Michael Schmidt-Salomon: "Wo bitte geht's zu Gott?" und "Die Kirche im Kopf"

Von MMarheinecke aufmerksam gemacht ("Bangemachen gilt nicht!" - oder: Kinderbibel für Skeptiker) habe ich mir gleich zwei Bücher von Michael Schmidt-Salomon besorgt. Das erste Buch ist Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel, für das Ursula von der Leyen einen Inidizierungsantrag gestellt hat. Man kann Schmidt-Salomon als eine Art deutschen Richard Dawkins bezeichnen, jedenfalls stellt er den Gläubigen ähnliche Fragen wie dieser, allerdings sind seine Bücher kürzer und volkstümlicher. Das bereits erwähnte Kinderbuch ist meiner Meinung nach für Kinder kritisch denkender Eltern etwa ab einem Alter von 7 Jahren geeignet. Das Buch ist reich illustriert, als Erwachsener ist man in etwa 10 Minuten durch, hat den Text gelesen, die Illustrationen genossen und sich köstlich amüsiert. Erzählt wird die Geschichte eines Igels und eines Ferkelchens, die eines Tages durch ein Plakat aufgeschreckt werden:
“Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas!“, stand darauf geschrieben. Das kleine Ferkel las es dem kleinen Igel vor, denn der hatte in der Schule nicht so gut aufgepasst. „Ferkel kennst du Gott?“, fragte der Igel. „Nee“, sagte das Ferkel. „Ich auch nicht!“, meinte der Igel. Darüber erschraken die beiden sehr. Sie hatten ja gar nicht geahnt, dass ihnen etwas fehlte!
Also begaben sich unsere beiden Freunde auf den Tempelberg, wo sie jeweils einen Vertreter der drei großen Weltreligionen in oder vor seinem Gotteshaus befragen können, einen Rabbi, einen Bischof und einen Mufti. Einen kleinen Auszug aus dem Dialog von Igelchen und Ferkelchen mit dem Rabbi:
“Eines Tages“, sagte der Rabbi, „ärgerte sich Gott, der Herr, so sehr über die Menschen, dass er sich entschloss, alles Leben auf der Erde zu vernichten.“
...
„Bis auf ein Paar jeder Art. Die versammelte Noah, an dem Gott Gefallen gefunden hatte, auf seinem Schiff, der Arche Noah. Dann ließ Gott es so lange regnen, bis alle anderen Menschen und Tiere ertrunken waren.“ „Was haben denn die Menschen so Schlimmes getan, dass sie alle ertrinken mussten?“, wollte der kleine Igel wissen. „Sie haben andere Götter angebetet!“, antwortete der Rabbi. „Ach, es gibt noch andere Götter?“, fragte der Igel ertaunt. „Nein!“, sagte der Rabbi. „Die Menschen haben sich das bloß eingebildet. In Wirklichkeit gibt es diese Götter ebenso wenig wie blau-grün gestreifte Gespenster.“ „Aha“, sagte das kleine Ferkel. Es dachte eine Weile nach. „Wenn die Menschen sich Götter einbilden können“, sprach es langsam, „woher wissen wir dann, dass du dir deinen Gott nicht auch einbildest?“
Das Fazit von Igelchen und Ferkelchen am Schluss des Buches ist dann auch eindeutig:
Als sie wieder zuhause angekommen waren, sagte der kleine Igel: „Ferkel, ich weiß jetzt, was uns die ganze Zeit über gefehlt hat...“ „Was denn?“, fragte das kleine Ferkel. „Ohne Gott hatten wir keine Angst!“, sagte der Igel. „Stimmt!“, meinte das Ferkel. „Aber hat dir die Angst gefehlt?“
...
„Die Leute vom Tempelberg sind wirklich verrückt! Ich glaub' ja, dass es den Herrn Gott überhaupt nicht gibt! Und wenn doch, dann wohnt der bestimmt nicht in diesen Gespensterburgen!“
Das zweite Buch vom selben Autor richtet sich an Erwachsene: Die Kirche im Kopf. Der Untertitel lautet „Von 'Ach Herrje!' bis 'Zum Teufel'“ und erklärt damit besser den Inhalt des Buchs. Viele unserer Redewendungen und Sprichwörter gehen auf die christliche Geschichte zurück. Auch in diesem „Lexikon“ ist Schmidt-Salomon wieder sehr religionskritisch. einige meiner Lieblingserklärungen:
Kreuz: Zum religiösen Symbol mutiertes, antikes Hinrichtungsinstrument („Marterpfahl“). Hätten die Römer bereits unsere moderne Hinrichtungstechnologie besessen, trügen die Damen der feinen Gesellschaft womöglich einen kleinen diamantbestückten elektrischen Stuhl oder eine mit Smaragden verzierte Giftspritze an der goldenen Halskette.
...
Selbstmord: ...
Richtig kurios wird die christliche Ächtung des Suizids dann, wenn man bedenkt, welche Bedeutung der Märtyrertod im christlichen Denken hat. Der dreieinige Gott höchstpersönlich trieb einen Teil seiner selbst in den sicheren Tod, schließlich wurde Jesus nach christlichem Verständnis allein dazu geboren, um durch eine Hinrichtung die Menschen zu erlösen. Sofern es sich bei diesem Coup nicht um einen von langer Hand geplanten Suizid gehandelt hat, so doch wenigstens um "Tötung auf Verlangen", was aus christlicher Sicht ebenfalls als höchst verwerflich gilt.
...
Sekte: ...
Betrachtet man allein die Glaubensinhalte, is es für den unbefangenen Beobachter schwer, zwischen den sog. Sekten und den etablierten Religionen zu unterschieden. Für jeden Unsinn, den man in den Sekten findet, entdeckt man auch eine Entsprechung in den großen Religionen. Der wesentliche Unterschied besteht in der gesellschaftlichen Macht.
...
Würde man nur diejenigen zur christlichen Kirche zählen, die tatsächlich an den zentralen Glaubensbestandteilen des Christentums festhalten (Himmel, Hölle, Gott und Teufel, Himmelfahrt und Auferstehung und Jüngstes Gericht), was sich u.a. in der Häufigkeit des Gottesdienstbesuches ausdrückt, dann müsste man für die sog. Großkirchen in Deutschland feststellen, dass sie mittlerweise auch nur noch einen Sektenstatus besitzen.
Es sind nur willkürlich herausgegriffene Zitate, das gesamte Lexikon ist in diesem gotteslästerlichen Ton verfasst. Und ehrlich gesagt erstaunt es mich, dass dieses Buch noch nicht auf dem Index steht, denn unter dem Stichwort „Nationalsozialismus“ findet sich die folgende Tabelle:

