht sicher war, ob er in letzter Zeit nicht bereits einige solcher Klarträume gehabt hatte. Also las er weiter. Im Buch wurden viele Techniken beschrieben, die unterschiedlich gut wissenschaftlich untersucht waren und nach mehr oder weniger langem Üben relativ sicher zu Klarträumen führen sollten. Aber auch vor möglichen Gefahren wurde gewarnt:

Klarträume können für die verschiedensten Dinge verwendet werden. Man kann sie aus Spaß ausprobieren, sie als „ungefährliche Droge“ oder als persönliche Virtual-Reality-Maschine benutzen. Spaß ist eine vollkommen erlaubte Anwendung von Klarträumen. Trotzdem sollte man sich vorsehen, davon nicht abhängig zu werden, um seinem wahren Leben zu entkommen. Wenn Sie bemerken, dass sie öfter schlafen als nötig oder mehr über Klarträume nachdenken, als über ihr Leben im Wachzustand, machen Sie eine Pause.

Als beunruhigende Symptome wurden genannt:
  • Zu starke Vertiefung ins Fernsehprogramm oder in einen Film.
  • Man erinnert sich an die Vergangenheit so lebhaft, dass man glaubt sie wiederholt sich.
  • Man findet Anzeichen über Dinge, die man getan hat, an die man sich aber nicht erinnert.
  • Lücken im Gedächtnis über wichtige Dinge im Leben.
  • Andere Menschen und Dinge wirken nicht real.
  • Man findet unbekannte Dinge unter seinen Sachen.
  • Man gelangt an Orte ohne zu wissen wie.
  • Man trägt Kleidung, ohne sich daran zu erinnern, sie angezogen zu haben.
Beim Lesen diesen Sätzen wurde Köppnick etwas mulmig zumute, das hatte er alles schon erlebt. „Man muss aufpassen“, sagte er zu sich. Wenn sich diese Träume kaum vom Wachzustand unterscheiden lassen, aber darin viele Dinge möglich sind, die im realen Leben nicht funktionieren, dann besteht tatsächlich Gefahr. Im Buch waren eine Reihe von Methoden beschrieben, wie ein Klarträumender entscheiden konnte, ob er sich in der Wirklichkeit oder in einem Traum befand, Realitätscheck nannte man das dort. Die möglichen Methoden wurden außer ihrer Wirksamkeit vor allem anhand der Unauffälligkeit ihrer Anwendung in einer mit anderen Menschen belebten Umgebung beurteilt. Als auffällige Tests wurden im Buch das Springen von Gebäuden, das Gehen durch Wände, das Fliegen, das Ausprobieren von Superkräften genannt. Unauffällig war zum Beispiel das Zählen der Finger.

Das leuchtete Köppnick ein. Wenn in der einen Welt das Durchdringen von Wänden leicht war, man in der anderen aber mit einem kräftigen Rums dagegen lief, dann würde man sich schon durch das prophylaktisch schmerzverzerrte Gesicht verraten, wenn man vor der Wand Anlauf nahm, um hindurch zu springen, aber nicht wirklich glaubte, dass man hindurch gelangen könne. Demgegenüber war das Zählen der eigenen Finger auch in großer Gesellschaft relativ problemlos durchführbar.

Köppnick war auch deswegen so sehr an den Klarträumen interessiert, weil er in letzter Zeit immer häufiger von einem Albtraum gequält wurde, den er durch aktive Beeinflussung endlich aus seinem Gedächtnis tilgen wollte. Wieder und wieder hatte er geträumt, dass sein Wecker in der Frühe klingelte und er noch im Dunkeln aus dem Haus gehen musste, und das zu Fuß! Dabei war es draußen so kalt, dass er seine wärmsten Sachen benötigte. Frierend und immer noch müde erreichte er in diesem Traum ein Haus, in dessen Wände seltsame Klappen eingelassen waren, durchsichtige und undurchsichtige, deren Bedeutung ihm erst nach mehren schmerzhaften Versuchen klar geworden war. Glücklicherweise waren die Räume in diesem Gebäude geheizt, sicher wegen der großen Kälte draußen und den häufig offen stehenden Klappen.

Die anderen Menschen erwarteten von Köppnick, dass er sich den ganzen Tag bei ihnen aufhielt, vor einem Bildschirm herum saß und auf der Tastatur ihm sinnlos erscheinende Texte eingab. Wegen seiner in diesem Traum veränderten Hände fiel ihm das sehr schwer. Er hatte Tage damit verbracht, die anderen zu beobachten, um kleinste Abweichungen zu finden, aber die anderen schienen ihm äußerlich sehr zu ähneln, der Traum war in dieser Beziehung weitgehend fehlerfrei. Aber er hoffte trotzdem: Wenn es ihm erst einmal gelungen war, diesen Traum in einen Klartraum zu verwandeln und einen erfolglosen Realitätscheck durchzuführen, dann würde er sofort aussteigen können.


Doch er hatte auch Zweifel, was wenn der Traum die Realität und seine jetzige Existenz der Traum war? Eine Idee, die ihm blitzartig durch den Kopf geschossen war, hatte er schon verworfen. Nur kurz hatte er überlegt, im Netz die anderen den Realitätscheck machen zu lassen und unter einem Vorwand nach der Zahl ihrer Finger zu fragen. Aber das war ja Blödsinn, denn Traum oder nicht, egal ob es die Realität wäre oder nur ein nahezu perfekter Traum – natürlich würden sie ihn unbefriedigend zurück lassende Antworten geben. In der Wirklichkeit wären sie so reale Personen wie er, im Traum wären sie Gespinste seines Gehirns, ihm selbstverständlich genauso ähnlich. Sinnend betrachtete er seine Finger, ihre Zahl stimmte, wenn nur dieser blöde Traum nicht wäre.

Kategorien: Köppnicks Welt, Bücher

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Kommentare hier ...

Die Grünen sind links.
Metepsilonema - 22. Juli, 22:34
Aufgrund der Komplexität des Themas...
Köppnick - 22. Juli, 07:50
Irgendetwas mit der url stimmte nicht. Wie...
Metepsilonema - 22. Juli, 01:07
Deine Links funktionieren nicht,
Köppnick - 21. Juli, 12:05
Hier findet man die beiden Artikel:
Metepsilonema - 21. Juli, 01:40
Ich würde es etwas anders ausdrücken:...
Metepsilonema - 18. Juli, 21:48
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Metepsilonema - 15. Juli, 21:54
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Köppnick - 14. Juli, 22:05
Beweiskraft gibt es generell keine, denn...
Metepsilonema - 14. Juli, 19:16