Kann die Menschheit aussterben?

Kann die Menschheit aussterben? Ich habe darüber schon öfter nachgedacht, die gängigen Argumentationen scheinen mir alle falsch zu sein. Besonders von Evolutionsbiologen wird häufig behauptet, dass die Menschen, weil alle Tierarten eine endliche Lebensdauer haben, irgendwann einmal aussterben werden. Außerdem wird auf Katastrophen hingewiesen, die die Erde in der Vergangenheit heimgesucht haben. Oder es wird vor Seuchen gewarnt, die uns kollektiv hinraffen könnten. Und natürlich wird in diesem Zusammenhang auch immer darüber spekuliert, welche Tierart sich nach den Menschen zur dominanten Spezies auf dem Planeten entwickeln könnte.

Das Argument der Evolutionsbiologen lässt sich am einfachsten entkräften. Tierarten „sterben aus“, wenn sich ihr Biotop schnell verändert. Eine schnelle Anpassung aber führt dazu, dass die Veränderungen innerhalb der alten Art so groß werden, dass diese geänderten Individuen sich nicht mehr fruchtbar mit den Ursprungsindividuen paaren können. Die Tierart selbst stirbt aus, aber die Individuen, die zu dieser oder der Nachfolgeart oder zu irgend einer Zwischenstufe gehören, merken das gar nicht – weil Tierarten ja nicht leben, sondern bloß Konstrukte unserer Taxonomie sind.

Das menschliche Biotop ist die ganze Erde einschließlich aller unserer zivilisatorischen Errungenschaften. Wir können alles essen, was es auf der Erde gibt, wir sind Superallesfresser (keine ~raubtiere): Meeresprodukte, wild lebende und gezüchtete Landpflanzen und ~tiere. Dabei benötigen wir nicht das gesamte Angebot gleichzeitig, ein kleiner Ausschnitt der Biomasse reicht einer spezialisierten Menschengruppe jeweils aus. Den Inuit zum Beispiel genügen zum (Über-)Leben Robben und Fisch, Erdbeeren wachsen am Nordpol keine. Solange es eine Biosphäre gibt, gibt es auch irgend etwas Organisches und für uns Essbares – sonst hieße es nicht Biosphäre.

Es wird anders verlaufen, als es die Evolutionsbiologen annehmen: Nicht die Veränderung unseres Biotops wird die Veränderung oder das Aussterben der Art Homo sapiens bewirken, wir selbst werden bei Bedarf vielleicht Hand an unser Genom legen. Natürlich kann das im biologischen Sinn auch als Aussterben des Homo sapiens interpretiert werden, ist aber eigentlich nur das Einbetten unserer Intelligenz in eine andere organische (oder anorganische – siehe Transhumanismus) Schale.

Vor 65 Millionen Jahren starben die Dinosaurier aus. Ursache war entweder der Einschlag eines großen Meteoriten oder eine Folge von Vulkanausbrüchen oder beides. Diese Vorgänge führten zu einer solch abrupten Klimaänderung (es war vermutlich ein paar Jahre fast völlig dunkel auf der Erdoberfläche), dass ein Großteil der Arten untergegangen ist. Aber die Säugetiere haben überlebt und die heutigen Vögel gemeinsame Vorfahren mit den Dinosauriern.

Meine feste Überzeugung: Eine solche Katastrophe hätte die Menschheit physisch überlebt, aber vielleicht nicht die Zivilisation. Und was heißt das, wenn es uns technologisch auf einen Stand von vielleicht vor 500.000 Jahren zurückwirft? Brauchen wir dann erneut 500.000 Jahre zur Rekonstruktion? Nein! Denn wir würden fast unser gesamtes heutiges Wissen mit in diese „Vergangenheit“ nehmen. Da heutige Menschen wissen, was ein Faustkeil ist oder wie Pfeil und Bogen funktionieren, brauchen sie zu deren (Re-)Erfindung nicht 100.000 Jahre, sondern nur die Zeit, um das Material zu suchen und sich ein wenig in alten handwerklichen Fähigkeiten zu üben. Nach einigen hundert oder wenigen tausend Jahren hätten wir wieder eine neue Zivilisation geschaffen. Jedenfalls in einem sehr viel kürzeren Zeitraum, als die biologische Evolution brauchen würde, um eine andere intelligente Spezies zu schaffen. Es ist auch fraglich, ob es einen solchen evolutionären Prozess in Richtung auf die Schaffung einer intelligenten Spezies noch einmal geben würde. Derzeit ist das sowieso unmöglich, weil es kein Biotop dafür gibt, das wir nicht schon besetzt haben.

