Der Testflug
Als Köppnick zu sich kam, fiel ihm zuerst ein offener Schnürsenkel auf. Er ging in die Hocke und machte einen ordentlichen Doppelknoten. Auch auf der rechten Seite zog er den anderen noch einmal straff. Für den geplanten Flug waren Schuhe eigentlich überflüssig, aber er wusste nicht, wo er landen würde. Danach prüfte er den Rest seiner Kleidung. Er trug eine Wollmütze und die Regenjacke, in der Tasche steckten seine gefütterten Handschuhe. Alle diese Dinge hatte er sich am Abend auf dem Stuhl bereitgelegt.
Er winkelte etwas die Arme ab und hob das rechte Bein an, die Dielen knarrten. Köppnick war Linkshänder und hatte sich überlegt, dass es mit dem rechten Fuß voran einfacher gehen müsste. Angestrengt fixierte er das an der Wand hängende Bild mit dem kleinen Flusslauf, dem Häuschen im Hintergrund und dem Hirsch am Wasser. Danach verlagerte er sein Gewicht ganz auf die linke Fußspitze. Jetzt kam der entscheidende Moment. Er zog den linken Fuß zum Körper. Für einen Augenblick befürchtete er, dass er umkippen würde, aber es klappte. Der linke Fuß hob vom Boden ab, und mit angewinkelten Beinen schwebte er auf der Stelle in der Luft.
Er sah sich um. Er befand sich in der Mitte des Wohnzimmers der Großeltern, die vor zwanzig Jahren gestorben waren. Links stand der Kachelofen, der eine große Hitze ausstrahlte, daneben lag die Tür zu der Kammer, in der er immer geschlafen hatte, wenn er zu Besuch geblieben war. Für das geheizte Zimmer war er eindeutig zu warm angezogen, er musste sich beeilen.
Auch war er verblüfft, dass die neue Methode bereits beim ersten Mal so gut funktioniert hatte, bei den vorangegangenen Versuchen war ihm der Start erheblich schwerer gefallen. Vorsichtig ließ er seinen Oberkörper nach vorn kippen. Dadurch glitten die immer noch angewinkelten Beine nach hinten, erleichtert streckte er sie aus und machte seinen Körper lang. Unter sich sah er die rot gestrichenen Holzbohlen, ganz schwach konnte er das Bohnerwachs riechen. Er bewegte leicht seine Arme, und der Abstand zum Boden vergrößerte sich.
Danach drehte er sich langsam nach rechts um die Längsachse. Die alte Kommode kam in sein Blickfeld, darauf stand der Vogelbauer. Der Papagei hatte bis jetzt noch keine Notiz von ihm genommen und tat es auch weiterhin nicht. Jetzt lag Köppnick auf dem Rücken in der Luft und sah die Spinnweben unter der Zimmerdecke. Wieso sind mir die eigentlich als Kind niemals aufgefallen, wunderte er sich? Egal. Er drehte sich zurück in Normallage und sah in Richtung der beiden Fenster. Das linke war ein Doppelfenster. Hier hatte er früher im Winter seine Kakteensammlung untergebracht. Dieses Fenster wurde den ganzen Winter nicht geöffnet. Also war sicherlich das rechte Fenster geeigneter.
Köppnick machte ein paar Schwimmzüge und glitt näher an das Fenster heran. Er gab sich Mühe, nicht an den Fernseher zu stoßen, der zwischen den beiden Fenstern stand, ein Monstrum, eines der ersten Farbgeräte auf dem Markt. Aufmachen muss ich das Fenster wahrscheinlich nicht, dachte er. Und richtig, als er seinen Kopf vorsichtig in Richtung der Glasscheibe ausstreckte, glitt dieser ohne fühlbaren Widerstand hindurch. Vor dem folgenden Moment hatte sich Köppnick in der Vorbereitung am meisten gefürchtet. Er hatte leichte Höhenangst, und jetzt sah er direkt nach unten, aus Höhe der Wohnung im zweiten Stock.
Deshalb wolltest du doch diesmal von weiter oben starten, und diese Wohnung schien der geeignete Ort dafür, schalt er sich. Entschlossen machte er mit seinen sich noch in der Wohnung befindenden Füßen ein paar Paddelbewegungen. Sein ganzer Körper wurde dadurch aus dem Fenster geschoben. Oh Gott, ich falle, dachte Köppnick, und, durch diesen Gedanken angetrieben, verlor er tatsächlich etwas an Höhe, rutschte die Fassade entlang nach unten. Ein Stockwerk tiefer hatte er seine Gedanken wieder unter Kontrolle. Er war auch etwas weggeweht worden, schwebte jetzt über der gepflasterten Straße, die das Haus von der benachbarten Kleingartenanlage trennte.