MerkmaleChristentumNS
Männlicher EinzelführerJaJa
FührerprinzipJaJa
Gehorsam gegenüber ObrigkeitJaJa
Demokratisch bestätigtNeinNein
Fraktionsbildung erlaubtNeinNein
HeilserwartungJaJa
VorsehungJaJa
KreuzsymbolJaJa
.........
Elite als (schwarzer) OrdenJaJa
Verehrung Märtyrer / HeldenJaJa
Uniformierte AmtsträgerJaJa
WeltherrschaftJaJa
Bischöfe / GauleiterJaJa
Ausschluss von Frauen aus FührungsgremienJaJa
Frau als Dienende und MutterJaJa
Maria- / MutterkultJaJa


Also ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich meine beiden Exemplare jetzt in meinem Bücherschrank stehen habe, von denen niemand etwas weiß, und die deshalb die allfällige Indizierung dieser beiden Bücher auch unbeschadet überstehen werden.

Kategorie: Bücher
Mirja (anonym) - 11. Februar, 00:30

Hm.

Und er glaubt wirklich, die Christen oder solche, die sich so nennen, oder solche, die keine mehr sind, hätten sich mit all dem nicht auseinandergesetzt? Jetzt ärgere ich mich, dass ich nicht all das selbst aufgeschrieben und auf den Markt geworfen hab.

Köppnick - 11. Februar, 18:34

Ich kenne Christen, die sich damit nicht auseinander gesetzt haben und die sehr fundamentalistisch sind. Und selbst wenn sie hinterfragen, ich kenne auch sehr viele Raucher, die nicken, wenn man sie auf die Schädlichkeit ihres Handelns hinweist - und sich noch während des Nickens das nächste Stäbchen ins Gesicht schieben. Wenn die Theorie stimmt, dass es einen Menschentyp gibt, der genetisch bedingt zu Suchtverhalten neigt, warum sollte es nicht einen anderen (oder denselben) Typ geben, der in einer religiösen Umgebung besonders leicht den dort vorkommenden Glauben annimmt und es nicht schafft, sich ganz auf die Kraft des eigenen Denkens zu verlassen?
Mirja (anonym) - 11. Februar, 21:31

Ja.

