Marco Wehr: Welche Farbe hat die Zeit?
Sucht man nach dem Autor im Netz, dann findet man als Zuschreibungen: Promovierter Physiker, Philosoph, Tänzer, Choreograph, Gourmet und freier Autor. Im Buch berichtet er außerdem über seinen offenbar ziemlich intensiven Trommelunterricht bei einem wirklichen Meister dieses Metiers. Irgendwie hatte ich ein etwas anderes Buch erwartet, eine Art Fragenliste, weil der Untertitel des Buches heißt „Wie Kinder uns zum Denken bringen“. Es geht im Buch tatsächlich um Kinder, es ist aber eher eine Reflexion über Erlebnisse und Beobachtungen mit und an seinen und anderen Kindern, Studenten, usw. Der Aufhänger im Kapitel 1, „Die Kunst des Fragens“:
“Eine Sekunde ist, wenn das Licht, welches das Atom Cäsium aussendet, 9.192.631.770-mal schwingt“, verkündet der Physikdozent.In der Tat illustriert dieses Beispiel sehr schön, wie Erwachsene viele Dinge nicht mehr hinterfragen und als gegeben hinnehmen, während Kinder (in diesem Fall ein Student), für die vieles neu ist, die wahren Gründe wissen wollen. Das Beispiel mit dem Dozenten ist Marco Wehr deshalb so wichtig, weil inzwischen bekannt ist, dass Kinder am besten von anderen Menschen lernen und Höchstleistungen nicht unbedingt von den intelligentesten Menschen erbracht werden, sondern von denjenigen, die das Glück haben, die besten menschlichen (nicht maschinellen) Lehrer zu haben. Und es ist die Kunst des lebenslangen Fragens, Lernens und Übens, die zur Meisterschaft führt. Zum Phänomen der Zeit kehrt der Autor noch einige Male im Buch zurück, u.a. mit einem Beispiel aus seiner eigenen Kindheit:
Ein Student meldet sich zu Wort: „Herr Professor, das verstehe ich nicht richtig. Sie wollen ein Zeitmaß definieren – die Sekunde. Dabei legen sie zugrunde, dass das Licht gleichmäßig schwingt. Um diese Gleichmäßigkeit zu überprüfen, brauchen Sie aber bereits eine Uhr. Diese aber wollen Sie gerade erst definieren. Ist das möglich?“
Eine Sekunde peinlichen Schweigens. Dann sagt der Dozent mit herablassender Miene: „Junger Mann, ich bitte Sie! Wenn Sie schon nicht in der Lage sind, die elementaren Definitionen physikalischer Grundgrößen zu verstehen, muss ich Ihnen in aller Freundlichkeit raten, das Studienfach zu wechseln. Vielleicht wollen Sei es einmal mit der Pharmazie probieren?“
Ich saß auf der Toilette eines Hotels, irgendwo in den verschneiten Schweizer Bergen, und tat einen gellenden Schrei. Wie eine Dohle hüpfte ich mit heruntergelassener Hose ins Freie. Es war 8.07 Uhr. Sieben Minuten über der Zeit. Ich sah nur noch, wie das Auto meiner Eltern hinter einer Kurve verschwand – ohne mich. Ich stand im Schnee, wohl etwa neun Jahre alt, und weinte bitterlich. Zwei Welten waren miteinander kollidiert; zwei Zeitbilder, um genau zu sein. Das des Kindes auf der einen Seite und das der Erwachsenen auf der anderen. Ich musste aufs Klo, also ging ich. Mein Vater hatte verordnet, dass der Aufbruch aus dem Skiurlaub um Punkt 8 Uhr zu geschehen habe, also fuhr er. Natürlich wendete er nach einer Weile und lud mich ein, nachdem er sicher war, dass ich die Lektion gelernt habe, meine natürlichen Bedürfnisse in Zukunft seinem Zeitmanagement unterzuordnen.Aus der Altersangabe im Text und dem Geburtsjahr von Wehr errechnet man das ungefähre „Tatjahr“ zu 1970, heute sind diese Erziehungesmethoden wahrscheinlich nicht mehr en vogue. Genauso wie die Rollenverteilung während der Fahrt, die zu neuen Problemen führte:
