Anne Will und die sieben "Eisenbahner"

Die Tarifauseinandersetzung zwischen der GDL und der Bahn hat sicherlich gestern Abend Anne Will gute Quoten gebracht. Zu Gast: GDL-Chef Schell, Bahn-Personalvorstand Suckale, der Chef der Transnet-Gewerkschaft Hansen, Schlichter Biedenkopf, Gesamt-Metall-Chef Kannegießer sowie die mir unbekannten Gäste „auf dem Sofa“ Matthias Schranner, als „Verhandlungsexperte“ bezeichnet, und Olaf Guckelberger, der als Arzt an der Charite und Mitglied des Marburger Bundes mit für die Ärzte einen eigenen Tarifvertrag erstritten hat. (Es waren tatsächlich sieben Gäste!)

Den leichtesten Part hatte Herr Hansen, der ja im Tarifvertrag der Transnet mit der Bahn den Passus hat aufnehmen lassen, dass eventuelle Verbesserungen, die die GDL erstreitet, auch in seinen Tarifvertrag übernommen werden müssen. Herr Schell hatte Mühe, die Ruhe zu bewahren, als ihm immer wieder der bekannte Vorschlag der Bahn vorgehalten wurde, den mit den 10% mehr Lohn und 2000 Euro Einmalzahlung, siehe hier.

Einen Vergleich der Bezahlungen von Copiloten (der Lufthansa?) und von Lokführern aus dem nahen Ausland (Frankreich, Schweiz) fand Frau Suckale nicht so gut, weil ihrer Meinung nach wesentliche Bezahlungsanteile der deutschen Lokführer gefehlt haben. Auf die Frage von Anne Will nach ihrem eigenen Gehalt (140.000 Euro im Monat) antwortete Frau Suckale: „Auch darüber muss man reden“ - um anschließend doch nicht darüber zu reden.

Kurt Biedenkopf hat dann etwas zu seinen Schlichtungsbemühungen gesagt. Eher indirekt kam heraus, dass die GDL wohl die bessere Interpretation dieses Ergebnisses gemacht hat. Das kann man auch hier nachlesen. Hier zusätzlich noch, wie die juristischen Versuche der Bahn einzuschätzen sind – und wie sie die Wut und die Streikbereitschaft der Lokführer weiter in die Höhe getrieben haben.

Einen etwas merkwürdigen Eindruck hinterließ der „Verhandlungsexperte“, der auch schon bei Geiselnahmen beteiligt war (natürlich als Schlichter, nicht als Geiselnehmer). Meiner Meinung nach psychologisch unklug, das Verhalten von Personen in deren Anwesenheit in der dritten Person zu erörtern. Befremdend für mich auch, dass er das Eskalationsniveau auf einer zehnstufigen Skala mit „9“ einschätzte. Wollte denn einer der Beteiligten den anderen an die Gurgel oder ist nicht das Streikrecht im Grundgesetz verbürgt? Ich hätte mich für eine „6“ entschieden. „9“, das wären brennende Züge und „10“ eine echte Geiselnahme: „Mehdorn in den Händen verzweifelter Lokführer“.

Herr Kannegießer machte sich doppelte Sorgen. Einmal um die Fortführung der Produktion in der Industrie, zum anderen um die Tarifautonomie, die durch verschiedene Gruppen in den Betrieben gefährdet sein könnte, wenn jede von den Gruppen für ihre eigenen Interessen streitet und streikt. Hier nickte Herr Hansen als Vertreter einer großen Gewerkschaft heftig. Wahrscheinlich wird beiden heute noch etwas mulmiger werden, wenn sie das hier gelesen haben sollten. Meiner Meinung nach könnte das Verhalten der GDL tatsächlich Schule machen – wenn sich herumspricht, dass kleinere „Kampfverbände“ bessere Möglichkeiten zur Durchsetzung ihrer Interessen haben.

Das Publikum war zweigeteilt, so wie ganz offensichtlich auch die Bevölkerung, wenn man mal in einige Diskussionsforen hineinschaut: Entweder rückhaltlose Unterstützung der Eisenbahner oder bedingungslose Ablehnung ihres Streiks. Auch diese Polarisierung ist sicher ein Ergebnis des Versuchs der Bahn, die GDL juristisch in die Knie zu zwingen, was die Auseinandersetzung seit März in die Länge gezogen hat. Die Zweiteilung des Publikums: Entweder applaudierte die erste Reihe (wenn Frau Suckale oder Herr Kannegießer etwas gesagt hatte) oder die zweite (nach Worten von Herrn Schell).

