Nicola Bardola: Schlemm
Allein die Frage wäre zu beantworten, ob es sinnvoll ist, an die äußerste Grenze des Alters zu gelangen ..., denn es ist ein großer Unterschied, ob jemand sein Leben oder sein Sterben verlängert. Warum sollten wir unseren Geist nicht aus einem zerfallenden Körper hinausführen dürfen? (Seneca) Vor einigen Wochen habe ich an einer Lesung bzw. einem Diskussionsabend mit Nicola Bardola teilgenommen. Dieser beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Sterbehilfe. Den Beginn seiner Betroffenheit damit bildete der begleitete Freitod seiner Eltern, den er in dem Roman „Schlemm“ verarbeitet hat. In der Lesung hatte er sowohl den Roman als auch sein neues Sachbuch Der begleitete Freitod vorgestellt.
Hauptpersonen im Roman sind Paul (75) und Franca (71), die ein Paar sind, und beschlossen haben, gemeinsam zu sterben, und dabei die Hilfe einer Sterbehilfeorganisation in Anspruch nehmen wollen. Bei Paul ist Blasenkrebs diagnostiziert worden, er hat ohne ärztliche Behandlung nur noch wenige beschwerdefreie Monate zu leben, bei Franca ist es nicht so klar. Sie leidet unter diffusen Symptomen, weigert sich aber beharrlich zum Arzt zu gehen. Sie könnte durchaus gesund sein.
Paul fährt fort: Eine Operation komme nicht in Frage. Seine Situation erinnere ihn an Peter Nolls „Diktate über Sterben und Tod“, sogar der Tumor sei ähnlich. Er habe seinen Entschluss und die Folgen, sich nicht operieren zu lassen, für jedermann plausibel protokolliert. Paul Salaumun geht einen Schritt weiter als Peter Noll. Paul will nicht nur die Operation vermeiden, sondern auch alle zu erwartenden Komplikationen nach dem Befund: Schwindel, Schmerzen, Fieber, Delirien, Morphium. Nach einer Operation habe Paul mit Glück vielleicht noch zehn oder fünfzehn Jahre vor sich, den Urinbeutel immer mit sich herumtragend. All das komme für ihn nicht in Frage. Er will den Schlussstrich selber ziehen.Weitere zentrale Personen im Roman sind die beiden Söhne des Paares, Luca und Reto, die mit den Frauen Sabine und Christina verheiratet sind. Es gibt auch schon die Enkeltochter Nora. Paul und Franca haben sich mit dem Thema ihres Todes nicht erst nach der Krebsdiagnose von Paul beschäftigt, sie sind bereits lange vorher Mitglieder von ROWS (Right of Way Society) geworden, eine Organisation, die im Buch als Stellvertreter für die in der Schweiz tatsächlich existierende Organisation Exit steht.
Paula und Franca sind alt. Haben sie etwa nie gelebt, weil sie jetzt freiwillig auf weitere Wiederholungen verzichten?Das Buch beginnt damit, dass Paul seinen Sohn Luca anruft und das geplante Sterbedatum mitteilt, in 11 Tagen soll es soweit sein. Das Buch ist so aufgebaut, dass in längeren Abschnitten dann jeweils die Handlung aus der Sicht einer der Hauptpersonen vorangetrieben wird, mit Erinnerungen an lange zurückliegende Ereignisse. Wichtige Beweggründe für den Entschluss von Paul und Bianca sind Beobachtungen des Sterbens vieler Freunde und Bekannte und vor allem ihrer eigenen Eltern.
...
Es gab Gespräche schon lange vor dem Befund, in denen Paul und Franca bewusst mit dem Tod umgingen. Sie nahmen sich Zeit für Tod und Trauer: Gedanken über humanes Sterben, über die frühzeitige und freie Entscheidung, ohne das Risiko drohender Notfälle und Operationen einzugehen, über die Menschlichkeit im Umgang mit leidenden Tieren, die von ihrer Qual erlöst werden, obwohl sie den Wunsch nicht aussprechen können.
Paul hob ihn aus dem Bett, trug ihn aufs Klo, putzte ihn ab, trug ihn zurück ins Krankenhausbett. Einen Tag später war Gian tot. So hat Paul ihn in Erinnerung behalten. Ein hilfloses Bündel.Ein gemeinsamer Freitod eines Paares ist sehr selten.
...