Aber kaufen sich solche fundamentalistischen Christen solche Bücher? Nö. Geben sie ihren Kindern solche Bücher? Nö. Hören sie auf etwas, was da drin steht? Nö. Verstehen sie die Ironie? Nö. Also schleunigst auf den Index. Billige "Lösung", diese Verdrängungstaktik. In der Tat, so wie beim Rauchen. Die, die am ehesten auf sowas hören sollten, hören nicht und wollen auch nicht hören. (Sie wissen es im Grunde halt nur zu gut, wiederholtes Hinweisen ist eher kontraproduktiv.) Ich mag solche antireligiösen, irgendwie ebenso radikalen Bücher genau so wenig wie die radikalen Bücher der anderen Seite, also solche, die einem Christentum aufdrängeln wollen (wie bei MMarheinecke beschrieben). Übrigens etwas, was mich auch gelegentlich bei "Nachrichten aus einem unbekannten Universum" (Erinnerung ist noch frisch, deshalb dieses Beispiel) geärgert hat: Dieses "Natürlich gibt es nichts Unwissenschaftliches, Übernatürliches, und alle, die was anderes glauben, sind doof" - ja herrje, ob da nun ein Leser gläubig ist oder nicht, ist doch egal, Hauptsache, er erfährt etwas über das Meer. Hier, bei Schmidt-Salomon, ärgert mich insbesondere der von dir zitierte Schluss beim Kinderbuch: dass ein Gott ausschließlich als angstmachend dargestellt wird. Blöd. So einfach ist es nicht. Nochmal blöd. Auch Atheismus kann "fundamentalistisch" werden.
Köppnick - 12. Februar, 07:59

Atheisten sind Fundamentalisten, weil sich die Nichtexistenz Gottes ebenso wenig beweisen lässt, also ist es auch nur die Annahme eines Mono-Glaubens. Es spielt auch keine Rolle, dass sie für ihre "Beweise" mit Naturgesetzen oder Gleichungen hantieren, denn auch diese sind nicht bewiesen, sondern können höchstens falsifiziert, d.h. widerlegt werden. Mir sind moderat Gläubige und immer leicht Zweifelnde die liebsten Zeitgenossen, weil sie allen den benötigten Raum zum Denken und Diskutieren lassen.

Hat der Herr Schätzing das tatsächlich so geschrieben? daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern.
Webcat72 - 12. Februar, 12:45

@mirja

.. für Köppnicks Interpretation spricht der letzte Satz seines Auszugs aus dem Kinderbuch: "Und wenn doch, dann nicht an einen Gott in diesen Gespensterburgen" ... die Existenz wird also nicht generell ausgeschlossen, nur angezweifelt. Oder interpretiert ihr das anders?

Was ausgeschlossen wird, ist der angstmachende Gott, der als gesellschaftliche Drohkulisse eingesetzt wird .. und dagegen anzugehen spricht eigentlich nichts, oder?
Mirja (anonym) - 12. Februar, 12:58

Erleuchtung

Ich glaube, ich habe es jetzt verstanden. Bei nochmaligem Nachdenken bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei "Wo bitte geht's zu Gott? ..." gar nicht um ein Kinderbuch handelt, sondern um eine Parodie auf diese Kinderbibelbücher, eine Parodie für Erwachsene. Irgendwie ergibt es sonst keinen Sinn, weil es im Grunde dasselbe ist wie die Kinderbibelbücher, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Ab einem Alter von 7 Jahren werfen Kinder nicht mehr viele Blicke in ein Buch, in dem so viel Wert auf Illustrationen gelegt wird. Vielleicht gerade noch, ja, aber nicht mehr lange. Da werden ziemlich schnell Bücher wichtiger, bei denen es nur noch auf den Text ankommt: Kinderkrimis, Fantasyreihen etc. Andererseits, bei einer Parodie würde auch nicht so viel Wert auf Illustrationen gelegt, oder? Außer, es ist eine sehr gute Parodie. Hm. ---
Schätzing hat es so natürlich nicht geschrieben. Vor allem ist zum Glück das Buch insgesamt nicht in diesem Tenor gehalten. Ich hatte nur bei ein paar wenigen Stellen den Eindruck, dass es in diesen Tonfall "abrutscht". "Walgesang in der esoterischen Hitparade" interpretiert irgendwas in mir als "Wer Walgesang hört, ist Esoteriker und so blöd, dass ich mich hier in diesem Buch darüber lustig machen kann, denn ein Esoteriker liest ein Buch wie dieses mit viel verarbeiteter Wissenschaft drin sowieso nicht". Wahrscheinlich bin ich da zu empfindlich, so, wie ich auch beim Stichwort "Angst" empfindlich bin. Oder es ist eben frauentypisch, viel zu viel in ein paar Worte hineinzudeuten...
Mirja (anonym) - 12. Februar, 13:18

