Ab ins Nirwana?
Der Besuch des Dalai Lama hat vielfältige Reaktionen hervorgerufen, ist dieser doch gerade in Deutschland ein Sympathieträger, der in seiner Beliebtheit wahrscheinlich auch den derzeitigen „deutschen“ Papst schlägt. Einen analytischen Artikel zum Buddhismus findet man unter dem Titel Ab ins Nirwana? in der Telepolis. Der Autor Stephan Schleim ist Neurowissenschaftler und hat auf diesem Gebiet schon eine ganze Reihe von populärwissenschaftlichen Artikeln veröffentlicht, wie man seiner Homepage entnehmen kann.
Aus dem Artikel und den zugehörigen Kommentaren geht hervor, dass der Autor in Hamburg an mehreren Veranstaltungen mit dem Dalai Lama teilgenommen hat. Ich vermute also ein persönliches Interesse am Buddhismus, das über den rationalen Blick des Naturwissenschaftlers hinausgeht. Veilleicht ist der Buddhismus, der sowieso mehr Philosophie als Religion ist, von den großen Weltreligionen auch diejenige, die am ehesten wissenschaft(s/ler)kompatibel ist.
Drei Hauptgedanken habe ich dem Artikel entnommen, zwei mir bekannte und ein dritter, der neue Aspekte enthält. Welcher welcher ist, dürfte dem Folgenden nicht schwer zu entnehmen sein:
I: Nirvana
Es hat mich immer wieder verblüfft, warum gerade der Gedanke der Wiedergeburt viele Westler so zum Buddhismus zieht. Dabei lehrt hier der Buddhismus fast das genaue Gegenteil von den Verheißungen der drei großen abrahamitischen Religionen. Diese versprechen dem Gläubigen ein individuelles Weiterleben nach dem Tod bzw. eine Wiederauferstehung von Gottes Gnaden. Der Buddhismus tut genau dies nicht!
In mehreren Interviews mit dem Dalai Lama, die ich gelesen habe, hat er Westlern davon abgeraten , sich vom Christentum ab- und dem Buddhismus zuzuwenden. Keiner der Interviewer hat an diesem Punkt nachgehakt und ihn nach Gründen für diese seine Meinung gefragt. Stephan Schleim hat hier ein paar Hypothesen:
III: Lebensweisheiten
Es stellt sich deshalb die Frage, warum der Buddhdismus eine solche Anziehungskraft ausübt und ob er uns etwas zu geben vermag, was das Christentum nicht kann:
Und noch eine andere und viel wichtigere Frage als die nach der richtigen Religion stellt sich mir immer wieder: Wieso haben praktisch alle Religionen seit etwa 3000 Jahren den wahren Kern menschlichen Glücks und Leidens erkannt, und wieso wird immer und immer wieder eine Gesellschaft rekonstruiert, die diesen Erkenntnissen Hohn spricht? Es hat den Anschein, als ob gerade diejenigen, die sich in exotische Religionen stürzen, den Glauben an eine bessere diesseitige Welt aufgegeben haben und in diesem Sinn für diese verloren sind.
Kategorie: Visionen
Aus dem Artikel und den zugehörigen Kommentaren geht hervor, dass der Autor in Hamburg an mehreren Veranstaltungen mit dem Dalai Lama teilgenommen hat. Ich vermute also ein persönliches Interesse am Buddhismus, das über den rationalen Blick des Naturwissenschaftlers hinausgeht. Veilleicht ist der Buddhismus, der sowieso mehr Philosophie als Religion ist, von den großen Weltreligionen auch diejenige, die am ehesten wissenschaft(s/ler)kompatibel ist.
Drei Hauptgedanken habe ich dem Artikel entnommen, zwei mir bekannte und ein dritter, der neue Aspekte enthält. Welcher welcher ist, dürfte dem Folgenden nicht schwer zu entnehmen sein:
I: Nirvana
Es hat mich immer wieder verblüfft, warum gerade der Gedanke der Wiedergeburt viele Westler so zum Buddhismus zieht. Dabei lehrt hier der Buddhismus fast das genaue Gegenteil von den Verheißungen der drei großen abrahamitischen Religionen. Diese versprechen dem Gläubigen ein individuelles Weiterleben nach dem Tod bzw. eine Wiederauferstehung von Gottes Gnaden. Der Buddhismus tut genau dies nicht!
