Sokrates im Gespräch mit einem Ökonomen

Sokrates (S) war bekannt dafür, durch seine Kunst der Fragestellung aus seinen Gesprächspartnern die Erkenntnisse herauszukitzeln. Wie würde er wohl unsere Gesellschaft beurteilen, wenn er die Gelegenheit zum Disput mit einem heute lebenden Ökonomen (Ö) erhalten hätte?

Wirtschaftswachstum
Ö, fordernd: Wir brauchen in Deutschland wieder mehr Wirtschaftswachstum. Das schafft Arbeitsplätze, Wohlstand und Zufriedenheit für das ganze Volk!
S: Drei Prozent Wirtschaftswachstum, das ist doch, wenn man im vorigen Jahr 100 Autos gebaut hat, und es in diesem Jahr 103 werden?
Ö: Genau, und im darauffolgenden Jahr 106.
S, nachdenklich: Ähm, in einem Jahrhundert sind das dann schon 1922 Fahrzeuge pro Jahr, ich sehe da ein kleines Parkplatzproblem auf euch zukommen.
Ö: Nur keine Sorge, Deutschland ist Exportweltmeister.
S: Ja, aber die Anzahl der chinesischen Parkplätze soll auch nicht so riesig sein.
Ö: Man kann die 3% Wirtschaftswachstum auch mit einer Steigerung der Fahrtgeschwindigkeit der Autos erzielen.
S: Jetzt begreife ich, warum es auf deutschen Autobahnen kein Tempolimit gibt. Das wäre schlecht fürs Wirtschaftswachstum.
Ö: Du triffst den Punkt.
S, nachdenklich: Es dauert zwar noch ein Weilchen, aber irgendwann ist auch damit Schluss, denk doch mal an die erste kosmische Geschwindigkeit. Ein Tritt aufs Gaspedal - und hui - schon ist man ins Weltall abgedriftet.
Ö, etwas ärgerlich: Es gibt ja auch noch qualitatives Wachstum, schönere Autositze, Dolby-Surround-Radios, Klimaanlagen.
S, zweifelnd: Ja aber es muss doch alles mit 3% wachsen damit der Durchschnitt stimmt, auch die Wohnungsgröße, die Anzahl der Brötchen, der Heizungsenergieverbrauch. Ob man wegen dem vermehrten Putzen, Essen und Schwitzen noch genügend Zeit fürs Autofahren findet?
Ö, schulterzuckend: Alles halb so wild. Bis jetzt ging das immer gut. Ab und zu gab es auch mal einen kleinen Krieg. Damit schlug man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Es wurde Platz für neue Produkte geschaffen und überzählige Arbeitskräfte beseitigt. Darum lief die Wirtschaft in Nachkriegszeiten immer besonders gut.

Produktivitätssteigerung
S: Ich verstehe gar nicht, wieso wir eigentlich jedes Jahr mehr produzieren müssen?
Ö: Wegen der Produktivität, die steigt nämlich ständig.
S: Das ist mir nicht klar. Es ist doch schön, wenn wir weniger arbeiten müssen, um genauso viel produzieren zu können?
Ö: Das nützt den Menschen aber nichts, man entlässt sie, wenn man ihre Arbeitskraft nicht mehr benötigt.
S, begriffsstutzig: Das ist doch eigentlich nicht schlimm. Da die Produktionsmenge genauso groß wie im Vorjahr ist, gibt es genauso viel zu verteilen. Wenn es uns im Vorjahr gut ging, dann wird es uns doch in diesem Jahr deshalb nicht schlechter gehen?
Ö: So funktioniert das aber nicht, wer nicht arbeitet, der bekommt kein Geld. Und denk doch bloß an die Inflation, alles wird teurer, auch wenn sich die Waren nicht verändern!

Werbung
S: Das musst du mir mal erklären, wieso wird alles teurer, obwohl der Aufwand gleich geblieben ist?
Ö: Ganz einfach, wenn ein Produkt begehrt ist, dann erhöhen die Anbieter den Preis, im Schnitt etwa 2% im Jahr.
S, schulterzuckend: Na ja, wenn die Käufer so dumm sind und das bezahlen. Was ist mit den Produkten, die keiner kaufen will?
Ö: Für die startet man eine Werbekampagne.
S: Aber das kostet doch bestimmt viel Geld?
Ö: Natürlich.
S: Und wer bezahlt diese Werbung?
Ö: Die schlägt man auf den Preis der Waren drauf.
S: Aha, ich glaube, ich habe es verstanden. Die einen Dinge werden teurer, weil man sie gern kaufen will, die anderen werden teurer, weil man sie nicht gern kaufen will.
Ö: So ungefähr.