@ Webcat72

Auf diese Weise interpretiert, ist es sehr in Ordnung. Arge Bauchschmerzen macht mir das vorherige Zitat: " 'Ohne Gott hatten wir keine Angst!', sagte der Igel. 'Stimmt!', meinte das Ferkel. 'Aber hat dir die Angst gefehlt?' " Den verstehe ich als: Ab dem Moment, wo eine Gottesvorstellung in dein Leben tritt, wirst du Angst vor diesem Gott/ dieser Gottesvorstellung haben oder gar haben müssen. Das ist für mich genauso eine Drohung wie der strafende Gott, der immer noch gepredigt wird, umgeschrieben zu: Halte dich von Gottesvorstellungen fern, sonst trifft dich der Fluch der Angst. Die Sache mit den Gespensterburgen unterschreibe ich im Grunde. Aber hier hört es sich für mich so an, als würden sich Gläubige grundsätzlich in Gespensterburgen versammeln. Es gibt aber noch so unendlich viele andere Spielarten des Glaubens und seiner Auswirkungen. Ich weiß nicht, wie es wirklich gemeint ist, bei mir kommen diese Zitate sehr radikal und eher atheistisch als agnostizistisch an. Wie es bei Kindern ankommt, weiß ich ebenfalls nicht, auf jeden Fall aber wohl auch unterschiedlich, genau wie bei uns. Heißt nicht, dass ich eine Indizierung auch nur im Ansatz gut finden würde. Heißt nur, dass Kinder weder zum Glauben noch zum Nichtglauben gezwungen werden sollten.
Gregor Keuschnig - 13. Februar, 08:21

@Mirja

Die Indizierung erfolgte m.W. nicht unbedingt wegen des Textes, der - nach allem, was man hier zu lesen bekommen hat - ziemlich schwachsinnig zu sein scheint (aber das wäre natürlich kein Grund, ein Buch zu indizieren). Die Indizierung erfolgte aufgrund mindestens einer Illustration, die einen Rabbi in Schläfenlocken darstellt und offensichtlich eine gewisse Ähnlichkeit mit den Verächtlichmachungen weiland 1933-45 haben soll. Da haut man dann ganz schnell den Stempel "antisemitisch" drauf, damit das Paket dann gebündelt in den Orkus befördert werden kann.

Vermutlich die gleichen Leute, die die Mohammed-Karikaturen als Gipfel der europäischen Meinungsfreiheitskultur bezeichnet haben, gehen jetzt voran, dieses Buch zu verbieten. Ich wüsste nur gerne, wie man sonst einen gläubigen, orthodoxen Juden darstellen soll.

Es ist übrigens interessant, dass die beiden radikal-atheistischen Bücher, die ich vergangenes Jahr gelesen habe (Dawkins und Hitchens) und die sich beide exzessiv mit den monotheistischen Religionen "beschäftigen", das Judentum "schonen". Es gibt zwar bei Hitchens eine unschöne Szene, in der er beschreibt, dass die Beschneidung, die u. a. im Judentum üblich ist, durch die mangelnde Zahn- und Mundhygiene der Rabbis, die die Beschneidung vorgenommen haben, dahingehend oft zu gesundheitlichen Schäden bei den Kindern führten, da die Rabbis die Vorhaut quasi abgebissen hätten und dadurch Keime übertragen hätten - aber ansonsten verhalten sich die beiden Autoren reichlich reserviert. Man ahnt, warum.
Mirja (anonym) - 14. Februar, 12:26

@Gregor

Ahaaaa, DAHER pfeift der Hase! Danke für die Aufklärung! Ich habe mich natürlich nicht weiter informiert über die Bücher und die Indizierung, sondern bin auf die Zitate angesprungen und habe drauflosgeschrieben. Deine Infos werfen natürlich zumindest auf die Indizierung nochmal ein anderes Licht. Ja, man ahnt.
Metepsilonema - 15. Februar, 17:58

Allein wenn man lesen muss, dass der Nationalsozialismus nicht demokratisch bestätigt wurde; so ein Unsinn!

