Ein guter Tag ist ein Tag mit Snickers

Kurz vor dem Zubettgehen hatte Köppnick den Fernseher eingeschaltet, die Dopingberichte waren überaus spannend. Gegen Ende der Nachrichten wurde eine Sendung über hochbegabte Autisten angekündigt, ein Thema, das Köppnick schon seit langem interessierte. Seufzend sah er auf die Uhr. Die Sendung würde seinen Nachtschlaf um mindestens 16 Minuten verkürzen. Aber das war es ihm wert. Am faszinierendsten war in dem Bericht der Teil über eine junge Frau, Nicole Schuster. „Ein guter Tag ist ein Tag mit Wirsing“, lautet der Titel eines Buches, das sie geschrieben hat. Zuvor hatte Köppnick noch gezweifelt, ob die Frau wirklich eine Hochbegabte mit Asperger-Syndrom ist, der Anblick des Buches zerstreute seine Zweifel. Die gelblich-grüne Farbe des Einbands, der seltsame Titel und die Strichmännchengesichter, so ähnlich wie sie in IQ-Tests im Abschnitt über visuelle Intelligenz verwendet werden, das war eindeutig.

Später lag er dann im Bett und konnte nicht einschlafen. Die Frau hatte ihre Situation intellektuell hervorragend reflektiert, sogar ein Buch darüber geschrieben. Aber sie konnte an diesen ihren Eigenschaften nichts ändern, ein guter Tag war ein Tag mit Wirsing. Jeden Tag stand sie um 5:04 auf, ging hinunter in die Küche, um den alltäglichen Wirsing für das Mittagessen zuzubereiten. Köppnick war erleichtert. Nein, du bist kein Autist, sprach er zu sich selbst, der einzige Autist in deinem Haushalt ist dein Radiowecker. Jeden Tag klingelte er um 6:30, obwohl er doch langsam gemerkt haben müsste, dass du immer um 6:20 aufstehst, 10 Minuten später schon unter der Dusche stehst und ihm deshalb niemals die benötigte Aufmerksamkeit widmen kannst.

Am nächsten Morgen vor dem Spiegel setzte er sein Selbstgespräch fort. Es gibt ja kluge Leute, die sich für die Evolution des Menschen oder den Urknall oder sonst etwas interessieren. Seiner Meinung nach alles minder spannende Themen. Aber die Theorie, dass Protonen eine Halbwertszeit von 10 hoch 44 Jahren haben. Köppnick, der in diesem Jahr 45 geworden war, musterte sein Antlitz kritisch im Spiegel, konnte aber dort keinen Beweis für den unvermeidlichen Zerfall aller Protonen finden.

Nach dem Frühstück fuhr er mit dem Fahrrad auf Arbeit. Er hatte vor etwa einem halben Jahr alle Wege, mit gleicher Geschwindigkeit fahrend, ausgemessen. Dieser war eindeutig der kürzeste, etwa 27 Sekunden schneller als der zweitbeste. An einer kritischen Stelle war er allerdings schon zweimal gestürzt, mit dem Lenker an einem Geländer hängenbleibend. Aber 27 Sekunden sind 27 Sekunden. Wenn man berücksichtigte, dass man nach dem Hinfallen etwa 90 Sekunden braucht, bis man seine Fahrt fortsetzen kann, hatte man die versäumte Zeit schon beim vierten erfolgreichen Passieren dieser schwierigen Stelle gutgemacht.

Auch an seinem Schreibtisch sitzend, konnte er die gestrige Fernsehsendung noch nicht vergessen. Bei Amazon war das Buch vergriffen, ob er vielleicht in der Hoschschulbibliothek vorbeischauen sollte? In der Küche holte er sich einen Kaffee, in den er, wie immer, genau 4 Stücke Zucker plumpsen lies. „Merkwürdige Angewohnheit das“, dachte er, „zu Hause nimmst du doch überhaupt keinen Zucker.“ Während er noch mit dem Löffel in der Tasse klimperte, betrat sein Kollege den Raum. Missmutig musterte er Köppnicks gelblich-grüne Jacke, die dieser, wie jeden Tag, einfach über die Stuhllehne gehängt hatte. „Du könntest dein Rad ruhig wie alle in den Fahrradständer stellen“, sagte er vorwurfsvoll, „und wozu haben wir eigentlich einen Kleiderschrank in unserem Büro? Du bist ein echter Querulant!“, schloss er die Begrüßung ab.

Köppnick war verblüfft, das machte er doch immer so, das Fahrrad neben den Ständer, die Jacke auf die Lehne, die Schuhe neben den Stuhl. Um Zeit zu gewinnen, wiederholte er ein paar Wörter aus dem soeben gehörten, „Fahradständer, Jacke, Kleiderschrank, Querulant“, und versuchte die Situation intellektuell zu erfassen. Nach einem Blick auf die Uhr hellte sich seine Miene auf. „Du bist spät dran heute“, sagte er, mit sich selbst zufrieden, weil er jetzt glaubte, seinen Kollegen verstanden zu haben, „ist was mit deinen Kindern?“ Die Stirn runzelnd, antwortete dieser: „Mein Großer hat heute vielleicht getrödelt. Er wollte unbedingt Müsli essen. Da haben wir uns halt nochmals ausgezogen, hingesetzt und Müsli gegessen.“

Zum Mittagessen gingen sie in die Mensa. Eigentlich aß Köppnick jeden Tag einen Salat, dazu immer einen Snickers. Im Foyer der Mensa gab es einen Automaten, bei dem man sich nach dem Einwerfen eines passenden Geldstücks unter Eintippen einer Zahl einen Snack heraussuchen konnte. Snickers: Nummer 42, wirklich! Heute war das Fach mit der Nummer 42 leer. Köppnick war erbost und konnte sich nur mit Mühe davon abhalten, Flüche auszustoßen oder gegen den Automaten zu treten. Doch rechtzeitig genug war ihm eingefallen, dass es seine geliebten Snickers auch in einem Regal neben der Kasse gab.

