Matthias Horx: Wie wir leben werden

Matthias Horx ist ein bekannter Zukunfts- und Trendforscher. Ich war etwas skeptisch, als ich begonnen habe, sein Buch „Wie wir leben werden“ zu lesen, weil sich ja schon immer viele Prognosen später als kompletter Unsinn erwiesen haben. Horx geht gleich im Vorwort auf das Problem ein: „Wie wird Zukunft gemacht“? Es gibt offensichtlich vier verschiedene Betrachtungsweisen in Bezug auf die Zukunft, die er mit Hilfe der aus der Geschichte bekannten Persönlichkeiten Kassandra und Dr. Popper sowie zwei Unbekannten „Kosmo“ und „Helga“ personifiziert. Die vier stehen für die Komponenten „Apokalyptischer Determinismus“ (Kassandra, Die Menschheit scheitert an ihrem vollkommenen Selbst), „Systemische Offenheit“ (Popper, Human-Transformation: Menschen ändern sich in sozialen Systemen), „Technologische Transzendenz“ (Kosmo, Technologische Transformation: Technik bildet den Evolutionskern der Zukunft) und „Humanistische Immanenz“ (Helga, Techno-Doom: Die Menscheit scheitert an der Technologie). Irgendwo zwischen diesen Polen wird „die Zukunft verhandelt“.

Horx reflektiert selbst Zukunftsvorhersagen aus der Vergangenheit und vergleicht sie mit dem Eingetretenen. Seine verblüffende Erkenntnis: Bei technischen Vorhersagen enthielten viele Prognosen einen wahren Kern, aber die Aussagen über die Entwicklung der Gesellschaft lagen häufig völlig falsch. Ich hätte hier eher das Gegenteil vermutet mit dem Grundgedanken, dass sich die Technik schneller als das menschliche Wesen wandelt.

Das Buch ist in 10 Kapitel gegliedert: Geburt, Lernen, Liebe, Arbeit, Wohlstand, Krieg und Katastrophe, Politik, Glaube, Das ganze Leben, Tod. Jedes der Kapitel hat einen Umfang von 30-40 Seiten. Im ganzen Buch finden sich kurze Passagen aus dem Leben einer fiktiven Familie im Stil eines SF-Romans, mit denen er wichtige Gedanken illustriert. In jedem Kapitel diskutiert er verschiedenste Beobachtungen und Voraussagen, jedes enthält eine kurze Zusammenfassung, von ihm „Briefing“ genannt.

Da im Buch sehr viele verschiedene Vorstellungen und Gedanken zur Sprache kommen, im Folgenden nur ein paar Splitter, Gedanken, die mir neu waren, interessant sind oder zu denen ich eine andere Meinung habe.

Wir werden selten:
Die Menschheit wird im Jahre 2060 – plus minus ein Jahrzehnt – ihren zahlenmäßigen Zenit erreichen. Bei knapp 9 Milliarden Individuen! ... Im Jahre 2150, also in drei bis vier Generationen neuer Zeitrechnung, werden wir nur noch fünf Milliarden sein. ... Wir werden selten!
Neue Menschen werden auch in Zukunft als Individuen, nicht als Klone entstehen:
Unsere Abneigung gegen das Klonen ist also eine Art „Würgereflex“, ein tief greifender Ekel vor dem Ende der Evolution. Wenn in einem Büro nur noch der Kopierer läuft, dann entsteht nichts Neues mehr – die Firma geht pleite. Wenn in der Natur der Sex abgeschafft und durch monoklonale Fortpflanzung ersetzt wird, dann werden die daraus entsehenden Organismen zwangsläufig anfällig für Mutationen, Krankheiten, Dummheiten und so fort.
Wir werden immer klüger:
Auch wenn das, was heute Herr Meier und Frau Schmidt in eine Fernsehkamera äußern, nicht immer besonders gebildet klingt – es enthält doch weitaus mehr Reflexionsgrade als früher.
...
Die Kurve der Intelligenzverteilung wandert in den allermeisten Regionen der Erde ständig in den höheren Bereich. Im Wesentlichen sind es vier Faktoren, die das Intelligenzpotenzial immer weiter erhöht haben: Ernährung, Bildung, Erziehung, mediale Vernetzung. [Zu jedem dieser Punkte gibt es längere Begründungen.]
Partnersuche:
Weil die Frauen immer klüger und selbstbewusster agieren, geraten sie immer mehr in Konkurrenz um die äußerst raren Männer, die beides haben: Geld und Treueverhalten. Weil die Männer eher bei ihrem alten Downtrading-Prinzip verharren (lieber ein bisschen dümmer, aber dafür hübscher), dabei sich selbst aber gnadenlos überschätzen, stehen sie immer öfter im Beziehungsregen allein da. ... Und deshalb passen immer weniger Töpfchen auf immer weniger Deckelchen.
Bei dem letzten Sprachspiel zeigt Horx, dass er vom Kochen wohl nicht allzuviel versteht ;-)