Auch die immer wieder befürchteten Superkrankheiten oder ein Atomkrieg werden es nicht schaffen, alle Menschen von der Erde zu entfernen. Einige werden immer überleben.

Bleiben also nur die noch größeren Katastrophen, die wirklich alle Menschen physisch von der Erde entfernen könnten. Wie aus dem Zuvor gesagten bereits deutlich geworden sein sollte, würde diese Katastrophe so groß sein müssen, dass sie nahezu alles mehrzellige Leben auf der Erde auslöscht. Das Eintreten eines solchen Ereignisses erübrigt die Frage, welche der heute lebenden Spezies sich dann evolutionär zu unserem Ersatz entwickeln würde. - Keine der uns bekannten höheren Tierarten würde eine Katastrophe überstehen, die wir Menschen nicht überleben können. Die Erde würde nur einzelliges oder gar kein Leben mehr beherbergen.

Wie wahrscheinlich ist ein solches Ereignis? Sehr gering. Seit Theia vor 4,5 Milliarden Jahren – vor der Entstehung des Lebens – von einem großen Planetesimal getroffen wurde, ein Vorgang, der die Kruste aufgeschmolzen und Erde und Mond geschaffen hat, gab es kein zweites Ereignis dieser Größenordnung. Es ist heute noch unwahrscheinlicher geworden, weil das Sonnensystem jetzt viel sauberer als in seiner damaligen Kinderstube ist.

Wir werden nicht aussterben. Aber wenn wir nicht aufpassen, werden wir alle die Tierarten ausrotten, die so gern als unsere potenziellen Nachfolger gehandelt werden, zum Beispiel die anderen höheren Primaten oder die Delfine.

Kategorie: Evolution, Visionen
Gregor Keuschnig - 22. Dezember, 11:21

Interessant

Deiner These nach ist der Mensch also immer das letzte aller Lebewesen, das aussterben würde. Oder: Wenn der Mensch "ausgestorben" ist, dann gibt es schon lange keine "funktionierende" Biosphäre (Tiere; Pflanzen) mehr.

Demzufolge wäre es eigentlich unwichtig, ob der Mensch seine "Umwelt" (= Biosphäre) zerstört, da er sowieso überleben würde . Es wäre letztlich nur eine Frage der Lebensqualität - diese ist jetzt (ökologisch betrachtet) ziemlich hoch, nimmt aber (wenn die Klimaprognosen beispielsweise stimmen) rapide ab. Betroffen wäre aber nie die ganze Menschheit bzw. Zivilisation, sondern immer nur ein Teil (der natürlich ein sehr grosser Teil sein könnte). Ich bin weit entfernt, Dir einen solchen Fatalismus zu unterstellen, aber die Möglichkeit, der Mensch könnte sich irgendwann selbst ausrotten, hat für mich etwas tröstliches; für andere macht er vielleicht die Notwendigkeit für entsprechendes Handeln deutlich.

Nicht ganz passend, aber am Rande: Kennst Du den Film "Kooyanisqatsi"?

Köppnick - 22. Dezember, 12:20

Nicht das letzte Lebewesen, Bakterien, Algen, PIlze, etc. sind überlebensfähiger als wir. Aber ab der Größe einer Ratte, eines Vogels oder eines Herings schon. Und wenn es keine Rinder und keine Schweine gibt, dann züchten wir eben Ratten für unsere Ernährung. 10.000 Ratten haben den Nährwert eines Schweins. Oder 10.000.000 Käfer oder Regenwürmer.

Und im Gegensatz zu den Pessimisten bin ich der Meinung, dass unsere Chancen mit jedem Jahr steigen, weil die technologischen Möglichkeiten und Kenntnisse schneller wachsen als die Zerstörungen, die wir anrichten. Der Pessimismus hat etwas mit unserem gestiegenen Wissen zu tun, weniger mit der tatsächlichen Gefahr.

