Al Gore ist Friedensnobelpreisträger

Er war einer der Favoriten auf diesen Titel, insofern ist seine Auszeichnung keine große Überrraschung mehr. Natürlich ist es auch eine Art der internationalen Missbilligung der Politik des Weißen Hauses in den letzten Jahren. Interessant ist aber, dass da einer Friedensnobelpreisträger geworden ist, der nicht Konflikte in der Vergangenheit beigelegt hat, sondern der mithilft, einige Auseinandersetzungen in der Zukunft zu verhindern oder weniger schlimm zu machen. Die globale Erwärmung wird Migrantenströmen aus Gebieten hervorrufen, in denen man nicht mehr leben kann, sei es weil sie überschwemmt werden oder weil sie versteppen, man wird viele Toten dort beklagen, wo es kein bezahlbares Trinkwasser mehr hat, und sie führt zu noch schlimmeren Kriegen um knapper werdende Ressourcen.

Sein Film war gut gemacht, an einigen Stellen schien mir aber seine Person etwas zu stark in den Vordergrund gerückt zu sein. Vermutlich mögen und brauchen es die Amerikaner und ein großer Teil der Welt so. Auch Michael Moore trägt seine Ansichten ja mit einer Holzhammerrhetorik vor. Nur wenige Dinge im Film waren mir wirklich neu, aber die Amerikaner scheinen vieles bis dahin tatsächlich nicht gewusst zu haben, weil ihnen ihre derzeitige Administration wichtige Informationen bewusst vorenthält.

Andererseits besteht kein Grund zu übertriebenem Amerika-Bashing. Man stelle sich stattdessen einmal vor, ein Chinese oder Russe hätte versucht, einen solchen Film zu drehen, eine absolute Unmöglichkeit. Hier liegt die Chance der Europäer und Amerikaner – man kann alles frei aussprechen und sowohl die materiellen als auch die geistigen Kapazitäten sind vorhanden, die bestehenden Klimaprobleme mit Verve anzugehen. Ich glaube nicht, dass der islamistische Terrorismus die Hauptbedrohung der Menschheit in diesem Jahrhundert darstellt. Das scheint mir mehr ein Sekundärproblem zu sein, hervorgerufen durch die Gier des Westens nach immer mehr materiellem Wohlstand. Wenn man sich aber voll im Kampf gegen den Klimawandel engagiert, wird man auch die Menschen der Dritten Welt davon überzeugen können, dass man sie nicht über den Tisch ziehen will.

Und noch ein weiterer Gedanke: Der Friedensnobelpreis wurde früher für ganz andere Taten verliehen. Ich habe das Gefühl, die Festlegungen der Fachgebiete aus Nobels Zeiten passen nicht mehr richtig zur Gegenwart. Mir fehlt zum Beispiel die Einbeziehung der Mathematik, die mit der Fields-Medaille eine Parallelauszeichnung kennt, aber auch ein Nobelpreis für das Ingenieurwesen wäre toll. Hier wird man mehr als anderswo ganze Kollektive auszeichnen müssen, weil herausragende technische Leistungen heute von großen Gruppen erbracht werden. Im Zuge der Anpassung an und im Widerstand gegen die Klimakatastrophe müssen aus den Ingenieurwissenschaften ganz entscheidende Impulse kommen.

Heiße Kandidaten auf Nobelpreise auf diesem Gebiet wären für mich zum Beispiel Ingenieure, die die großtechnische Machbarkeit der Umwandlung von Windenergie in Wärme oder in Druckluft beweisen. Beide Methoden nehmen der Windenergie ihren Hauptnachteil, das schwankende Angebot. Wärme kann man sehr gut und sehr lange speichern, auf gespeicherte Druckluft kann man zu einem späteren Zeitpunkt zugreifen und den Strom dann produzieren, wenn er benötigt wird. Oder eine Vielzahl andere Erfindungen der Vergangenheit könnten auf ihre Nützlichkeit abgeklopft werden, Flettner-Rotoren im Schiffsbau, Natronlaugespeicher für Sonnenenergie und und und. Al Gores Auszeichnung ist ein Vorschuss auf die Zukunft.

Kategorien: Politik, Visionen
MMarheinecke - 12. Oktober, 22:25

Kein Vorschuss auf die Zukunft

Ich halte - bei aller Wichtigkeit des Themas "Klimawandel" - die Verleihung des Friedensnobelpreises an Al Gore für einen der nicht eben seltenen Fehlgriffe des Osloer Nobelpreiskommites.

Ich halte Al Gore nicht für einen engagierten Umweltschützer, sondern für einen auf der Zielgeraden (und aufgrund einer umstrittenen Auslegung des US-Wahlrechts) gescheiterten Politiker, der das Thema "Umweltschutz" für sich entdeckt hat, um weiterhin im Gespräch zu bleiben.

Es sollte nicht unter den Tisch fallen, dass Al Gore nur die eine Hälfte bekommen hat und das IPCC die andere. Im Falle der IPCC halte ich die Preisverleihung nicht für einen Missgriff, die Verleihung allein an das IPCC hätte sogar das Augenmerk viel stärker auf die Sache gelenkt, als die Teilung mit dem "Showman" Al Gore. Vielleicht sollte die Ehrung für George W. Bushs mutmaßlich schärfsten politischen Gegner auf einen Ohrfeige für den seit Jahrzehnten kriegerischten US-Präsidenten sein, wer weiß? (Selbst Johnson, der außenpolitisch kein Falke, sondern eine Harpyie war, wirkt gegen Bush jr. geradezu besonnen.)

Ich stelle mir gerade eine (bessere?) Welt vor, in der Al Gore 2000 US-Präsident geworden wäre. Vielleicht eine Welt ohne Irakkrieg. Aber ganz sicher keine Welt, in der Al Gore den Friedensnobelpreis verliehen bekommen hätte.