Beim Thema Arbeit ist er überoptimistisch, ich bin an einigen Stellen seiner Argumentation skeptisch:
Mauricio Rojas hat in einem kleinen, aber feinen Büchlein alle diese Gerüchte vom „Niedergang der Arbeit“ widerlegt. Er zeigt auf, wie die Erwerbstätigkeit in allen Wirtschaftsnationen ständig anwächst; wie unter dem Strich immer ein wenig mehr anspruchsvolle „High-Skill-Jobs“ entstehen als Billiglohnbeschäftigungen. Das ganze System der Arbeit driftet in Richtung Komplexität und Ausdifferenzierung – und erzeugt dabei ständig neue Nachfragen.
Ich stimme mit ihm überein, dass sich die Arbeit von den klassischen Güterproduktionsjobs in Richtung Kreativ- und Service-Berufe verschiebt. Ob das aber für Geringqualifizierte ein auskömmliches Einkommen ermöglichen wird, weiß ich nicht. Horx singt dann das Loblied der "kreativen Klasse". Im Briefing dieses Kapitels letztlich ist interessant:
Jeder Arbeitsvertrag wird individuell ausgehandelt, es gibt keine Normverträge mehr. Man kann, je nach Familien- und Biografiesituation, mit verschiedenen transferierbaren Zeitkonten operieren, auf denen man Lebensarbeitszeit verschiebt, ansammelt, handelt und in Altersversorgung umwertet.
Hier sehe ich zum Beispiel einen inhärenten Widerspruch: Wenn alles von Fall zu Fall individuell zwischen jedem Arbeitnehmer und Arbeitgeber ausgehandelt wird und die Beschäftigung häufig wechselt, welche Instanz ist dann für diese lebenslangen Konten verantwortlich und wie managen das Menschen, die bereits heute kaum in der Lage sind, über den Tag hinaus zu planen? Interessant wäre es gewesen, seine Meinung über die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens (Götz Werner) zu lesen. Ich vermute, er würde es ablehnen und dagegen polemisieren, so wie gegen Greenpeace, Ökologismus und die Mahner der Erderwärmung.

Horx ist der Meinung, dass der Satz „Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer“ nicht stimmt. Vollkommen neu für mich war der Gini-Faktor:
Gemessen wird die Wohlstandsverteilung mit dem so genannten Gini-Faktor. Ein Gini-Faktor von Null hieße Totalsozialismus – jeder Bürger besitzt und verdient genauso viel wie alle anderen. Ein Gini-Faktor von eins hieße Totalfeudalismus: Einer Person gehört alles, alle anderen haben exakt nichts.
In den meisten Industrienationen ist der Gini-Faktor in den letzten Jahrzehnten beharrlich gleich geblieben. In Deutschland erhöhte er sich in den letzten Jahren minimal von 0,27 auf 0,28.
Im Folgenden führt er dann eine Reihe von Beispielen anderer Länder auf. Wie der Faktor berechnet wird und welche Werte in anderen Ländern gemessen wurden, kann man in der Wikipedia nachlesen. Für mich bleibt hier der Widerspruch, auch wenn noch einige Seiten im Buch zu diesem Thema folgen, wie sich diese Aussage mit vielen anderen Beobachtungen und Zahlen über die Entwicklung der Gesellschaft verträgt, hier muss unbedingt nachgeforscht werden!