In einem der Obstbäume lärmte ein roter Fleck. Das ist doch der Papagei. Ist der etwa schon wieder abgehauen? Er erinnerte sich daran, welche Aufregung in der Familie geherrscht hatte, als der einen unaufmerksamen Augenblick genutzt und durch das offene Fenster entwischt war. Als flugungewöhnter Vogel hatte er es gerade bis auf einen gegenüberliegenden Baum geschafft. Dort saß er dann, bereute sicherlich schon seine Flucht und betrachtete das Haus von außen. Aber ohne Hilfe hatte er keine Chance, sein Fenster wiederzufinden. Die ganze Familie war damals in die Kleingartenanlage ausgeschwärmt und nach mehreren Stunden saß der Ausreißer endlich wieder und ziemlich erschöpft in seinem Käfig.
Das ist doch alles Blödsinn, sagte sich Köppnick. Gerade hast du den Papagei noch in seinem Käfig gesehen, und das Fenster war auch zu, wie sollte der denn in die Kleingartenanlage gekommen sein? Doch so richtig logisch war das Ganze sowieso nicht, die Kleingärten gab es ja ebenfalls nicht mehr. Auf dem Gelände hatte man vor einigen Jahren eine Schule gebaut, selbst die war aus Kindermangel schon wieder geschlossen worden und jetzt saß wohl die Volkssolidarität in dem gammeligen Gebäude.
Man sollte nicht soviel grübeln beim Fliegen und auch die Vorbereitung und Auskundschaftung des Terrains muss besser werden, nahm Köppnick sich vor. Er war jetzt bereits einige Minuten unterwegs und das Geschehen um ihn herum wurde wirrer und wirrer. Als er sich umblickte, hatte das Haus große runde statt kleiner eckiger Fenster. Es stand auf Stelzen. Aus einem Fenster winkte ihm eine Frau zu, die einen silbernen Anzug trug. Er winkte zurück. Unter ihm war schmutzigbraune Wüste, der kalte Wind pfiff und Köppnick beglückwünschte sich zu seiner Voraussicht, Schuhe, eine warme Mütze und gefütterte Handschuhe dabeizuhaben.
Am nächsten Morgen lagen alle Sachen sorgfältig über dem Stuhl. Köppnick hatte einen trockenen Hals und sein Magen knurrte. Auf dem Notizzettel, der für solche Fälle immer bereit lag, notierte er: Das nächste Mal unbedingt Trinkflasche mitnehmen und ein oder zwei Müsliriegel.
Kategorien: Köppnicks Welt
Er winkelte etwas die Arme ab und hob das rechte Bein an, die Dielen knarrten. Köppnick war Linkshänder und hatte sich überlegt, dass es mit dem rechten Fuß voran einfacher gehen müsste. Angestrengt fixierte er das an der Wand hängende Bild mit dem kleinen Flusslauf, dem Häuschen im Hintergrund und dem Hirsch am Wasser. Danach verlagerte er sein Gewicht ganz auf die linke Fußspitze. Jetzt kam der entscheidende Moment. Er zog den linken Fuß zum Körper. Für einen Augenblick befürchtete er, dass er umkippen würde, aber es klappte. Der linke Fuß hob vom Boden ab, und mit angewinkelten Beinen schwebte er auf der Stelle in der Luft.
Er sah sich um. Er befand sich in der Mitte des Wohnzimmers der Großeltern, die vor zwanzig Jahren gestorben waren. Links stand der Kachelofen, der eine große Hitze ausstrahlte, daneben lag die Tür zu der Kammer, in der er immer geschlafen hatte, wenn er zu Besuch geblieben war. Für das geheizte Zimmer war er eindeutig zu warm angezogen, er musste sich beeilen.
Auch war er verblüfft, dass die neue Methode bereits beim ersten Mal so gut funktioniert hatte, bei den vorangegangenen Versuchen war ihm der Start erheblich schwerer gefallen. Vorsichtig ließ er seinen Oberkörper nach vorn kippen. Dadurch glitten die immer noch angewinkelten Beine nach hinten, erleichtert streckte er sie aus und machte seinen Körper lang. Unter sich sah er die rot gestrichenen Holzbohlen, ganz schwach konnte er das Bohnerwachs riechen. Er bewegte leicht seine Arme, und der Abstand zum Boden vergrößerte sich.