Nach dem Essen steckte Köppnick seinen Snickers in die linke Brusttasche seines Hemdes. Niemals wäre es ihm eingefallen, ihn gleich jetzt, in der Mensa, im Beisein aller seiner Kollegen zu essen. Sein Snickers hatte etwas besseres verdient. Später dann, wieder vor dem Monitor sitzend, es hatte den nächsten Dopingfall gegeben, holte Köppnick ihn aus seiner Tasche und riss vorsichtig das Papier ein. Der Riegel war klebrig, wohl durch die Wärme in der Brusttasche. Nachdem er etwas daran geschnuppert hatte, biss er vorsichtig eine erste kleine Ecke ab. Mmh. Ein guter Tag ist ein Tag mit Snickers, dachte Köppnick, als er sich wieder seiner Arbeit zuwandte.

Kategorie: Köppnicks Welt
Gregor Keuschnig - 26. Juli, 07:58

Ich fand

den 16jährigen Jungen mit seinem scheinbar "absoluten Gehör" wesentlich interessanter. Was wohl aus dem irgendwann einmal werden wird? Oder: Was aus ihm (leider!) nicht werden wird?

Hinsichtlich der Frau mit dem Wirsing befürchte ich, dass sie infolge der einseitigen Ernährung irgendwann gesundheitliche Defizite davontragen dürfte. Jeden Tag Wirsing ist vermutlich ungesund. Sie sollte der so quälend empfundenen Unterbrechung dieses Tagesrhythmus (durch ihr Studium) dankbar sein. Obwohl ich nicht weiss, wie das Essen in der Mensa der Düsseldorfer Universität ist.

Köppnick - 29. Juli, 21:54

Ein absolutes Gehör kann es nicht bloß scheinbar, sondern tatsächlich geben. Die vom Gehör empfundenen Frequenzen hängen ja von der Lage und der Länge der einzelnen Sinneshärchen ab, und dies sind feste Größen. Demgegenüber entstehen Farbeindrücke beim Sehen durch die Zu- und Abnahme chemischer Substanzen in den lichtempfindlichen Zellen und sind deshalb vom zuvor aufgenommenen Licht abhängig. Ein absolutes Gesicht kann es also nicht geben. Erstaunlich ist also nicht das absolute Gehör dieses Jungen, sondern vielmehr, dass viele Musiker kein absolutes Gehör besitzen, sondern eine Stimmgabel o.ä. benötigen.

Bei dem Bericht über den Jungen fiel mir das Buch über die Hochbegabten wieder ein, über das ich vor kurzem geschrieben habe. Die Autorin dort hatte kritisiert, dass man bei den musikalisch begabten Autisten von "Inselbegabungen" spricht, weil ihre musikalische Begabung ja ein weites Spektrum von Fähigkeiten umfasst - von den Sinnen, über die kognitive Verarbeitung bis zur Motorik der Wiedergabe. Aber ein selbstständiges Leben wird dieser Junge wohl trotzdem niemals führen.

Im Gegensatz zu ihm waren der Mann und die Frau ja nahezu normal. Die Grenzen von einer "normalen" Hochbegabung zu hochbegabten Aspis sind fließend, und für diese Reportage hat man ganz offenbar diese beiden gut fernsehtauglichen Akademiker gefunden. Aber jedenfalls gut, dass man nicht zum nten Mal Kimputer recycled hat.
Mirja (anonym) - 26. Juli, 16:26

Bücher

Erinnert mich an "Supergute Tage" von Mark Haddon und an einige Absätze aus "Die letzten ihrer Art" von Douglas Adams, wo er über sich selbst erzählt. Falls du sie noch nicht kennst, seien sie hiermit empfohlen.

Köppnick - 29. Juli, 22:00

Ich wusste gar nicht, dass Douglas Adams außer seinen Anhaltergeschichten auch solche ganz anderen Dinge geschrieben hat. Zu seiner Anhalterprosa finde ich keinen Zugang, obwohl ich ansonsten ja sowohl SF mag als auch einen Humor abseits des Mainstreams habe. Aber soviel habe ich jedenfalls von ihm gelernt: Wenn ich im Weltraum bin, habe ich immer mein Handtuch dabei.
Matthias Gerhards - 1. August, 14:06

Einer schöner Text über Wirsing, Snickers und das Leben insgesamt.

steppenhund - 9. August, 02:23

Ein schöner Text.
Ich habe ja die Sendung nicht gesehen. Doch absolutes Gehör hat absolut nichts mit Autismus zu tun. Auch nicht mit Hochbegabung. Es kann sogar antrainiert werden, wenn man es unbedingt will.
Es hat auch nichts mit Musikalität zu tun, habe ich mir sagen lassen.
Praktisch wäre es manchmal - das gebe ich zu:)

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Kommentare hier ...

In einem Binärbaum ist die Suchdauer...
Köppnick - 13. Mai, 12:19
Ein wesentlicher Vorteil ist da noch gar...
steppenhund - 12. Mai, 21:17
Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29