Facharzt fürs Töten?
Im Spiegel No. 48 vom 26.11.2007 findet man einen Artikel mit der Überschrift „Facharzt fürs Töten“. Der Spiegel ist ja bekannt dafür, dass er nicht nur Nachrichten sondern auch Meinungen unter's intellelle Publikum bringen will, allerdings selten so offensichtlich wie mit der hier gewählten Überschrift. In dem Artikel wird über einen Arzt berichtet, der für Dignitate arbeitet, den deutschen Ableger von Dignitas. Er will mit Hilfe eines „Musterfreitods“ einen „Musterprozess provozieren“. (Die Anführungszeichen, weil es Spiegelzitate sind.)Für mich ist der Artikel deshalb bemerkenswert, weil just am 22.11. in Erfurt, einem Arbeitsort des Arztes, die Sterbehilfe-Diskussion mit Nicola Bardola stattfand. Im Folgenden Auszüge aus der Druckversion des Spiegel-Artikels: |
Auf dem braunen Schreibtisch im Behandlungszimmer liegt das medizinische Wörterbuch Pschyrembel, im Regal verstaubt das Modell einer Wirbelsäule, auf der Liege wartet ein Blutdruckmessgerät auf seinen Einsatz. Die Arztpraxis in der zweiten Etage in einem Hochhaus der Erfurter Innenstadt wirkt wie Tausende andere. Auch der Alltag des Mediziners, der hier als Teilzeit-Betriebsarzt praktiziert, war bis vor wenigen Tagen ziemlich unspektakulär: Uwe-Christian Arnold macht Seh- und Hörtests, und wenn er mal zur Spritze greift, dann meistens nur, um zu impfen. Doch nun ist der Trott des drahtigen Mannes mit den blauen Augen jäh durchbrochen. An diesem Mittwoch ist der Akku seines Handys schon am Nachmittag leer, weil Arnold permanent angerufen wird. „Ha", gluckst es aus ihm heraus, als es zum dritten Mal in 15 Minuten klingelt und er den Anrufer wegdrückt: „Da will schon wieder jemand den Facharzt fürs Töten sprechen."Es lohnt sich, einmal den Eid des Hippokrates, auf den sich Gegner der Sterbehilfe berufen, im originalen Wortlaut anzusehen (ok, in Deutsch, nicht in Altgriechisch):
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Arnold, einst niedergelassener Urologe in Berlin, heute als Betriebsarzt nur noch hin und wieder in Erfurt tätig, ist Zweiter Vorsitzender des deutschen Sterbehilfe- Vereins Dignitate. Und er ist auf der Suche nach zwei Menschen: einem sterbenskranken Patienten, der sich den Tod wünscht, und einem pensionierten Mediziner, der bereit ist, diesem Patienten diesen letzten Wunsch zu erfüllen - selbst wenn er dafür anschließend wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt wird. Als Missionar in Sachen Suizid eilt Arnold deshalb in seinem grauen Skoda quer durchs Land, konferiert mit Notaren, Anwälten, Psychologen und Gutachtern - alles für diesen einen Tag X, irgendwann im kommenden Jahr: „Wir werden einen juristischen Präzedenzfall schaffen in Sachen ärztlicher Sterbehilfe."
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Standesrechtlich wie ethisch ist Arnolds Plan höchst umstritten. Ärzte als Todesengel, davon steht nichts im Eid des Hippokrates. Ein Arzt gelobt, dass die Erhaltung des Lebens das oberste Gebot seines Handelns ist. Wer Sterbehilfe leistet, der riskiert ein Berufsverbot, sogar einen Strafprozess - zumindest in Deutschland. Auf jeden Fall agieren Mediziner hierzulande in der rechtlichen Grauzone.
Da die Selbsttötung straffrei ist, kennt das Strafgesetzbuch auch keine Beihilfe zur Selbsttötung. Ärzte könnten also Hinweise geben oder einzelne Mittel verschreiben, dürfen aber beim Vollzug nicht anwesend sein - sonst droht ein Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung. Ein Mediziner, der jemandem einen Sterbecocktail mixt, kann wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz verfolgt werden.
Arnold hält diesen Zustand für „heuchlerisch und riskant". Damit treibe man die Menschen „in die Hände von Scharlatanen und Geschäftemachern". Oder in Länder, in denen diese Art Sterbehilfe legal ist. Über hundert Deutsche suchten im vergangenen Jahr den Tod in der Schweiz, zumeist begleitet von Dignitas.