Auch der Klimawandel ist ein Beispiel dafür: Wir sind zum Beispiel technisch durchaus in der Lage, das CO2 aus der Luft zu entfernen, vollkommen unabhängig von der Art und dem Ort der Erzeugung. Die entsprechenden Anlagen kann man irgendwo auf der Welt bauen, dort wo sich CO2 gut in den Untergrund pressen lässt. Große Türme saugen Luft an, filtern das CO2 heraus und blasen die gefilterte Luft wieder aus. Das soll geschätzt etwa 5x mehr kosten als die direkte Filterung aus den Kraftwerksabgasen, weil die CO2-Konzentration in normaler Luft viel geringer als in den Abgasen ist.

Derzeit wird ausschließlich um die Kosten gestritten, die technische Machbarkeit ist vollkommen unstrittig, es sind genügend Lösungen da. Aber jeder Einzelne und jeder Staat möchte gern, dass die anderen mehr bezahlen als man selbst. Da die Folgen aber mit jedem Jahr offensichtlicher werden und die Kosten des Nichthandelns steigen, wird irgendwann massiv reagiert werden. Es wird keine 6°C Erwärmung geben, weil man irgendwann Ende des Jahrhunderts (bei dann schon +3°C) die oben skizzierten Werke bauen wird. Die Frage ist nicht das ob, sondern das wann, und wie viele Tote man bis dahin in Kauf nimmt und wie nahe die Toten an die Blockierer heranrücken müssen, bis sie Verantwortung übernehmen und Geld zur Verfügung stellen.

Und es ist weiterhin die Frage, ob unsere heutigen politischen Strukturen zur Lösung der Probleme in der Lage sind, also die so genannte Marktwirtschaft, oder ob nicht totalitäre Diktaturen für die Lösung der Aufgaben besser taugen. Dort wo per Ukas Autos oder Klimaanlagen verboten werden können, wo man im 9. Monat abtreiben lässt, um die Bevölkerungszahlen zu vermindern. Mit jedem weiteren Jahr des Nichthandelns der Demokratien wird diktatorisches Handelnmüssen wahrscheinlicher. Die amerikanische Demokratie ist zum Beispiel bereits jetzt vollkommen nutzlos, sogar schädlich für die Fortexistenz der Menschheit, aber vielleicht ändert sich das ja auch wieder.

Den Film kenne ich nicht.

Und jetzt mache ich erstmal Weihnachtsferien, nicht ganz offline, aber fast.
Köppnick - 22. Dezember, 12:46

Noch eine weitere Anmerkung

zu den Größenordnungen. Bei den Klimaschutzmaßnahmen wird diskutiert, wie viel Prozent des Bruttosozialprodukts sie kosten werden, 1%, 3%, 5%. Das ist lächerlich. Was bedeuten zum Beispiel 10%? Unsere Wirtschaft wächst jedes Jahr um 2%. 10% also heißt, wir arbeiten so viel wie 2007, konsumieren aber auf dem Niveau von 2002. Oder kürzen allen ihr Gehalt um 10%. Alles Größenordnungen, die, wenn es um die Sicherung der Existenz unserer Zivilisation geht, völlig belanglos sind. Aber wenn es um den eigenen Geldbeutel geht oder daß ein anderer weniger als man selbst beitragen könnte, schaltet sich bei den Apologeten der freien Marktwirtschaft der Verstand aus.
Gregor Keuschnig - 23. Dezember, 11:23

Die Marktwirtschaft...

ist keine politische Struktur, sondern eine ökonomische.

