Veronika Peters: Was in zwei Koffer passt

Das Personenverzeichnis ist mir erst beim Schreiben dieser Rezension aufgefallen. Gehört ein solches Verzeichnis in eine Autobiografie oder spricht das nicht eher für einen Roman? Diese Frage hat mich etwas unsicher gemacht, denn bis jetzt war ich ohne Zweifel, dass es sich um eine Autobiografie handelt.

Veronika, die Ich-Erzählerin, ging mit 21 Jahren in ein Kloster, wurde zunächst Novizin und später zur Nonne geweiht. Zwölf Jahre später hat sie aus Liebe zu einem damals noch verheirateten Mann das Kloster wieder verlassen und ist mit ihm zusammengezogen.

Ein kurzer Blick in die Wikipedia klärt meine Zweifel:
In ihrem Debütroman „Was in zwei Koffer paßt“ arbeitet die Autorin ihre Jahre als Benediktinerin auf. Die Identität ihres früheren Klosters sowie die Namen der Mitschwestern werden dabei aufgrund einer Absprache mit der Äbtissin durch bewußt falsche Hinweise verschleiert. Die dadurch entstandenen Widersprüche haben teilweise dazu geführt, daß die gesamte Geschichte als Erfindung bezeichnet wurde, was allerdings nicht der Fall ist.

Auch ansonsten wurde der Roman von der Kritik eher zwiespältig aufgenommen, während in den katholischen Ordensgemeinschaften die positiven Reaktionen deutlich überwiegen. Hervorgehoben wird darin insbesondere, daß die Autorin in bemerkenswert aufrichtiger Weise mit zahlreichen romantisierenden Illusionen über das Klosterleben aufräume und somit zu einem realistischeren Bild dieser Lebensform im 21. Jahrhundert beitrage.
Was mir zwiespältig vorkommt, ist der Halbsatz „auch ansonsten wurde der Roman von der Kritik eher zwiespältig aufgenommen“, denn die im Wikipedia-Artikel aufgelisteten Kritiken sind durchweg positiv: Den Rezensionen ist kaum etwas hinzuzufügen, sie geben auch meine Empfindungen beim Lesen ziemlich genau wieder. Deshalb hier nur noch ein paar Zitate, die vielleicht die Rezensionen durch etwas Authentizität ergänzen können:
“Trotz der ganzen Einkleidungsvorbereitungen bin ich mir selbst fremd in dem Gewand. Was hat es deiner Meinung nach mit diesem Ordenskleid auf sich, Maria?“
„Ich bewege mich anders in diesem Kleid. Die Menschen, denen ich begegne, schauen mich oft mit befremdeten Blicken an. Ich erkenne in ihren Augen, dass ich anders bin als sie. Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, beim Arzt im Wartezimmer sitze, für Besorgungen in der Stadt herumlaufe, bei allem, was ich tue, signalisiere ich durch mein Äußeres, was ich lebe. Immer. Ohne ein Wort verlieren zu müssen, mache ich den Männern klar, daß ich nicht verfügbar bin. Ich kann für keinen Moment verleugnen, was für jeden weithin sichtbar ist, ich bin jederzeit mitverantwortlich für das Erscheinungsbild des Klosters.“
“Kann ich das Kränzchen absetzen?“
„Das tragen sie bis heute abend. Es wird zum Abschluss des Feiertages von der Äbtissin persönlich abgenommen und im Archiv bis zu ihrem Tod aufbewahrt.“
Ich schlucke. „Und dann?“
„Dann werden frische Zweige drumgebunden, und sie bekommen es im Sarg aufgesetzt.“
„Kein Scherz?“
Radegundis sieht mich streng an. „Sie werden auch in Ihrer Kukulle beerdigt. Einen Todesfall haben Sie doch bei uns schon miterlebt, oder?“
Ich stehe regungslos vor ihr, zu keinem Wort fähig. Das waren also die Feierlichkeiten, der nächste Höhepunkt findet im Sarg statt. Schwester Simone erbarmt sich und nimmt mich am Arm. „Jetzt beschäftigen Sie sich erst mal mit dem Leben. Die Gäste warten.“
Ich habe diesen Ort geliebt. Er war etwas Besonderes, auch wenn er nicht gehalten hat, was ich mir von ihm versprach. Eine abgeschlossene kleine Welt, die ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt. Der Garten, das verwunschen schöne Gelände, die alten Gebäude, ich habe mich gern darin bewegt. Die Psalmengesänge, die nach dem Schlußgebet noch lange nachhallten und beinahe zwangsläufig eine innere Ruhe herstellten, waren eine hervorragende Basis zum Nachdenken. Die Erfahrungen des Gemeinschaftslebens, Frauen, auf deren Bekanntschaft beziehungsweise Freundschaft ich immer stolz sein werde. ... Jeder einzelnen verdanke ich viel. Es war eine wichtige Zeit, trotz – oder gerade wegen? - all der inneren Widerstände und Kämpfe.
Kategorien: Bücher, Frauen
Gregor Keuschnig - 16. Januar, 22:24

Naja, dann noch zwei Meinungen:

Dennis Scheck ("druckfrisch"- ARD) und "Die Welt". Beide ebenfalls positiv, wobei mich die Formulierung immer überrascht, das Buch sei für einen Erstling beeindruckend gut geschrieben . Das ist eine der dümmsten Floskeln, die es gibt.

Ich habe die Autorin mal in einer Talkshow gesehen. Das Buch wurde dort als eine Art Bericht betrachtet; keinesfalls als Roman. Das würde m. E. auch das Personenverzeichnis erklären. Romane mit solchen Verzeichnissen kenne ich kaum; bei den Russen muss man sich meist selber eines anlegen, damit man durchblickt.

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Kommentare hier ...

Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29
Gefühlsmäßig würde ich...
steppenhund - 5. Mai, 01:53
Guter Kommentar
Stephan Schleim (anonym) - 4. Mai, 20:36
"ad aquam", aber ansonsten gebe ich dir recht....
Talakallea Thymon - 29. April, 19:33