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Die Gleichgültigkeit des Medizinbetriebs ist der Nährboden für Dignitas und Dignitate und für den deutschen Sterbehilfe-Missionar Arnold. Er selbst wird aber nicht der todbringende Arzt sein, seine Zulassung will er nicht verlieren. Ein anderer, bereits pensionierter Arzt soll den Fall übernehmen, die möglichen Risiken und Nebenwirkungen inklusive: Verfolgung, Anklage, Strafe.
„Ich schwöre und rufe Apollon, den Arzt, und Asklepios und Hygeia und Panakeia und alle Götter und Göttinnen zu Zeugen an, dass ich diesen Eid und diesen Vertrag nach meiner Fähigkeit und nach meiner Einsicht erfüllen werde.Etwa die Hälfte der Bestimmungen haben heute ihren Sinn verloren, der Bezug auf die Religiosität, das Abtreibungsverbot, das Verbot von Vergewaltigung und Sodomie durch Ärzte, was ein bezeichnendes Schlaglicht auf die antike griechische Welt wirft, und das Nichtdurchführen chirurgischer Eingriffe durch Ärzte. Die Welt ist heute eine andere, auch das Lebensende sieht heute für die meisten Menschen anders aus als vor 2500 Jahren. Deshalb, wenn man gegen Sterbehilfe argumentiert, dann ist der Eid des Hippokrates das schlechteste Argument. Es fällt in die Kategorie: „Das haben wir schon immer so gemacht.“
Ich werde den, der mich diese Kunst gelehrt hat, gleich meinen Eltern achten, ihn an meinem Unterricht teilnehmen lassen, ihm wenn er in Not gerät, von dem Meinigen abgeben, seine Nachkommen gleich meinen Brüdern halten und sie diese Kunst lehren, wenn sie sie zu lernen verlangen, ohne Entgelt und Vertrag. Und ich werde an Vorschriften, Vorlesungen und aller übrigen Unterweisung meine Söhne und die meines Lehrers und die vertraglich verpflichteten und nach der ärztlichen Sitte vereidigten Schüler teilnehmen lassen, sonst aber niemanden.
Ärztliche Verordnungen werde ich treffen zum Nutzen der Kranken nach meiner Fähigkeit und meinem Urteil, hüten aber werde ich mich davor, sie zum Schaden und in unrechter Weise anzuwenden.
Auch werde ich niemandem ein tödliches Gift geben, auch nicht wenn ich darum gebeten werde, und ich werde auch niemanden dabei beraten; auch werde ich keiner Frau ein Abtreibungsmittel geben.
Rein und fromm werde ich mein Leben und meine Kunst bewahren.
Ich werde nicht schneiden, sogar Steinleidende nicht, sondern werde das den Männern überlassen, die dieses Handwerk ausüben.
In alle Häuser, in die ich komme, werde ich zum Nutzen der Kranken hineingehen, frei von jedem bewussten Unrecht und jeder Übeltat, besonders von jedem geschlechtlichen Missbrauch an Frauen und Männern, Freien und Sklaven.
Was ich bei der Behandlung oder auch außerhalb meiner Praxis im Umgang mit Menschen sehe und höre, das man nicht weiterreden darf, werde ich verschweigen und als Geheimnis bewahren.
Wenn ich diesen Eid erfülle und nicht breche, so sei mir beschieden, in meinem Leben und in meiner Kunst voranzukommen, indem ich Ansehen bei allen Menschen für alle Zeit gewinne; wenn ich ihn aber übertrete und breche, so geschehe mir das Gegenteil.“
Kategorie: Politik, Ethik
Donnerstag, 20.Dezember 2007





Im Spiegel No. 48 vom 26.11.2007 findet man einen Artikel mit der Überschrift „Facharzt fürs Töten“. Der Spiegel ist ja bekannt dafür, dass er nicht nur Nachrichten sondern auch Meinungen unter's intellelle Publikum bringen will, allerdings selten so offensichtlich wie mit der hier gewählten Überschrift. In dem Artikel wird über einen Arzt berichtet, der für Dignitate arbeitet, den deutschen Ableger von Dignitas. Er will mit Hilfe eines „Musterfreitods“ einen „Musterprozess provozieren“. (Die Anführungszeichen, weil es Spiegelzitate sind.)