Dass es um unser Verständnis des Buddhismus nicht so gut bestellt ist, das wird vor allem aber dann klar, wenn man den buddhistischen Gedanken der Wiedergeburt betrachtet. Es ist mehr als nur ein bisschen paradox, wenn wir im Westen in ihm einen Trost sehen, da er beinhalte, dass unsere von uns selbst so hoch geschätzte Person auch mit dem Tod nicht enden werde. Diese Hoffnung ist in gleich zwei Weisen völlig verfehlt, da erstens für den Buddhisten gerade das Unterworfensein unter den Daseinskreislauf, die Wiedergeburt in einem der sechs Daseinsbereiche – im Reich der Götter, dem der Halbgötter, in der Sphäre der Menschen oder derjenigen der Tiere sowie im Bereich der Hungergeister oder schließlich einer der sechs Höllen –, das Leiden unserer Existenz ausmacht. Zweitens ist es eine naive und völlig unzutreffende Vorstellung der Wiedergeburt, wenn wir davon ausgehen, man selbst werde als die Person, die man nun ist, ein weiteres Leben (oder vielmehr: unendlich viele bis zur Befreiung) geschenkt bekommen. Was da wiedergeboren werde, sei nämlich lediglich eine sehr subtile Form unseres Bewusstseins, die uns außerhalb tiefster Meditation verborgen bleibe.II: Sozialer Kontext
Auch wissenschaftlich offene Buddhisten wie der Dalai Lama würden zugestehen müssen, dass viele, wenn nicht sogar alle unserer Charaktereigenschaften, die für uns Westler das "Ich" ausmachen, an unser hier und in dieser Welt ausgeprägtes Gehirn, den Körper und unsere sozialen Beziehungen gebunden sind. Dass die Aktivität des Gehirns und des Körpers im Tod endet, das würden auch die meisten Buddhisten nicht bestreiten. Insofern ist es unbegründet, unter Berufung auf diese Lehre die Hoffnung zu hegen, sein "Ich" werde zahlreiche weitere Existenzen erfahren. Dieser vermeintliche Trost ist nicht mehr als eine Selbsttäuschung, die auf einem oberflächlichen aber falschen Verständnis der Lehre beruht. Das tatsächliche Objekt der Wiedergeburt, der von manchen besonders weit fortgeschrittenen buddhistischen Praktizierenden erfahrene subtilste Bewusstseinsstrom, ist Nicht-Eingeweihten nämlich verborgen. Es dürfte genauso schwer sein, sich die Existenz eines derartigen Bewusstseinsstroms vorzustellen, der letztlich nicht ans Gehirn gebunden ist, wie die Existenz einer immateriellen Seele, die mit dem Körper in Wechselwirkung steht und über seinen Tod hinaus fortbesteht.
In mehreren Interviews mit dem Dalai Lama, die ich gelesen habe, hat er Westlern davon abgeraten , sich vom Christentum ab- und dem Buddhismus zuzuwenden. Keiner der Interviewer hat an diesem Punkt nachgehakt und ihn nach Gründen für diese seine Meinung gefragt. Stephan Schleim hat hier ein paar Hypothesen:
Wenn man leichtsinnig und aufgrund eines oberflächlichen Verständnisses zum buddhistischen Glauben wechselt, dann birgt das nicht nur die Gefahr einer spirituellen Entfremdung, sondern auch ganz konkrete existenzielle Risiken. So besteht einer der Kernaspekte sämtlicher Religionen in ihrer Deutung des Todes und der Art und Weise, wie sie Menschen damit umzugehen anleiten. In unserem Kulturkreis hat das dazu geführt, dass es an förmlich allen Orten, wo Menschen sterben, eine institutionalisierte Form der spirituellen Sterbebegleitung gibt – meistens in der Form christlicher Seelsorger. Wer zum buddhistischen Glauben konvertiert, sollte sich daher auch klar machen, dass es für seine Weltanschauung hierzulande meistens keine institutionalisierte Begleitung in der letzten Not gibt. Dies erst auf dem Sterbebett feststellen zu müssen, könnte zu einer großen Verwirrung führen.Hier kann man noch ergänzen, dass jede in einem bestimmten Kulturkreis praktizierte Religion praktisch alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdringt, angefangen von Ritualen, deren historischen Ursprung man gar nicht mehr kennt, über Gebäude, Veranstaltungen bis hin zu implizit geltenden Normen, Feinheiten der Sprache, etc., pp. Uns bleiben zum Beispiel orthodoxes Judentum oder Islam auch deshalb so fremd, weil eben Religion und alltägliche Lebensweise nicht voneinander zu trennen sind.