Franca war erst einundzwanzig Jahre alt. Im Spital Basel gab es einen Spezialisten, auf den die Familie ihre Hoffnungen gesetzt hatte. Der Vater öffnete den Bauch ihres Vaters und schloss ihn wieder, ohne etwas herauszuschneiden, weil es schon viel zu spät war. Wenige Tage danach starb Francas Vater.
Paul fragt sich, warum er nicht verschwinden sollte, solange er sich selbst noch achtet – körperlich und geistig -, sich selbst noch erkennt. Warum nicht die Welt in einem physischen und psychischen Zustand verlassen, der es erlaubt, hellwach und ganz bei Sinnen Abschied zu nehmen von den Liebsten? Und warum sollte man das nicht zu zweit tun? Zu zweit! Also mit dem Menschen die letzte Reise antreten, mit dem man vieles davor auch geteilt hat. Mit dem Menschen die Welt verlassen, den man liebt – wenn er es auch will. Stefan Zweig hat es vorgemacht.Am Abschiedstag trifft sich die Familie zum letzten gemeinsamen Abendessen, danach gehen die Kinder und zwei Mitarbeiter von ROWS kommen. Als die Kinder am nächsten Tag wiederkommen, sind ihre Eltern gestorben, ein Amtsarzt, ein Polizist und die Leichenträger werden gerufen, um ihre Arbeit zu machen. Im Buch werden auch diese Widersprüche nicht ausgespart, die sich immer dann auftun, wenn auf der einen Seite ein Ereignis für einige Menschen einzigartig, für die anderen alltägliche Routine ist. Auch das Sterben der beiden ist unterschiedlich verlaufen. Zwar sind beide sehr schnell nach der Einnahme des Mittels eingeschlafen und in Ohnmacht gefallen, aber während Franca bereits nach 10 Minuten gestorben ist, hat Paul noch zwei Stunden gelebt, möglicherweise war die lange zuvor berechnete Menge nicht ausreichend, weil er in der Zwischenzeit noch zugenommen hatte.
Der Roman liest sich „vorher“ und „nachher“ sehr unterschiedlich. Während die Handlung davor sehr dicht ist und auf genau den bereits festgesetzten Zeitpunkt und das Ereignis zusteuert, zerfranst sie danach. Vielleicht ist das ein gewolltes Stilmittel, weil es in der Familie in den verbleibenden 11 Tagen nur ein zentrales Thema gibt und nur wenig Zeit für alle die Dinge bleibt, die noch getan oder gesagt werden müssen, während sich danach das Leben für die Lebenden wieder vollkommen unterschiedlich fortsetzt. Man hat aber auch als Leser danach Mühe, sich noch mit der Handlung zu beschäftigen, während man zuvor das Buch eigentlich nicht aus der Hand legen konnte. Die Zerfransung hält bis zum Schluss an, wo Nikola Bardola in einigen nachgestellten Abschnitten zu verschiedenen Details Stellung nimmt. Unter anderem erläutert er seine Suche nach einem geeigneten Romantitel. „Schlemm“ ist eine Fachbegriff aus dem Bridge, Paul war ein ausgezeichneter Bridgespieler, „Schlemm“ bezeichnet dort einen bestmöglichen Partieausgang, bei dem man alle Stiche bekommt oder maximal einen einzigen abgibt. Und Nicola Bardola erklärt natürlich auch seine Motivation:
Ich schreibe vielleicht deshalb so oft über den Tod, weil ich erfahren habe, dass solche Bücher hungrig auf das Leben machen. Ich bin selbst hungrig auf das Leben. Und auf das Schreiben, auf das Lesen.Das stimmt, die Statistiken sind in dieser Beziehung wohl eindeutig. Sie entkräften damit auch eines der zentralen Argumente von Gegnern einer Neuregelung deutscher Gesetze.
...
Mit „Schlemm“ schließlich habe ich einen Roman geschrieben, wie ich ihn gerne aus der Hand eines anderen Autors gelesen hätte. Darauf zu warten, wäre wohl sinnlos gewesen, auch das meiner Geschichte zugrunde liegende Ereignis selten im wirklichen Leben eintritt.
...
„Schlemm“ war aber auch ein analytischer Prozess, weil ich mir selbst darüber klar werden wollte, was mit meinen Eltern und mit mir geschehen war. Hinzu kamen die nicht nachlassenden Fragen von Verwandten und Freunden. Im Gespräch misslang es mir, Verständnis für den ungewöhnlichen Tod meiner Eltern zu wecken.
...
