Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten
Das Buch steht im absoluten Gegensatz zum Film Die Insel, in dem es ebenfalls um die Züchtung von geklonten Menschen zum Zweck der Organspende, des Ausschlachtens geht. Während dort die Klone ahnungslos in einer Scheinwelt aufwachsen, beim Erkennen der ihnen zugedachten Rolle revoltieren und (zumindest die beiden Haupthelden) am Ende überleben, ist es im Buch anders. Heilsham ist ein Internat, in dem scheinbar ganz normale Kinder aufwachsen, eine gute Schulbildung erhalten, sich in Kunst üben und die gewohnten Problemchen Aufwachsender haben: Streits, Freundschaften, Geheimnisse, Liebe. Aber relativ schnell wird ihnen und dem Leser deutlich gemacht, dass sie Klone sind, die zum Zweck des „Spendens“ aufgezogen werden. Doch niemand revoltiert, es ist alles selbstverständlich.
Wenn ihr ein einigermaßen anständiges Leben führen wollt, müsst ihr Bescheid wissen. Niemand von euch wird nach Amerika gehen, niemand von euch ein Filmstar. Und niemand von euch wird im Supermarkt arbeiten, wie es ein paar von euch neulich ausgemalt haben. Euer Leben ist vorgezeichnet. Ihr werdet erwachsen, und bevor ihr überhaupt in die mittleren Jahre kommt, werdet ihr nach und nach eure lebenswichtigen Organe spenden. ... Ihr seid zu einem Zweck auf die Welt gekommen, und über eure Zukunft ist entschieden, für jeden und jede von euch. ... Bald werdet ihr Heilsham verlassen, und der Tag ist nicht mehr so fern, an dem ihr euch auf die ersten Spenden vorbereiten werdet.Das Buch wird von Kathy in Ichform erzählt, die nach dem Verlassen des Internats als „Betreuerin“ arbeitet. So werden diejenigen bezeichnet, die die „Spender“ betreuen, bis diese „abschließen“. Danach werden die Betreuer selbst zu Spendern. Kathy betreut unter anderem ihre engste Freundin Ruth und ihren eigenen Geliebten Tommy. Die drei kennen sich aus Heilsham, sie sind dort zusammen aufgewachsen.
Im Buch wird nicht beschrieben, wodurch sich die Klone von „echten“ Menschen unterscheiden, man erfährt nur, dass sie keine Kinder bekommen können. Eine Galeristin vermutet sogar, sie seien Kunststudenten. Sie können sich im ganzen Land frei bewegen, fahren Auto, leben zusammen, usw. Wäre nicht die Ungeheuerlichkeit ihrer geplanten Verwendung, das Buch wäre die Schilderung des alltäglichen Lebens ganz gewöhnlicher Menschen. Aber genau diese Verknüpfung macht das Geschehen für uns so unerträglich. Wir können uns eine solche Welt nicht vorstellen.
Im Perlentaucher findet man Kurzfassungen der Rezensionen der Frankfurter Rundschau, der Süddeutschen, der Zeit und aus der FAZ. Alle kommen zu ähnlichen Eindrücken wie ich. In krassem Gegensatz dazu stehen einige Leserrezensionen bei Amazon. Offensichtlich haben einige Leser dort nicht verstanden, dass genau diese Verknüpfung von Ungeheuerlichem und Normalem das Buch so eindrücklich macht. Diese Leser fanden den Film „Die Insel“ zum selben Thema sicherlich besser.
Kategorie: Bücher, Filme
Dienstag, 24.Juli 2007





Beeindruckend
Glaubwürdig, im Sinne "harter" Science Fiction oder der als Vergleich herangezogenen Sozial-Dystropien von Huxley und Orwell, ist das Szenario von "Alles, was wir geben müssen", übrigens nicht.
Auch "die Insel" ist so gesehen unglaubwürdig - sie entspricht aber eher dem, was wir gewohnt sind. Sie stellt unsere Verhaltensmuster nicht infrage.
Ich vermute, dass "Alles was wir geben müssen" die Fragen stellt, die "die Insel" vermissen lässt. Danke für den Buchtipp!
Gegen Ende des Buchs besuchen Kathy und Tommy zwei ehemalige Lehrerinnen / Wärterinnen von Heilsham. Von diesem Besuch erhoffen sie sich lediglich für sich einen Aufschub, weil sie sich lieben. Die Lehrerinnen hingegen erwarten Dankbarkeit von ihren ehemaligen Schützlingen, weil diese es in Heilsham viel besser hatten als in anderen Stätten für Klone.
Heilsham ist übrigens zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossen. Nicht weil die Züchtung von Organspendern inzwischen als unmoralisch betrachtet wird, sondern weil es an anderer Stelle zu Versuchen gekommen ist, genetisch verbesserte Menschen zu erzeugen. Man hält also die Klone jetzt generell unter schlechteren Bedingungen, weil die "normalen" Menschen Angst haben, sie selbst könnten evolutionär abgelöst werden.