Herr Köppnick und seine Aktien
Mitten in der Nacht schreckte Köppnick auf. Am Abend hatte er noch in den Nachrichten die Turbulenzen an der Börse verfolgt, faule Kredite trieben überall auf dem Erdball viele Menschen zur Verzweiflung. So richtig hatte er auch nach fast 20 Jahren im Westen nicht begriffen, wie und warum Aktien funktionieren sollten. Zwar besaß er inzwischen eine Menge davon, weil er gesehen hatte, dass man diese kaufen und einige Zeit später zu einem höheren Preis wieder verkaufen konnte, aber warum das funktioniert, war ihm ein Rätsel geblieben. Aber er wollte, genau wie Millionen seiner Mitbürger, einfach daran glauben, das alles so gut und richtig war und seine Ordnung hatte.
Also eine Firma geht an die Börse, grübelte er, im Halbdunkel an die Zimmerdecke starrend, wichtig dabei war, dass sie eine gute Story bot. Logisch, bei Büchern wurde der Preis ja auch durch die Attraktivität der darin erzählten Geschichte bestimmt. Mit einer guten Story erzielte man für die Aktien einen Preis, der viel höher als der Wert der Grundstücke, der darauf stehenden Gebäuden und den sich wiederum darin befindlichen Maschinen der zu verkaufenden Firma war. Das ist schon in Ordnung, sagte er sich, in vielen Fällen wird das eingenommene Geld für Investitionen ausgegeben, dann ist der Gegenwert ja da, oder es werden neue Yachten, Swimmingpools oder Schaukelpferde gekauft.
Viele von Köppnicks Aktien liefen gut, jährlich wurde ihm eine Dividende ausgezahlt. Dann war er immer sehr erleichtert, hatte er so doch einen Teil seines Kaufpreises zurück. Noch mehr aber war er an steigenden Kursen seiner Aktien interessiert – also daran, dass sich immer wieder ein anderer fand, der ihm die bunt bedruckten Stücke Papier wieder abkaufen wollte. Aber, ob es tatsächlich solche Papiere gab, wusste er gar nicht so genau, fiel ihm beunruhigend ein, befanden sich doch die meisten seiner Aktien in der Sammelverwahrung, ein Wort, dass er sonst nur aus dem Fundbüro kannte, in dem löchrige Regenschirme einträchtig neben schimmligen Reisekoffern, die niemand abgeholt hatte, standen.
Manchmal wurde auch aus dem Verhältnis zwischen dem Verkaufspreis einer Aktie und ihrer Dividende ein Quotient gebildet, dachte er, das sogenannte Kursgewinnverhältnis, aber eine richtige Aussagekraft hatte diese Zahl wohl nicht. Denn als jung und dynamisch geltende Firmen zahlten häufig überhaupt keine Dividende, sondern waren meist besonders gut in der Disziplin, die man als das „Verbrennen von Geld“ bezeichnete. Diese Firmen übten auf die Anleger eine unheimliche Faszination aus, so wie Motten ja auch vom lodernden Lichtschein eines Feuers und der aufsteigenden heißen Luft magisch angezogen wurden. Firmen, die Jahr für Jahr eine kleine, aber stabile Dividende zahlten, galten hingegen als langweilig. „Da ist keine Fantasie drin“, riet ihm sein Anlageberater vom Kauf solcher Papiere ab.
Aber am mysteriösesten waren ihm die gelegentlichen Börsencrashs geblieben und ließen ihn, wie auch jetzt, an seinem Verstand zweifeln. In den Abendnachrichten hatte ein seriös gekleideter und ernst dreinschauender Reporter fast in die Kamera geweint: „Heute wurden in kurzer Zeit riesige Werte vernichtet.“ Köppnick erschien das sehr seltsam, er konnte nicht begreifen, was da passiert sein sollte. In seinem Land herrschte seit langem kein Krieg, alle Grundstücke und Gebäude waren unversehrt, die Maschinen liefen und die Beschäftigten sahen ziemlich gesund aus.
