Bill Bryson: Eine kurze Geschichte von fast allem

Wie nennt man die Rezension zu einem Buch, das „Eine kurze Geschichte von fast allem“ heißt? Vielleicht „Eine noch kürzere Zusammenfassung zu fast allem“? Jedenfalls ist eine ausführliche Übersicht über den Inhalt schwierig, wenn ein Buch von „fast allem“ handelt. Zudem haben es sowohl Bill Bryson als auch sein Buch schon zu eigenen Wikipediaartikeln gebracht, in denen man einiges über Autor und Buch erfährt. Was das Buch auszeichnet und wodurch es sich zum Beispiel von Unsere einsame Erde von Peter D. Ward und Donald Brownlee unterscheidet, ist meiner Meinung nach erstens, dass Bryson viele der heute noch lebenden Wissenschaftler persönlich besucht hat, und zweitens sein anekdotischer Schreibstil. Bereits in der Einleitung wird der Leser gestreichelt:
Willkommen. Und herzlichen Glückwunsch. Es freut mich, dass Sie es geschafft haben. Es war nicht einfach, so weit zu kommen, ich weiß. Ich vermute sogar, es war noch schwieriger, als ihnen klar ist. Damit Sie da sein können, mussten sich zunächst einmal ein paar Billionen unstete Atome auf raffinierte, verblüffend freundschaftliche Weise zusammenfinden und Sie erschaffen.
...
Warum Atome so viel Mühe auf sich nehmen, ist eigentlich ein Rätsel. Ich oder du zu sein, ist auf atomarer Ebene kein lohnendes Erlebnis. Bei allem Engagement kümmern die Atome sich in Wirklichkeit nicht um Sie – sie wissen nicht einmal, dass es Sie gibt. Und sie wissen auch nicht, dass es sie gibt. Es sind ja nur geistlose Teilchen, und sie selbst sind nicht einmal lebendig.
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Dennoch können Sie sich darüber freuen, dass es überhaupt geschieht. In der Regel tut es das im Universum nämlich nicht, soweit wir wissen. Das ist ausgesprochen seltsam, denn die Atome, die sich so zwanglos und sympathisch zusammentun und Lebewesen bilden, sind auf der Erde genau die gleichen wie anderenorts, wo sie es verweigern. Das einzig Besondere an den Atomen, die Sie bilden, besteht darin, dass sie Sie bilden. Und das ist natürlich das Wunder des Lebens.

Ob Atome nun in anderen Winkeln des Universums etwas Lebendiges bilden oder nicht, in jedem Fall bilden sie vieles andere; sie bilden sogar alles andere. Ohne sie gäbe es weder Wasser noch Luft oder Gestein, weder Sterne noch Planeten, weder weit entfernte Gaswolken oder Spiralnebel, und keines von den anderen Dingen, die das Universum zu etwas so Nützlich-Materiellem machen. Atome sind so zahlreich und notwendig, dass wir eines leicht übersehen: Es müsste sie eigentlich nicht geben.
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Es müsste sogar überhaupt kein Universum geben. Die meiste Zeit war es nicht da. Es gab keine Atome und kein Universum, in dem sie herumschwirren konnten. Es gab nichts, einfach nichts, nirgendwo. Also können wir froh über die Atome sein.
In solch munterem Stil ist das gesamte Buch verfasst. Nach diesem Zitat vom Beginn des Buchs ein weiteres vom Ende:
Anfang der achtziger Jahre des 17. Jahrhunderts, ungefähr zur gleichen Zeit, als die Freunde Edmond Halley, Christopher Wren und Robert Hooke sich in einem Londoner Kaffeehaus zusammensetzten und jene zwanglose Wette abschlossen, die schließlich zu Newtons Prinzipia, Henry Cavendishs Berechnungen der Erdmasse und vielen anderen geistreichen und lobenswerten Unternehmen führte, die uns auf den letzten 590 Seiten beschäftigt haben, war weit draußen im Indischen Ozean, auf der Insel Mauritius, ein anderer, weit weniger angenehmer Meilenstein erreicht.

Dort hetzte ein vergessener Seemann oder sein Hund den letzten Dodo zu Tode, jenen berühmten flugunfähigen Vogel, der mit seinem einfältigen, aber zutraulichen Wesen und kurzen, schwerfälligen Beinen ein unwiderstehliches Ziel für gelangweilte Matrosen auf Landurlaub war. Nach Jahrmillionen der friedlichen Abgeschiedenheit war er auf die launischen, höchst zudringlichen Menschen einfach nicht vorbereitet.