III: Lebensweisheiten
Es stellt sich deshalb die Frage, warum der Buddhdismus eine solche Anziehungskraft ausübt und ob er uns etwas zu geben vermag, was das Christentum nicht kann:
Wenn es nicht so ohne weiteres möglich ist, eine Form des Buddhismus inklusive seiner Rituale und seines traditionellen Kontextes zu übernehmen, dann bleibt die Frage, ob wir etwas mit dem Kern seiner Lehre, dem Dharma, in unserer westlichen Gesellschaft anfangen können. Der Dharma widmet sich der existenziellen Problematik, der wir in unserem Leben ausgeliefert sind und bleibt damit auch heute, nach mehr als 2.000 Jahren, vielleicht noch aktuell.Wenn man hier genauer nachdenkt, dann kann man allerdings auch erkennen, dass im Juden-, Christentum oder dem Islam gleichwertige Ansprüche an den Gläubigen gestellt werden. Wenn diese Religionen bei uns ihren Kredit verspielt haben, dann weil sie durch die sie vertretenden Institutionen, z.B. die Konfessionskirchen kompromittiert wurden, vom heutigen Islamismus ganz zu schweigen. Aber der Buddhismus ist von solchen Lasten ebenfalls nicht frei, nüchtern betrachtet waren KungFu-Mönche oder Samurai nichts anderes, als religiös geschulte Kriegsknechte und Mörder, die Geschichte Asiens ist voll von buddhistischen Herrschern, die mit ihren Heeren übereinander hergefallen sind.
Wie wir gesehen haben, ist da vor allem die Tatsache des Leidens zu nennen, die unser Dasein charakterisiere. Man könnte auch biologisch sagen, dass unsere Körper nicht zum Glücklichsein optimiert und wir ewig in dieser hedonistischen Tretmühle gefangen sind, das heißt, für jedes Glücksmoment große Anstrengungen unternehmen zu müssen; und wenn wir uns mühsam einen derartigen Zustand erarbeitet haben, geht er von selbst wieder vorbei, ehe wir es uns versehen. Auch die aktuelle psychologische Forschung stützt, dass unser Glück, sei es bedingt durch eine Gehaltserhöhung oder einen Umzug ins sonnige Kalifornien, nur von kurzer Dauer ist und wir uns schon bald an die besseren Umstände gewöhnt haben. Wir wissen, dass selbst Millionäre und Stars, denen es nach der kapitalistischen Logik an nichts mangeln dürfte, in Persönlichkeitskrisen geraten, Drogen oder anderen Süchten verfallen und in ihrem Ruhm und Reichtum keinen Lebenssinn finden.
Dem Dharma zufolge besteht nun eine der wesentlichen Aufgaben darin, die Unwissenheit zu beseitigen, die uns daran hindere, die wahren Ursachen für unser Leiden wahrzunehmen. Hier seien vor allem die Täuschungen zu erwähnen, denen wir ständig unterlägen: Dass wir beispielsweise glaubten, dieser oder jene Besitz, diese oder jene Ergänzung unseres Selbst, dieses oder jenes Festhalten an etwas, so wie es uns auch ständig die Werbung vorspiegelt, werde uns glücklich machen und unser Leiden vermindern. Täglich können wir erleben, dass dem nicht so ist, dennoch verweilen wir in der hedonistischen Tretmühle. Erst dann, wenn diese Ursachen erkannt seien, so der Dharma weiter, könne man auch die nötigen Schritte unternehmen, um sie zu beseitigen. Es handelt sich also um eine Lehre der Befreiung, die darauf abzielt, durch Achtsamkeit und Meditation diejenigen Geisteshaltungen in uns selbst zu erkennen und schließlich zu beseitigen, die angeblich für unser Leiden verantwortlich sind.
Und noch eine andere und viel wichtigere Frage als die nach der richtigen Religion stellt sich mir immer wieder: Wieso haben praktisch alle Religionen seit etwa 3000 Jahren den wahren Kern menschlichen Glücks und Leidens erkannt, und wieso wird immer und immer wieder eine Gesellschaft rekonstruiert, die diesen Erkenntnissen Hohn spricht? Es hat den Anschein, als ob gerade diejenigen, die sich in exotische Religionen stürzen, den Glauben an eine bessere diesseitige Welt aufgegeben haben und in diesem Sinn für diese verloren sind.
Kategorie: Visionen
Donnerstag, 23.August 2007