Gestartet wurde auf die Minute genau. Genauso exakt waren die Tank- und Toilettenpausen festgelegt. Auch die Verteilung der Kompetenzen im Auto selbst war von absoluter Klarheit. Koffer packen und Wegzehrung vorbereiten: Aufgabe der Mutter. Die Koffer verstauen: Aufgabe des Vaters, da das männliche Gehirn die Lösung komplexer Aufgaben im Raum besser bewältigt. Die Steuerung des Autos? Selbstverständlich Aufgabe des Mannes. Das Verteilen von Kaffee und Brötchen? Aufgabe der Mutter. Wir Kinder hatten keine Aufgabe. Wir mussten uns nur dem Plan fügen, Ruhe bewahren und geduldig das Ende der Reise abwarten. Blieb nur ein Problem. Wer gab den Weg an? Nach der Hirntheorie meines Vaters war auch bei Orientierungsaufgaben der Mann den Frauen überlegen. Da er aber nicht gleichzeitig fahren und die Autokarte studieren konnte, oblag das Kartenlesen meiner Mutter. Ein kleiner, aber leider nicht zu vermeidender Systemfehler, der sie in ernste Schwierigkeiten brachte. Während der Herr Papa nämlich durch die Kurven driftete und meine Mutter mit weiblicher Emphatie Hungerzustände der Insassen erspürte, die sie durch Gabe von Imbissen zu lindern suchte, musste sie im gleichen Moment auf Abruf exakte Weginformationen liefern...Die drei Punkte am Ende des Zitats stehen für die zwar ziemlich vorhersagbare, aber doch sehr vergnügliche Fortsetzung dieser Episode.
Für mich ein sehr interessanter Abschnitt im Buch sind die Überlegungen des Zusammenhangs zwischen Sprache, Denken und – unserem Körper und den Händen. Für mich war dieser Körperaspekt absolut neu, von Wehr vielleicht auch in einem anderen Buch veröffentlicht, das ich noch nicht kenne: Die Hand. Werkzeug des Geistes.
Der Zusammenhang zwischen unserer raschen gesellschaftlichen Evolution und der Sprache ist relativ leicht zu verstehen. Während bei lernenden Tieren drei Sachverhalte zeitlich gleichzeitig präsent sein müssen (Lehrer, Schüler und Lerninhalt), ist dieser Zusammenhang beim Menschen aufgehoben. Damit zum Beispiel ein junger Schimpanse die Gefährlichkeit eines Skorpions lernen kann, müssen er und seine Mutter den Skorpion gleichzeitig sehen und seine Mutter ihn mit aufgeregten Rufen warnen. Dabei braucht die Mutter selbst noch nie gestochen worden sein, die Informationsübertragung durch wiederum ihre eigene Mutter war ausreichend. Wird aber die Kette der Weitergabe innerhalb einer Generation unterbrochen, zum Beispiel weil kein Skorpion gesichtet wurde, dann ist dieses Wissen verloren.
Anders beim Menschen. Es genügt, von der Gefährlichkeit des Skorpions zu lesen und entweder ein Bild zu sehen oder eine gute Beschreibung von ihm zu erhalten, und man wird ihm auch in Abwesenheit eines anderen Menschen bereits beim ersten Zusammentreffen aus dem Weg gehen.
Um einen Eindruck von der Komplexität der Sprache zu bekommen, wollen wir uns hier nur mit einer einzigen Frage beschäftigen: Wie kann ein Kind lernen, was ein Wort wie „Ball“ bedeutet? Die Frage, was ein Wort bedeutet, mag sich für jemanden, der sich nicht mit Sprache beschäftigt, trivial anhören. Man nehme den großen Duden zur Hand und schlage eine beliebige Seite auf. „Kore“ steht dort zum Beispiel; und als Bedeutung: „altgriechische Statue eines festlich gekleideten jungen Mädchens“. So einfach ist das. Ein studierte Sprachwissenschaftler lacht sich jetzt schon ins Fäustchen, wohl wissend, dass diese Strategie, die Bedeutung eines Worts festzulegen, zum Scheitern verurteilt ist. Was bedeutet denn bitte „altgriechisch“, „Statue“, „festlich“, „gekleidet“?Ich überspringe den (unvermeidlichen) philosophischen und kognitiven Ausflug Wehrs:
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Sie kommen ins Grübeln. Nach einem Moment des Nachdenkens merken Sie es. Da die Anzahl der Worte einer Sprache zwar sehr groß, aber doch endlich ist, haben Sie ein Problem. Irgendwann definieren Sie ein Wort mittels eines Wortes, das Sie gerade definieren wollen. Die Katze beißt sich in den Schwanz.