Ach, wozu aufregen, wenigstens weiß ich, welche Bücher ich nicht kaufen werde.

tinius - 8. März, 21:48

Eine Indizierung bedeutet ja kein Verbot. Das Buch darf nur nicht mehr in Jugendlichen zugänglichen Bereichen beworben und diesen auch nicht mehr zugänglich gemacht werden. Da dies auch bedeutet, daß das Buch in Buchläden nicht mehr ausliegen dürfte und im Versandbuchhandel nur noch mit einem sicheren Altersnachweis verschickt werden könnte, hieße eine Indizierung natürlich auch eine Einschränkung des Verkaufs.
Ich kommentiere im allgemeinen Nachrichten, die ich in meinem Blog veröffentliche, nicht, aber hier - also an anderer Stelle - will ich auch meine persönliche Meinung kundtun : m.E. war der Vorwurf des Antisemitismus eine Behelfskonstruktion, um die Herabminderung aller, besonders aber der eigenen, christlichen, Religionen zu unterbinden. Diese Herabwürdigung ist für mich durch die Illustrationen durchaus gegeben. Ähnliches gilt auch für die umstrittenen Mohammed - Karikaturen. Inkonsequent ist es aber, gegen nur eines vorzugehen. Entweder sind die Karikaturen und das Kinderbuch zu verurteilen oder eben beide nicht. Von daher geht die Abweisung des Indizierungsantrages in Ordnung. In beiden Fällen verstehe ich aber, daß sich Gläubige und institutionale Vertreter der Religionen angegriffen fühlen können. Zuletzt bliebe die Frage, ob so ein Buch kindgerecht ist. Das wage ich zu bezweifeln. Aber zu verantworten haben das erst einmal die Eltern. Und die gehören einer ziemlich begrenzten Zielgruppe an, denn man kann wohl kaum davon ausgehen, daß auch nur lose dem Glauben verbundene Eltern ein solches Buch ihren Kindern als Alternatividee anbieten würden.
Karikaturen und Buch haben aber deutlich gemacht, daß in einer eigentlich säkularisierten Gesellschaft nicht alle Entscheidungen wirklich eindeutig getroffen worden sind, es also noch Diskussionsbedarf im Grundsätzlichen gibt. Derzeit habe ich allerdings den Eindruck, daß man diese scheut und im Einzelfall nach eigenen Befindlichkeiten argumentieren will und letztgültige Entscheidungen auf andere Instanzen - BVerfG oder Jugendstelle - abwälzen will.

Köppnick - 10. März, 17:39

Es ist kein Kinderbuch

Was ich nach dem Lesen bereits vermutet habe (ich habe keine Kinder), haben mir inzwischen probelesende Eltern bestätigt, es ist kein Kinderbuch. Akzeptiert man diese Voraussetzung, die Eltern bereits im Buchladen feststellen können, stellt sich die Frage nach dem Ziel einer Indizierung etwas anders, es kann nicht Kinderschutz sein. In diesem Fall: Hält man die Aussagen des Buches für falsch oder kann man die darin (in satirischer Form) aufgeworfenen Fragen nicht beantworten, und wenn ja, warum (nicht)?

Und eine zweite Frage bewegt mich spätestens seit dem aktuellen politischen Hickhack in Hessen: Warum darf man die politischen Überzeugungen von Menschen (die ja zumindest zum Teil auf Prägungen in der eigenen Biografie zurückzuführen sind und bloß täglich mit den dazu passenden Schnipselchen scheinrational gefüttert werden) ungestraft und zum Teil sehr rüde und persönlichkeitsverletzend angreifen, religiöse Überzeugungen aber nicht? Mir fällt dazu nichts Plausibles ein.
Gregor Keuschnig - 12. März, 12:30

Das ist nicht so eindeutig

Der Verlag beantwortet hier einige "faq", die nahelegen, dass es mindestens auch als Kinderbuch zu verstehen ist:

Die entscheidende Frage ist jedoch: Ist es „Indoktrination“, wenn man Kinder in humorvoller Weise über die fehlende Logik und die Absurditäten der traditionellen Glaubenssysteme aufklärt?

und

Jedoch habe ich bereits zwei weitere Kinderbücher in der Schublade.

