Documenta XII
Gestern habe ich die Documenta XII besucht. Insgesamt war es meine vierte, frühere Besuche hatte mein damaliges Heimatland erfolgreich verhindert. Die besten Erinnerungen habe ich an meine erste Documenta, viele Installationen, bleibende Ideen, z.B. das „Klo“ auf dem Kulturbahnhof. Die zweite und die erste müssen in meinem Kopf verschmolzen sein, die dritte und letzte dagegen fand ich grottenschlecht. Videoinstallationen, Videoinstallationen, Videoinstallationen.
Überhaupt finde ich das Übermaß an Performancen, Videos und anderen vergänglichen Objekten beunruhigend. Was bleibt von unserer Zeit, wenn man den Strom abschaltet? Große Ideen, die hinter einigen Kunstwerken stehen, werden sicher überdauern, auch wenn die Werke selbst verschwunden sind, weil sie in Bildbänden und in Gesprächen tradiert werden, aber die vielen Videos werden als ein zäher Brei im Kopf mit denjenigen, die diese Bilder ertragen mussten, endgültig aus der Welt verschwinden. Wegen der Enttäuschung bei der letzten Documenta hatten wir relativ lange gewartet, welche Reaktionen die diesjährige Ausstellung hervorrufen würde. Bei einem ähnlichen Medienecho wie bei der vorigen wären wir gar nicht erst hingefahren.
Ok, gestern waren wir also dort und begaben uns auf die Suche nach „unserem“ Kunstwerk, der folgende Bericht eine typische Variante des blogistischen Stöckchenwerfens. Im Fridericianum das erste Kunstwerk, das der Besucher nach dem Aufstieg über die Treppe sieht – eine Performance.

Ein Gestell, in das ein Netz aus Seilen geknüpft ist, in das wiederum alte Kleiderlumpen eingewebt sind. Die Künstler dazwischen als eine Art Faultiere hängend. Von Zeit zu Zeit sich zur nächsten Netzmasche hangelnd, um dort wieder zu erstarren. Im Kreise herum, die Künstler angaffend, wie man das im Zoo mit den echten Faultieren ja auch macht, das ernst dreinschauende, kunstbeflissene, fotografierende und filmende Publikum. Dann im Fridericianum eine Unzahl von Fotografien, die mich schon befürchten ließen, dieses hier

müsse in diesem Jahr „mein Kunstwerk“ werden.
Aber es gibt doch Installationen, deren Idee sich einem sofort erschließt, ohne dass man sich dazu von einem Führer durch die Ausstellung ziehen lassen muss, der seinem ahnungslosen Publikum erklärt, was es da hineinzuinterpretieren hat. In Erinnerung geblieben ist mir zum Beispiel ein Film, in dem ein Chinese(?) eine Mauer (aber nicht die chinesische!) von einer Seite der Straße zur anderen transportiert.

Dazu hatte er die Steine (vielleicht 50 Stück, 5 nebeneinander, 10 übereinander) am Straßenrand quer zur Straße zu einer kleinen Mauer aufgebaut. Dann nahm er den obersten Stein der letzten Reihe, trug ihn zur anderen Seite seiner Mauer, setzte ihn dort neben die erste Reihe seiner Mauer, um einen neuen Stapel zu beginnen. Dann ging er wieder zur anderen Seite, um den nächsten Stein zu holen. Ich schätze, für das Überqueren der vollbefahrenen Straße wird er so wohl eine gute Stunde benötigt haben, sehr zum Verdruss der Autofahrer, die auf diese Weise ordentlich entschleunigt wurden. Die Leute sahen den Künstler wie einen Irrsinnigen an. Aber es ist wirklich die Frage, wer hier irrsinniger ist, die Menschen, die durch ihren Alltag hasten, oder dieser Künstler, der das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet: Schaffung eines Kunstwerks und körperliche Betätigung an der frischen Luft (naja, nicht wirklich frisch).
Einige Male war ich versucht, selbst eine kleine Performance zu geben. An einer Stelle lagen auf kleinen Holzvorsprüngen Kuchenstücke herum. Ich stubste eins an, um herauszufinden, ob es echt, und wenn ja, ob es frisch sei. Es war echt, aber nicht mehr ganz so frisch. „Nicht anfassen“, wurde ich sofort von einer der allgegenwärtigen Aufsichtskräfte ermahnt. Was wäre wohl passiert, wenn ich mir hastig ein solches Stück Kuchen in den Mund gestopft und auf „Nicht anfassen!“ mit vollem Mund kauend geantwortet hätte: „Tschu schpät“? Leider hatten wir keine Videokamera dabei, um diese Performance zu filmen und der Documenta XIII als erstes neues Ausstellungsstück zur Verfügung zu stellen, so ließen wir es also sein und mischten uns mit ernsten Mienen wieder unter die übrigen Besucher.
Die Documenta ist nicht auf das Fridericianum beschränkt, sondern verteilt sich über mehrere Orte in Kassel. Auf der Willhelmshöhe zum Beispiel werden die Räume des dortigen Museums genutzt. Dort habe ich folgendes Bild aufgenommen, dass sich in besserer Qualität, aber gleicher Idee, auch im Katalog findet:

Auf der linken Seite zwei moderne Kunstwerke. Dort sind ein paar farbige Plastikstreifen, einmal ordentlich und einmal unordentlich auf einem weißen Blatt Papier aufgeklebt. Auf der rechten Seite ein klassisches Gemälde, bei dem sich der Künstler sicherlich große Mühe gegeben hat, die Landschaft möglichst detailgetreu „abzumalen“. Klassik und Moderne. In Erinnerung auch die Idee eines Künstlers, der, um einen Beitrag für die Documenta gebeten, seine 40 Jahre alten Kinderzeichnungen herausgekramt und ausgestellt hat. Ich bin im selben Jahr geboren, aber meine Kinderbilder sind alle weg, die Karriere als großer Künstler bleibt mir also leider für immer verwehrt.
Es gibt auch Werke im Grenzbereich zwischen Kunst und Handwerk. Das sind die, denen man einige praktische Anregungen für das eigene Schaffen entnehmen kann. Ein Beispiel:

Hier hat der Schöpfer ein paar Fotografien zu einer Art Panoramabild zusammengeklebt und in dieses Patchwork einen Sonnenschirm eingezeichnet. Möchte man selbst ein handwerklich gutes Panoramabild machen, muss man die Kamera auf ein Stativ stellen, sorgfältig die Belichtungszeit und den Zeitpunkt der Aufnahme wählen, damit die Software hinterher wenig Mühe hat, die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Bildern auszuwerten und auszunutzen. Möchte man hingegen ein Kunstwerk schaffen, dann spielen diese langweiligen technischen Aspekte keine Rolle. Man knipse drauflos, klebe das Ganze zusammen und male das Fehlende später hinein. Trau dich, zukünftiger Künstler!
Mit der Zeit saßen wir, fußmüde, immer häufiger auf den Stühlen, von denen es augenscheinlich sehr viele gab, und die in allen Ausstellungsgebäuden an den verschiedensten Stellen standen, manchmal allein, manchmal im Viereck, durch eine farbige Markierung vom Rest des Raumes getrennt, und philosophierten über Kunst. Meine Adhoc-Definition: „Kunst darf keinen praktischen Gebrauchswert haben und muss im Gedächtnis bleiben.“ Das vermeidet, Kunst an ein Gefallen oder Nichtgefallen zu knüpfen, stellt keinerlei Forderungen an die Nützlichkeit der Werke und trifft keinerlei moralische oder sonstige Wertung des Künstlers. Auch wenn man sich ordentlich über „den Mist“ aufregt, ist diese Definition erfüllt.
Nachdem ich mich also des langen und breiten über diese meine Definition von Kunst ausgelassen hatte, sagte ich: „Und darum können diese Stühle, auf denen wir gerade sitzen, keine Kunst sein. Wäre es Kunst, könnte man nicht so gut darauf sitzen, sondern würde Rückenschmerzen bekommen. Wahre Kunst fordert Opfer von uns allen!“ Und jetzt muss ich leider bekennen, dass ich mich damit geirrt habe, die Stühle waren doch Kunst! Bei ihnen handelt es sich um 1001 restaurierte Holzstühle aus der Qing-Dynastie (1644-1911). Deshalb: Mein Lieblingskunstwerk der Documenta XII über zeitgenössische Kunst sind die chinesischen Stühle aus den vergangenen 400 Jahren.