Kriege und Katastrophen:
Der Krieg der Zukunft lässt sich pointieren: Netzwerke der Zerstörung gegen Netzwerke des Wissens.
...
Natürlich gab es auch nach Vietnam noch weitere industriell geführte Kriege – etwa den Iran-Irak-Krieg mit seinen an den Ersten Weltkrieg erinnernden Gasangriffen und Frontlinien. Aber die Zeit von „Front“ und „Armee“ sind gezählt. Weil Eroberung von Territorium oder Bodenschätzen in der globalen Welt mehr und mehr sinnlos wird.
Bemerkenswert in diesem Zusammenhang:
In seinem Buch „The Lexus and the Olive Tree“ hat Thoams L. Friedman 1995 das so genannte Friedman-Theorem aufgestellt: In der Geschichte haben noch nie zwei Nationen gegeneinander Krieg geführt, in deren beiden Hauptstädten es McDonald's gibt.
Islamistischer Terror:
Der amerikanische Politologe David C. Rapoport hat die Geschichte des Terrorismus untersucht und ihre „Wellenhaftigkeit“ nachgewiesen. ... Es waren die „Anarchistische Welle“, die „Nationalistische Welle“, die „Linksradikale Welle“ und die „Islamistische Welle“. Jede dieser Wellen dauerte zwischen 15 und 30 Jahren, hatte eine „Aufbauphase“, eine „Reifung“ und eine „Zerschlagungsphase“. Rapoports Analyse legt nahe, dass der islamistische Terror Anfang des 21. Jahrhunderts bereits in seine Zerschlagungsphase eingetreten ist. Für seine spektakulären Aktionen, die notwendigerweise im Westen stattfinden müssen, benötigt der suizidäre Djihad einen Menschentypus, der einerseits in hohem Maße durch Religiosität geprägt ist, andererseits hochfunktional in westlichen Kulturen agieren kann. Dieser Charaktertypus ist und bleibt selten.
Glauben wird nicht aussterben:
Solange unser Hirn arbeitet, können wir gar nicht anders als glauben. Denn Glauben ist nichts anderes als das Resultat der Kontextualisierungsleistung unseres Gehirns. So, wie aus reaktiven Molekülen irgendwann zwangsläufig komplexe Organismen entstehen, wachsen aus Gedanken Glaubensgebilde. Das ist Religion: Die evolutionäre Konsequenz von Neuronentätigkeit. Am Ende steht zwangsläufig „Gott“ als Metapher der höchsten Komplexität, als logische Konsequenz der neuronalen Verknüpfung von allem.
...
Glaube hilft, schon allein weil wir uns anders verhalten, wenn wir ein transzendentes „Backup“ besitzen. Heilungsprozesse gehen schneller. Menschen, die glauben, haben im Schnitt ein stabileres Selbstwertgefühl. Und Beten, man glaubt es kaum, hilft gegen Unfruchtbarkeit.
Im Buch kommt er häufig auf das Konzept der Meme zurück, hier im Kapitel über den Glauben findet man nebeneinander zwei Abbildungen religiöser Meme, „Weihnachten“ und „Global Warming“.

Altersstruktur der Bevölkerung:
Hier stellt er ein verblüffendes Rechenverfahren vor, nach dem die Bevölkerung nicht immer älter, sondern immer jünger wird. Dazu darf man nicht das durchschnittliche Lebensalter von der Geburt an als Grundlage nehmen, sondern die durchschnittlich noch zur Verfügung stehende Zeit bis zum Tod. Auf dieser Basis wird eine alternde Bevölkerung jünger, wenn das mittlere (oder wie bei ihm mediale) Alter langsamer wächst als die mittlere Lebenserwartung. Seiner Meinung nach ist das kein Rechentrick, sondern hat seine psychologische Begründung darin, dass Menschen ihr Verhalten an ihrer Schätzung ausrichten, wieviel Lebenszeit ihnen noch bleibt. - Und Menschen verhalten sich heute bei gleichem Lebensalter jünger als Gleichaltrige in der Vergangenheit, zudem sind sie medizinisch / biologisch gesehen wirklich jünger als ihre Altvorderen!

Fazit:
Viele neue Gedanken, einige Anregungen für eigene Nachforschungen, etliche Widersprüche provozierende Meinungen.

Kategorien: Visionen, Bücher
MMarheinecke - 17. Oktober, 21:04

Horx sollte sehr skeptisch gelesen werden

Abgesehen davon, dass Prognosen immer dann unsicher sind, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen, neigt Horx meines Erachtens als Trendforscher dazu, den Auftraggebern genau das zu erzählen, was sie gerne hören wollen. (Beinahe legendär ist der Vortrag in Vorarlberg, wo Matthias Horx behauptetee, Vorarlberg sei eine "europäische Power-Region".)
Außerdem neigt er dazu, eher banale Erkenntnisse verbal "aufzusexen".

