Alan Weisman: Die Welt ohne uns
Ganz am Ende erfährt man etwas über die Motivation des Autors zum Schreiben dieses Buches:
Josie, Redakteurin des Discover Magazine, hatte kürzlich einen Artikel noch einmal gelesen, den ich vor Jahren für Harper's geschrieben hatte. Dort hatte ich geschildert, wie rasch die Natur die Lücke füllte, welche die Menschen bei ihrer Flucht aus Tschernobyl hinterlassen hatten. Plutoniumverseucht oder nicht, das Ökosystem in der Nähe des zerstörten Reaktors schien ohne uns besser zurechtzukommen. „Was wäre“, fragte sie mich, „wenn die Menschen überall verschwänden?“Im Buch findet man:
- Überlegungen, in welcher Form, Reihenfolge und mit welcher Geschwindigkeit die verschiedenen „Errungenschaften“ und die Schadstoffe unserer Zivilisation verschwinden werden.
- Schilderungen des Verfalls von Orten, nicht nur Tschernobyl, die der Mensch aus verschiedenen Gründen bereits tatsächlich verlassen hat.
- Spekulationen über die Tier- und Pflanzenarten, die die ökologischen Nischen, die wir entweder während unserer Existenz geschaffen haben oder die erst mit unserem Verschwinden entstehen, besetzen werden.
- Vergleiche der heutigen Verhältnisse, was die Veränderungen des Klimas und das Massenartensterben betreffen, mit früheren Ereignissen.
Sind wir überhaupt in der Lage, uns eine Welt ohne uns vorzustellen? Phantasien von Außerirdischen mit Todesstrahlen sind genau das: Phantasien. Der Gedanke, dass unsere große, allgegenwärtige Zivilisation wirklich enden könnte, fällt uns ebenso schwer wie der Versuch, uns die Grenzen des Universums auszumalen.Viele Dinge sind nahe liegend oder schon aus anderen Quellen bekannt, zum Beispiel wie schnell unsere Häuser und Industrieanlagen, alle Städte und Straßen verschwinden werden. Einige Aussagen aber haben mich verblüfft:
Doch die Maya waren real. Ihre Welt schien für die Ewigkeit bestimmt – in ihrer Blütezeit wirkte sie noch weit fester gefügt als unsere. Mindestens 1600 Jahre lang führten sechs Millionen Maya ein Dasein, das in gewisser Weise dem Leben in Südkalifornien ähnelt – ein Ballungsraum blühender Stadtstaaten mit kurzen Freiflächen zwischen ineinander übergehenden Vorstädten auf einer Tiefebene, die heute den Norden von Guatemala, Belize und die mexikanische Halbinsel Yucatán umfasst.
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„Die Gesellschaft hatte zu viele Eliten hervorgebracht, die es alle nach exotischem Luxus verlangte.“ Er schildert eine Kultur, die unter der Ladt einer viel zu umfangreichen Adelskaste und deren unersättlichem Verlangen nach Quetzalfedern, Jade, Obsidian, Hornstein, bunten Gebrauchsgegenständen, ausgefallenen Dachgesimsen und Pelzen ächzte und wankte. Eine Adelskaste ist kostspielig, unproduktiv und parasitär; um ihre extravaganten Bedürfnisse zu befriedigen, entzieht sie der Gesellschaft zu viel Energie.
Nach dem Ende der Menschheit werden die Stechmücken zu den unmittelbaren Nutznießern unseres Verschwindens gehören. Obwohl unsere anthropozentrische Weltsicht uns vielleicht vorgaukeln mag, menschliches Blut sein unentbehrlich für das Überleben von Stechmücken, haben wir es hier mit einer Familie höchst vielseitiger Feinschmecker zu tun, die sich Lebenssaft warmblütiger Säugetiere, kaltblütiger Reptilien und sogar der Vögel ernähren können.Weisman macht sich Gedanken über die Evolution der Tiere unmittelbar nach unserem Verschwinden. Hier am Beispiel von Afrika: Wo dort heute noch ein funktionierendes Ökosystem existiert, gibt es eine wechselseitige Abhängigkeit zwischen den Rindern der Masai und den Elefanten: Rinder fressen Gras und lassen die jungen Bäume und Sträucher stehen, sodass das Land zusehend verwaldet. Dann kommen die Elefanten, fressen die Bäume (die Rinde) und trampeln die Landschaft wieder frei. Es beginnt der nächste Zyklus in der Savanne. Die Rinder werden mit uns verschwinden, sie sind ohne uns nicht mehr lebensfähig, die Elefanten schon.