Die Seite zeigt auch die Dogmatik der Schreiber.
tinius - 12. März, 22:52

Es wird als Kinderbuch verkauft bzw. beworben und so konsquent auch den Regelungen für diesen Bereich unterworfen. Eine Indizierung kann zwar das Geschäft beeinträchtigen, allerdings die weitere Verbreitung nicht unterbinden. Um solches zu erreichen, müßte man den Weg eines gerichtlichen Verbotes gehen. Als Nebennutzen könnte sich allenfalls eine Stigmatisierung ergeben, die aber erfahrungsgemäß eher zu einem Ankurbeln des Umsatzes führt. In der persönlichen Einschätzung unterscheiden wir uns nicht : es ist für Kinder nicht unbedingt geeignet. Den Unterschied zwischen Glauben und politischen Grundüberzeugungen müßten Philosophen, Anthropologen etc. klären, dazu fühle ich mich nicht in der Lage, vermute aber daß es im Falle der Religion auf urmenschliche, genetische Bedürfnisse hinausgeht, deren emotionale Komponente - in demokratischen Gesellschaften - daher nur mit geringen Abstrichen - zu beachten ist. Für die politischen Querelen in Hessen spielt zudem noch ein weiterer Aspekt eine Rolle : hier läuft die Auseinandersetzung (die ich übrigens auch für fragwürdig halte) in einer bestimmten, abgegrenzten Gruppierung. In Tarifverträgen nennt sich so etwas "Tendenzbetrieb". In beiden Fällen lautet die fragwürdige Begründung für das Nichtdulden von Äußerungen abweichender Meinungen, daß die Linie des "Arbeitgebers" (hier der Partei) nach außen durch Wort und Handlung zu vertreten sei, um deren Interessen zu vertreten. Für mich kollidiert das zwar mit der grundgesetzlichen Gewissensfreiheit des einzelnen Abgeordneten (und bedürfte also ebenfalls einer grundgesetzlichen Überprüfung), ist aber bei fast allen politischen Entscheidungen durch den mehrheitlich gegebenen Fraktionszwang faktisch fest im System verankert und kann mittels Parteiwechsel / - Austritt letztlich umgangen werden. Daß soll, wie gesagt, keine Verteidigung dafür sein - nur eine versuchte Erklärung.
Köppnick - 13. März, 07:27

Die SPD in Hessen begeht gerade Selbstmord. Man kann doch eine Direktkandidatin nicht zwingen, ihr Mandat zurückzugeben! Als bekennender Anhänger der Linken - wäre ich dort Vertreter der Linkspartei, ich würde Frau Ypsilanti jetzt nicht mehr wählen, weil ich diese Art von Politikstil nicht akzeptieren kann. Es bleibt nur der lange Weg durch die Institutionen, um über die Inhalte zu Mehrheiten zu gelangen, man darf sich nicht zu sehr an die Sozialdemokraten anbiedern.
Gregor Keuschnig - 13. März, 09:03

@Köppnick

Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Wiefelspütz nannte das Verhalten einiger SPD-Leute in Hessen in einer Diskussion in "phoenix" am Dienstag schändlich und sagte, er schäme sich dafür, wie eine frei gewählte Abgeordnete behandelt werde. Dieses Verhalten sei, so Wiefelspütz, für eine Partei wie die SPD unwürdig.

Er gestand zu, dass ein gewisser Druck auf "Abweichler" ausgeübt wird, aber die Gewissensentscheidung sei nicht kritisierbar.

Das Verhalten wirft ein schlechtes Licht auf Ypsilanti. Die Frau ist unwählbar - in mehrfacher Hinsicht. Hessen kommt auf den Hund - bei den Alternativen Koch und Ypsilanti dreht sich einem der Magen um.

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Kommentare hier ...

Die Grünen sind links.
Metepsilonema - 22. Juli, 22:34
Aufgrund der Komplexität des Themas...
Köppnick - 22. Juli, 07:50
Irgendetwas mit der url stimmte nicht. Wie...
Metepsilonema - 22. Juli, 01:07
Deine Links funktionieren nicht,
Köppnick - 21. Juli, 12:05
Hier findet man die beiden Artikel:
Metepsilonema - 21. Juli, 01:40
Ich würde es etwas anders ausdrücken:...
Metepsilonema - 18. Juli, 21:48
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Metepsilonema - 15. Juli, 21:54
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Köppnick - 14. Juli, 22:05
Beweiskraft gibt es generell keine, denn...
Metepsilonema - 14. Juli, 19:16