Marlo Morgan: Traumfänger

Das Buch beginnt mit dem Abschnitt „Von der Autorin an den Leser“:
Dieses Buch basiert auf Tatsachen und ist von wahren Erfahrungen inspiriert. Wie Sie bald erkennen werden, hatte ich kein Notizbuch zur Hand. Verkauft wird dieses Buch jedoch als Roman, um den kleinen Aborigine-Stamm vor rechtlichen Schwierigkeiten zu schützen. Aus Rücksicht auf Freunde, die nicht erkannt werden wollen, habe ich mir die Freiheit genommen einige Details auszulassen.
So eingestimmt, beginnt man die Geschichte einer amerikanischen Ärztin zu lesen, die auf eine merkwürdige Weise von einem Aborigine-Stamm eingeladen wird ...
Er überreichte mir ein Stoffbündel. Als ich es öffnete, entpuppte es sich als eine Art Lumpen-Wickelkleid. Sie wiesen mich an, meine Kleider abzulegen und es anzuziehen. „Wie bitte?“ fragt ich ungläubig. „Ist das ihr Ernst?“
...
Ich erinnere mich, dass ich meinen Schmuck in die Spitze eines Schuhs stopfte. Und ich tat etwas, was jede Frau automatisch zu tun scheint, obwohl es uns sicher niemand so beigebracht hat: Ich nahm meine Unterwäsche und legte sie in die Mitte des Kleiderhaufens.
...
Während der bronzefarbene Mann mich zum Eingang geleitete, sah ich, wie die Frau mit dem Band im Haar meinen Kleiderhaufen nahm und ihn über die Flammen hielt. Sie sah mich an, lächelte, und während sich unsere Blicke trafen, lies sie die Schätze in ihren Händen los. Alles, was ich besaß, wurde ein Opfer der Flammen.
... und sich, ohne es richtig zu begreifen, auf einmal auf einer Wanderung durch das australische Outback befindet. Während des Lesens steigerte sich meine Verwirrung und gleichzeitig meine Faszination von Seite zu Seite:
Nachdem wir mehrere Stunden gewandert waren, sank der Älteste auf die Knie. Alle sammelten sich um ihn, während er mit ausgestreckten Armen und einer leicht schwankenden Bewegung in dieser knieenden Haltung verweilte. ... Schließlich wandte sich Ooota sich mir zu und erklärte, der junge Kundschafter hätte uns gerade eine Botschaft geschickt. Er bat um die Erlaubnis, einem Känguru, das er gerade erlagt hatte, den Schwanz abscheiden zu dürfen.
Langsam dämmerte mir, warum es immer so ruhig war, wenn wir wanderten. Diese Menschen verständigten sich die meiste Zeit lautlos mit Hilfe einer Art Telepathie. Jetzt hatte ich es mit eigenen Augen gesehen.
...
Telepathie – eigentlich ist es die Verständigungsart, die für uns alle völlig natürlich sein müsste. Wenn alle Menschen diese Form der Kopf-zu-Kopf-Unterhaltung nutzten, gäbe es keine verschiedenen Sprachen und Alphabete mehr, die die Verständigung untereinander erschweren. Aber in meiner Welt, wo die Leute ihre Arbeitgeber bestehlen, das Finanzamt betrügen und sich mit Seitensprüngen brüsten, würde sie wohl kaum funktionieren. Es würde wohl niemandem behagen, wenn man ihm im wahrsten Sinne des Wortes „in den Kopf“ blicken könnte. Wir müssen zu viele Enttäuschungen, zu viele Verletzungen und zuviel Bitterkeit verbergen.
Es gibt viele dieser Schilderungen im Buch – über den Umgang mit der Natur, die Heilung von Knochenbrüchen, die Suche nach Wasser, die Zwiesprache mit der Vergangenheit und den Entschluss der „wahren Menschen“, - so nennen sich die Aborigines im Buch im Gegensatz zu uns „veränderten Menschen“ - keine Kinder mehr in die Welt zu setzen und so die Welt zu verlassen, die einen in große Verwirrung stürzen. Schließlich hatte die Autorin einleitend davon geschrieben, dass es sich um wahre Begebenheiten handelt. Sollte Telepathie nur nicht mehr funktionieren, weil wir selbst zu schlechte Menschen sind?

Nach dem Lesen habe ich nach „Marlo Morgan“ gegoogelt. Und leider hat die Autorin „gelogen“, siehe den entsprechenden Eintrag in der Wikipedia: Marlo Morgan. Die „echten“ Aborigines haben deshalb auch verhindert, dass das Buch verfilmt wurde. Wie man aus anderen Links entnehmen kann, hat das Buch extreme emotionale Differenzen hervorgerufen: Die Ablehnenden sind vor allem auf der Seite derjenigen zu finden, die der Meinung sind, dass man die Aborigines als tatsächlich existierendes Volk nicht so verfälschen (und instrumentalisieren) darf. Die Befürworter finden offenbar viel von ihrem Unbehagen über den heutigen Zustand und ihre Träume von einer besseren Welt im Buch wieder.

Ich zähle mich eher zu den Letzteren. Das Buch hat mich auch an einen speziellen Typ von utopischer Literatur erinnert, die ich in meiner Jugend in großen Mengen verschlungen habe. - Also Morgans „Aborigines“ als eine Art Außerirdische, die mit ihrer Lebensweise und ihren Anschauungen nicht in unsere Welt passen, und die uns eine denkbare, aber wahrscheinlich unmögliche Alternative zu unserer Existenz vorleben.

Kategorie: Bücher

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Kommentare hier ...

Der Artikel über den Atheismus in der...
Köppnick - 19. August, 19:26
Es ist schon ein großer Unterschied...
Talakallea Thymon - 19. August, 13:09
Also der Satz, dass es irrelevant ist, dass...
steppenhund - 18. August, 14:37
Noch eine Ergänzung
Gregor Keuschnig - 18. August, 14:00
@beide
steppenhund - 18. August, 13:52
Mittelfristig ist Russland keine Grossmacht...
Gregor Keuschnig - 18. August, 10:13
Naja,
Gregor Keuschnig - 18. August, 09:21
Nachtrag
Köppnick - 17. August, 12:26
@Peter Viehrig
Köppnick - 16. August, 08:46
Ein paar Einsprüche
Peter Viehrig - 16. August, 07:41