Streit um die Interpretation der Pisa-Studie

Die neuen Ergebnisse sind noch nicht vollständig veröffentlicht, aber ein munterer Streit über ihre Interpretation ist bereits im Gange. Die Kultusminister freuen sich über die Verbesserungen im naturwissenschaftlichen Bereich, während sie die konstant (schlechten) Ergebnisse in Basisfähigkeiten wie Lesen und Mathematik lieber ignorieren wollen.

Andreas Schleicher, OECD-Koordinator der Pisa-Studie, hat die Kultusminister nun besonders dadurch geärgert, weil er darauf hingewiesen hat, dass die Aufgabenstellungen im naturwissenschaftlichen Gebiet (vor allem auf Drängen von Deutschland) geändert worden sind, sodass alte und neue Studie kaum vergleichbar sind. Reaktionen vor allem aus den Reihen der CDU:
Jetzt hat sich auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan der Kritik von Unionskollegen aus den Ländern angeschlossen. "Herr Schleicher schadet der OECD, weil er den Eindruck erweckt, immer nur ein Thema im Kopf zu haben", sagte sie der "Stuttgarter Zeitung" und spielte damit auf Schleichers Kritik am dreigliedrigen deutschen Schulsystem an. Seine aktuellen Äußerungen ließen "Zweifel aufkommen, dass er ein guter Berater für die Mitgliedsländer ist", so Schavan.
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Die Kultusminister der Länder hatten heute ihre Kritik verstärkt. Als "unverständlich" bezeichnete die Kultusministerkonferenz Äußerungen Schleichers, wonach die deutschen Schüler sich bei der neuen Studie nicht verbessert hätten. Den Einpeitscher gab vor allem Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann. Er sprach sich dafür aus, auf längere Sicht aus der Pisa-Studie auszusteigen. "Unter diesen Umständen können wir mit Herrn Schleicher nicht weiter zusammenarbeiten. Er sollte von seinen Tätigkeiten entbunden werden", sagte Busemann und warf Schleicher mangelnde Objektivität vor: "Wir wollen einen Vergleich der Länder, aber nicht mit Ideologie berieselt werden."
Aha: Es kommen nicht die von uns bestellten Ergebnisse heraus, also steigen wir aus dem Procedere aus. Vielleicht sollten die Kultusminister weitere Forschungsergebnisse zur Kenntnis nehmen, zum Beispiel die von Michael Hartmann:
In seiner viel beachteten Studie „Der Mythos von den Leistungseliten“ belegt er mit empirischen Daten, dass die so genannte Chancengleichheit beim Zugang zu Elitepositionen in der Bundesrepublik nicht existent ist. Er arbeitet den großen Einfluss heraus, den die soziale Herkunft bei der Besetzung solcher Position spielt. Er selbst setzt sich gegen Studiengebühren an deutschen Universitäten und die Förderung so genannter Eliteuniversitäten ein, da sie seiner Meinung nach nur zu einer Verschlechterung der Hochschullandschaft in Deutschland führen werden. Derzeit arbeitet er an einer Studie, welche sich mit der Frage nach den abschreckenden Wirkungen von Studiengebühren in den Vereinigten Staaten beschäftigt.
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Verantwortlich für das soziale Ungleichgewicht sind zwei Aspekte. Zum einen gibt es eine Vielzahl von Auslesemechanismen innerhalb des deutschen Bildungssystems, das sich im internationalen Vergleich - wie die Schülerleistungsstudie PISA deutlich gezeigt hat - durch eine besonders ausgeprägte soziale Selektion auszeichnet. Die Dreigliedrigkeit des Schulwesens spielt in dieser Hinsicht eine entscheidende Rolle. Nach einer Erhebung unter allen Hamburger Fünftklässlern benötigt zum Beispiel ein Kind, dessen Vater das Abitur gemacht hat, ein Drittel weniger Punkte für eine Gymnasialempfehlung als ein Kind mit einem Vater ohne Schulabschluss.
Anstatt über eine Entlassung von Herrn Schleicher nachzudenken, sollte man vielleicht besser die Kultusministerien der einzelnen Bundesländer schließen und ein einheitliches und sozial gerechtes Bildungssystem für ganz Deutschland schaffen.

Kategorie: Politik

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Kommentare hier ...

Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29
Gefühlsmäßig würde ich...
steppenhund - 5. Mai, 01:53
Guter Kommentar
Stephan Schleim (anonym) - 4. Mai, 20:36
"ad aquam", aber ansonsten gebe ich dir recht....
Talakallea Thymon - 29. April, 19:33