Bälle werden auf einmal durch das definiert, was man mit ihnen machen kann! Damit sind wir auf der richtigen Fährte und kommen zu unserem Kleinkind zurück. Dieses hantiert das erste Mal mit einem roten Ball, auf welchem schwarze Marienkäfer abgebildet sind. Das fragwürdige Etwas rollt. Wenn man es wirft, hüpft es. Es lässt sich ein wenig knautschen, man bekommt es nicht richtig in den Mund ... Mit fragendem Blick deutet das Kind auf den ominösen Gegestand. Die Mutter versteht die Geste und verpasst dem Ding seinen Namen: „Ball“.In einem der letzten Abschnitte „Das Märchen vom Mängelwesen“ beantwortet Wehr die beiden Fragen, erstens warum die Entwicklung eines Kindes so langsam abläuft im Vergleich zu der der übrigen Tiere und zweitens, warum seiner Meinung nach der Körper dabei eine so große Rolle spielt:
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Denken wir wieder an das erste Bild des Balls im Hirn des Kindes. Da ist gespeichert, dass er rund ist und hüpft, aber auch, dass das Objekt rot und mit Marienkäfern versehen ist. Im Kontakt mit weiteren Bällen werden nur die ersten Merkmale vertieft, während die Eigenschaft, eine Farbe zu haben und Marienkäfer zu zeigen, „sich allmählich ausdünnt“.
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so bildet sich gemäß der Hebb'schen Theorie eine Schnittmenge von Eigenschaften heraus. die erhalten bleiben, das sie fast allen Bällen gemein ist.
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Genauso lernt das Kind, das Wort selbst auszusprechen, welches dann wie ein Schmetterling durch den Raum segelt, bis es auf das Ohr eines Zuhörers trifft, um dort ebenfalls ein Bild des Balls hervorzurufen.
Wir sahen, dass Menschen so anpassungsfähig sind, weil sie über die Sprache in den riesigen Erfahrungsraum der menschlichen Gemeinschaft eingebettet sind. Maßgeblich ist aber auch noch eine andere andere Fertigkeit, ... Menschen, und nicht Affen sind die Meister der Nachahmung. ... Mama backt einen Kuchen. Natürlich will auch die Tochter Teig kneten und ausrollen. Der Papa schraubt am Rasenmäher herum. Keine Frage, der Sohn möchte es ihm gleichtun. Diese im Tierreich einzigartige Fähigkeit begründet die Kultur des Lehrens und Lernens von Handfertigkeiten. Das ist eine weitere Möglichkeit, wie wir vom Wissen anderer profitieren können.Die Kinder von Marco Wehr heißen übrigens Naima und Anouk, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie schon mal weinend mit heruntergelassener Hose dem Auto ihrer Eltern hinterherbrüllen mussten.
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Jedes Menschenkind kann lernen, ein Iglu in einer Eiswüste zu bauen, wie ein Kalahari-Buschmann seine Schlafstelle zu errichten oder im Internet zu surfen. Es spielt keine Rolle, ob ein Buschmann-Baby von Eskimos in der Kunst des Iglu-Baus unterrichtet wird oder ein Eskimokind eine solche mathematische Ausbildung erhält, die es ihm später erlaubt, sich mit der Allgemeinen Relativitätstheorie zu beschäftigen.
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Doch diese sensationelle Anpassungsfähigkeit hat ihren Preis. Dieser Preis heißt Zeit. Kleine Menschen brauchen Zeit, um das komplizierte Instrumentarium zu entwickeln, das es ihnen ermöglicht, ein Kulturwesen zu werden.
Kategorien: Bücher, Evolution, Gehirn&Geist
Freitag, 28.Dezember 2007