Seine Erkenntnis, dass bei technischen Vorhersagen viele Prognosen einen wahren Kern enthielten, aber die Aussagen über die Entwicklung der Gesellschaft häufig völlig falsch lagen, ist alles andere als neu.Es gibt einen Artikel des Frauenhofer-Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung aus dem Jahr 1995, in den genau dieses Phänomen untersucht wurde und ein schlüssiges Erklärungsmodell für die "Flops" bei Sozialvorhersagen liefert: Menschen können sich technische Innovationen meistens ohne größere Probleme vorstellen, einschneidende soziale Veränderungen hingegen nicht. (Was nebenbei auch ein Blick in ältere Science-Fiction-Romane bestätigt - praktisch alle technischen Neuerungen der letzten 50 Jahre wurde vorher schon in irgend einem SF-Roman erwähnt, während Sozialutopien (und zum Glück auch Dystropien) bis praktisch nie "Wirklichkeit" wurden. Abgesehen davon, dass kaum ein SF-Autor wirklich Zukunft "vorhersagen" will.)

Außerdem haben technische Innovationen eine lange Entwicklungszeit von der Idee bzw. der Entdeckung eines nutzbaren Phänomens bis zur Realisierung.
Dass zwischen der Entdeckung des dieses Jahr nobelpreisgekrönten GMR durch Fert und Grünberg im Jahre 1988 und der ersten kommerziellen Nutzanwendung nur gut 10 Jahre vergingen, ist beinahe rekordverdächtig schnell.

Das erleichtert die Prognose: ich kann z. B. mit großer Wahrscheinlichkeit vorhersagen, dass es im Jahr 2017 keinen bemannten Marsflug geben wird, weil das dazu benötigte Raumschiff längst in Entwicklung sein müsste. Es ist auch keine Kunst, vorzusagen, dass im Jahre 2200 fossile Energieträger keine große Rolle in der Energieversorgung spielen werden. Wenn soziale Faktoren hinzukommen, wird auch die Technologieprognose haarig. Zwei Beispiele von Horx. Er schrieb noch 2001: "Das Internet wird kein Massenmedium - weil es in seiner Seele keines ist." Mitte der 90er Jahre legte er überzeugend dar, wieso das Fernseh-Telefon, obwohl technisch problemlos machbar, sich nicht durchgesetzt hat: Es erbringt keinen nennenswerten sozialen Nutzen. Er hatte recht, solange es um stationäre Geräte ging, die nur das Gesicht des Gesprächspartners zeigen. Er übersah aber, dass das für ein *mobiles* Video-Telefon, mit dem man z. B. zeigen kann, wo man gerade ist, und was man gerade sieht, nicht zutrifft, genau so wie schon zuvor die handliche Webcam
sich als attraktiv erwies.

fely - 19. Oktober, 20:03

Ich betrachte die meisten Thesen aus diesem Werk genauso skeptisch.
Ein einziges Beispiel:
Der Trend zur Steigerung der menschlichen Intelligenz gehört (zusammen mit der Zunahme der Körpergröße, der immer früher werdenden Pubertät, der Anhäufung der Kurzsichtigkeit und dem Ansteigen des Menopausenalters) zur sogenannten psychophysischen Akzeleration (engl. secular trend). Es ist erwiesenermaßen nicht möglich, diesen Trend ohne tiefgreifende genetische Veränderungen zu erklären. Umweltfaktoren, die die Selektion kaum beeinflussen können, wie z.B. Bildung, Erziehung, mediale Vernetzung, scheiden dabei aus, obwohl sie das Individuum stark beeinflussen können. Die relativ bescheidene Rolle der heutigen Ernährung bei der Selektion zeigt eindeutig, daß die vier erwähnten Faktoren keineswegs für eine plausible Beschreibung ausreichend sind. Eine der wahrscheinlichen Ursachen dieses Trends (der enorme Fortschritt der Medizin - insbesondere der Geburtshilfe - und die damit verbundene Zunahme der Kopfgröße/Gehirnmasse) in diesem Zusammenhang unerwähnt zu lassen, ist m.E. einfach dilettantisch.
Köppnick - 21. Oktober, 14:17

@MMarheinecke
Sicherlich kann er sich genauso irren wie alle anderen auch, aber offensichtlich ärgert sich jeder Leser über etwas anderes. Richtig ist sicherlich, dass viele Arbeitsplätze in der Güterproduktion überflüssig werden, wodurch die industriellen Arbeiterarmeen (Stichwort: Fließbänder in der Automobilinustrie) wegfallen. Aber ich glaube nicht, dass wir zu einer völligen Auflösung jeglicher Solidarverbände der Arbeitnehmer kommen werden ("jeder Arbeitsvertrag wird individuell ausgehandelt").

