Außerkörperliche Erfahrungen

Heute gab es zwei Artikel, die über dieselben neuen Versuche zu außerkörperlichen Erfahrungen berichten: Das Versuchssetting ist folgendes: Eine Versuchsperson erhält eine Videobrille aufgesetzt, in der sie das Bild einer Kamera sehen kann, die sie selbst von hinten aufnimmt. Ihr Rücken wird gestreichelt, was sie auch bei der Person (die sie selbst ist) sehen kann, die sich im Bild der Kamera befindet. Das Gehirn verarbeitet die beiden Informationsströme (über den Körperkontakt und über das Bild) synchron. Nach kurzer Zeit stellt sich das Gefühl ein, dass man die Person ist, die auf dem Bild zu sehen ist. Und diese Person steht VOR einem. Vollkommen verblüffend wird das Experiment aber dadurch, dass man im von der Kamera aufgenommenen Bild auch einen Pfeiler oder die Luft streicheln kann. Im ersten Fall wechselt das Ich in den Pfeiler, im zweiten Fall steht man völlig außerhalb einer Person oder eines Gegenstandes.

Das Neue dieses Versuchs ist seine simple Wiederholbarkeit praktisch durch jeden, der über eine entsprechende Brille und eine Videokamera verfügt. Der eigentliche Effekt ist hingegen schon sehr lange bekannt. Ich habe zum ersten Mal in Paul Broks: Ich denke, also bin ich tot davon gelesen. Dort wird ein ähnlicher Versuch beschrieben:
Sie brauchen einen Freund und einen Tisch. Setzen Sie sich an den Tisch und schieben sie eine Hand darunter, so dass sie nicht mehr zu sehen ist. Jetzt soll Ihr Freund auf die Tischplatte klopfen und darüber streichen, während er gleichzeitig auf ihre verborgene Hand klopft und darüber streicht. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass Sie nicht sehen, was unter dem Tisch vor sich geht - täten Sie es, wäre die ganze Sache zwecklos. Während Sie die Hand ihres Freundes über dem Tisch beobachten, sollten Sie allmählich das Gefühl haben, die Empfindung des Klopfens und Streichens werde durch den Tisch verursacht. … Sie wissen auf der Ebene des Verstandes, dass sich die Tischplatte außerhalb Ihres Körpers befindet, aber es fühlt sich nicht so an. Die Erfahrung des Phänomens schiebt sich über die rationale Analyse.
An anderer Stelle, die Quelle ist mir leider entfallen, wird über einen Versuch mit dem Antippen der Nasenspitze berichtet. Hier stehen sich zwei Personen gegenüber. Der ersten Person wird von einer dritten Person rhythmisch an die Nase getippt, aber so, dass sie das nicht sehen kann. (Wahrscheinlich mit einer Blende, die das untere Gesichtsfeld abschirmt.) Eine vierte Person tippt der zweiten Person im selben Takt an die Nase. Person 1 kann diese beiden sehen, aber nicht die Person 3, die ihr selbst an die Nase tippt. Nach kurzer Zeit hat Person 1 das Gefühl, sie würde sich im Körper von Person 2 befinden und sich selbst anschauen.

Das Bemerkenswerte an diesen Versuchen ist, dass auch die Kenntnis des Versuchsaufbaus die Erzeugung dieser Illusionen nicht verhindern kann. Das spricht für die Hypothese, dass das Ich kein Konstrukt des Bewusstseins ist, sondern bereits im Unterbewusstsein gebildet wird. Das Selbst wird dadurch nicht zu einer Illusion, aber es rückt in den Modellen an eine andere Stelle. In normalen Alltagserfahrungen fallen der Ort des Ichs und der Ort des Körpers zusammen, weil das dem normalen Input unserer Sinnesorgane entspricht und evolutionär am zweckmäßigsten ist. Aber das ist eine Integrationsleistung des (unterbewussten) Gehirns, irgendwo zwischen den Sinnesorganen und dem Bewusstsein, welches nur noch eine Zusammenfassung der Ergebnisse erhält.