Der Arzt als Vertreter des Marburger Bundes kam nur kurz zu Wort. Den gesonderten Vertrag der Ärzte anstelle eines gemeinsamen für das gesamte Klinikpersonal hielt er für sinnvoll, weil zum Beispiel die Ärzte immer nur befristete Verträge haben, im Gegensatz zum unbefristet angestellten sonstigen Klinikpersonal. Gefragt danach, was er den Lokführern aus seiner Sicht und mit seinen Erfahrungen raten würde, antwortete er sinngemäß: „Machen Sie weiter!“

Was ich bis vor kurzem nicht wusste: Herr Schell ist CDU-Mitglied. Vielleicht erklärt auch das ein wenig, warum in dieser Tarifauseinandersetzung die GDL eher von Seiten der CDU und der FDP Verständnis bekam, während sich Struck und Beck auf die Seite der Bahn geschlagen haben. Heute nun auch eine Stellungnahme von Herrn Tiefensee, der sich offensichtlich immer nur dann zu Wort meldet, wenn mal gerade keine Kugeln über die Schützengräben pfeifen. Er wünscht sich ein baldiges Ende der Auseinandersetzung, da sind wir uns ja alle einig, gelle?

Wenn die Verhandlungen zu einem Ergebnis zwischen 10 und 15% Lohnerhöhung kommen und die Lokführer ihren eigenen Vertrag erhalten, so wie es der Schlichterspruch vorgesehen hat – dieses Ergebnis hätte man im August bereits haben können, ohne mehrtägige Streiks und ohne die mehr als 100 Millionen Schaden bei der Bahn und ihren privaten und industriellen Kunden.

Wenn die Sendung von Anne Will dazu geführt hat, dass beide Parteien wieder miteinander reden und der drohende unbefristete Streik abgewendet wird, dann hat sie bereits mit dieser einen Sendung die Produktionskosten für mehrere Jahre eingespielt und geschafft, was die Bundesregierung in einem halben Jahr nicht vermochte. Weiter so Frau Will, you did a great job!

Kategorie: Politik
Gregor Keuschnig - 19. November, 22:08

Schell

machte einen katastrophalen Eindruck. Hochemotional und teilweise überhaupt nicht mehr sachlich. Mit so einem Menschen kann man vermutlich irgendwann nicht mehr direkt verhandeln.

Dass der Verhandlungsexperte nach etwa 45 Minuten die Anwesenden in aller Öffentlichkeit kritisierte, fand ich sehr gut. Sowas sollte Schule machen. Er hatte ja - im Gegensatz zu den Leuten in der Runde - keinerlei Verpflichtungen in diesem Konflikt. Frau Suckale griff die Vorschläge gleich auf und bot dem sichtbar überraschten Schell sofort Gespräche an.

In der FAZ stand heute sinngemäss, es sah so aus, als spielten sich Suckale und Hansen die Bälle gegenseitig zu.

Frau Will hat leider drei Fehler gemacht. Sie hat nicht herausgearbeitet, warum die GDL in anderen Tarifverhandlungen mit 2,5% zufrieden war und jetzt nicht. Sie hat Biedenkopf nicht gefragt, warum das Wort "konfliktfrei", welches im Moderatorenvorschlag in zwei von drei Punkten stand, nicht eindeutig definiert ist, so dass jeder etwas anderes herauslesen kann. Und sie hat nicht herausgearbeitet, welche Verpflichtungen die Bundesregierung als Anteilseigner hat (und eben nicht nur über die drei Mitglieder des Aufsichtsrates). Biedenkopfs Einwand aus der Zeit der Weimarer Republik schrammte genau am Thema vorbei.

Köppnick - 19. November, 22:19

So unterschiedlich kann man eine Sendung interpretieren. Ich hatte nahezu einen entgegengesetzten Eindruck: Schell wirkte absolut authentisch. Jetzt verstehe ich erst richtig, warum er 100% Unterstützung der Lokführer hat. Kannegießer wirkte glaubwürdig besorgt - aber ich glaube, die Zeit friedlicher Verhandlungen zwischen großen Arbeitgeberverbänden und großen Gewerkschaften geht zu Ende. Und bei Suckale - Hansen hatte ich den Eindruck, beide gehen sich aus dem Weg und versuchen jeden Eindruck einer Absprache zu vermeiden. Frau Suckale hat nur das wiederholt, was die Bahn seit Tagen sagt. Hansen schien auch froh zu sein, dass Schells Gewerkschaft für ihn mitkämpft - was wiederum Schell entrüstet hat. Den Verhandlungsexperten fand ich nur peinlich und Biedenkopf außerordentlich schlau, dass er vermieden hat, direkt Partei zu ergreifen.

