Köppnick, das Eichhörnchen und sein Frühstück
Mit Inbrunst oder genauer gesagt mit einem Löffel bearbeitete Köppnick sein Frühstücksei. Dazu drehte und wendete er den Becher, um alle Seiten der Eierschale zu erreichen. An der rohen Sitte, ein gekochtes Ei einfach aufzuschlagen, zu köpfen, hatte er noch nie Gefallen gefunden. Nach dieser gründlichen Vorbereitung zog er dem Ei die Schale in einem Stück ab und ließ sie auf den Teller fallen. Dort lagen bereits die Brösel der zuvor gegessenen Semmel, die er, die eine Hälfte mit Marmelade, die andere mit Honig, zuvor genossen hatte. So wie jeden Sonntag, Köppnick hasste eine unnötige Änderung alter Angewohnheiten. Später, beim Kaffee, sah er zum Fenster hinaus. Der Himmel war wolkenlos, die Sonne schien. Man könnte einen Spaziergang machen, dachte er sich.
Vor der Tür stehend überlegte er, welchen Weg er nehmen sollte. Es hatte sich bewährt, diese Wahl bereits jetzt zu treffen. Dann erledigte sein Körper selbstständig den folgenden mechanischen Teil, während sein Geist frei fliegen konnte. Nur an wichtigen Wegmarken musste Köppnick ihn in den Körper zurückbeordern, um diesen in die geplante Richtung zu dirigieren.
In dieser Jahreszeit durfte sich ein Spaziergänger nicht lange unter einigen Bäumen aufhalten, wollte er nicht von Kastanien, sehr schmerzhaft, Eicheln, etwas weniger, oder Haselnüssen, fast gar nicht, getroffen werden. Besonders häufig passierte das am Morgen, wenn zwischen der taufeuchten Nacht und dem sonnentrockenen Tag die Fruchtschalen aufrissen und ihren Inhalt nach außen schleuderten.
Am Seeufer beobachtete Köppnick ein paar kleine Fische, die bei seinem Anblick ins tiefere Wasser flüchteten. Ihr braucht doch keine Angst zu haben, sprach er im Stillen zu den Fischen, dummes Volk, ich habe doch schon gefrühstückt. Oder sehe ich wirklich so furchtbar aus? Gedankenverloren ging er weiter. Sein Weg führte unter einem größeren Baum entlang, als es zwei, drei Schritte neben Köppnick „plonk“ machte. Köppnick erschrak, seine Augen suchten den Boden nach der Ursache des Geräuschs ab. Vor seinen Füßen erblickte er eine einzelne Walnuss. Er bückte sich und steckte sie ein.
Halt mal, wo eine ist, müssen noch andere sein, überlegte er. Aber unter dem Baum lagen nur einige Kastanien. Merkwürdig. Köppnick hob den Kopf, der Baum hatte Kastanienblätter, es musste ein Kastanienbaum sein, unter dem er stand. Ihm fiel die Geschichte mit dem einen schwarzen und den vielen weißen Schafen in der Herde ein. Aber auch ein schwarzes Schaf ist immer noch ein Schaf, eine Nuss aber keine Kastanie. Mit den Augen begann er den Baum abzusuchen, weil er eine Eingebung hatte. Und tatsächlich, in einigen Metern Höhe sah er ein Eichhörnchen hocken. Jetzt wo er es erblickt hatte, hörte er auch dessen „tschock“, „tschock“, „tschock“, mit der es offensichtlich die Aufregung und den Ärger über die fallengelassene und von Köppnick gefundene und eingesteckte Nuss kommentierte. Ist ja schon gut, dachte Köppnick, du hast ja recht, ich habe schon gefrühstückt, du wahrscheinlich nicht. Er griff in seine Tasche, holte die Nuss wieder hervor und legte sie auf den Boden. Dann ging er weiter.
Seine Gedanken waren zurückgeblieben, sie umkreisten noch immer den Baum, die darunter liegende Nuss und das auf dem Baum sitzende Eichhörnchen. Ob ich auf dem Rückweg dort vorbeigehe und schaue, ob sich das Eichhörnchen die Nuss geholt hat, fragte er sich. Oder vielleicht lieber nicht, Köppnicks Eichhörnchen ist fast so wie Schrödingers Katze, fiel ihm ein. Vielleicht liegt dann neben der Nuss ein totes, verhungertes Eichhörnchen, und du bist schuld, befürchtete er. Aber später konnte er seine Neugier dann doch nicht bezwingen und ging denselben Weg, den er gekommen war, zurück. In der entgegengesetzten Richtung war es gar nicht so einfach, die große Kastanie im Park wiederzufinden. Als er endlich unter demselben Baum stand, war die Nuss verschwunden, das Eichhörnchen war auch nicht mehr da. Köppnick blies erleichtert Luft aus, puh, das war ja noch mal gut gegangen, er hatte sich offenbar grundlos Sorgen gemacht.
