Die normative Kraft des Faktischen

Am Donnerstag war ich zu einer Buchlesung mit Hans-Olaf Henkel, seinerzeit Chef von IBM, berühmt-berüchtigt wegen seiner forschen und direkten Art als Vorsitzender des BDI von 1995 bis 2000. Normalerweise läuft ja eine Buchlesung so ab, dass der Autor nach ein paar freundlichen Worten eines Moderators einen oder mehrere Abschnitte aus seinem Werk vorträgt, danach gibt es ein paar höfliche Fragen, dann Applaus und die Veranstaltung endet. Hans-Olaf Henkel hatte dazu offensichtlich keine Lust, vielleicht eignet sich ja auch sein Buch nicht für einen derartigen Ablauf, jedenfalls wurde es eher ein Diskussionsabend als eine Lesung, wobei der Moderator mit seinen Fragen als Stichwortgeber für die Präsentation der Ansichten von Herrn Henkel diente. Im Folgenden ein paar seiner Thesen „H“ und meine Antworten „K“ darauf.

Gleich zu Beginnn erzählte Henkel, dass er Mitglied von Amnesty International ist und sich für die Menschenrechte engagiert. Außerdem hat er Kant gelesen und führte diesen mehrere Male als Argument für sein Plädoyer für Freiheit an. Nun, zahlendes Fördermitglied von Amnesty bin ich auch, die Basics von Kant sind mir ebenfalls geläufig. Die Menschenrechte sind ein weites Feld, betreffen nicht nur die so genannten Schurkenstaaten weit weg, nein auch die Bundesrepublik taucht in den Berichten von Amnesty auf, vor allem wegen ihrem Asylrecht und dem Umgang mit Flüchtlingen. Und wenn er mit Kant gemessen werden möchte - gerne!

H: Es gibt immer zwei große politische Strömungen in der Gesellschaft. Die rechten Parteien stehen für Freiheit, die linken wollen Gleichheit. Freiheit und Gleichheit sind nicht miteinander vereinbar, das war schon während der Französischen Revolution so. Deshalb wurde damals „Brüderlichkeit“ dazwischen gefügt.
K: Zu einfach. Bei Gleichheit muss wenigstens zwischen Chancen- und Verteilungsgleichheit unterschieden werden. Auch Freiheit ist nicht Zweck, sondern Mittel, Freiheit wofür? Freiheit ohne Chancengleichheit ist keine Freiheit, der von Ihnen postulierte Gegensatz ist falsch. Und Brüderlichkeit (also Gemeinsinn) ist tatsächlich unverzichtbar und kein Fehler der Französischen Revolution, denn sie stellt eine Verbindung zwischen Freiheit und Gleichheit her.

H: Unsere Gesellschaft driftet immer weiter nach links. Allensbach hat nach der Wende eine Umfrage durchgeführt, bei der sowohl die West-, als auch die Ostdeutschen der Freiheit einen höheren Stellenwert als der Gleichheit eingeräumt haben. Ganz klar ein Resultat der erlebten Unfreiheit in der DDR. Vor kurzem wurde diese Umfrage wiederholt. Jetzt sprachen sich die Deutschen mehrheitlich für mehr Gleichheit aus.
K: Ein schönes Eigentor. Wenn sich bei der ersten Umfrage die Menschen wegen der erlebten Unfreiheit für Freiheit ausgesprochen haben, warum dann heute wohl die mehrheitliche Präferenz für Gleichheit?

H: Die Armen in der Bundesrepublik sind gar nicht so arm, wenn man sie mit dem Durchschnitt der Deutschen nach dem Krieg oder den Armen heute in Indien vergleicht, wo ich eine Zeitlang gearbeitet habe.
K: Schon aufschlussreich, das heutige Deutschland mit den Maßstäben nach dem letzten Weltkrieg oder eines Entwicklungslandes zu messen. Es gibt übrigens verschiedene Definitionen von Armut, absolute und relative. Absolute Armut bemisst sich am (physischen) Existenzminimum, relative an den Möglichkeiten, am soziokulturellen Leben teilzunehmen, also auch mal mit der Straßenbahn zu fahren oder ins Kino zu gehen. Mit dem Gegenwert einer indischen Schüssel Reis geht das in Deutschland sicher nicht.

H: Geht’s der Wirtschaft gut, geht's auch den Menschen gut.
K: Ein Nullsatz, erkennbar daran, dass man die Satzbausteine beliebig vertauschen kann, z.B.: „Geht's den Menschen gut, geht’s auch der Wirtschaft gut.“ Wenn es nun aber keine eindeutige Beziehung zwischen zwei Sachverhalten gibt, kann man doch überlegen, was Mittel und was Zweck ist. Da Menschen nicht Mittel zum Zweck sein können (Sie haben doch Kant gelesen?), muss es die Wirtschaft sein. Oder mit den Worten von Johannes Paul II: „Die Wirtschaft ist für den Menschen da, nicht die Menschen für die Wirtschaft.“

H: Mehr Förderalismus! Es sollte jeder Kommune selbst überlassen werden, ihre Ladenschlusszeiten festzulegen. Wenn dann die Nachbarkommune die Zeiten verlängert hat, wird man schon sehen, was man tun muss.
K: Die Kommune bzw. ihre einzelnen Läden sind dann praktisch gezwungen, ebenfalls länger zu öffnen. Größere Geschäfte mit mehr Beschäftigten können das leichter organisieren. Das ist weder frei noch chancengleich – aus diesem Grund findet man die Gegner einer Freigabe auch in allen politischen Lagern (natürlich mit Ausnahme der FDP).