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Die angeblich unverwüstliche Kakerlake, ein Import aus den Tropen, ist schon lange in den ungeheizten Wohnblocks erfroren. Ohne Abfall verhungern die Ratten oder fallen den Raubvögeln zum Opfer, die in den ausgebrannten Wolkenkratzern nisten.
Erneut dringt Paviangezeter von unten herauf. Wahrscheinlich beschimpfen sie den Leoparden, der das Antilopenfleisch auf den Baum gebracht hat. Es ist interessant, wie Pavianmännchen, die um den Alpha-Status konkurrieren, einen befristeten Waffenstillstand schließen, bis sie gemeinsam einen Leoparden verjagt haben. Paviane haben nach Homo sapiens die größten Gehirne aller Primaten und sind die einzige andere Primatenart, der es gelang, sich an das Leben in den Savannen anzupassen, als der Lebensraum Wald schrumpfte.Ich wusste zwar, dass das von Menschen geförderte Gold heute noch fast vollständig vorhanden ist, dass das für das von uns produzierte und fortlaufend weggeworfene Plastik genauso gilt, ist erschreckend:
Wenn das dominante Huftier der Savanne – das Rind – verschwindet, wird die Gnu-Population anwachsen und den Platz der Rinder einnehmen. Werden die Paviane uns ersetzen, wenn wir verschwinden? Hat sich ihr Schädelvolumen während des Holozäns nicht entfalten können, weil wir ihnen beim Sprung von den Bäumen in die Savanne zuvorgekommen sind?
„Plastik bleibt Plastik. Der Stoff ist und bleibt ein Polymer. Polyethylen lässt sich biologisch in keinem vernünftigen Zeitrahmen abbauen. Es gibt in der Meeresumwelt keinen Mechanismus, der ein so langes Molelkül abbauen kann.“ Selbst wenn fotomechanisch abbaubare Fischernetze dem Überleben der Meeressäuger zuträglich wären, so meinte Andrady abschließend, blieben ihre pulverförmigen Restbestände im Meer, wo sie von den Filtrieren aufgenommen würden.Das scheint ein Hauptproblem zu sein. Optisch verschwindender Kunststoff ist bloß mechanisch in so kleine Stückchen zerbröselt worden, dass er immer früher und bei immer kleineren Lebewesen in die Nahrung gelangt. Natürlich kommen dazu noch die anderen, äußerst langlebigen Produkte unserer Zivilisation, wie Zink, Chrom oder Plutonium. Endgültig werden sich die Verhältnisse auf der Erde nach unserem Verschwinden also vermutlich erst in geologischen Zeiträumen normalisieren, wenn die Gesteine in den Erdmantel zurückkehren, dort eingeschmolzen und zu neuer Erdkruste recycelt werden.
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“Von der kleinen Menge abgesehen, die verbrannt worden ist“, sagt Tony Andrady, „ist noch jedes Stück Kunststoff erhalte. Es befindet sich irgendwo in der Umwelt.“
Wir tun unserer Umwelt also nichts Gutes, nur wenige Pflanzen und Tiere würden unser Verschwinden bedauern. Die Kakerlaken und Ratten hatte ich schon erwähnt, auch bei den Hunden ist es einsichtig, denn gegen ihre wirklich wild gebliebenen Verwandten werden sie auch nach ihrer erneuten Verwilderung kaum eine Chance haben. Zum Abschluss aber noch ein paar weitere Lebewesen, die hier auf der Erde unsere wahren Freunde und engsten Gefährten sind:
In erster Linie dürften wir von den Geschöpfen betrauert werden, die buchstäblich nicht ohne uns leben können, weil die Evolution sie gelehrt hat, auf und von uns zu leben: Pediculus humanus capitis und sein Bruder Pediculus humanus humanus - die Kopf- und Kleiderläuse. Die Letzteren sind so speziell an uns angepasst, dass sie nicht nur von uns, sondern auch von unserer Kleidung abhängig sind – eine Eigenschaft, die sie mit keiner anderen Art teilen, abgesehen vielleicht von den Modedesignern. Trauern werden möglicherweise auch die Haarbalgmilben, die so winzig sind, dass Hunderte von ihnen in unseren Augenwimpern leben; sie verzehren unsere abgestoßenen Hautzellen und sorgen so dafür, dass unsere Schuppen noch überhandnehmen.Dieses äußerst vergnügliche Kapitel wird dann mit unseren Bestattungsbräuchen und den dabei tätig werdenden Lebewesen fortgesetzt, aber das möchte ich dann doch hier nicht mehr zitieren. Ein sehr empfehlenswertes, lehrreiches und unterhaltsames Buch.
Kategorien: Bücher, Evolution
Freitag, 21.Dezember 2007




