"Ein diffuses Gefühl der Ungerechtigkeit"
Derzeit tobt ja eine tolle Debatte um Managergehälter. Nach meiner Meinung werden dabei keine wesentlichen Änderungen herauskommen. Im bestehenden System gibt es weder einen juristischen noch einen ökonomischen Hebel, an denen man ansetzen könnte. Und auch von moralischem Druck ist nichts zu erwarten – u.a. weil die Manager keinen oder nur einen geringen Kontakt mit Menschen haben, die ebenfalls hart arbeiten, aber nur einen Bruchteil von ihnen verdienen. Sie bewegen sich überwiegend unter ihresgleichen und vergleichen sich mit den dort geltenden Maßstäben, da kommen keine Schuldgefühle auf.
Die Geo hat das gesamte Oktoberheft dem Thema Gerechtigkeit gewidmet. Das dort auf Seite 156 abgedruckte Interview ist sicherlich entstanden, bevor die Politik die Managergehälter als eines ihrer zukünftigen Wahlkampfthemen entdeckt hat. Weil es so gut passt und weil es auch ein paar theoretische Erklärungen einerseits für das Empfinden von Ungerechtigkeit und andererseits für die Aussichtslosigkeit des Wunsches nach Veränderungen gibt, hier ein Nachdruck in voller Länge:
Die Geo hat das gesamte Oktoberheft dem Thema Gerechtigkeit gewidmet. Das dort auf Seite 156 abgedruckte Interview ist sicherlich entstanden, bevor die Politik die Managergehälter als eines ihrer zukünftigen Wahlkampfthemen entdeckt hat. Weil es so gut passt und weil es auch ein paar theoretische Erklärungen einerseits für das Empfinden von Ungerechtigkeit und andererseits für die Aussichtslosigkeit des Wunsches nach Veränderungen gibt, hier ein Nachdruck in voller Länge:
GEO: Die Krankenschwester Silke Müller arbeitet 30 Stunden in der Woche und verdient monatlich 1250 Euro netto. Ein Lohn, der ihrer Leistung gerecht wird?Kategorie: Politik
Sighard Neckel: Sicher nicht. Die meisten von uns werden diese Bezahlung als unfair empfinden - aus gutem Grund. Unsere Gesellschaft versteht sich als Leistungsgesellschaft. Von Menschen wird verlangt, dass sie ihre Existenz durch Leistung, also durch Arbeit, bestreiten. Damit verbindet sich gleichzeitig das Versprechen: Wer arbeitet, kann ein unabhängiges, selbstständiges Leben führen. Mit 1250 Euro aber dürfte das kaum gelingen.
Was verstehen wir, im Deutschland des Jahres 2007, unter Leistung?
Das hängt natürlich davon ab, wen Sie fragen. Wer sein Geld mit harter körperlicher Arbeit verdient, wird den Begriff anders definieren als ein Lehrer oder ein Manager. Aber es gibt einige grundsätzliche Bedingungen dafür, dass eine Aktivität als Leistung anerkannt wird: Sie muss beabsichtigt sein, und sie muss zu einem gesellschaftlich erwünschten Ergebnis führen. Ein Banküberfall beispielsweise ist auch eine mit Absicht betriebene Aktivität, aber keine gesellschaftlich gewünschte.
Topkräfte in der Wirtschaft beziehen in Deutschland Jahresgehälter von zehn, 15 Millionen Euro. Summen, die viele Menschen empören. Kann uns das Einkommen von Managern oder auch das von Sportlern und Medienstars nicht gleichgültig sein?
Dass der eine mehr verdient, der andere weniger, ist nicht der Streitpunkt. Aber Ungleichheit bedarf einer Erklärung, einer Legitimation. Die lautet: Wer mehr leistet, soll mehr bekommen. Und wenn ich weniger verdiene, dann soll das daran liegen, dass ich weniger weiß, weniger kann, weniger schaffe. Genau das ist das Leistungsprinzip, ein Grundpfeiler der modernen bürgerlichen Gesellschaft. Danach entscheiden nicht meine Herkunft oder mein Geschlecht über meinen sozialen Status, sondern mein erworbenes Wissen und Können. Das Leistungsprinzip basiert auf dem Prinzip der Vergleichbarkeit. Und nun die 15 Millionen eines Managers und das Jahreseinkommen eines Facharbeiters: Sie sind nicht mehr plausibel ins Verhältnis zueinanderzusetzen. Und wenn dies der Fall ist, das Prinzip der Vergleichbarkeit also nicht mehr greift, nehmen Menschen das als ungerecht wahr.
Wer 300-mal mehr verdient, hat nicht 300-mal mehr gearbeitet. Die Formel adäquater lohn je nach Leistung...
...gilt heute weniger denn je. Leistung und Erfolg driften auseinander. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung, aber auch in der Realität. Wer Erfolg hat - Wohlstand genießt, Anerkennung -, verdankt dies immer häufiger einer Erbschaft oder Vermögensgewinnen, nicht seiner reinen Arbeitsleistung. Auf der anderen Seite vollbringen Millionen von Menschen in unserem Land Leistungen, für die ihnen die Anerkennung versagt bleibt. Seit 15 Jahren etwa stagnieren Löhne und Gehälter, was reale Einkommensverluste bedeutet. Wer kann sich heutzutage noch eine Eigentumswohnung kaufen nur von seinem Ersparten? Und früher konnte sich auch jemand durchaus vom Lehrling zum Vorstandsvorsitzenden hocharbeiten. Solche Aufstiege beobachten wir kaum noch.
Wenn nicht mehr Aufwand und Fleiß über Erfolg oder Misserfolg entscheiden - was tut es dann?
Der Markt! Für den Markt zählt nicht, was ich an Leistung investiere, sondern, welchen Gewinn diese Leistung erzeugt. Was früher als Leistung gewertet wurde - Expertenwissen, Sorgfalt, Mühe -, wird heute, wenn der Ertrag ausbleibt, sogar abgewertet und als Energieverschleiß verstanden.
Lässt sich der Markt nicht auch als neutrale Instanz begreifen, die vielleicht sogar gerechter als jeder Chef den Wert einer Leistung bemisst?
Es gibt Gruppen, die im Markt eine Art Justitia sehen. Deren Angehörige, Manager beispielsweise, empören sich natürlich nicht über Spitzengehälter, diese sind Ansporn für sie. Bei den meisten Deutschen aber hinterlässt eine rein am Marktwert einer Leistung orientierte Entlohnung ein - wenn auch diffuses - Gefühl der Ungerechtigkeit.
„Leistung muss sich wieder lohnen!": In der Regierungszeit Helmut Kohls war das ein Wahlkampfslogan der CDU. Mittlerweile hört man diesen Ruf vom SPD-Vorsitzenden Kurt Beck.
Beck erinnert die moderne bürgerliche Gesellschaft an ihre Grundlagen. Dazu gehört das Leistungsprinzip. Die Gesellschaft darf sich dem Marktkapitalismus nicht ausliefern. Der ist ganz und gar unbürgerlich. Der Soziologe Max Weber hat ihn einen „Abenteuerkapitalismus" genannt. Da tummeln sich Hasardeure, die Spielernatur wird dort bedient. Doch das Bürgertum hat sich nie als eine Ansammlung von Spielern verstanden. Das waren höchstens Egoisten. Aber rationale Egoisten.
Prof. Dr. Sighard Neckel, 50, lehrtAllgemeine Soziologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Das Interview führte Anke Sparmann.
Dienstag, 11.Dezember 2007