Zu Hause blickte er in den Spiegel. Du hast ja Farbe von der Sonne bekommen, sagte er zu sich. Blödsinn, meldete sich sein gewohnter Geist. Du kannst keine Farbe von der Sonne bekommen haben, wie sollte sie dir welche geben und außerdem ist sie gelb und nicht so rot wie du. Jetzt war es Köppnick zufrieden, sein Geist war der alte geblieben und hatte seine Sorge um das Eichhörnchen unbeschadet überstanden.
Kategorie: Köppnicks Welt
Vor der Tür stehend überlegte er, welchen Weg er nehmen sollte. Es hatte sich bewährt, diese Wahl bereits jetzt zu treffen. Dann erledigte sein Körper selbstständig den folgenden mechanischen Teil, während sein Geist frei fliegen konnte. Nur an wichtigen Wegmarken musste Köppnick ihn in den Körper zurückbeordern, um diesen in die geplante Richtung zu dirigieren.
In dieser Jahreszeit durfte sich ein Spaziergänger nicht lange unter einigen Bäumen aufhalten, wollte er nicht von Kastanien, sehr schmerzhaft, Eicheln, etwas weniger, oder Haselnüssen, fast gar nicht, getroffen werden. Besonders häufig passierte das am Morgen, wenn zwischen der taufeuchten Nacht und dem sonnentrockenen Tag die Fruchtschalen aufrissen und ihren Inhalt nach außen schleuderten.
Am Seeufer beobachtete Köppnick ein paar kleine Fische, die bei seinem Anblick ins tiefere Wasser flüchteten. Ihr braucht doch keine Angst zu haben, sprach er im Stillen zu den Fischen, dummes Volk, ich habe doch schon gefrühstückt. Oder sehe ich wirklich so furchtbar aus? Gedankenverloren ging er weiter. Sein Weg führte unter einem größeren Baum entlang, als es zwei, drei Schritte neben Köppnick „plonk“ machte. Köppnick erschrak, seine Augen suchten den Boden nach der Ursache des Geräuschs ab. Vor seinen Füßen erblickte er eine einzelne Walnuss. Er bückte sich und steckte sie ein.
Halt mal, wo eine ist, müssen noch andere sein, überlegte er. Aber unter dem Baum lagen nur einige Kastanien. Merkwürdig. Köppnick hob den Kopf, der Baum hatte Kastanienblätter, es musste ein Kastanienbaum sein, unter dem er stand. Ihm fiel die Geschichte mit dem einen schwarzen und den vielen weißen Schafen in der Herde ein. Aber auch ein schwarzes Schaf ist immer noch ein Schaf, eine Nuss aber keine Kastanie. Mit den Augen begann er den Baum abzusuchen, weil er eine Eingebung hatte. Und tatsächlich, in einigen Metern Höhe sah er ein Eichhörnchen hocken. Jetzt wo er es erblickt hatte, hörte er auch dessen „tschock“, „tschock“, „tschock“, mit der es offensichtlich die Aufregung und den Ärger über die fallengelassene und von Köppnick gefundene und eingesteckte Nuss kommentierte. Ist ja schon gut, dachte Köppnick, du hast ja recht, ich habe schon gefrühstückt, du wahrscheinlich nicht. Er griff in seine Tasche, holte die Nuss wieder hervor und legte sie auf den Boden. Dann ging er weiter.
Seine Gedanken waren zurückgeblieben, sie umkreisten noch immer den Baum, die darunter liegende Nuss und das auf dem Baum sitzende Eichhörnchen. Ob ich auf dem Rückweg dort vorbeigehe und schaue, ob sich das Eichhörnchen die Nuss geholt hat, fragte er sich. Oder vielleicht lieber nicht, Köppnicks Eichhörnchen ist fast so wie Schrödingers Katze, fiel ihm ein. Vielleicht liegt dann neben der Nuss ein totes, verhungertes Eichhörnchen, und du bist schuld, befürchtete er. Aber später konnte er seine Neugier dann doch nicht bezwingen und ging denselben Weg, den er gekommen war, zurück. In der entgegengesetzten Richtung war es gar nicht so einfach, die große Kastanie im Park wiederzufinden. Als er endlich unter demselben Baum stand, war die Nuss verschwunden, das Eichhörnchen war auch nicht mehr da. Köppnick blies erleichtert Luft aus, puh, das war ja noch mal gut gegangen, er hatte sich offenbar grundlos Sorgen gemacht.
Zu Hause blickte er in den Spiegel. Du hast ja Farbe von der Sonne bekommen, sagte er zu sich. Blödsinn, meldete sich sein gewohnter Geist. Du kannst keine Farbe von der Sonne bekommen haben, wie sollte sie dir welche geben und außerdem ist sie gelb und nicht so rot wie du. Jetzt war es Köppnick zufrieden, sein Geist war der alte geblieben und hatte seine Sorge um das Eichhörnchen unbeschadet überstanden.
Kategorie: Köppnicks Welt
Sonntag, 16.September 2007