Eigentlich fallen eine Vielzahl von optischen Täuschungen in dieselbe Kategorie. Weil aber hier nicht das Selbst, sondern nur der Gesichtssinn betrogen wird, ist die Verwirrung etwas geringer. Aber auch hier gilt: Das Wissen um die Wirkungsweise einer bestimmten optischen Täuschung hilft nicht, sich derjenigen zu entziehen, weil sie vorbewusst entsteht und bewusst nur noch „abgelesen“ werden kann und hingenommen werden muss. Eine weniger bekannte optische Täuschung, aber für mich die derzeit schönste funktioniert so:



  1. Man rolle ein Blatt Papier zu einem Zylinder zusammen, den man am besten mit Büroklammern als feste Rolle fixiert.
  2. Man halte diese Rolle zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand.
  3. Man schaue mit dem linken Auge in den Zylinder hinein, das rechte Auge sieht dann am Zylinder vorbei auf den Handrücken der rechten Hand.
Man muss die Rolle sicherlich am Anfang ein wenig hin- und herschieben und die Blickposition variieren, aber wenn man es geschafft hat, dann wird man ein Bild der rechten Hand sehen, die in der Mitte ein Loch hat. Das Gehirn versucht, die Bilder beider Augen zu einem (Stereo)Bild zusammenzusetzen. Da das linke Auge ein Loch sieht, das rechte die Hand, ergibt diese Integration das Bild einer Hand mit Loch. Man kann mit seinem Verstand nichts gegen dieses Bild machen.



Kategorie: Gehirn & Geist
MMarheinecke - 25. August, 12:21

"Richtige" ausserkörperliche Erfahrungen sind anders

Interessant, allerdings können die "klassischen" außerkörperlichen Erfahrungen, bei denen man seinen Körper von oben sieht, oder gar von seinem Körper getrennt "Geistreisen" unternimmt, damit bestenfalls ansatzweise erklärt werden.
Ich hatte bereits derartige Erfahrungen, die übrigens nicht immer so angenehm waren, wie sich oft in der Esoterik-Literatur beschrieben werden. Das interessante ist, dass die außerkörperlichen Erfahrungen nicht etwa "traumartig", irreal erscheinen, sondern "wirklicher als sinnliche Wahrnehmungen wirken - sozusagen hyperreal.

Der Psychiater Dr. Rick Strassman von der Universität von New Mexico verabreichte in einer fünfjährigen Versuchsreihe 60 Probanten intravenös das Halluzinogen DMT - einen Stoff, der übrigens in geringen Mengen auch im Körper selbst, von der Zwirbeldrüse, gebildet wird.
Die Droge rieft tatsächlich außerkörperliche Erfahrungen hervor, allerdings seltener von den aus Nahtoderfahrungen bekannten Typus ("Tunnelreise") oder dem Typus des "über dem Körper schwebenden Ichs", als von einem Typus, der den Erlebnissen entspricht, die von angeblichen "UFO-Entführungsopfern" berichtet werden.
Außerkörperliche Erfahrungen werden auch unter dem Einfluss anderer Halluzinogenen berichtet.

Wegen ihres "hyperrealen" Chrakters ist es außerordentlich schwierig, Menschen, die so etwas ein- oder mehrmals erlebt haben, davon zu überzeugen, dass sie irgend eine psychologische Projektion oder einen intensiven Wachtraum erlebt hätten.
Es gibt übrigens einen einfachen Test, mit dem sich unterscheiden lässt, ob eine ausserkörperliche Wahrnehmung "echt" oder "nur eingebildet" ist: man legt auf eine hohes Regal, das von der liegenden Versuchsperson nicht eingesehen werden kann, eine Zettel mit einer kurzen Botschaft, die der Probant natürlich nicht kennen darf, mit der Schriftseite nach oben. Hat der Probant seinen Körper wirklich verlassen, müsste er den Text lesen können.