Aber eine Aussage zu der unterschiedlichen Strategie der GDL in den verschiedenen Auseinandersetzungen, die hätte ich natürlich auch gern. Darüber weiß ich nichts.
Gregor Keuschnig - 20. November, 08:53

Wenn Du sagst, Schell wirkte authentisch, dann werde ich da gar nicht widersprechen. Das ist dann - und hier liegt unser Dissens - m. E. Teil des Problems: Er ist bereits derart in seine Rolle aufgegangen, dass ein sachliches Verhandeln mit ihm sehr, sehr schwierig sein dürfte.

Das grundsätzliche Problem - das habe ich heute früh wieder in den Nachrichten gehört: Eine Partei stellt Bedingungen, die erfüllt sein müssen, bevor dann Verhandlungen aufgenommen werden. Dieses Gehabe ist in Deutschland m. W. relativ neu (es findet sich in nahezu allen weltpolitischen Konflikten, die "verfahren" sind). Indem Bedingungen für Verhandlungen postuliert werden, die ja eigentlich erst Gegenstand der Verhandlungen sein sollen, führt man jede Konfliktlösung ad absurdum. Der Vorteil dieses Spiels ist, dass man immer dem anderen die Schuld geben kann.

Konkret auf den Fall hier: Schell hat natürlich Recht, wenn er sagt, dass er zur Vorlage des gleichen Angebots der Bahn erst gar nicht zu Verhandlungen antreten braucht. Wenn er aber, wie ich es heute vernommen habe, sagt, dass die Bahn erst einem eigenen Tarifvertrag für die GDL zustimmen muss, bevor er dann in Tarifverhandlungen (über die Höhe der Lohnsteigerung) tritt, dann ist das - um es neutral zu formulieren - reichlich kühn.

Damit wird ja praktisch ein Junktim formuliert: Wenn ihr - Bahn - jetzt mit mir - GDL - verhandelt, dann ist implizit damit klar, dass es Forderung X gibt. Die Bahn kann das so natürlich erst einmal nicht akzeptieren. Und das erzeugt den Stillstand. Mehdorn und Schell reden ja heute - wenn das alles so stimmt, was wir aus den Medien erfahren - darüber, ob sie irgendwann reden (verkürzt gesagt).
Köppnick - 20. November, 09:50

Ja, da stimme ich dir zu. Der heutige Zustand des Konflikts wirkt auf einen soeben hinzugekommenen Beobachter reichlich schizophren und wird erst bei einer Betrachtung der Vorgeschichte verständlich. Falls du es noch nicht kennst, ich habe hier mal über ein interessantes Experiment geschrieben, das während der Zeit des Vietnamkrieges durchgeführt wurde und welches erklärt, warum manche Konflikte so eskalieren. Es passt auch gut auf alle heutigen Kriege. Der betreffende Abschnitt:
1970, Tegers Versteigerung eines Dollars
In diesem Versuch wurde jeweils ein Dollar versteigert und an den Meistbietenden verkauft. Im Unterschied zu normalen Versteigerungen musste jedoch auch der Zweitbietende seine Summe entrichten. Die Wirkung dieser Klausel haben viele der teilnehmenden Studenten erst während des Bietens begriffen: Normalerweise wird man für einen Dollar nur maximal 100 Cent bieten. Was aber passiert, wenn man mit 99 Cent der zweithöchste Bieter ist? Man büßt 99 Cent ein. Deshalb geht das Bieten weiter, denn wenn man z. B. 101 Cent bietet und den Zuschlag erhält, verliert man nur einen Cent. Allerdings hat das zu diesem Zeitpunkt der andere Bieter ebenfalls erkannt, das Bieten geht also weiter. Im extremsten Fall wurde die Dollarnote für 20 Dollar versteigert.

Der Psychologieprofessor Teger war auf die Idee dieses Versuchs zu kommen, weil es so schwer zu verstehen war, warum die US-Regierung den Vietnamkrieg immer weiter und weiter geführt hat, obwohl die Verluste immer größer wurden und den erwarteten Nutzen bei weitem überstiegen. Es war den Amerikanern einfach unmöglich, die bereits entstandenen Verluste zu akzeptieren und schnellstmöglich aufzuhören, obwohl das die beste Entscheidung gewesen wäre. - Vergleichbares gilt für viele Konflikte (aktuell zum Beispiel im Libanon), die immer weiter eskalieren und wo im Verlauf immer größerer Schaden entsteht.
Es ist haargenau dieselbe Situation: Der Schaden bei einer Fortführung des Konflikts ist bei weitem größer als bei jeder beliebigen Einigung. Das spielt aber für die beiden Parteien nur noch eine untergeordnete Rolle.

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Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29
Gefühlsmäßig würde ich...
steppenhund - 5. Mai, 01:53
Guter Kommentar
Stephan Schleim (anonym) - 4. Mai, 20:36
"ad aquam", aber ansonsten gebe ich dir recht....
Talakallea Thymon - 29. April, 19:33