Danach drehte er sich langsam nach rechts um die Längsachse. Die alte Kommode kam in sein Blickfeld, darauf stand der Vogelbauer. Der Papagei hatte bis jetzt noch keine Notiz von ihm genommen und tat es auch weiterhin nicht. Jetzt lag Köppnick auf dem Rücken in der Luft und sah die Spinnweben unter der Zimmerdecke. Wieso sind mir die eigentlich als Kind niemals aufgefallen, wunderte er sich? Egal. Er drehte sich zurück in Normallage und sah in Richtung der beiden Fenster. Das linke war ein Doppelfenster. Hier hatte er früher im Winter seine Kakteensammlung untergebracht. Dieses Fenster wurde den ganzen Winter nicht geöffnet. Also war sicherlich das rechte Fenster geeigneter.
Köppnick machte ein paar Schwimmzüge und glitt näher an das Fenster heran. Er gab sich Mühe, nicht an den Fernseher zu stoßen, der zwischen den beiden Fenstern stand, ein Monstrum, eines der ersten Farbgeräte auf dem Markt. Aufmachen muss ich das Fenster wahrscheinlich nicht, dachte er. Und richtig, als er seinen Kopf vorsichtig in Richtung der Glasscheibe ausstreckte, glitt dieser ohne fühlbaren Widerstand hindurch. Vor dem folgenden Moment hatte sich Köppnick in der Vorbereitung am meisten gefürchtet. Er hatte leichte Höhenangst, und jetzt sah er direkt nach unten, aus Höhe der Wohnung im zweiten Stock.
Deshalb wolltest du doch diesmal von weiter oben starten, und diese Wohnung schien der geeignete Ort dafür, schalt er sich. Entschlossen machte er mit seinen sich noch in der Wohnung befindenden Füßen ein paar Paddelbewegungen. Sein ganzer Körper wurde dadurch aus dem Fenster geschoben. Oh Gott, ich falle, dachte Köppnick, und, durch diesen Gedanken angetrieben, verlor er tatsächlich etwas an Höhe, rutschte die Fassade entlang nach unten. Ein Stockwerk tiefer hatte er seine Gedanken wieder unter Kontrolle. Er war auch etwas weggeweht worden, schwebte jetzt über der gepflasterten Straße, die das Haus von der benachbarten Kleingartenanlage trennte.
In einem der Obstbäume lärmte ein roter Fleck. Das ist doch der Papagei. Ist der etwa schon wieder abgehauen? Er erinnerte sich daran, welche Aufregung in der Familie geherrscht hatte, als der einen unaufmerksamen Augenblick genutzt und durch das offene Fenster entwischt war. Als flugungewöhnter Vogel hatte er es gerade bis auf einen gegenüberliegenden Baum geschafft. Dort saß er dann, bereute sicherlich schon seine Flucht und betrachtete das Haus von außen. Aber ohne Hilfe hatte er keine Chance, sein Fenster wiederzufinden. Die ganze Familie war damals in die Kleingartenanlage ausgeschwärmt und nach mehreren Stunden saß der Ausreißer endlich wieder und ziemlich erschöpft in seinem Käfig.
Das ist doch alles Blödsinn, sagte sich Köppnick. Gerade hast du den Papagei noch in seinem Käfig gesehen, und das Fenster war auch zu, wie sollte der denn in die Kleingartenanlage gekommen sein? Doch so richtig logisch war das Ganze sowieso nicht, die Kleingärten gab es ja ebenfalls nicht mehr. Auf dem Gelände hatte man vor einigen Jahren eine Schule gebaut, selbst die war aus Kindermangel schon wieder geschlossen worden und jetzt saß wohl die Volkssolidarität in dem gammeligen Gebäude.
Man sollte nicht soviel grübeln beim Fliegen und auch die Vorbereitung und Auskundschaftung des Terrains muss besser werden, nahm Köppnick sich vor. Er war jetzt bereits einige Minuten unterwegs und das Geschehen um ihn herum wurde wirrer und wirrer. Als er sich umblickte, hatte das Haus große runde statt kleiner eckiger Fenster. Es stand auf Stelzen. Aus einem Fenster winkte ihm eine Frau zu, die einen silbernen Anzug trug. Er winkte zurück. Unter ihm war schmutzigbraune Wüste, der kalte Wind pfiff und Köppnick beglückwünschte sich zu seiner Voraussicht, Schuhe, eine warme Mütze und gefütterte Handschuhe dabeizuhaben.
Am nächsten Morgen lagen alle Sachen sorgfältig über dem Stuhl. Köppnick hatte einen trockenen Hals und sein Magen knurrte. Auf dem Notizzettel, der für solche Fälle immer bereit lag, notierte er: Das nächste Mal unbedingt Trinkflasche mitnehmen und ein oder zwei Müsliriegel.
Kategorien: Köppnicks Welt
Donnerstag, 25.August 2005





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