Irak: 17fach erhöhtes Risiko durch Gewalt zu sterben

In der Telepolis wird auf eine Studie über den Irak im Auftrag der WHO berichtet:
Die aktuelle Studie, Iraq Family Health Survey (IFHS), die heute im New England Journal of Medicine veröffentlicht wird, basiert auf Interviews, durchgeführt in 9345 Haushalten in etwa 1000 Wohnvierteln und Dörfen in ganz Irak.

Auf dem Fragebogen, der darüberhinaus eine ganze Menge anderer gesundheitlicher Themenkomplexe erfasst, sind 23 potenzielle Todesarten aufgeführt und codifiziert – meist Krankheiten, aber eben auch durch "armed conflict". Laut Fragebogen wollte man Todesfälle und Todesursache seit Juni 2001 wissen.

Wie der oft bissige informierte Kommentator zum Irak-Einsatz der USA, Juan Cole, aus der Studie liest, hat sich die Zahl der gewaltsam ums Leben gekommenen Iraker durch den Einmarsch der Amerikaner, den die Regierung Bush zu verantworten hat, um das 17fache gesteigert.
Nimmt man das 17fache als annähernd richtig an und multipliziert mit den 3 Jahren amerikanischer Präsenz im Irak, dann kann man auch formulieren: „Die Amerikaner sind in den drei Jahren Anwesenheit für so viele Tote verantwortlich, wie Saddam Hussein es in 51 Jahren hätte sein können. Um wenigstens auf denselben „Body count“ zu kommen, dürfte es in den nächsten 48 Jahren keinen einzigen Toten im Irak durch (militärische) Gewalt mehr geben – eine illusorische Vorstellung.

Ich denke, durch kaum eine andere Überschlagsrechnung kann man deutlicher machen, wie verfehlt die Denkweise und Politik ist, andere Ländern – auch Diktaturen – durch Gewalt zum Besseren verändern zu wollen. Die einzige Hoffnung, die bleibt, ist, dass der nächste amerikanische Präsident oder die nächste Präsidentin zu einem anderen Umgang mit den übrigen Staaten der Welt findet und auch in vielen anderen Themenbereichen im Weißen Haus umgedacht wird.

Kategorie: Politik
Gregor Keuschnig - 11. Januar, 21:33

Die Opferzahlen

der Iraker während des Zweiten Golfkrieges schwanken zwar stark, aber wenn man die Opfer der Massaker an den Schiiten im Südirak nimmt, die sich unmittelbar nach den Kampfhandlungen ereigneten, dürfte für die kurze Zeit der Kämpfe 1991 eine ähnlich hohe Zahl zustande kommen - diese geht vollständig auf das "Konto" Saddam Husseins (auch wenn die Umstände, warum S. H. nach Kuwait einmarschierte, bis heute nicht eindeutig geklärt wurden).

Die aufgemachte Rechnung ist reichlich abstrakt (fast ein bisschen zynisch) und spiegelt nicht im entferntesten den Schaden wider, den dieser Krieg in der Region und weltweit anrichtet.

Der nächste Präsident wird mit den Folgen zu leben (und zu regieren haben). Der Vietnamkrieg schwelte auch noch jahrelang nach Kennedys Tod weiter, weil es - einmal begonnen - keinen "richtigen" Ausgang gab.

Köppnick - 13. Januar, 12:45

Ich glaube, zynisch ist diese Rechnung nicht. Sie macht nur auf ihre Weise die Größenordnung des angerichteten Schadens deutlich. Und der Verlust von Menschenleben ist der größtmögliche Schaden, den Politik und Krieg anrichten können.
Gregor Keuschnig - 13. Januar, 15:58

Der Wert ist viel zu abstrakt, als das er "emotional" etwas verdeutlichen könnte. Kempowski hat sinngemäss einmal gesagt, die Zahl von 50 oder 60 Millionen Toten, die der Zweite Weltkrieg gefordert hat, sei nicht vermittelbar, weil - im fast wörtlichen Sinne - unfassbar. Aber das Schicksal eines Menschen bewegt dann wieder (man denke bspw. an Anne Frank).

"17fach erhöhtes Risiko" ist reiner Zahlenfetischismus. Der Artikel blendet auch die Verbrechen von S. H. aus (und die durch das Embargo indirekten Opfer).
Köppnick - 13. Januar, 16:26

Es ist unstrittig, dass SH ein Verbrecher war. Die Frage besteht einzig und allein darin, welche Schlussfolgerungen man daraus zieht und welche Handlungen man folgen lässt. Ich glaube nicht, dass es gut ist, in andere Länder im Namen der Demokratie und der Menschenrechte einzumarschieren.

"17fach erhöhtes Risiko" ist vielleicht ein Abstraktum, aber wenn man daraus "51 Jahre" macht, ist es schon nicht mehr so abstrakt - weil sich jeder denken kann, dass man in der Politik nicht weiß, was in den nächsten 48 Jahren in einem Irak mit Saddam Hussein passiert wäre. Wenn man also zum Mittel des Krieges greift und klar ist, dass es viele Tote, mehr als in einem Frieden unter SH, geben wird, dann braucht man verdammt gute Gründe dafür. Verbreitung der Demokratie reicht mir da nicht, Verhinderung des Besitzes von Atomwaffen (damals Irak, jetzt Iran?) auch nicht, und schon gar nicht die Sicherung der Erdölversorgung des eigenen Landes.

Und das ist der Vorwurf an die USA (und vermutlich an alle anderen Staaten und Politiker auch, wenn sie über dieselben oder vergleichbare Machtmittel verfügen würden): Schaut man sich den Umgang mit Demokratie und Menschenrechten an, dann sieht es so aus, als würde mit zweierlei Maß gemessen. In Nordkorea marschiert niemand ein, genauso wenig, wie früher Pol Pot das Handwerk gelegt wurde. Aber es ist nicht zweierlei Maß, denn Demokratie und Menschenrechte sind für die Politiker untergeordnete Kriterien für ihre Entscheidungen, es geht mehr oder weniger ausschließlich um die Erhaltung der Macht im eigenen Herrschaftsbereich.

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Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29
Gefühlsmäßig würde ich...
steppenhund - 5. Mai, 01:53
Guter Kommentar
Stephan Schleim (anonym) - 4. Mai, 20:36
"ad aquam", aber ansonsten gebe ich dir recht....
Talakallea Thymon - 29. April, 19:33