Inflation
S: Aber so ganz begreife ich den Sinn der Inflation noch nicht. Angenommen, sie beträgt wirklich 2%. Wenn ich dieses Jahr in meiner Hosentasche 100 Münzen habe, dann brauche ich nächstes Jahr schon 102, dann 104 usw. Meine Hose beult sich mit der Zeit immer mehr aus, und erst das viele schöne Edelmetall, das so verschwendet wird.
Ö: Wir benutzen heute Papier und drucken die Summe einfach drauf, die wir haben wollen.
S: Das hört sich irgendwie nach einem Schwindel an, außerdem werden irgendwann auch die Papierbündel in der Hose zu schwer.
Ö: Ich verrate dir den Trick: Von Zeit zu Zeit hängen wir einfach eine Null an die aufgedruckten Zahlen, dadurch wird das Bündel wieder leichter.
S: Trotzdem bin ich der Meinung, ohne Inflation würde es auch funktionieren.
Ö: Wenn du Produzent von Waren wärst, würdest du anders denken. Du kannst etwas produzieren, dann wartest du eine Zeitlang ab, verkaufst die Sachen teurer als du sie produziert hast und machst einen kleinen Extraprofit.
S: Aber derjenige, der die Waren erwerben will, hat doch dann zu wenig Geld, um alles bei dir zu kaufen?
Ö: Naja, ab und zu muss er halt um höhere Löhne streiken. Er verdient dann mehr.
S: Und du wirst die Waren zu einem noch höheren Preis anbieten!?
Ö: Richtig, aber ich habe zunächst etwas mehr Geld eingenommen als die anderen, ich werde reich.

Reichtum
S, begeistert: Oh, reich werden ist toll. Am besten wäre es, wenn alle reich werden würden!
Ö: So einfach geht das nicht. Damit die anderen nicht verhungern, am besten gar nicht merken, wie du allmählich immer reicher wirst, darfst du vielen einzelnen von ihnen immer nur ein kleines Sümmchen abzwacken. Vielleicht nur die 2% Inflation oder auch die 3% Zinsen, die man dir auf dein Geld zahlt, wenn du es anlegst oder eine Fabrik finanzierst. Deshalb gibt es immer nur wenige richtig Reiche und viel mehr Arme.
S: Reich werden hört sich nicht sehr einfach an.
Ö: Ist es aber. Das einzige, das man zum reich werden braucht, ist ein großer Haufen Geld. Damit geht es am leichtesten. Du gehst nicht mehr arbeiten und kümmerst dich nur noch darum, dass dir die anderen pünktlich die Zinsen bezahlen.

Chancengleichheit
S: Das ist ein guter Vorschlag. Aber dass die anderen nicht merken, wie du immer reicher wirst?
Ö: Natürlich merken sie das, wir sind doch eine freie und offene Gesellschaft, jeder kann reich werden!
S: Aber gerade hast du mir erzählt, dass man viel Geld braucht, um reich zu werden?
Ö: Man kann doch auch Geld sparen. Schau, es ist ganz einfach, du musst einfach über einen gewissen Zeitraum weniger Geld ausgeben, als du einnimmst, dann hast du viel Geld und kannst richtig reich werden!
S, nachrechnend: Tatsächlich, du hast recht. Wenn ich als Hartz-IV-Empfänger von meinen 311 Euro jeden Monat nur 11 Euro ausgebe, aber 300 spare und mit 3% Zinsen anlege, dann habe ich schon nach 75 Jahren eine Million zusammen. Fange ich mit 18 zu Sparen an, dann kann ich nach meinem 93. Geburtstag beginnen, in Saus und Braus zu leben.
Ö, zufrieden: Siehst du Sokrates, ich habe doch gewusst, dass du ein kluger Mann bist.

S, nickend: Ja, eure Gesellschaft ist wirklich toll. Wir haben damals unsere Sklaven noch geprügelt, wenn sie nicht arbeiten wollten. Ihr jedoch bezahlt allen ein bisschen Geld, verkauft den Leuten Waren, die sie eigentlich nicht brauchen und ködert sie mit der Jeder-kann-reich-werden-wenn-er-nur-will-Methode. Dann arbeiten sie ohne zu Murren für andere, die eigentlich schon genug haben.

Kategorien: Visionen

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Kommentare hier ...

Die Grünen sind links.
Metepsilonema - 22. Juli, 22:34
Aufgrund der Komplexität des Themas...
Köppnick - 22. Juli, 07:50
Irgendetwas mit der url stimmte nicht. Wie...
Metepsilonema - 22. Juli, 01:07
Deine Links funktionieren nicht,
Köppnick - 21. Juli, 12:05
Hier findet man die beiden Artikel:
Metepsilonema - 21. Juli, 01:40
Ich würde es etwas anders ausdrücken:...
Metepsilonema - 18. Juli, 21:48
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Metepsilonema - 15. Juli, 21:54
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Köppnick - 14. Juli, 22:05
Beweiskraft gibt es generell keine, denn...
Metepsilonema - 14. Juli, 19:16