Wieviele Lebensjahre kostet eine Terrawattstunde?
Es gibt gerade einen heftigen Streit um die Deutung der Ergebnisse einer Studie über die Verteilung von Leukämiefällen bei Kindern in Hinsicht auf den Standort des nächsten AKW: Kinder erkranken neben Atomkraftwerken häufiger an Krebs. Das Muster der Diskussion ist so wie immer: Die Politiker prügeln aufeinander ein (na wenigstens nur mit Worten), während die Wissenschaftler die Zusammenhänge nicht so klar deuten können. In der Badischen Zeitung vom 15.12.2007 findet man einen interessanten Artikel, der zum eigenen Nachdenken anregen sollte. Da der Artikel nicht im Netz verfügbar ist, kann ich hier keinen Link zum Original angeben. Ich habe ihn aus einem nicht öffentlich zugänglichen Diskussionsforum kopiert:
Badische Zeitung vom Samstag, 15. Dezember 2007Kategorien: Politik, Physik
Verheizte Jahre
Kernkraft ist gefährlich. Aber auch andere Energieträger können den Menschen Lebenszeit kosten / Von Jakob Vicari
Die Gesundheit wird in der Diskussion um die Energieversorgung der Zukunft wenig beachtet. Aus Kraftwerksschornsteinen kommen Feinstaub und Schwefeldioxid, jede Öllieferung trägt das Risiko einer Ölpest und wenn ein Solarfeld brennt, entsteht hochgiftiger Rauch. Gerade haben Wissenschaftler herausgefunden, dass Kinder, die nah an Atomreaktoren wohnen, häufiger an Leukämie erkranken. Kraftwerke sind riskant. Wenn Deutschland die Hälfte von ihnen in den nächsten 15 bis 20 Jahren ersetzen muss, spielt auch die Frage eine Rolle, welche Risiken die unterschiedlichen Technologien bergen. Jede Art der Energieerzeugung führt zu Kosten, die nicht der Stromkunde bezahlt.
In der von der EU unterstützten Studie "Extern-E" haben Wissenschaftler die verschiedenen Energiearten in Hinblick auf ihre Umwelt- und Gesundheitskosten verglichen. Das Ergebnis: Die Verbrennung fossiler Brennstoffe ist die gefährlichste Art der Energiegewinnung. Und auch die einfache Gleichung, dass neue Energien zu weniger Emissionen führen und die Menschen allein dadurch gesünder werden, stimmt nur eingeschränkt. Denn während Wind- und Wasserkraft gut abschneiden, sehen die Forscher die Bilanz des Sonnenstroms kritisch.
Allerdings: "Wie vergleicht man einen Krebsfall durch Radioaktivität mit einem Unfall durch einen Windkraftflügel?" Dies fragt sich Wilfried Hennings, der am Forschungszentrum Jülich Methoden zur Risikoermittlung entwickelt. Eine Möglichkeit ist es, Erkrankungen und Unfälle statistisch in verlorene Lebenszeit umzurechnen. Die Folgen für die Gesundheit werden durch die Maßeinheit Mortalität ermittelt. Dabei werden Krankheiten wie Asthma oder Krebs in verlorene Lebensjahre umgerechnet. Die Angaben lassen sich so lesen: Um eine Terawattstunde Strom aus Steinkohle zu erzeugen, verlieren rein statistisch gesehen 122 Menschen ein Lebensjahr. Bei der Windkraft sind es nur neun. Terawattstunden dienen zum handlichen Vergleich der Stromproduktion ganzer Länder. Eine Terawattstunde entspricht einer Billion Wattstunden, das ist eine Eins mit zwölf Nullen. Pro Jahr verheizen die Deutschen ungefähr 4000 davon.
Die Wissenschaftler greifen nicht einfach auf konkrete Todesfälle zurück, sondern prognostizieren auch die Risiken, durch Umweltschäden oder Strahlen früher zu sterben. Es ist oft schwierig, Todesfälle auf Luftverschmutzung zurückzuführen. Zu den Gesundheitsrisiken gehören auch die Schadstoffe und Gefahren, mit denen beim Bau und Betrieb der Kraftwerke Arbeiter und Bevölkerung rechnen müssen. Während die Bilanz von Wind-, Wasserkraft und Photovoltaik hauptsächlich beim Bau belastet wird, schlägt bei Kohle und Holz vor allem der Betrieb zu Buche.
Kohle
Etwa die Hälfte unserer Energie liefert der Rohstoff Kohle. Verbrennt eine Tonne Kohle in einem Kraftwerk, setzt das zahlreiche Schadstoffe in die Luft. Laut Daten der Stuttgarter Forscher stößt ein Steinkohlekraftwerk 0,35 Gramm Schwefeldioxid pro Kilowattstunde erzeugter Energie aus, 0,7 Gramm Stickstoffoxide, 0,9 Kilogramm Kohlendioxid und 0,064 Gramm Staub. Allein Feinstaub führt zu erhöhten Sterberaten, zu mehr Krankenhausaufenthalten und mehr Arztbesuchen. Er verursacht Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen. Die Langzeitfolgen sind noch nicht umfassend erforscht. Studien ergeben aber einen statistischen Zusammenhang zu der Sterblichkeit an Lungenkrebs, so das Forschungszentrum für Umwelt- und Gesundheit in München. Im Osten Deutschlands fanden die Wissenschaftler ein gehäuftes Auftreten von Bronchitis, Nebenhöhlenentzündungen und Erkältungen. Diese Effekte verstärken Schwefeldioxid und Stickoxide, die ebenfalls bei der Verbrennung von Kohle entstehen. Gelangen sie in die Luft, reizen sie die Schleimhäute. Sie können das Gewebe im oberen Atemtrakt angreifen und Atembeschwerden verursachen.