Kategorie: Reiseberichte
Überhaupt finde ich das Übermaß an Performancen, Videos und anderen vergänglichen Objekten beunruhigend. Was bleibt von unserer Zeit, wenn man den Strom abschaltet? Große Ideen, die hinter einigen Kunstwerken stehen, werden sicher überdauern, auch wenn die Werke selbst verschwunden sind, weil sie in Bildbänden und in Gesprächen tradiert werden, aber die vielen Videos werden als ein zäher Brei im Kopf mit denjenigen, die diese Bilder ertragen mussten, endgültig aus der Welt verschwinden. Wegen der Enttäuschung bei der letzten Documenta hatten wir relativ lange gewartet, welche Reaktionen die diesjährige Ausstellung hervorrufen würde. Bei einem ähnlichen Medienecho wie bei der vorigen wären wir gar nicht erst hingefahren.
Ok, gestern waren wir also dort und begaben uns auf die Suche nach „unserem“ Kunstwerk, der folgende Bericht eine typische Variante des blogistischen Stöckchenwerfens. Im Fridericianum das erste Kunstwerk, das der Besucher nach dem Aufstieg über die Treppe sieht – eine Performance.

Ein Gestell, in das ein Netz aus Seilen geknüpft ist, in das wiederum alte Kleiderlumpen eingewebt sind. Die Künstler dazwischen als eine Art Faultiere hängend. Von Zeit zu Zeit sich zur nächsten Netzmasche hangelnd, um dort wieder zu erstarren. Im Kreise herum, die Künstler angaffend, wie man das im Zoo mit den echten Faultieren ja auch macht, das ernst dreinschauende, kunstbeflissene, fotografierende und filmende Publikum. Dann im Fridericianum eine Unzahl von Fotografien, die mich schon befürchten ließen, dieses hier

müsse in diesem Jahr „mein Kunstwerk“ werden.
Aber es gibt doch Installationen, deren Idee sich einem sofort erschließt, ohne dass man sich dazu von einem Führer durch die Ausstellung ziehen lassen muss, der seinem ahnungslosen Publikum erklärt, was es da hineinzuinterpretieren hat. In Erinnerung geblieben ist mir zum Beispiel ein Film, in dem ein Chinese(?) eine Mauer (aber nicht die chinesische!) von einer Seite der Straße zur anderen transportiert.

Dazu hatte er die Steine (vielleicht 50 Stück, 5 nebeneinander, 10 übereinander) am Straßenrand quer zur Straße zu einer kleinen Mauer aufgebaut. Dann nahm er den obersten Stein der letzten Reihe, trug ihn zur anderen Seite seiner Mauer, setzte ihn dort neben die erste Reihe seiner Mauer, um einen neuen Stapel zu beginnen. Dann ging er wieder zur anderen Seite, um den nächsten Stein zu holen. Ich schätze, für das Überqueren der vollbefahrenen Straße wird er so wohl eine gute Stunde benötigt haben, sehr zum Verdruss der Autofahrer, die auf diese Weise ordentlich entschleunigt wurden. Die Leute sahen den Künstler wie einen Irrsinnigen an. Aber es ist wirklich die Frage, wer hier irrsinniger ist, die Menschen, die durch ihren Alltag hasten, oder dieser Künstler, der das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet: Schaffung eines Kunstwerks und körperliche Betätigung an der frischen Luft (naja, nicht wirklich frisch).
Einige Male war ich versucht, selbst eine kleine Performance zu geben. An einer Stelle lagen auf kleinen Holzvorsprüngen Kuchenstücke herum. Ich stubste eins an, um herauszufinden, ob es echt, und wenn ja, ob es frisch sei. Es war echt, aber nicht mehr ganz so frisch. „Nicht anfassen“, wurde ich sofort von einer der allgegenwärtigen Aufsichtskräfte ermahnt. Was wäre wohl passiert, wenn ich mir hastig ein solches Stück Kuchen in den Mund gestopft und auf „Nicht anfassen!“ mit vollem Mund kauend geantwortet hätte: „Tschu schpät“? Leider hatten wir keine Videokamera dabei, um diese Performance zu filmen und der Documenta XIII als erstes neues Ausstellungsstück zur Verfügung zu stellen, so ließen wir es also sein und mischten uns mit ernsten Mienen wieder unter die übrigen Besucher.
Die Documenta ist nicht auf das Fridericianum beschränkt, sondern verteilt sich über mehrere Orte in Kassel. Auf der Willhelmshöhe zum Beispiel werden die Räume des dortigen Museums genutzt. Dort habe ich folgendes Bild aufgenommen, dass sich in besserer Qualität, aber gleicher Idee, auch im Katalog findet:

Auf der linken Seite zwei moderne Kunstwerke. Dort sind ein paar farbige Plastikstreifen, einmal ordentlich und einmal unordentlich auf einem weißen Blatt Papier aufgeklebt. Auf der rechten Seite ein klassisches Gemälde, bei dem sich der Künstler sicherlich große Mühe gegeben hat, die Landschaft möglichst detailgetreu „abzumalen“. Klassik und Moderne. In Erinnerung auch die Idee eines Künstlers, der, um einen Beitrag für die Documenta gebeten, seine 40 Jahre alten Kinderzeichnungen herausgekramt und ausgestellt hat. Ich bin im selben Jahr geboren, aber meine Kinderbilder sind alle weg, die Karriere als großer Künstler bleibt mir also leider für immer verwehrt.
Es gibt auch Werke im Grenzbereich zwischen Kunst und Handwerk. Das sind die, denen man einige praktische Anregungen für das eigene Schaffen entnehmen kann. Ein Beispiel:

Hier hat der Schöpfer ein paar Fotografien zu einer Art Panoramabild zusammengeklebt und in dieses Patchwork einen Sonnenschirm eingezeichnet. Möchte man selbst ein handwerklich gutes Panoramabild machen, muss man die Kamera auf ein Stativ stellen, sorgfältig die Belichtungszeit und den Zeitpunkt der Aufnahme wählen, damit die Software hinterher wenig Mühe hat, die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Bildern auszuwerten und auszunutzen. Möchte man hingegen ein Kunstwerk schaffen, dann spielen diese langweiligen technischen Aspekte keine Rolle. Man knipse drauflos, klebe das Ganze zusammen und male das Fehlende später hinein. Trau dich, zukünftiger Künstler!
Mit der Zeit saßen wir, fußmüde, immer häufiger auf den Stühlen, von denen es augenscheinlich sehr viele gab, und die in allen Ausstellungsgebäuden an den verschiedensten Stellen standen, manchmal allein, manchmal im Viereck, durch eine farbige Markierung vom Rest des Raumes getrennt, und philosophierten über Kunst. Meine Adhoc-Definition: „Kunst darf keinen praktischen Gebrauchswert haben und muss im Gedächtnis bleiben.“ Das vermeidet, Kunst an ein Gefallen oder Nichtgefallen zu knüpfen, stellt keinerlei Forderungen an die Nützlichkeit der Werke und trifft keinerlei moralische oder sonstige Wertung des Künstlers. Auch wenn man sich ordentlich über „den Mist“ aufregt, ist diese Definition erfüllt.
Nachdem ich mich also des langen und breiten über diese meine Definition von Kunst ausgelassen hatte, sagte ich: „Und darum können diese Stühle, auf denen wir gerade sitzen, keine Kunst sein. Wäre es Kunst, könnte man nicht so gut darauf sitzen, sondern würde Rückenschmerzen bekommen. Wahre Kunst fordert Opfer von uns allen!“ Und jetzt muss ich leider bekennen, dass ich mich damit geirrt habe, die Stühle waren doch Kunst! Bei ihnen handelt es sich um 1001 restaurierte Holzstühle aus der Qing-Dynastie (1644-1911). Deshalb: Mein Lieblingskunstwerk der Documenta XII über zeitgenössische Kunst sind die chinesischen Stühle aus den vergangenen 400 Jahren.

Kategorie: Reiseberichte
Sonntag, 19.August 2007





Hm.
Ich habe nicht zuletzt nach Deinem Bericht das Gefühl, nicht viel zu verpassen, und es wäre vermutlich besser, stattdessen lieber etwas zu lesen.
In der fast
Die ursprüngliche Intention der Dokumenta-Macher (Noack und Bürgel) soll ja gewesen sein, den Besucher möglichst wenig Vorab-Informationen zu geben, um eben das Kunsterlebnis möglichst ungefiltert zu ermöglichen. Nach der teilweise verheerenden Kritik in den Feuilletons ist man wohl zur Kurskorrektur gezwungen worden. Ich habe jetzt gelesen, dass an den Kunstwerken verstärkt Täfelchen angebracht werden...