Wir wissen weder, welche Umstände sich im Einzelnen mit den letzten Augenblicken des letzten Dodo verbinden, noch kennen wir auch nur das Jahr. Deshalb ist auch nicht klar, ob die Welt zuerst die Prinzipia gewann oder den Dodo verlor. Aber eines wissen wir: Beides ereignete sich mehr oder weniger zur gleichen Zeit. Nach meiner Überzeugung müsste man lange suchen, um zwei Vorfälle zu finden, an denen die göttlich-teuflische Doppelnatur des Menschen besser deutlich wird – einer Spezies die einerseits die tiefsten Geheimnisse des Universums aufklären kann und andererseits ohne jeden Sinn und Verstand ein Lebewesen ausrottet, das uns nie den geringsten Schaden zugefügt hat und nicht einmal entfernt begreifen konnte, warum wir es taten. Tatsächlich waren die Dodos den Berichten zufolge so unglaublich schwer von Begriff, dass man alle Vögel in einem Gebiet finden konnte, indem man einen fing und zum Schnattern brachte: Dann watschelten sofort alle anderen herbei und wollten nachsehen, was los war.
So ist es wohl, noch ehe wir richtig begriffen haben, was wir für ein Riesenschwein mit uns, der Natur und unserem Universum haben, sägen wir munter an dem Ast herum, der uns doch tragen soll. Vielleicht aber machen wir uns auch zu viele Sorgen und nehmen uns zu wichtig, denn anhand der Flechten erklärt uns Bill Bryson den Sinn des Lebens:
Wie die meisten Lebewesen, die unter unwirtlichen Bedingungen gedeihen, so wachsen auch die Flechten sehr langsam. Häufig dauert es mehr als ein halbes Jahrhundert, bis sie die Ausmaße eines Hemdenknopfes erreicht haben. Sind sie so groß wie ein Essteller, liegt ihr Alter nach Angaben von David Attenborough im Bereich bin Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden. Es ist kaum das, was man sich unter einem erfüllten Dasein vorstellt. Attenborough meint dazu: „Sie existieren einfach und sind der Beweis für die Tatsache, dass Leben selbst auf niedrigstem Niveau einfach stattfindet, nur um seiner selbst willen.“

Diesen Gedanken, dass das Leben einfach nur da ist, übersieht man nur allzu leicht. Als Menschen neigen wir zu der Vorstellung, jedes Leben müsse einen Sinn haben. Wir haben Pläne, Bestrebungen und Sehnsüchte. Wir wollen die betäubende Existenz, mit der wir ausgestattet sind, ständig zu unserem Vorteil nutzen. Aber was bedeutet Leben für eine Flechte? Und dennoch ist ihr Impuls zu existieren, zu sein, genauso stark wie unserer, man kann sogar behaupten: noch stärker. Würde mir jemand sagen, dass ich viele Jahrzehnte als pelziges Gewächs auf einem Stein im Wald zubringen soll, ich glaube, ich würde den Willen zum Weiterleben verlieren. Flechten verlieren ihn nicht.
Ein sehr vergnügliches Buch und eine klare Leseempfehlung.

Kategorien: Physik, Natur, Bücher, Evolution
steppenhund - 18. November, 21:54

Zeit

Nehmen wir an, dass eine Flechte ein Bewusstsein hat, dann hat sie auch ein vollkommen anderes Zeitempfinden als wir. Eine Flechte, die sich zB beim Alpenmuseum auf der Großglockner-Hochalpenstraße befinden, würde sich wundern, dass sich Menschen über sie beugen und bestaunen. "Warum denn wohl, ich habe mich doch noch gar nicht verändert."
Es ist die Hybris des Menschen, dass er bei solchen Gedankenmodellen immer davon ausgeht, dass andere Lebensformen "genauso" denken wie der Mensch selbst. Dabei trifft das noch nicht einmal von Mensch zu Mensch zu.
Das Buch mag sehr vergnüglich zu lesen sein und vielleicht darüber hinaus noch zum Denken anregen. Ob der Inhalt sehr "geistreich" ist, wage ich zu bezweifeln.

Köppnick - 18. November, 22:50

Oje,

vielleicht habe ich hier den falschen Zusammenhang hergestellt. Jedenfalls stehen die Sätze über die Flechten weit vor dem zusammenfassenden Abschnitt, in dem auf die zeitliche Sychronizität zwischen Newton und den Pflanzen und Tieren hingewiesen wird, die wir gerade ausrotten. Das Buch ist Geist-reich.

Und der Gedanke, was wäre wenn Flechten ein Bewusstsein haben, führt meiner Meinung nach in die Irre. Denn sie haben keins. Ich glaube, dieser anthropozentrische Standpunkt, also alles von uns aus zu denken, ist unter dem Gesichtspunkt "Evolution" falsch. Wir sind nicht der Höhepunkt der Evolution, wir sind nur die einzigen, die das glauben und damit ein Problem erzeugen, das (für die Natur) gar nicht existiert.

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Kommentare hier ...

In einem Binärbaum ist die Suchdauer...
Köppnick - 13. Mai, 12:19
Ein wesentlicher Vorteil ist da noch gar...
steppenhund - 12. Mai, 21:17
Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29