Bei der Kohleverbrennung bleiben zudem giftige Abfälle übrig, mit denen ungenutzte Hohlräume in Bergwerken gefüllt werden. Heute stammt gut die Hälfte der weltweit geförderten Kohle aus China. Doch nur weil die Kohle aus dem Ausland kommt, heißt das nicht, dass die Gesundheitsgefahr für den Menschen kleiner wird. Je weiter man die Grenzen zieht, umso schwerer wird die Abschätzung des Kollateralschadens des globalen Energierauschs.
Öl
Öl ist noch gefährlicher als Steinkohle: Denn hier belasten die Bilanz nicht nur die Schadstoffe, die bei der Verbrennung entstehen, sondern auch der gefährliche und oft umweltverschmutzende Transport. Greenpeace schätzt, dass allein in Westsibirien jährlich bis zu zehn Millionen Tonnen Erdöl aus kaputten Pipelines auslaufen und über Flüsse bis ins Nordpolarmeer gelangen. Von dort bezieht auch Deutschland einen großen Teil seines Erdöls. Über das Wasser erreichen diese Schadstoffe auch uns. Die Extern-E-Studie nimmt an, dass sich der Preis für Strom aus Erdöl verdoppeln würde, wenn alle externen Kosten in die Rechnung einbezogen würden.
Kernkraft
Von 1980 bis 2003 erkrankten in Deutschland 13 373 Kinder unter fünf Jahren an Krebs. 29 dieser Erkrankungen, also 1,2 Fälle pro Jahr, würden laut der aktuellen Studie im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz damit zusammenhängen, dass die Kinder im Fünf-Kilometer-Umkreis um ein Kraftwerk wohnten. Mediziner und Strahlenbiologen können diese Ergebnisse nicht erklären — und vor allem wollen sie sie nicht auf Atommeiler zurückführen. Seit Jahrzehnten besteht der Verdacht, dass Kernkraftwerke auch im Normalbetrieb eine Gefahr darstellen.
Alexander Greßmann, der mit dem Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung der Universität Stuttgart eine eigene Kalkulation aufgemacht hat, sieht das anders. "Für Deutschland führen nach bisherigem Wissen weder der Normalbetrieb noch die Unfälle zu erhöhter Sterblichkeit." Nach seinen Berechnungen sind es gar nicht die Risiken der Stromproduktion selbst, die statistisch zu Buche schlagen. Wenn man annimmt, dass ein Super-GAU nur sehr unwahrscheinlich ist, verursachen vor allem die Probleme bei der Endlagerung und bei der Entsorgung radioaktiver Abfälle Gesundheitsprobleme. Da dieses Risiko als relativ gering prognostiziert wird, schneidet die Kernkraft gut ab.
Gaskraftwerke
In erdgasbefeuerten Kraftwerken ist eine Kombination von Gas- und Dampfturbinen üblich. Das führt nicht nur zu einer guten Energieausbeute, es ist auch risikoarm. Das Mortalitätsrisiko ist viermal niedriger als das der Kohle, denn Gasverbrennung erzeugt keinen Feinstaub und weniger Schadstoffe. Erdgas hat damit das niedrigste Gesundheitsrisiko der fossilen Brennstoffe.
Windenergie
Schadstoff-Emissionen von Windparks treten hauptsächlich bei der Herstellung und während des Aufbaus auf. Allerdings verursachen Windparks eigene Gesundheitsgefahren. Aus dem Zusammenspiel der rotierenden Flügel mit dem Wind entstehen aerodynamische Geräusche, hinzu kommt mechanischer Lärm. Lärm schlägt aber zum Beispiel aufs Herz, wie Untersuchungen belegen konnten. Gefahren durch herabfallendes Eis oder andere Teile sind hingegen relativ gering.
Photovoltaik
Die Energieerzeugung mittels Photovoltaik-Anlagen selbst ist sehr sauber und auch das Gesundheitsrisiko ist gering. Das Restrisiko ergibt sich vor allem durch den Chemikalien-Einsatz bei der Herstellung der Silizium-Module und der Aluminium-Rahmen. Diese Gesundheitsgefahr fällt oft in Analysen heraus, weil die Module meist nicht in Europa gefertigt werden. Greßmanns Analyse setzt das Risiko erheblich höher an. Sonnenenergie wird zur Gefahr, wenn zum Beispiel ein Solarfeld brennt und giftige Schadstoffe freisetzt. Ein weiteres Risiko sind Unfälle bei der Montage der Solarzellen.
Holz
Die mit Abstand gefährlichste Art der Energiegewinnung findet bei vielen Menschen im eigenen Haus statt: 2,4 Milliarden Erdbewohner verbrennen feste Brennstoffe in ihren Häusern, um zu heizen und zu kochen. Der mit Staub und Schadstoffen verschmutzten Haushaltsluft fallen weltweit jährlich 1,6 Millionen Menschen zum Opfer, schreibt ein internationales Wissenschaftlerteam in der Zeitschrift Lancet. Das Problem ist aber nicht auf Entwicklungsländer beschränkt: Wegen dieser Gefahren wurden heimische Kamine gerade in die deutsche Feinstaub-Richtlinie aufgenommen. Auch die Energie aus Holzheizkraftwerken ist riskant: Eine Terawattstunde kostet 102 Lebensjahre, so die aktuellen Zahlen aus Stuttgart. Wie Kohle erzeugt die Holzverbrennung viel Feinstaub.
Mittwoch, 19.Dezember 2007