Ein anderer Aspekt Deines Artikels:
Ich glaube auch nicht, dass der islamistische Terrorismus die Hauptbedrohung der Menschheit in diesem Jahrhundert darstellt.

Ich bis mir aber ziemlich sicher, dass der islamische Terrorismus kein durch die Gier "des Westens" nach immer mehr materiellem Wohlstand hervorgerufenes Sekundärphänomen ist. Denn es sind ja nicht die "großen Verlierer der Globalisierung", wie die Bewohner Afrikas südlich der Sahara, die zum Terror greifen. Es sind - abgesehen vielleicht vom Sonderfall Palästina - auch nicht die armen Volksmassen des islamischen Welt, die rebellieren.

Die einfachste und naheliegendste aller Erklärungen ist, dass der Terrorismus der islamischen "Integristen" (wie man sich in Frankreich nennt, was deren Ideologie m. E. besser umschreibt, als "Fundamentalisten") eine “Folge” des politischen Islam ist. So, wie der zweite Weltkrieg und der industrialisierte Massenmord an Millionen Menschen aus reinem, willkürlichen Mutwillen unmittelbare Folge der Nazi-Ideologie war, oder die Millionen Toten in Maos China unmittelbare Folge des Maoismus waren.
In der Innenpolitik ist mein "cetero censeo", dass jeder, der die NPD wählt oder gar aktiv unterstürzt, Opfer, sondern ein Nazi ist. Selbst wenn es ihn noch so dreckig geht, er noch so berechtig über die Machtverhältnisse in Deutschland flucht, gibt es dafür in meinen Augen keine Entschuldigung.
Genau so gibt es keinen entschuldbaren oder auch nur verständlichen Grund dafür, islamistischer Integrist zu werden.

Köppnick - 14. Oktober, 18:23

Ja, ich hatte ja auch geschrieben, dass ich gemischte Gefühle beim Sehen seines Films hatte. Aber aus der Sicht meiner Kernthese, dass es Gore nicht für seine Verdienste in der Vergangenheit belohnt, sondern für die Verminderung des Konfliktpotenzials in der Zukunft, geht die Entscheidung in Ordnung. Und dass das NPK auch Politik macht, ist verständlich. Mohammed el-Baradei war ja ebenfalls als Watsche in Richtung Bush gedacht.

Apropos Fehlgriffe des Nobelpreiskomitees - was sind denn Fehlgriffe? Es sind ein paar Leute, die aus vielen verschiedenen Vorschlägen einen oder wenige auswählen müssen und dabei verschiedensten Präferenzen folgen. Als man seinerzeit Einstein gewürdigt hat, da ging das nicht für die Relativitätstheorie, weil einer oder einige im Komitee dagegen waren. Stattdessen hat man ihn wegen des photoelektrischen Effekts ausgezeichnet - je nach Standpunkt ein zweifelhafter oder ein ehrenwerter Kompromiss.

Islamistischer Terror (ich glaube, einige legen großen Wert darauf, ihn nicht "islamisch" zu nennen) kann vielleicht nicht auf die "Gier des Westens", aber vielleicht auf den Sieg des Säkularismus zurückzuführen sein. Nach Meinung von Matthias Horx ist der jetzige Terror ein Ausdruck dafür, dass der Islam als Weltanschauung verloren hat, es sind verzweifelte Rückzugsgefechte. In "Wie wir leben werden" beruft er sich auf den Politologen Rapoport. Nach diesem ist Terrorismus wellenhaft. Es hat vier große Wellen gegeben: die anarchistische, die nationalistische, die linksradikale und jetzt die islamistische. Die ersten drei haben jeweils zwischen 15 und 30 Jahren gedauert. - Man kann sie zwar nicht aussitzen, aber irgendwann hat die Welt sich so stark geändert, dass sie aufhören. Demnach wäre spätestens 2030 der islamistische Terror vorbei.

Eine wirklich globale Bedrohung stellte und stellt er sowieso nicht dar, diese Übertreibung dient nur der Kaschierung ganz anderer eigener Ziele der Regierenden.
Gregor Keuschnig - 15. Oktober, 08:38

Fehlgriffe

Als "Fehlgriffe" gelten gemeinhin beispielsweise die Verleihung 1973 an Le Duc Tho und Kissinger (wovon mindestens Kissinger vorher einer der grössten Kriegstreiber des Vietnam-Krieges war; über den Vietnamesen weiss ich zu wenig [der hat ja auch den Preis ebgelehnt]) oder 1978 Begin und Sadat (Begin hatte eine terroristische Vergangenheit) oder sogar 1994 Arafat / Peres / Rabin.

1978 und 1994 fand ich durchaus berechtigt; man kann gerade auch auszeichnen, wenn sich jemand ändert.

Der Preis ist natürlich immer politisch - das geht gar nicht anders. Und daher wird er auch immer kofrontativ sein. Gore auszuzeichnen verstehe ich ehrlich gesagt nicht, obwohl der Gedanke, jemanden für etwas auszuzeichnen, was der Kriegsprävention dient, schon sehr gut ist. Aber mich würde Gores klimapolitische Bilanz in den acht Jahren seiner Vizepräsidentschaft interessieren - so besonders "grün" war das glaube ich nicht. Aber vielleicht ist er ja auch klüger geworden.

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Kommentare hier ...

In einem Binärbaum ist die Suchdauer...
Köppnick - 13. Mai, 12:19
Ein wesentlicher Vorteil ist da noch gar...
steppenhund - 12. Mai, 21:17
Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
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Köppnick - 5. Mai, 14:12
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steppenhund - 5. Mai, 13:29