Trotzdem sollten nach dem heutigen Crash die bunt bedruckten Papierschnipsel, auf denen unglaublich große Zahlen standen, an deren Bedeutung alle seine Mitbürger ganz fest glaubten, und die Herr Köppnick noch niemals gesehen hatte, auf einmal viel weniger wert sein. So funktioniert also der Kapitalismus, dachte er. Aber Köppnick wäre nicht Köppnick gewesen, wenn er nicht auch in dieser Situation seinen gesunden Optimismus behalten hätte. Natürlich ist das alles viel logischer und effizienter als es der Sozialismus mit seiner Planwirtschaft jemals war, dachte er und schlief bald darauf wieder ein.
Kategorie: Köppnicks Welt
Also eine Firma geht an die Börse, grübelte er, im Halbdunkel an die Zimmerdecke starrend, wichtig dabei war, dass sie eine gute Story bot. Logisch, bei Büchern wurde der Preis ja auch durch die Attraktivität der darin erzählten Geschichte bestimmt. Mit einer guten Story erzielte man für die Aktien einen Preis, der viel höher als der Wert der Grundstücke, der darauf stehenden Gebäuden und den sich wiederum darin befindlichen Maschinen der zu verkaufenden Firma war. Das ist schon in Ordnung, sagte er sich, in vielen Fällen wird das eingenommene Geld für Investitionen ausgegeben, dann ist der Gegenwert ja da, oder es werden neue Yachten, Swimmingpools oder Schaukelpferde gekauft.
Viele von Köppnicks Aktien liefen gut, jährlich wurde ihm eine Dividende ausgezahlt. Dann war er immer sehr erleichtert, hatte er so doch einen Teil seines Kaufpreises zurück. Noch mehr aber war er an steigenden Kursen seiner Aktien interessiert – also daran, dass sich immer wieder ein anderer fand, der ihm die bunt bedruckten Stücke Papier wieder abkaufen wollte. Aber, ob es tatsächlich solche Papiere gab, wusste er gar nicht so genau, fiel ihm beunruhigend ein, befanden sich doch die meisten seiner Aktien in der Sammelverwahrung, ein Wort, dass er sonst nur aus dem Fundbüro kannte, in dem löchrige Regenschirme einträchtig neben schimmligen Reisekoffern, die niemand abgeholt hatte, standen.
Manchmal wurde auch aus dem Verhältnis zwischen dem Verkaufspreis einer Aktie und ihrer Dividende ein Quotient gebildet, dachte er, das sogenannte Kursgewinnverhältnis, aber eine richtige Aussagekraft hatte diese Zahl wohl nicht. Denn als jung und dynamisch geltende Firmen zahlten häufig überhaupt keine Dividende, sondern waren meist besonders gut in der Disziplin, die man als das „Verbrennen von Geld“ bezeichnete. Diese Firmen übten auf die Anleger eine unheimliche Faszination aus, so wie Motten ja auch vom lodernden Lichtschein eines Feuers und der aufsteigenden heißen Luft magisch angezogen wurden. Firmen, die Jahr für Jahr eine kleine, aber stabile Dividende zahlten, galten hingegen als langweilig. „Da ist keine Fantasie drin“, riet ihm sein Anlageberater vom Kauf solcher Papiere ab.
Aber am mysteriösesten waren ihm die gelegentlichen Börsencrashs geblieben und ließen ihn, wie auch jetzt, an seinem Verstand zweifeln. In den Abendnachrichten hatte ein seriös gekleideter und ernst dreinschauender Reporter fast in die Kamera geweint: „Heute wurden in kurzer Zeit riesige Werte vernichtet.“ Köppnick erschien das sehr seltsam, er konnte nicht begreifen, was da passiert sein sollte. In seinem Land herrschte seit langem kein Krieg, alle Grundstücke und Gebäude waren unversehrt, die Maschinen liefen und die Beschäftigten sahen ziemlich gesund aus.
Trotzdem sollten nach dem heutigen Crash die bunt bedruckten Papierschnipsel, auf denen unglaublich große Zahlen standen, an deren Bedeutung alle seine Mitbürger ganz fest glaubten, und die Herr Köppnick noch niemals gesehen hatte, auf einmal viel weniger wert sein. So funktioniert also der Kapitalismus, dachte er. Aber Köppnick wäre nicht Köppnick gewesen, wenn er nicht auch in dieser Situation seinen gesunden Optimismus behalten hätte. Natürlich ist das alles viel logischer und effizienter als es der Sozialismus mit seiner Planwirtschaft jemals war, dachte er und schlief bald darauf wieder ein.
Kategorie: Köppnicks Welt
Freitag, 17.August 2007