Und seine Definition einer "kreativen Klasse", die sich abhebt von den eher prekären Arbeitsverhältnissen der Dienstleister, ging mir gehörig auf den Geist. Meiner Meinung nach sind zwei Szenarien wahrscheinlicher als die von ihm skizzierten: Entweder kommt es zur Einführung eines Grundeinkommens, was als einen Effekt die materiellen Unterschiede zwischen seinen "Kreativen" und den profanen "Dienstleistern" verringert, oder aber wir werden Solidarisierungseffekte des Prekariats erleben, das sich eine bessere Stellung in der Gesellschaft mit Gewalt erkämpft. Oder irgend etwas dazwischen.

@FELY
Deinen Kommentar habe ich überhaupt nicht verstanden, worauf willst du hinaus? Ich glaube, die Erhöhung der durchschnittlichen Intelligenz ist ein empirisch gut gesichertes Phänomen mit sehr vielen verschiedenen Ursachen, die alle gleichzeitig wirken. Die genetische Komponente kann sich bei den ziemlich kurzen hier beobachteten Zeiträumen nur über unterschiedlich große Kinderzahlen der verschieden Intelligenten auswirken, sodass ich denke, das Gros der gemesssenen Verbesserungen ist tatsächlich auf die Verbesserung der Lebensbedingungen zurückzuführen. Und zwar auf alle dafür in Betracht kommenden: Ernährung, Medizin und Bildung.
fely - 21. Oktober, 16:12

@Köppnick

Deinen Kommentar habe ich überhaupt nicht verstanden, worauf willst du hinaus?
Dabei dachte ich, daß ich mich relativ klar ausgedrückt hätte. Es wäre hilfreich, wenn Du mir genauer sagst, was Du davon nicht verstanden hast. Aber ich versuche es noch einmal, auch wenn ich mich teilweise wiederholen muß.
Die These ist: Die Akzeleration (und implizit die Zunahme der Intelligenz) kann allein durch Verbesserung der Lebensbedingungen deswegen nicht erklärt werden, weil sie erwiesenermaßen vererbbar ist.
Ich glaube, die Erhöhung der durchschnittlichen Intelligenz ist ein empirisch gut gesichertes Phänomen
Jawohl. Bestreite ich das etwa?
mit sehr vielen verschiedenen Ursachen, die alle gleichzeitig wirken.
Gleichzeitig heißt aber nicht gleichwertig oder im gleichen Maße.
Die genetische Komponente kann sich bei den ziemlich kurzen hier beobachteten Zeiträumen nur über unterschiedlich große Kinderzahlen der verschieden Intelligenten auswirken,
Ich habe von der Selektion gesprochen, die durch die Medizin und insbesondere die Geburtshilfe stattfindet. Was vor paar Hundert Jahren noch als evolutionstechnisch nachteilig galt (große Kinder mit großer Gehirnmasse) ist heute bei der Geburt Stand der Technik. Man denke auch, in welchen kurzen Zeiträumen der Mensch durch konsequente Selektion unterschiedliche Hunderassen kreiert hat. Und die frühere Selektion durch die schwierige Geburt und die hohe Kindes- und Muttermortalität war schon genauso konsequent wie der Tod.
sodass ich denke, das Gros der gemesssenen Verbesserungen ist tatsächlich auf die Verbesserung der Lebensbedingungen zurückzuführen.
Das denke ich aus den o.g. Gründen eben nicht.
Und zwar auf alle dafür in Betracht kommenden: Ernährung, Medizin und Bildung.
Die Medizin hat, wie ich das bereits geschildert habe, eine Sonderrolle, weil sie - ganz im Gegensatz zu den anderen Faktoren - genetische Veränderungen beim Menschen auch in kurzen Zeiträumen herbeiführen kann.
Köppnick - 21. Oktober, 17:14