Köppnick - 26. August, 18:19

Für die "Perspektive von oben" habe ich eine Arbeitshypothese: Hauptaufgabe des Gehirns ist die zeitlich korrekte Integration aller Sinneseindrücke in ein Umweltmodell für das Überleben der Person. In einer Nahtodsituation fallen davon alle drei Punkte weg bzw. sind kritisch:
  • Es fehlen Sinnesorgane. Dazu zählt der Gesichtssinn. Liefern die Augen Informationen, dann überlagern diese im Gehirn IMMER alle anderen Inputs. Dazu zählen auch der 6. und 7. Sinn, d.h. der Sinn für die Lage des Körpers im Raum und der für Beschleunigungen.
  • Ist das Gehirn von äußeren Reizen (mit Ausnahme vielleicht des Gehörs) abgekoppelt, dann erzeugt es seinen Input selbst. So wie im Traum, wo wir Bilder sehen, obwohl die Augen nichts aufnehmen. Im Traum werden auch tatsächliche Inputs, wie Geräusche oder eine volle Blase ins Traumgeschehen einbezogen. Im Sterbeprozess läuft das Gehirn absolut frei, da seine wichtigste Aufgabe, das Sichern des Überlebens, entfallen ist.
  • Der zeitliche Bezug der einzelnen Ereignisse, sowohl der inneren als auch der äußeren, ist nicht notwendig und wird u.U. erst nachträglich, wenn das Bewusstsein bei der Befragung versucht, die inneren Speicher auszulesen, hergestellt. Wenn man sich klar macht, wie schlecht bereits das normale Gedächtnis ist und wie leicht es sich manipulieren lässt, kann man sicher sein, dass in einem sterbenden Körper die zeitliche Reihenfolge von erinnerten Ereignissen überhaupt nicht stimmen muss. Selbst bei Berichten über normale Träume, bei denen bewusst äußere Reize eingekoppelt wurden, hat man gemerkt, dass die Reihenfolge der Geschehnisse im Traum teilweise umgekehrt zur Reihenfolge der Reize war.
Wenn Menschen einen Überfall planen, dann imaginiert jeder seine eigene Position auch von oben, weil das die beste Koordination mit allen anderen Personen ermöglicht. Auch in dieser Situation spielt das Bild der eigenen Augen keine Rolle, sondern nur das innere Bild der geplanten Tat. Soweit ich weiß, sind bei keiner einzigen Befragung von Personen mit Nahtoderfahrung Details erinnert worden, die deinem Zettel auf dem Schrank äquivalent sind. Befragung nach solchen Dingen, die häufig vorhanden sind, es reichen ja beliebige Gegenstände auf Schränken, die aus der Patientenperspektive nicht sichtbar sind und auf die zum Zeitpunkt des Geschehens auch keiner der beteiligten Personen Bezug nimmt, hatten IMMER ein negatives Ergebnis. - Ein notwendiges, wenngleich natürlich nicht hinreichendes Kriterium, dass die Entkörperlichung ein rein psychisches und kein realweltliches Phänomen ist.
Mirja (anonym) - 26. August, 22:44

Hinterfragt

Der Punkt, den ich bei deiner Arbeitshypothese am ehesten hinterfrage, ist:

"Im Sterbeprozess läuft das Gehirn absolut frei, da seine wichtigste Aufgabe, das Sichern des Überlebens, entfallen ist."

Wie, wann und warum entscheidet welches Ding in einem drin, dass die Aufgabe beendet ist?
MMarheinecke - 27. August, 01:12

Das Sichern des Überlebens

Nun, ich habe "außerkörperliche Erlebnisse" der Art, wie sie z. B. im Nahtodbereich erlebt werden, gehabt - ohne dabei in akuter Lebensgefahr
gewesen zu sein.
Das heißt, dass die Hypothese, dass das Gehirn "frei läuft", weil seine wichtigste Aufgabe, dass Sichern des Überlebens, entfallen sei, nicht stimmen kann.
Auch bei Drogenexperimenten spielt die "Sterbesituation" keine Rolle.
Ich kann mir aber gut vorstellen, dass die Zirbeldrüse in einer schweren Schocksituation massive Dosen DMT abgibt, analog der Ausschüttung körpereigener Opiate. Das wäre denn aber kein "Leerlauf, weil alles vorbei ist", sondern eine "Mobilisierung der letzten Überlebensreserven", vielleicht im Sinne eines Selbstschutzes der Gehirns bei durch Kreislaufkollaps hervorgerufene Mangeldurchblutung.
(Irgend einen Sinn muss es doch haben, dass unsere Synapsen einen DMT-Rezeptor haben, andererseits DMT im gesunden Körper praktisch augenblicklich durch MAO abgebaut wird.)
Köppnick - 27. August, 19:12