Allein die Kenntnis, dass unter bestimmten Voraussetzungen ein Medikament erhältlich ist, mit dem man schmerzfrei, sanft und selbstbestimmt sterben darf, führt bei den meisten Menschen, denen diese Möglichkeit offen steht, dazu, dass sie bis zuletzt ausharren und darauf warten „normal“ zu sterben.
Kategorien: Bücher, Politik
Montag, 31.Dezember 2007





Gemeinsam sterben
Paul und Franca wollten sterben - zusammen sterben. Paul hatte Blasenkrebs, wie mein Großvater. Er zog es auch vor, den Zeitpunkt seines Sterbens selbst zu wählen, jedoch auf andere Weise. Eines Morgens holte er das Jagdgewehr aus dem Schrank und jagte sich eine Kugel in den Mund. Meine Großmutter fand den Sterbenden an der Türschwelle, sein Kopf geborsten unter den Folgen des Schusses, am Holz der Türschwelle klebten Fleischfetzen des Gehirns, die davon geschleudert wurden.
Geimsam sterben? Wir machten zusammen an einem wunderbaren Sommertag einen Ausflug, es war einer der schönste Tage mit meinem Vater. Auf der Heimfahrt hatten wir einen Unfall mit dem Auto, das mein Vater lenkte. Als ich aus dem Koma erwachte, glaubte ich in einem bösen Traum zu stecken und bemühte mich krampfhaft, daraus zu erwachen. Im Laufe des Abends begriff ich, dass es kein Erwachen geben würde. Mein schwer verletzt daliegender Körper war kein böser Traum, sondern Wirklichkeit. Auf jede Bewegung meinerseits reagierte mein Körper mit höllischen Schmerzen, irgendetwas in meinem Becken war gebrochen, in meinem rechten Bein durchbohrte ein Knochen die Haut und ragte wie ein kantige Bergspitze aus dem Fleisch.
Ich dachte nicht ans Sterben. Ich dachte auch nicht an ein Überleben wollen. Ich dachte an meine Mutter, die daheim geblieben war, auf unsere Rückkehr wartete und sich wahrscheinlich bereits große Sorgen machte. Telefon besaßen wir keines, durch das man sie neanchrichtigen hätte können. Mein Vater ist nicht mehr zurückgekehrt, er hat den Unfall nicht überlebt. Ich verdanke mein (über-)Leben, dem Umstand, nicht angegurtet gewesen zu sein.
Sie fragen sich vielleicht, was das nun mit dem angeschnittenen Thema von Nicola Bardola zu tun habe? Das Sterben selbst zu wählen, ermöglicht eine andere Art, sich mit dem Unvermeidlichen auseinander zu setzen. Ich sehe im Verlgeich dazu, diesen plötzlichen Wendepunkt mit dem Unfall, der keine Zeit mehr ließ zu reflektieren, voneinander in Bewußtheit Abschied zu nehmen oder selbstverantwortlich zu wählen, wann man diesen Körper verlassen möge.
Ich denke, es ist eine andere Qualität des Lebens wie auch des Sterbens, sich bewußt damit auseinander zu setzen und eine selbstgewählte Entscheidung zu treffen.
Die Rezension erinnert mich an einen Amerikaner, der sich entschied, seine Krebserkrankung unbehandelt zu durchleben - wissend um das Sterben. Zwei Jahre hatter er noch gelebt, in einem Bewußtsein einer tiefgehenden Erfahrung, für die er sich mit der Ablehnung einer Behandlung entschied. Er sagte, es sei sein Körper, sein Leben und seine Krankheit.
Seit letztem Weihnachten ist mein Vater ein Schwerstpflegefall. Er hatte einen Unfall mit Blutungen im Gehirn. Jetzt ist sein Körper noch da, aber seine Persönlichkeit ist schon weg. So hätte er sicher nicht leben wollen. Aber einmal in den Händen des Medizinapparates - wo jeder Beteiligte natürlich nur das Beste will - hatte er keine Wahl.
Es gibt sicher keine einfachen Antworten, und so wie es die beiden im Roman gemacht haben, wäre es für mich persönlich wahrscheinlich nicht in Frage gekommen. Ich hätte sicherlich solange weiterleben wollen, wie ich noch denken kann. Mit dem Urinbeutel hätte ich mich arrangiert. Aber ich möchte schon gern meine Entscheidungen selbst treffen können und nicht vom Staat und erst recht nicht von der Kirche bevormundet werden, was ich mit meinem Leben machen darf und was nicht.