Dass eine Diktatur notwendig ist, um den Fortbestand der Zivilisation hinsichtlich der Klimaproblematik zu gewährleisten, bezweifle ich. So ist bspw. unnötig, die Abtreibung bis zum 9. Monat freizugeben (warum denn dann nicht auch noch gleich den Kindsmord, sagen wir bis zum 15. Lebensmonat? Wo liegt da die Schamgrenze?). Der Schlüssel liegt in der Möglichkeit zur Ausbildung der Menschen; das ist -zig mal belegt: Steigt der Bildungsstand (und zwar sowohl von Männern als auch von Frauen) sinkt innerhalb von zwei Generationen die Geburtenrate. Damit einher gehen muss natürlich eine entsprechende Perspektive; auch ökonomisch. Dirigistische Marktabschottung ist das Gegenteil dessen, was wir brauchen. Stattdessen wären weltweit einheitliche Marktstandards notwendig, damit der Markt nicht zum Exklusivwarenhaus des Stärkeren wird (was heute de facto der Fall ist).

Wenn die amerikanische Demokratie "schädlich für die Fortexistenz der Menschheit" ist, dann frage ich mich, wie sich das ändern soll. Die Strukturen der amerikanischen Präsidialdemokratie werden sich wohl kam in absehbarer Zeit ändern. Was sich ändern wird, ist der Präsident (das kann wirklich nur noch besser werden). Bush ist aber kein Beleg wider das amerikanische System, sondern offenbart nur die Defizite des Bildungsgrads in der amerikanischen Bevölkerung. Solche Leute wie er würden in Verhältniswahlen aktuell in Europa im optimalen Fall höchstens 30% bekommen (und das nur wegen der vermutlich starken Lobbyunterstützung durch Industrien). Präsidial- oder Quasipräsidialsysteme (Grossbritannien) haben den Nachteil fehlender Kontrolle durch die Opposition. Es gilt eine Synthese zu finden zwischen den Wischi-Waschi-Koalitionen (wie in Deutschland und Österreich) und den Sonnenkönigdemokratien (USA, Frankreich).
Köppnick - 23. Dezember, 19:10

@Gregor

Die Grenzen zwischen Diktatur und Demokratie sind fließend. Diktatur ist ja nicht nur Nordkorea, Diktatur ist zum Beispiel auch, wenn Autos mit geraden nur an geraden, Autos mit ungeraden Kennzeichen an ungeraden Tagen fahren dürfen und die Sontage autofrei bleiben. Dafür findest du bei einer Volksabstimmung keine Mehrheit.

Diktatur ist auch, wenn Leute mit Waffengewalt aus bestimmten Siedlungsgebieten vertrieben werden, die die Regierung als Überschwemmungsgebiete deklariert hat, die die Einwohner aber nicht freiwillig verlassen wollen.

Abtreibung im 9. Monat ist mehr als Metapher zu sehen. Wenn bei den Chinesen Leute an die Macht kommen, die ihrem ganzen Volk befehlen, auf regenerative Energien umzusteigen, dann hat uns China innerhalb von 5 Jahren auf dem Gebiet der Windenergie oder der Photovoltaik überholt. Regieren per Befehl geht schneller als das Abwarten demokratischer Prozesse und das Setzen auf marktwirtschaftliche Mechanismen. Ob das letztendlich längerfristig auch funktioniert, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Viele Menschen sind überzeugt, dass Demokratie besser als Diktatur ist. Das sieht in der Praxis derzeit wirklich so aus. Mir ist aber kein theoretischer Beweis dafür bekannt. Und ganz sicher gilt auch, dass für die derzeitige Beobachtung bestimmte Rahmenbedingungen erfüllt sein müssen. Es können andere Zeiten kommen.

Nehmen wir den Feudalismus. Der hat die Sklavenhaltergesellschaft des Altertums abgelöst, weil er besser funktioniert hat. Zum Zeitpunkt der alten Griechen oder Römer hat man sich das sicher auch nicht vorstellen können und zu deren Lebzeiten galt es auch noch nicht. Meine Befürchtung ist: Wenn die äußeren Umstände schlechter werden (wenn wir stärker dem Diktat der Naturkräfte ausgeliefert sind), dann könnte sich dieses Diktat sich auch in der menschlichen Gesellschaft in einer diktatorischeren Form der Machtdurchsetzung bemerkbar machen.

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Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29
Gefühlsmäßig würde ich...
steppenhund - 5. Mai, 01:53
Guter Kommentar
Stephan Schleim (anonym) - 4. Mai, 20:36
"ad aquam", aber ansonsten gebe ich dir recht....
Talakallea Thymon - 29. April, 19:33