H: Ich bin gegen die Festlegung eines Mindestlohns, das vernichtet Arbeitsplätze. Außerdem haben wir in Deutschland ja die Tarifautonomie, bei der Arbeitgeber und Gewerkschaften die Löhne aushandeln.
K: IBM ist damals unter Ihrer Leitung aus dem Unternehmerverband ausgetreten. In vielen Branchen, in denen nicht existenzsichernde Löhne gezahlt werden, gibt es keine Gewerkschaften – darum werden dort ja so niedrige Entgelte gezahlt. Welchen Sinn hat ein Arbeitsplatz, wenn man vom dort erzielten Einkommen nicht leben kann?

H: Ich bin gegen die Abschaltung der deutschen Atomkraftwerke. Wir vergrößern damit unsere Abhängigkeit vom Ausland. Dort werden neue und unsicherere Kraftwerke gebaut, das ist schlecht für die Umwelt.
K: In der Tat schwierig zu widerlegende Argumente. Aber es geht doch! Wenn es uns gelingt, im selben Zeitraum unseren Energiebedarf entsprechend zu verringern, sind wir auf ausländische Atomkraftwerke nicht angewiesen. Und der moralische Aspekt: Können wir es verantworten, Müll zu produzieren, der in der Zukunft sogar noch anwächst, und der über mehrere hunderttausend Jahre von unseren Nachfahren beaufsichtigt werden muss, obwohl sie nichts von der durch uns verbrauchten Energie haben? (Das von uns emittierte Kohlendioxid kann übrigens in weit geringeren Zeiträumen wieder aus der Atmosphäre entfernt werden.) Und überhaupt, das Sittengesetz (Sie haben doch Kant gelesen?): Wir sollen so handeln, dass unsere Taten als Vorbild für andere gelten können. Das heißt jedoch nicht, unsere eigenen Taten mit noch schlechteren anderer zu begründen.

H: Ich bin gegen ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Unsere Autos genießen in den USA einen hervorragenden Ruf, weil man dort zwar nicht schnell fahren darf, aber weiß, dass die Autos gut sein würden, wenn man mit ihnen schnell fahren dürfte. Außerdem würde zum Beispiel eine gesamteuropäische Regulierung des Flugverkehrs viel mehr Treibstoff einsparen, wäre mithin viel besser für die Umwelt als ein Tempolimit.
K: Sie haben doch Kant gelesen? Bei ihrem ersten Argument wird wieder der Mensch zum Mittel. Die Verkehrstoten (ein Tempolimit würde nachweislich die Anzahl der Toten im Straßenverkehr reduzieren) werden als in Kauf zu nehmend betrachtet für das Ziel höherer Verkaufszahlen deutscher Autos im Ausland.
Das zweite Argument ist nicht so zynisch, sondern eher abstrus, was man an einer einfachen Gegenfrage erkennt: Was spricht dagegen, sowohl Treibstoff mit einem Tempolimit, als auch mit einer besseren Regulierung des Flugverkehrs einzusparen? Der Unterschied zwischen beiden Maßnahmen besteht nur darin, dass ersteres sofort durch die deutsche Regierung erfolgen kann, letzteres langwierige Verhandlungen innerhalb der Europäischen Union erfordert. Es taugt auch nicht als Gegenargument, dass ein Tempolimit nur 0,3% der deutschen CO2-Emmissionen einspart. Was wäre denn, wenn jede von 100 möglichen Maßnahmen zum Klimaschutz nur 0,3% erbringt? Sollte man dann keine durchführen? Oder doch nicht besser alle möglichen, um insgesamt auf 30% zu kommen?

Die normative Kraft des Faktischen (sie haben doch Kant gelesen?) oder ist es nicht erstaunlich, dass bestimmte Argumente nicht auszurotten sind und ihre Bestätigung offenbar nur aus ihrer beständigen Wiederholung erfahren?

Kategorie: Politik

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Kommentare hier ...

Die Grünen sind links.
Metepsilonema - 22. Juli, 22:34
Aufgrund der Komplexität des Themas...
Köppnick - 22. Juli, 07:50
Irgendetwas mit der url stimmte nicht. Wie...
Metepsilonema - 22. Juli, 01:07
Deine Links funktionieren nicht,
Köppnick - 21. Juli, 12:05
Hier findet man die beiden Artikel:
Metepsilonema - 21. Juli, 01:40
Ich würde es etwas anders ausdrücken:...
Metepsilonema - 18. Juli, 21:48
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Metepsilonema - 15. Juli, 21:54
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Köppnick - 14. Juli, 22:05
Beweiskraft gibt es generell keine, denn...
Metepsilonema - 14. Juli, 19:16