Rechtschreibreform und Nationalsozialismus
Am Anfang habe ich bereitwillig die Regeln der neuen Rechtschreibung gelernt und angewendet. Die zum Teil heftige Kritik von Sprachwissenschaftlern und Schriftstellern fand ich eher verwunderlich. Nach einiger Zeit musste ich aber feststellen, dass die neuen Regeln, vor allem die zur Getrennt- oder Zusammenschreibung von Wörtern, in vielen Sätzen sinnentstellend wirken. In der Wikipedia findet man unter der Überschrift „Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996” einen recht ausführlichen Artikel. Es ist nicht der erste Versuch im deutschsprachigen Raum bzw. in der Welt, auch dazu findet man in einem weiteren Wikipediaartikel „Rechtschreibreform” eine gute Übersicht.Ich weiß nicht mehr, in welchem Zusammenhang ich auf das Buch „Rechtschreibreform und Nationalsozialismus” aufmerksam geworden bin, jedenfalls beleuchten die beiden Autoren Birken-Bertsch und Markner darin den Zusammenhang und die gern geleugnete Kontinuität der heutigen Reformansätze und derjenigen im Dritten Reich. Das Buch beginnt mit einer Provokation:
Im Jahr 2005 soll die Rechtschreibreform abgeschlossen und die „mögliche Übereinstimmung von Sprache und Schrift” erreicht sein. Dann werden „ck”, „ph”, „th”, "y"" und das Dehnungs-h aus der deutschen Sprache entfernt sein - dem Plan zufolge, den Jakob Faber-Kaltenbach schon 1944 entwarf. Er sah die Verwirklichung der Reform in drei „Generazionen” vor, deren erste von 1945 bis 1965 reichte und deren dritte im Jahre 2005 schloß.1998 wurde die neue Rechtschreibreform vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt, dort wies Christian Meier, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, auf den Zusammenhang zu 1944 hin. Er erntete große Empörung bei den Mitgliedern der Reformkommission und der Kultusministerkonferenz. Geht man aber unvoreingenommen an die Sache heran, dann sind tatsächlich Parallelen zu erkennen:
- Viele der Vorschläge von 1944 stehen heute wieder auf der Agenda. Änderungen, die bereits damals nicht durchsetzbar erschienen, z.B. die durchgehende Kleinschreibung, wurden auch dieses Mal zurückgestellt.
- Die Reform erfolgt von oben herab und soll über die Behörden und vor allem über die Schulorthographie durchgesetzt werden. Die Leidtragenden sind die Kinder, die das ganze Hin und Her während ihrer Schulzeit über sich ergehen lassen müssen.
In anderen Sprachen wie dem Englischen ist der Unterschied zwischen Gesprochenem und Geschriebenem weit größer. Niemand fordert dort aber eine Reform der Schrift, vor allem wohl weil die weite Verbreitung dieser Weltsprache eine allgemeinverbindliche Änderung von vornherein unmöglich macht. Offensichtlich kommen die meisten Menschen gut damit zurecht, dass sie sich mündlich und schriftlich etwas anders ausdrücken. Die Schriftform führt ihr eigenes Leben.
Der Anspruch, Deutsch durch die Reform besser zu einer Weltsprache zu machen, war im Dritten Reich eine weiteres Hauptargument. Nach dem siegreichen Ausgang des Krieges würde ja Deutsch in ganz Europa die Sprache der Sieger sein und sollte für die Besiegten vereinfacht werden. In abgeschwächter Form findet man dieses Argument auch heute bei den Reformbefürwortern: Ausländern soll der Erwerb der deutschen Sprache erleichtert werden. Auch das ist ein eher fadenscheiniges Argument; man lernt eine Sprache nicht, weil sie einfach ist, sondern weil sie für das eigene Leben eine Bedeutung besitzt. Eine Sprache verbreitet sich nur dadurch, dass ihre Muttersprachler politische, ökonomische, kulturelle und wissenschaftliche Bedeutung für die übrige Welt haben und sich ihrer eigenen Sprache bedienen.
Einige Beispiele dafür, was die Sprachtheoretiker des Dritten Reichs planten (man muss sie sich laut aufsagen, Primat des Gesprochenen!, um sie zu begreifen): Das fi, der fers, der frevel, der keiser, di leuterung, di seks, der kor, di kwelle, di mirte, di idülle, di batteri, der scharmör, der schandarm, di bole, di skitze, das bot, der kan.
Im Laufe des Krieges wurden diese Vorschläge abgemildert, z.B. sollte die Kleinschreibung erst in einem nachfolgenden Schritt eingeführt werden. Letztendlich wurden alle Reformversuche bis zum Kriegsende eingestellt und durch den alliierten Sieg vorerst obsolet.
Das Buch „Rechtschreibreform und Nationalsozialismus” ist sicher in erster Linie ein Buch für Historiker und Sprachwissenschaftler. Es versucht den Ablauf der Reformbemühungen im Dritten Reich zu rekonstruieren, es wimmelt darin von heute unbekannten Personen und deren Taten und ist gespickt mit Fußnoten. Man kann sich unmöglich alles merken, aber die vielen Beispiele mit den Reformvorschlägen machen es doch lesenswert. Gute Hochschulbibliotheken sollten dieses Werk in ihrem Bestand haben.
Kategorien: Bücher, Guter Deutsch
Freitag, 17.Juni 2005





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