Im Gartenzwergmuseum

Im Zuge der aktuellen Entwicklung in Deutschland ist ja oft die Rede vom deutschen Mittelstand, der gestärkt werden muss, von deutschen Produkten, die zu bevorzugen sind, von deutschen Tugenden, auf die man sich besinnen soll, und von der deutschen Lightkultur. Als deutscher Patriot macht man sich da natürlich Gedanken, mit welchen Erzeugnissen die Deutschen in der Welt bekannt geworden sind und welchen Beitrag das eigene Bundesland in der Vergangenheit zum Ruhme Deutschlands geleistet hat.

Nun, da das Bier, das als erstes nach dem deutsche Reinheitsgebot gebraut wurde, einem anderen Bundesland zugeschrieben wird, und auch der Deutsche Schäferhund anderswo gezüchtet wurde, und Thüringer Rostbratwürste überall auf der Welt gefälscht werden, und auch die geliebten Thüringer Klöße nicht mehr das sind, was sie einst waren, bleibt für uns heute und hier Lebende nur, die Urheberschaft für den ersten deutschen Gartenzwerg zu beanspruchen.

Wenn man der Ortschronik von Gräfenroda, einem kleinen verträumten Ort mitten im Thüringer Wald, Glauben schenken darf, dann steht hier die Wiege (genauer gesagt die erste Gussform) des wohl deutschesten aller deutschen Produkte. Der begabte Zeichner und Modelleur Heinrich Dornheim brachte Mitte des 19. Jahrhunderts von seiner Wanderschaft die Fähigkeit mit, Tierköpfe aus gebrannter heimischer Erde industriell herzustellen. Phillipp Griebel ging bei ihm in die Lehre, gründete 1870 seine eigene Manufaktur und brachte um 1890 die ersten Gartenzwerge auf den deutschen Markt. Inspiriert wurde er dabei von der Kleinwüchsigkeit der ortsansässigen Bergleute, vielleicht auch von deren Arbeitsbekleidung, mit Sicherheit aber von ihrem einfachen und sonnigen Gemüt.

Diese Manufaktur ist die einzige, die bis heute an ihrem Heimatort zuerst den Kaiser, dann die Weimarer Republik, die Nazis, die Kommunisten, zwei Weltkriege, und jetzt die Kapitalisten überlebt hat. Wie sagte doch schon ein früherer Kanzler sinngemäß: „Papperlapapp Kultur, Gartenzwerge kaufen die Leute immer!”

Hier nun eine kleine kommentierte Auswahl unserer heimischen Gartenzwerge mit der Bitte an alle Leser, ihren nächsten Gartenzwerg nicht bei den gewissenlosen asiatischen Fälscherbanden zu kaufen, die den internationalen Markt mit PVC-Plastikzwergen überschwemmen und damit brutalstmöglich den deutschen Qualitätstongartenzwergproduzenten das Leben erschweren!



Diese Komposition zeigt die Gartenzwerge in ihrem natürlichen Biotop, nahe bei Modelleisenbahnen, Schubkärrchen, Kunststoffrasen, Plastikblumen, Kuckucksuhren und Lebkuchenhäusern.



Auch das ein charakteristisches Bild: Gartenzwerge beim Skatspielen im Wald in der Nähe eines tönernen Fliegenpilzes. Links ein Grubenlämpchen und ein Tonvögelchen. Am unteren Bildrand ein possierliches Plüscheichhörnchen, Achtung, nicht regenfest!



Wie bereits geschrieben, die Rolle des deutschen Gartenzwerges für die deutsche Lightkultur kann gar nicht genug überschätzt werden! Ertönte nicht erst vor kurzem der Ruf „Wir sind das Volk” durch deutsche Lande? Und stehen nicht auch heute überall im Land und auf der Welt deutsche Mitbürgerinnen und Mitbürger auf der Wacht, um deutsche Interessen zu verteidigen? Und sind nicht deutsche Interessen überall dort in Gefahr, wo man es wagt, über unsere deutschen Gartenzwerge zu lachen? Doch überall ist Zwergenland, sagt uns dieses Plakat zurecht!



Ich jedenfalls bin dem patriotischen Ruf bereits gefolgt, habe das Zwergenmuseum besucht und dort einen Gartenzwerg erworben. Ich habe den Mittelstand gestärkt, ein deutsches Produkt gekauft, damit deutschen Tugenden gehuldigt und zum Erfolg der deutschen Lightkultur beigetragen. Meine Wahl fiel auf dieses Exemplar, weil es mich an den von den Verfechtern der deutschen Lightkultur so geliebten Heinrich Kochtopf erinnert (man beachte die Eule auf seiner Schulter). Wenn im Jahr 2055 der 56. Fortsetzungsband von Johanna Rohling erscheinen wird, kann ich für meinen Zwerg mit einer beträchtlichen Wertsteigerung rechnen, denn genauso muss man sich in 50 Jahren sowohl den dann beträchtlich gealterten Heinrich als auch die ihm bis dahin treugebliebene Fangemeinde vorstellen, als wahre deutsche Patrioten nämlich, mit einem langen Bart und einer roten Nachtmütze.

Kategorien: Reiseberichte

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Kommentare hier ...

Ich würde es etwas anders ausdrücken:...
Metepsilonema - 18. Juli, 21:48
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Metepsilonema - 15. Juli, 21:54
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Köppnick - 14. Juli, 22:05
Beweiskraft gibt es generell keine, denn...
Metepsilonema - 14. Juli, 19:16
Deine beiden Sätze sind grammatisch...
Köppnick - 14. Juli, 07:30
Und genau diese Innovation verlieren wir...
steppenhund - 13. Juli, 21:05
@isv_rp
Metepsilonema - 11. Juli, 23:53
Ich halte es für einen fatalen Irrtum...
Köppnick - 11. Juli, 20:06
Splitter
Gregor Keuschnig - 11. Juli, 18:23