@Fely

Ok, jetzt habe ich deine Argumentation verstanden und - so wie ich es vorher nur geahnt hatte - ich stimme ihr nicht zu. Folgende vier Thesen:
  • Es gibt genetische Ursachen für die Körpergröße. Bei sonst gleichen Umweltbedingungen werden Kinder größerer Eltern größer als Kinder kleinerer Eltern.
  • Es gibt eine umweltbedingte Korrelation zwischen Körpergröße und Umweltbedingungen. Unter besseren Umweltbedingungen werden Kinder größer. Das beginnt bereits im Mutterleib. Lebt die Mutter zum Zeitpunkt der Schwangerschaft bereits unter besseren Bedingungen als in ihrer eigenen Kindheit, kann es wegen dem im Vergleich zu ihrem eigenen Körper zu großen Kind Komplikationen bei der Geburt geben.
  • Es gibt genetische Ursachen für Intelligenz. Bei sonst gleichen Umweltbedingungen werden Kinder intelligenterer Eltern intelligenter als Kinder weniger inteligenter Eltern.
  • Es gibt eine umweltbedingte Korrelation zwischen Intelligenz und Umweltbedingungen. Unter besseren Umweltbedingungen werden Kinder intelligenter. Das beginnt ebenfalls bereits im Mutterleib.
Da sowohl Körpergröße als auch Intelligenz positiv korreliert mit den Umweltbedingungen sind, sind große Menschen im Durchschnitt intelligenter als kleine. Das ist aber eine Korrelation, keine Kausalität. Es gibt keinen genetischen (=kausalen) Zusammenhang zwischen Körpergröße und Intelligenz. Ansonsten müssten Männer intelligenter als Frauen sein, denn sie werden unter sonst gleichen Bedingungen nicht größer als Frauen wegen besserer Umweltbedingungen, sondern weil Männer auf „größer werden“ genetisch programmiert sind. Zu einem größeren Körper gehört ein größeres Schädelvolumen mit einem entsprechend größeren Gehirn. Das macht seinen Träger nicht automatisch intelligenter.
fely - 21. Oktober, 17:51

@Köppnick

Es gibt eine umweltbedingte Korrelation zwischen Intelligenz und Umweltbedingungen. Unter besseren Umweltbedingungen werden Kinder intelligenter. Das beginnt ebenfalls bereits im Mutterleib.
Dies ist ohne gleichzeitige Beeinflussung der Selektion durch die Umweltbedingungen nicht vererbbar. Stirbt mit dem einzelnen Individuum. (Sonst landen wir bei Lyssenko.)
Es gibt meines Erachtens wohl eine Korrelation zwischen der Gehirnmasse und der Intelligenz. Siehe Evolution des menschlichen Gehirns. Der Vergleich Männer-Frauen ist in diesem Zusammenhang überhaupt nicht hilfreich.
Zu einem größeren Körper gehört ein größeres Schädelvolumen mit einem entsprechend größeren Gehirn. Das macht seinen Träger nicht automatisch intelligenter. Das macht solche Träger statistisch betrachtet intelligenter.
Köppnick - 21. Oktober, 18:11

@Fely

Ich glaube, unser Dissens ist nicht entscheidbar. Aber: Wir wissen ja gar nicht, wie groß die Bandbreite der Intelligenz aufgrund unterschiedlicher Lebensbedingungen ist (von der Ernährung bis zu den Büchern im Elternhaus). Und über die Genetik der Intelligenz wissen wir eigentlich ebenfalls so gut wie nichts, es sei denn, man schließt sich Volkmar Weiss an, der ein einziges Gen mit zwei verschiedenen Allelen in der Verantwortung sieht.

Und wenn du tatsächlich glaubst, dass über die Selektion (=die Kinderzahl) in den entwickelten Ländern eine Intelligenzveränderung läuft, dann doch eher in die entgegengesetzte Richtung. Selbst wenn Akademiker (die ich jetzt mal als intelligenter annehme) die gleiche Anzahl von Kindern bekommen wie Nichtakademiker, dann geht der durchschnittliche IQ der Bevölkerung trotzdem runter, weil Akademiker ihre Kinder in höherem Lebensalter bekommen, ihre Generationenfolge also weniger dicht als beim Durchschnitt der Bevölkerung ist!

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Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29
Gefühlsmäßig würde ich...
steppenhund - 5. Mai, 01:53
Guter Kommentar
Stephan Schleim (anonym) - 4. Mai, 20:36
"ad aquam", aber ansonsten gebe ich dir recht....
Talakallea Thymon - 29. April, 19:33