@Mirja & @MMarHeinecke

Ich habe mich schlecht ausgedrückt. Natürlich "läuft das Gehirn nicht frei", weil seine Hauptaufgabe erfüllt ist, sondern weil es die Verbindung zum Körper und zu dessen Sinnesorganen verliert. Die Formulierung ist doppelt schlecht. Zum einen, weil sie eine nicht vorhandene Kausalität suggeriert. Und zum zweiten vor allem, weil sie dem Gehirn eine quasi eigenständige Identität attestiert, die man auf Ebene eines Organs tunlichst vermeiden sollte.

Zudem wird es selbst durch den Körper schlechter versorgt, die Nervenzellen sterben selbst ab. Wenn man dann reanimiert wird und es Erinnerungen gibt, dann sind das solche über einen absolut anormalen Zustand des Gehirns. Die Hypothese, dass die Out-Of-Body-Empfindungen daher rühren, dass es keinen Input von den Sinnesorganen gibt, stammt übrigens nicht von mir. Es ist die Hauptdeutung, wie das Erleben während einer Meditation gedeutet werden kann, wenn man sich scheinbar auflöst und eins mit dem Universum fühlt - es fehlt eben die Adjustierung durch die Sinnesorgane, die dem Gehirn sonst ständig mitteilen, wo der Körper endet und die Umwelt anfängt. Und sei es durch den Schmerz bei Berührung einer zu heißen Herdplatte.

Aber zu den beliebig, auch verdreht möglichen, zeitlichen Zuordnungen habe ich noch eine weitere Idee, beginnend bei der Frage: "Wie bekommt man das Weiße-Tunnelphänomen mit der Tatsache in Übereinstimmung, dass bei diesen Patienten nachweislich keine Hirnströme mehr vorhanden waren? - Durch die einfache Gegenfrage, "wer kann zeitlich genau datieren, zu welchem Zeitpunkt im Gehirn der Tunnel gesehen wurde?" Es ist nämlich gut möglich, dass der Tunnel erst gesehen wurde, als die Reanimation bereits erfolgreich begonnen hatte und das erste Blut wieder durch das Gehirn strömt. Oder es sind halt einfach die letzten Erinnerungen, die noch chemisch fixiert werden konnten, bevor "der Strom ausgeschaltet" wurde.
Niwi - 14. September, 13:32

Mich interessieren solche Phänomene auch sehr!

Zu der Arbeit des Gehirns in allen Situationen zu überleben ist mir spontan folgendes eingefallen:

Es ist ja so, daß man von einem Abgrund förmlich angezogen wird und man hat Angst hinunterzufallen.
Mir geht es jedenfalls so.
Meine Freunde neckten mich desöfteren und meinten, dies sein die Gravitationskraft (was natürlich totaler Blödsinn ist).

Vielmehr richtig glaube ich ist, daß das Gehirn große zusammenhängende Flächen "geradestellt" um darauf zu gehen.
Also bei einem Abgrund wird die Senkrechte aufgestellt, als ob sie begehbar wäre und genau DAS zieht mich jedesmal hinunter.
Auch eine Art optischer Täuschung.

Alle können auf einem Weg, der so breit ist wie eine Regenrinnen problemlos gehen, solang sich der Weg am Boden befindet.
Ginge man in 20 Meter Höhe in einer Regenrinne, dann würden die meisten Balanceprobleme kriegen.

Mag sein, daß meine Theorie falsch ist....hmm

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Kommentare hier ...

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